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Lifestyle 19.07.2013

Dem Alltag entfliehen – Buddelschiffe als Burn-out-Killer

Dem Alltag entfliehen – Buddelschiffe als Burn-out-Killer

Das Geheimnis vom Inneren der Flaschen- Wie kommen Schiffe, Häuser und auch Kiefer in Flaschen?

Buddelschiffe (Abb. 1) hat wohl jeder schon einmal bestaunt und sich gefragt, wie diese maritimen Wunderwerke durch den schmalen Flaschenhals in die Buddel kommen. Mittlerweile weiß jeder, dass die grazilen Schiffe außerhalb der Flasche hergestellt und mittels eines Tricks zusammengefaltet durch den Flaschenhals transportiert werden, um in der Flasche über die Fäden an der Takelage wieder aufgerichtet zu werden. Diese Bastelei war der Zeitvertreib der Seeleute zu einer Zeit, in der sich die Seereisen auf den Windjammern über Monate und Jahre erstreckten. Die Rohmaterialien waren im Überfluss vorhanden. Flaschen lieferte der Rum- und Whiskykonsum. Holz. Kitt, Stoff, Tauwerk und Farbe waren immer an Bord verfügbar und so stand der Anfertigung eines Geschenkes für „die Braut“ im Heimathafen nichts mehr entgegen. Nach der Blüte des Buddelschiffs Ende des 19. Jahrhunderts, die uns noch heute die Seefahrerromantik ahnen lässt, wurden die Motive immer komplizierter und der Ideenreichtum ließ ganz andere Gegenstände, die aber nicht weniger faszinierend sind, hinter dem Glas verschwinden.

Vermutlich waren es Mönche[3], die vor den Seeleuten mit Kruzifixen und religiösen Miniaturen bereits andere Motive als Schiffe in ihre „Geduldsflaschen“ bastelten. Auch das moderne Buddelschiffhobby geht mehr und mehr dazu über, originelle Ideen mit Eisenbahn-, Flugzeug-, Auto- oder Gebäudemodellen[2] zu verwirklichen, wobei diese Kunst nun auch nicht mehr ausschließlich von Seeleuten ausgeübt wird. So liegt es nahe diese Tendenz weiter zu verfolgen und auch auf die Medizin auszudehnen.

Um der Enttäuschung bei zu viel Enthusiasmus vorzubeugen, ist es ratsam seine ersten Erfahrungen an einfachen Arbeiten zu sammeln. Schiffsmodelle verschiedener Größen in unterschiedlichen Flaschenformen bieten sich hierfür an, um die Feinmotorik und als Wichtigstes die Geduld zu trainieren (Abb. 2).

Allen Vorhaben gemeinsam sind die Werkzeuge und die Materialien. Die Werkzeuge sind unverändert einfach, da der Flaschenhals nur grazile, lange Instrumente zulässt und meist nur eines zurzeit. Man arbeitet immer einhändig, die andere Hand hält die Flasche. Lange Pinzetten o.Ä. sind nicht zu verwenden, da sie sich in dem engen Flaschenhals meist nicht mehr bedienen lassen. Bei den Werkstoffen sind moderne Materialien hinzugekommen, die die Arbeiten vereinfachen und wegen der schnellen Aushärtungszeiten beschleunigen.

Für einen Arzt, insbesondere für einen praktisch tätigen, stellt dieses Hobby eine besondere Herausforderung dar. Neben den manuellen Fähigkeiten sind Geduld, Improvisation und ständige Bereitschaft zur Problemlösung gefragt, da bei den innovativen Themen so gut wie kein Fall dem anderen ähnelt und einige Techniken neu entwickelt werden müssen. Zum Ausgleich lenkt diese Freizeitbeschäftigung hervorragend von den Alltagsproblemen ab und beugt dem "Burn-out" vor. Vor diesem Hintergrund werden für dieses abwechslungsreiche Hobby die Techniken, die Materialien und viele Tricks anhand von Beispielen schlaglichtartig vorgestellt.

 

Material und Methode

Die Buddel, das Wichtigste, bereitet Freude und Leid zugleich. Das Austrinken verschafft positive Momente wohingegen das Aussuchen der Flasche oft Kopfzerbrechen bereitet. Von der Form her eignen sich eckige Flaschen (Abb. 3) eher als runde, da sie keinen sogenannten Schaustand benötigen, in dem die Flasche präsentiert und gegen das Wegrollen gesichert wird. Die Glasfarbe sollte immer klar sein und die Glasflächen möglichst planparallel, weil zu stark gewelltes Glas das Innenleben doch stark verzerren kann. Flaschenhalsdurchmesser und -Länge sollten ebenso als Auswahlkriterium oder Herausforderung angesehen werden. Hier sei gleich angeraten, sich einen Streichholz so weit zu kürzen, dass er horizontal an einen Faden gehängt mit etwas Spielraum gut durch den Flaschenhals[3] passt. Dies ist das spätere Maß für alle Objekte, die den Flaschenhals passieren sollen. Die gleiche Technik bietet sich natürlich ebenso für das Taxieren des Innendurchmessers der Flasche an, der die Größe der späteren Objekte bestimmt. Das Vermessen mit einer Schublehre ist natürlich ebenso möglich, aber umständlicher (Abb. 4).

Für die Motive ist natürlich Holz als Werkstoff immer noch zu bevorzugen. Aber moderne Kunststoffe, wie Polyuretan, PMMA und Silkonkautschuk, ergänzen und vereinfachen die Herstellung der Kunstwerke, insbesondere, wenn man Dinge über ein Abdruckverfahren herstellen möchte (Abb. 5). Egal, was in der Flasche verschwinden soll, alles muss außerhalb aufs Subtilste gefertigt werden. Für die Hauptgegenstände, ganz besonders, wenn sie bemalt werden sollen, empfiehlt sich zuvor einen Werkstand[1] zu basteln, auf dem das Werkstück mit feinen Schrauben während des ganzen Arbeitsablaufes befestigt wird (Abb. 6). Sägen, feine Bohrer, Pinsel, Schrauben, Nägel etc., wie sie in einen Handwerkskasten gehören, sollten selbstverständlich vorhanden sein. Als wichtigstes Werkzeug ist die Hantierstange[1,2,3] zu nennen (Abb. 7). Aus 3 mm dicker Aluminiumwelle (in jedem Baumarkt zu bekommen) ist sie auf der einen Seite flach ausgearbeitet, leicht gebogen und auf der anderen Seite hakenförmig gestaltet. Mit diesem Gerät sind fast alle Manipulationen zu bewerkstelligen. Neben dem Einbringen der Klebe- und Bodenmassen für die Befestigung, können auch Pinsel, Skalpellklingen und Reinigungsbäusche daran befestigt werden. Da das Aluminium „bleitot“ ist, was bedeutet, dass Verbiegungen nicht zurückfedern, kann man mit einer derartigen Stange alle Orte innerhalb der Flasche erreichen.

Für die Farbgebung gibt es keine Vorschriften, nur sollte bedacht werden, dass alles, was außerhalb angemalt wurde, eventuell später im Inneren der Flasche einer Ergänzung beziehungsweise einer Korrektur bedarf und die Farbe dabei nicht zu flüssig sein sollte, da damit auch oftmals Spalten und Übergänge ausgeglichen werden können. Farbtupfer am Glas oder abgetropfte Farbe müssen sofort mit entsprechendem Lösungsmittel beseitigt werden, da es nach dem Antrocknen sehr viel mehr Mühe macht. Benutzt man nicht den Zusammenfalttrick, der bei den Schiffen genutzt wird, so bleibt einem keine Wahl das aufs Sorgfältigste gebaute Objekt schweren Herzens zu zerstören beziehungsweise in Teile zu zerlegen, die dem ehemals zur Orientierung angefertigten Streichholz in der Dimension entsprechen. Um diese Teile wieder sicher in der Flasche zusammensetzen zu können, empfiehlt es sich, zuvor an den Kontaktflächen Führungspins mit korrespondierenden Löchern an der Gegenseite anzubringen (Abb. 8). Der Einbau braucht einen klaren Plan und gestaltet sich vom Flaschenboden her in Richtung auf den Flaschenhals. Wenn alles zusammengefügt ist, kann das Kunstwerk auf dem Boden fixiert werden. Früher war hierfür Fensterkitt[3] das Material der Wahl, der mit Schlämmkreide vermischt in die gewünschte Konsistenz gebracht und durch Ölfarbe eingefärbt wurde. So entstanden der Hintergrund, der die Uferdekoration aufnahm und das Wasser, welches mit der Hantierstange seine typische Wellenform bekam. Heute bietet sich für diesen Zweck verschiedenfarbiger Silikonkautschuk aus dem Sanitärbereich an, der zudem ausgezeichnet am Glas haftet. Für individuelle oder ausgefallene Farben kann die transparente Variante eingefärbt werden. Nach der sicheren Platzierung des Modells in der Flasche beginnen die Korrekturarbeiten. Hier ist es ratsam einen Pinsel an der Hantierstange mit schmalen Klebebandstreifen unter dem gewünschten Winkel zu fixieren. Klebearbeiten erledigt man heute sehr elegant mit Silikonkautschuk oder Sekundenkleber, selbstverständlich ist gegen die herkömmlichen Klebstoffe auch nichts einzuwenden.

Bevor die Flasche, meist mit dem ehemaligen Korken verschlossen wird, müssen Staub, Krümel und sonstige Verarbeitungsreste, so vorhanden, mit einem an den Staubsauger angeschlossenen Strohhalm abgesaugt werden (Abb. 9). Eine Signatur auf einem kleinen mit dem Locher ausgestanzten Papiertaler, eventuell sogar mit Jahreszahl, der noch auf der Rückseite des Modells angebracht wird, verleiht dem Geschenk eine persönliche Note (Abb. 10).

Mit der LED Technik lassen sich heute als besondere Herausforderung die Motive im Inneren der Flasche beleuchten, wobei die Elektronik durch die miniaturisierten Bauteile alle im ausgehölten Korken Platz finden (Abb. 11). Ist die Flasche mit den Korken verschlossen, benötigt sie der Tradition gemäß im Bereich des Flaschenhalses einen aus Bindfaden gedrehten Zierknoten[1], „Türkenbund“ genannt. Mit dem auf den Korken und Türkenbund getropften Siegellack erfolgt der endgültige Verschluss der Flasche (Abb. 12). Meist sind derartige Kunstwerke in Flaschen Geschenke und bedürfen daher einer Widmung. Bei Schiffsmodellen müssen der Name, Baujahr und Erbauer ersichtlich sein. Früher wurden derartige Daten auf einem kleinen Schild am Schaustand eingraviert oder mit Lack direkt auf die Flasche geschrieben. Im digitalen Zeitalter kann man sich ein derartiges Etikett leicht mit Hilfe des PC designen und auf selbstklebender Klarsichtfolie drucken (Abb. 13).

Diskussion

Alte Buddelschiffe faszinieren weiterhin durch ihre maritimen Motive mit der sie Seefahrerromantik vermitteln. Die Weiterentwicklung führte dazu, dass andere Objekte den Weg in die Flasche fanden und zudem nicht mehr ausschließlich von Seeleuten hergestellt wurden (Abb. 14, 15).

Für Neugierige und Ärzte, die sich mit einem anspruchsvollen Hobby ablenken möchten, bietet das „Buddelschiffbauen“ in abgewandelter, berufsbezogener Weise eine gute Abwechslung für die Freizeit, die unglaubliche Reserven frei macht. Wenn die Seefahrer ihre Lieblinge, die Schiffe, als Andenken in Buddeln pfriemelten, so bietet es sich an, dass praktisch tätige Ärzte Dinge, wie Instrumente und Kiefer in Flaschen verewigen (Abb. 16, 17). Der Reiz, es zu bewerkstelligen, die Geduld aufzubringen, die jeweiligen Probleme zu lösen belohnt ein gelungenes Flaschenmotiv. Die gewonnene innere Zufrieden- und Ausgeglichenheit schaffen Reserven für den Berufsalltag.

Foto: Prof. Dr. Dr. Claus Udo Fritzemeier
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