Anzeige
Endodontologie 08.11.2007

Quo vadis Endodontie?

Quo vadis Endodontie?

Wohl kein zahnmedizinisches Tätigkeitsfeld – außer der Implantologie – erstarkt in Deutschland derzeit derartig wie die konservierende endodontische Versorgung. Wobei zwischen Endodontologie, der rein wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Erhalt des endodontisch erkrankten Zahnes, und Endodontie, der Lehre von der Behandlung des pathologisch veränderten Zahninneren, unterschieden werden kann.

Insbesondere Letztere erfreut sich einer Fokussierung des zahnärztlichen Interesses, was an der Fülle der diesbezüglich angebotenen Fortbildungsveranstaltungen, respektive der offerierten Weiterbildungskurse sowie der Zahl von mittlerweile vier ins Leben gerufenen Endodontie- Gesellschaften deutlich erkennbar ist. Gerade dies – man möchte beinahe Überangebot sagen – drängt dem zahnärztlichen Praktiker die Frage auf, wie die zukünftige Entwicklung der in freier Praxis betriebenen Endodontie vonstattengehen wird.

Positionierung oder Spezialisierung

Nach Angaben des KZBV Jahrbuch 2006 wurden im Jahre 2005 für gesetzlich krankenversicherte Patienten in Deutschland 7,95 Millionen Wurzelkanalaufbereitungen sowie 6,18 Millionen Wurzelfüllungen durchgeführt. Dies zeigt klar, dass die Versorgung des endodontisch erkrankten Zahnes einen hohen behandlerischen Stellenwert besitzt, sich also vom ungeliebten Stiefkind der konservierenden Therapie zum anerkannten Therapiefeld der Zahnerhaltung entwickelt hat. Und dies ist gut so. Denn noch immer, nicht selten gleichermaßen bei Behandler und Behandeltem unbeliebt, stellt die endodontische Therapie eine zahnmedizinische Dienstleistung dar, deren für alle Involvierten damit verbundene Vorteile nicht gebührend gewürdigt werden. Vor allem die mit einer lege artis durchgeführten endodontischen Behandlung unter Umständen für den Patienten (je nach Situation GKV sowie PKV) auf ihn zukommenden, aus eigener Tasche zu bezahlenden Kosten – je nach Behandler und Vernunft bezogener Rechnungsstellung ca. 1.000 Euro (im Vergleich zu Behandlungskosten eines oberen ersten Molaren durch einen Endodontie-Spezialisten in den USA um die 1.000 Dollar!) – können eine indizierte, fach- und sachgerechte endodontische Behandlung bereits im Vorfeld der Therapieplanung und erforderlichen Erörterung mit dem Patienten scheitern lassen und gegebenenfalls zur Entfernung des betreffenden Zahnes als einzig langfristig sinnmachende Alternative führen.
Genau hier aber bietet sich ein guter Ansatz für eine zweckdienliche, zahnerhaltende endodontische Therapie an. Da sich in nahezu allen Fällen einer endodontischen Problemsituation der Patient – bei derzeit (noch) bestehender Konstellation der zahnärztlichen Leistungserbringung – in der allgemeinzahnärztlichen Praxis vorstellen wird, kann der zahnärztliche Praktiker hier steuernd eingreifen, um dem Patienten maximalen Nutzen zu bieten: Die Erstversorgung – gehen wir hier beispielsweise von einer schmerzhaften irreversiblen Pulpitis des Patienten an einem sonst intakten, parodontal gesunden Zahn aus, mit fallspezifischer Diagnostik, Röntgendokumentation, Vitalexstirpation unter Lokalanästhesie, mechanischer Reinigung und erster Aufbereitung der Hauptwurzelkanäle sowie erforderlicher medizinischer Einlage mit temporärem Verschluss – kann ohne Weiteres als allgemeinzahnärztliche Leistung zulasten eines offiziellen Kostenträgers vorgenommen werden. Die weiterführende, notwendige endodontische Behandlung, wie etwa genaueste Erkundung der definitiven Anzahl und Lage der Wurzelkanale unter Zuhilfenahme spezieller optischer Hilfsgeräte, definitive großlumig ausformende Aufbereitung unter mehrmaliger elektrometrischer Längenbestimmung der Wurzelkanale sowie zusätzliche elektrophysikalische Maßnahmen zur Sicherstellung aseptischer Kanalverhältnisse und die letztendliche obligate homogene und dichte Wurzelkanalfüllung, kann dann einem Endodontie-Spezialisten zugeführt werden, durch den dann alle weiter erbrachten Leistungen auch selbst abzurechnen sind. Inwieweit eine dergestalt konzertierte Vorgehensweise innerhalb bzw. außerhalb der erstversorgenden Praxis stattfinden muss, hängt letztendlich von der örtlichen Verfügbarkeit eines endodontisch spezialisierten, soll heißen qualifizierten Behandlers ab. In Großbritannien stellt die Kooperation von allgemeinzahnärztlichen Praxen mit stunden- oder tageweise mitarbeitenden Endodontie-Spezialisten keine außergewöhnliche Seltenheit mehr dar.
Wichtig ist – und dies stellt den entscheidenden Punkt dar –, die moderne, patienten- wie auch qualitätsorientierte Zahnheilkunde hat Stellung zu beziehen und klare behandlerische Konzepte anzubieten, um zukünftig wettbewerbsfähig zu werden und langfristig dann auch zu bleiben.

Abb. 1 Ausgangssituation eines endodontisch behandlungsbedürftigen unteren Molaren mit interradikulär ausgeprägter Osteolysezone.  Abb. 2 Der endodontisch versorgte Zahn zehn Monate später. Die ohne spezielle zusätzliche Maßnahmen erfolgte allgemeinzahnärztliche Wurzelkanalbehandlung zeitigte eine gute knöcherne Ausheilung. Die Überwachung und Kontrolle der Ergebnisqualität solcher Behandlungen dient sowohl der "rückblickenden" wie auch der "prognostischen Qualitätssicherung".

 

Synergien und nicht Antipathien

Es muss das erklärte Ziel sein, das Miteinander von Erstversorger und spezialisiertem Weiterbehandler (kann auch heißen Basisversorgung und „High-End-Therapie“), intensiver zu gestalten und damit einhergehend zu optimieren. Denn letztendlich dient diese synergistische Vorgehensweise vor allem dem Patienten, und der ist, salopp gesprochen, ja das die frei ausgeübte Zahnmedizin am Leben erhaltende „Objekt der Begierde“ aller zahnärztlichen Leistungserbringungen.
Bei der Abstimmung durchzuführender endodontischer Behandlungen sollte daher besonderes Augenmerk auf die therapeutischen Gemeinsamkeiten gelegt werden, anstatt behandlerische Übereinstimmungen künstlich zu erschweren oder gar zu blockieren. So zeigt sich immer wieder bei der genauen Durchsicht von schriftlichen Kooperationsofferten von auf endodontische Dienstleistungen gänzlich oder als Behandlungsschwerpunkt spezialisierten Zahnärzten, dass sich das den Kollegen gemachte Angebot zur Zusammenarbeit – welches ja letztendlich eine gewünschte Zuweisung von Patienten darstellt – nicht unbedingt dahingehend ermunternd liest, die „eigenen Patienten“ einem Fremdbehandler zu überlassen. Ebenso nachteilig ist auch die Einstellung des allgemeinzahnärztlichen Grundversorgers, den Endodontie-Spezialisten nur in Notsituation, wie beispielsweise im Falle eines bei der Aufbereitung im Wurzelkanal abgebrochenen Endodontie-Instruments zu kontaktieren, um adäquate kollegiale Hilfe zu erlangen.
Die Ausarbeitung und Festlegung gemeinsamer Behandlungsstrategien sollte schon früher, also ohne jegliche zeitliche oder gar therapierelevante Not erfolgen. Als eine sehr elegante Möglichkeit der Annäherung aneineinander, sozusagen auf „neutralem Boden“ und in entspannter Atmosphäre, bietet sich die Darstellung der (für Patienten und Vorbehandler) machbaren Serviceleistungen des Endodontie-Spezialisten im Rahmen einer offiziellen Qualitätszirkel-Sitzung an. Von welcher Seite hier der erste Schritt gemacht wird, ist sicherlich zweitrangig. Entscheidend jedoch ist die Konsensbildung mit der Einsicht: „Wir Zahnärzte sind die Wahrer der Zahnmedizin. Und wir bestimmen zum Wohle des Patienten aufgrund unserer Fachkenntnis den richtigen Ablauf der Behandlung.“              

Qualitätssicherung

Dieser gerade aufgezeigte Gedanke: Festlegung der Behandlungsqualität durch erfahrene und versierte zahnärztliche Praktiker – und hier ist ausdrücklich der Konsens von sowohl allgemeinzahnärztlicher Seite als auch vonseiten der Endodontie-Spezialisten zu fordern – stellt im Grunde nichts anderes dar als „evidenzbasierte endodontische Zahnerhaltung“. In diesem Sinne darf durchaus gefragt werden, ob alles, was als gültiger und schlüssiger „State-of-the-Art“ der praktizierten Endodontie angesehen wird, die allein gültige Meinung sein darf. Man denke nur an die nicht nur von einem anerkannten Endodonten vertretene Ansicht „Erfolg durch Selektion“, wobei damit der Rat verbunden wird, in ihrer Gesamtprognose fraglich zu erhaltende Zähne erst gar nicht endodontisch zu behandeln, sondern – wegen der unter Umständen daraus resultierenden sinkenden persönlichen Erfolgsrate durchgeführter endodontischer Maßnahmen – besser gleich zu entfernen. Ähnlich, je nach endodontischer Schule (vor allem in den USA) kann die Zweckmäßigkeit, respektive sogar die Statthaftigkeit von „apikalen Puffs“ Ansichtssache sein. Darüber hinaus ist (nicht nur für Deutschland) die Erlangung der Zuerkennung der (bis dato noch inoffiziellen) Bezeichnung „Endodontie-Spezialist“, mag diese mit oder ohne Titel „Master of Science“ verbunden sein, keine bedingungslose Garantie dafür, auch als schwerpunktmäßig endodontisch tätiger Praktiker mühelos erfolgreich zu arbeiten.
Aus Sicht des Autors ließe sich der uneinheitliche Ausbildungsgrad endodontischer Fort- bzw. Weiterbildungen – man erinnere sich an die eingangs genannte Zahl von nunmehr schon vier deutschen Endodontie-Gesellschaften – dahingehend objektivieren, indem aufgrund der Zahl und der klinischen Erfolgsrate von durchgeführten endodontischen Behandlungen über die Qualifizierung des endodontisch tätigen Praktikers entschieden wird. Diese sicherlich dem einen oder anderen zahnärztlichen Kollegen recht provokant erscheinende Forderung ist aber letztendlich nichts anderes als die vonseiten des Sozialgesetzbuches (SGB) V geforderten „Bewertung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden“ (§ 135), „Verpflichtung zur Qualitätssicherung“ (§ 135a) und „Qualitätssicherung in der vertragszahnärztlichen Versorgung“ (§ 136b). Ohne hier weiter in die Tiefe dieser Thematik eindringen zu können, sei aufgezeigt, dass allen oben genannten Forderungen nur auf der Basis eines funktionierenden, aktiv betriebenen praxisinternen Qualitätsmanagements Genüge geleistet werden kann. Denn die Erfassung klinischer Kennzahlen zur Analyse, Bewertung und unter Umständen Verbesserung der Ergebnisqualität zahnärztlich erbrachter Leistungen ist ein nicht schwieriges, aber doch recht komplexes Unterfangen.
Mit einer dergestalten  Auswertung der eigenen endodontischen Behandlungsmaßnahmen kann nicht nur rückblickend jeglichem Kostenerstatter ausführlich Rede und Antwort über die Güte der erfolgten Leistungen geboten werden. Es kann auch jedem Patienten, der in die Eigenverantwortung des „Selbstzahlers“ für eine endodontische Therapie geführt wird – oder sich auch einfach nur schwer mit der Vorteilhaftigkeit einer endodontischen Zahnerhaltungsmaßnahme anfreunden kann, faktisch erläutert werden, inwieweit die durch den Behandler angeratene und dann auch ausgeführte Leistung nicht nur Erfolg versprechend, sondern insbesondere Erfolg sichernd ist.                   
   

Resümee

Der zukünftig weiter erfolgreiche Weg der in freier Praxis durchgeführten Endodontie kann nur gesichert werden, wenn die Vorteile der Arbeitsteilung von allgemeinzahnärztlicher Versorgung und gezielter, je nach Fall erforderlicher, Unterstützung durch den „Endodontie-Spezialisten“ in der Zahnärzteschaft allgemein anerkannt und umgesetzt wird. Zur Festigung der Akzeptanz endodontischer Leistungen, insbesondere bei sich erhöhenden, durch den Patienten selbst zu tragenden Kosten, ist eine stetige Bewertung der Güte der erbrachten endodontischen Leistungen auf der Basis eines aktiv betrieben Qualitätsmanagements unerlässlich.

Autor: Dr. med. dent. Markus Th. Firla, Hasbergen-Gaste

 

Seitenanfang

Mehr Fachartikel aus Endodontologie

ePaper

Anzeige