Finanzen 21.02.2011

Wie liquide muss der Zahnarzt sein?

Wie liquide muss der Zahnarzt sein?

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Die Entscheidung für die Niederlassung in eigener Praxis eröffnet große Chancen. Gleichzeitig ist damit der Eintritt in unternehmerisches Risiko und in aller Regel auch die Frage nach einem passenden Finanzkonzept verbunden. Praxisgewinne, Liquidität, Vermögen und Schulden sind Begriffe aus einem komplexen Sachgebiet, das sich für viele Zahnärzte nicht vollständig erschließt. Die mehrteilige Serie "Das Finanzierungskonzept der Zahnarztpraxis" vermittelt Basiswissen rund um die Themen Finanzkonzeption.

Kurzfristige Finanzierungsformen dienen der Abdeckung von Zahlungsüberschneidungen zwischen Praxiseinnahmen und Praxisausgaben. Bestens bekannter Baustein ist in diesem Zusammenhang der Kontokorrentkredit, der von der Bank als Kreditlinie auf dem Praxiskonto zur Verfügung gestellt wird. Üblicherweise beträgt die Höhe der Kreditlinie das Zwei- oder Dreifache des Monatsumsatzes der Praxis. Kann bei der ersten Niederlassung oder bei sonstigen Sonderfaktoren aber auch deutlich höher sein. Oder auch wesentlich geringer, wenn in der Vergangenheit Umschuldungen stattfanden.

Der Kontokorrentkredit ist die mit Abstand teuerste Kreditart und sollte nach einer Praxisanlaufzeit von zwei oder drei Jahren möglichst nicht mehr in Anspruch genommen werden. Bitte passen Sie darauf auf, dass der Kontokorrentkredit wirklich nur laufende Praxisausgaben (Praxismiete, Personalkosten, Verbrauchsmaterial, Fremdlaborrechnung etc.) vorfinanziert und sich kein hoher Minussaldo über Jahre „festbeißt“. Denn zum einen kostet das viel Geld. Darüber hinaus hat der finanzielle Spielraum, den der Kontokorrentkredit bietet, auch seine Tücken: Wenn die Praxisrendite nicht passt oder sonstige Fehlstellungen im Finanzgefüge entstanden sind, bietet der Kontokorrentkredit die bequeme Möglichkeit, das Liquiditätsfehl auszugleichen. Damit sind zwar finanzielle Sorgen für den Moment vermieden. Gleichzeitig fehlt aber auch der frühzeitige Handlungsdruck, der vielleicht perspektivisch hilfreich wäre.

Sinnvolles Ziel ist es also auch aus die-sem zweiten Grund, die Konten möglichst stetig im Guthaben zu führen. Wenn das Konto im Gegenteil dauerhaft hoch im Minus steht oder sogar Über-ziehungen in Anspruch genommen werden (die normalerweise mit einem Zinszuschlag belegt sind, wodurch sich 15 Prozent und mehr ergeben können), empfiehlt sich die entschlossene Auseinandersetzung mit den Ursachen und die Hinwendung zu einer grundlegenden Lösungsfindung. Grundsätzlich zeigt sich die betriebswirtschaftlich erfolgreiche Praxisführung auch sehr klar daran, dass ein Kontokorrentkredit nicht benötigt wird.

Abrechnungsgesellschaften

Viele Gesellschaften bieten den Zahnärzten und Zahnärztinnen den Ankauf und die Vorfinanzierung von Privatrechnungen an. Das Geschäft scheint lukrativ zu sein, denn in den letzten Jahren sind einige große Gesellschaften mit hohem Investitionsaufwand als neue Anbieter hinzugekommen. Die Gesellschaften sind sowohl hinsichtlich der Konditionen als auch bezüglich Technisierungsgrad und Servicestandards sehr unterschiedlich. Es lohnt ein Vergleich. Der/die Praxisinhaber/-in hat die Wahl, ob die Auszahlung der Rechnungsbeträge sofort oder zum Beispiel nach 30 Tagen oder bei Zahlungseingang vom Patienten erfolgen soll. Auch können Gelder als Guthaben stehen gelas-sen werden – bei einigen Gesellschaften mit sehr attraktiver Verzinsung, die deutlich über den Termingeldzinssätzen der Banken liegt. Bei Sofortauszahlung kostet die Dienstleistung knapp 3 bis circa 4,5 Prozent des Rechnungsbetrages; manchmal zuzüglich eine einmaligen Summe pro Posten. Die genaue Kondition ist im Wesentlichen abhängig von dem Abrechnungsvolumen der Praxis und dem Umfang der Zahlungsausfälle. Konditionen können nach einer Zeit der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Gesellschaft auch nachverhandelt werden.

Wir empfehlen jedem/r Praxisinhaber/-in den Einstieg in die Zusammenarbeit
mit einer Abrechnungsgesellschaft. Die Leistung ist zwar nicht billig, aber die Vorteile liegen klar auf der Hand:

In Stichworten sind dies …

– Verwaltungsentlastung

– Erheblicher Liquiditätsvorteil durch Sofortzahlung

– Schutz vor Zahlungsausfall durch die üblicherweise eingeschlossene Versicherung

– Teilzahlungsmöglichkeiten für den Patienten.

Wobei der letztgenannte Vorteil fast der Wichtigste ist: Erfahrungsgemäß werden durch die Teilzahlungsmöglichkeiten größere Arbeiten in der Praxis realisiert, die sonst vom Patienten nicht in Erwägung gezogen worden wären. Die Gesellschaften bieten den Patienten Ratenzahlungslaufzeiten bis zu sechs Monaten kostenfrei an. Diese Möglichkeit wird zum Erstaunen vieler Praxen von zahlreichen Patienten – auch welche, bei denen es nicht erwartet wurde,– genutzt.

Zahlungsziel beim Labor

In der Branche absolut üblich, wenn auch nicht immer mit gutem Gefühl bei den Beteiligten, sind Lieferantenkredite des Dentallabors. Dieser Kredit beginnt bereits in dem Moment, wo Monatsrechnungen länger als 30 Tage unbezahlt liegen bleiben. Vielen Laboren geht es wirtschaftlich schlecht, sodass sie sich – obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können – auf längere Zahlungsziele einlassen. Laborkredite werden erfahrungsgemäß in größerem Umfang nur von Praxen genutzt, die selbst nicht auf Rosen gebettet sind. Oder in gravierenden finanziellen Problemen stecken. Labore können ebenso wie Zahnarztpraxen ihre Rechnungen an spezielle Anbieter verkaufen, die den Praxisinhaber/-innen dann verlängerte Zahlungsziele von 90 oder auch 120 Tagen offiziell ermöglichen. Und die Forderungen versichern, sodass bei Zahlungsausfall das Labor maximal einen Teilschaden tragen muss. Diese Dienstleistung hat im Markt ihre Berechtigung, ist jedoch für das Labor teuer und birgt für die Praxen die Ge-fahr der schleichend zunehmenden Verschuldung. Für die Praxis ist es wirtschaftlich am günstigsten, wenn die Laborrechnung innerhalb von 14 Tagen mit Skontoabzug bezahlt wird.

Autorin: Maike Klapdor


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