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Implantologie 01.08.2016

Durchmesserreduzierte Implantate

Alle Implantate, die einen Durchmesser von 3,5 mm und weniger haben, gelten als durchmesserreduziert. Die sogenannten Miniimplantate liegen im Durchmesser unter 3 mm. Die durchmesserreduzierten Implantate sind meistens noch zweiteilig. Ab einem Durchmesser von weniger als 3,0 mm handelt es sich um einteilige Implantate.

Relevanz & Notwendigkeit

Aufgrund der demografischen Entwicklung und dem damit einhergehenden wachsenden Anteil an zahnlosen Patienten mit Kieferatrophie wird die moderne Zahnmedizin und Implantologie vor neue Herausforderungen gestellt. Vor allem die klassische Behandlung des zahnlosen, atrophischen Unterkiefers mit herausnehmbarem Zahnersatz zeigt Grenzen der klassischen Implantologie auf. Um die Grundlage für eine Implantatbehandlung zu schaffen, wird mittels Augmentation eine stabile Basis geschaffen. In welchem Umfang Knochen aufgebaut werden muss, hängt auch von der geplanten Implantatbehandlung ab. Wird der Eingriff von einem kompetenten Implantologen vollzogen, sollte es in der Regel beim Einsatz von klassischen Implantaten zu keinen nachhaltigen Komplikationen kommen. Trotzdem gilt, dass ein Implantat mit größerem Durchmesser einen größeren Eingriff bedeutet. Dies kann im Ausnahmefall zur Verletzung des Nervs im Unterkiefer führen. Eine verzögerte Wundheilung bedingt durch den operativen Eingriff ist als Normalfall anzusehen. Das herkömmliche Zahnimplantat besteht aus einer Schraube, die aus gewebeverträglichem Titan besteht und als Verankerung für den individuellen Zahnersatz, wie bspw. Kronen, Brückenkonstruktionen oder Prothesen, dient.

Zur Fixierung von Vollprothesen bei Zahnlosigkeit haben sich die Miniimplantate als innovative Form auf dem Markt etabliert. Der Eingriff ist gegenüber den herkömmlichen Implantaten weniger aufwendig, da nicht mehr operativ das Zahnfleisch großflächig aufgeklappt werden muss. Dadurch ist auch die Schmerzentwicklung geringer. Zusätzlich ist die Operationszeit kürzer, da auf die zeitintensive Aufklappung der Gingiva und die Aufbereitung des Implantatbettes weitestgehend verzichtet wird.

Die neuste Form des Implantates bildet der Locator fixierte Zahnersatz auf Miniimplantaten. Der Patient kann fortan sicher kauen und der Kieferknochen wird durch das Zahnimplantat stimuliert, wodurch kein weiterer Knochenabbau entstehen kann.

Grenzen der Methode

Durchmesserreduzierte Implantate werden vor allem bei älteren Patienten mit zahnlosem, atrophischem Unterkiefer verwendet, um zusätzliche augmentative Maßnahmen und somit die Risiken und Kosten zu umgehen. Im Gegensatz zu den Implantaten mit konventionellem Durchmesser zeichnen sich schmale Implantate durch höhere Belastungsspitzen am krestalen Knochen aus, die marginale Knocheneinbrüche entstehen lassen können. Aus diesem Grund stellen Indikationen, wie bspw. die Versorgung anspruchsvoller Frontzahnlücken oder erhöhte Kaubelastung, hohe Ansprüche an das Implantatdesign sowie dessen Oberflächen- und Materialeigenschaften. Allerdings bringen die klassischen Titanlegierungen die Gefahr des Auftretens von Materialbrüchen bei überhöhten Belastungen mit sich.  Der Einsatz moderner Legierungen mit verbesserten Materialeigenschaften, wie bspw. eine höhere Zugfestigkeit, ist Teil des erweiterten Indikationsspektrums.

Dank durchmesserreduzierter Implantate im intraforaminären Bereich kann die Stabilität und Funktion der Unterkieferprothese der Patienten deutlich verbessert werden. Vor allem bei transversal reduziertem Unterkieferknochen sind Mini-Implantate geeignet und deshalb für ältere Patienten eine angebrachte Alternative zur Augmentation. Die schmalere Implantatschulter der neuen  Miniimplantate ermöglicht zudem eine leichtere oral-vestibuläre Platzierung. Somit kann die Lebensqualität betroffener Patienten durch die Insertion von durchmesserreduzierten Implantaten deutlich verbessert werden.

Herausforderungen

Eine präzise Laborarbeit gilt neben der richtigen Konzeption und patientenabhängigen Planung als maßgeblich. Unabhängig welche Art von Implantat verwendet wird, ist die Weiterleitung der axialen Belastung eine entscheidende Herausforderung. Um die Überbeanspruchung der krestalen Knochenelemente zu vermeiden, muss die Druckweitergabe apikalwärts erfolgen. In der Laborarbeit liegt das Ziel in einer Druckpunktverteilung in die Tiefe des Knochens: Gute Ergebnisse zeigen in Studien konische Designs sowie "hybrid-geformte" Implantate. Bei Letzteren besteht das Implantat aus einem zylindrischen und einem konischen Teil und gilt grundsätzlich als weniger komplex im operativen Eingriff des Behandlers. Neben der Form sind weitere technische Kriterien, wie z. B. der Gewindeverlauf für das Implantatdesign und der richtige Materialeinsatz, zu beachten. Eine kritische Fähigkeit des Behandlers liegt in der richtigen Einschätzung des situativen Patientenfalls. Moderne bildgebende Verfahren unterstützen den Behandler bei der Risikoabwägung eines Eingriffes. Ist das umliegende Knochengewebe zu labil, ist die Belastung von durchmesserreduzierten Implantaten zu punktuell und eine Nutzung nicht zu empfehlen. Die Herausforderung für einen optimalen Einsatz von durchmesserreduzierten Implantaten liegt somit im Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen der Implantologie: Diagnose, Materialeinsatz, Laborarbeit und operatives Geschick des Behandlers.

Lösungen zur Erhöhung des Anwendungsgebietes

Durch neue Legierungen wie TiZr mit verbesserten Materialeigenschaften kann zusätzlich auch die Haltedauer der Implantate verbessert werden. Zudem müssen auch die Oberflächeneigenschaften sorgfältig gewählt werden. Es kann zwischen verschiedenen Oberflächen und Oberflächenbehandlungen der Implantate unterschieden werden. Insbesondere neue zweiteilige Miniimplantate, die mit gängigen Locatoren versehen werden, gelten hier als neues vielversprechendes Mittel der Wahl. Mikrostrukturierungen und Hydrophilie der verschiedenen Anbieter sind auch zu berücksichtigen.

Erfahrungen aus der direkten Praxis

Bei einer 75-jährigen zahnlosen Patientin wurden neue Ober- und Unterkiefer - Totalprothesen angefertigt und eingegliedert. Aufgrund einer Prothesenlagerin- suffizienz im atrophen Unterkiefer wurden zur Stabilisierung der Prothese zwei durchmesserreduzierte NNC-Implantate zur Aufnahme von Locatoren inseriert. Diese beiden Tzirkon verstärkten Implantate konnten ohne zusätzliche laterale Augmentation eingesetzt werden und sind zur Aufnahme von unverblockten Rekonstruktionen geeignet. Durch diese relativ einfache Therapie konnte die Funktion des Zahnersatzes deutlich verbessert und der Patientin mehr Lebensqualität gegeben werden. Die Studie zeigt eine sehr detaillierte Darstellung des Behandlungsverlaufs und eine nachhaltige Kontrolle über den Erfolg des Einsatzes der Methode bei einer repräsentativen Patientin höheren Alters (Quelle zur Studie: http://www.straumann.de).

In unsere Praxis setzten wir in solchen Fällen auch gerne Miniimplantate mit Locatoren ein. Hier allerdings kommen bei einem zahnlosen Unterkiefer vier Implantate zum Einsatz. Eine Vierpunkt - Abstützung hat sich bewährt die Prothese kann nicht schaukeln. Die Implantate werden nicht überlastet und die Retention ist nochmals deutlich verstärkt.
Locatoren selbst sind absolut wartungsarm. Die Retentionseinsätze sind Pfennigartikel und schnell austauschbar. Auch die Unterfütterungen, so zeigt es sich in der täglichen Praxis, sind weniger häufig notwendig. Im Falle von vier Miniimplantaten kann noch in Bezug auf das oben genannte Beispiel festgestellt werden, dass es sich um ein sehr kostengünstiges Versorgungskonzept handelt. Dies ermöglicht mehr Menschen Zugang zu einem Zahnersatz mit viel Komfort und der einhergehenden Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensqualität.  

Fazit

Zusammengefasst stellen durchmesserreduzierte dentale Implantate sowohl für Patient als auch Behandler eine fortschrittliche Innovation dar. Die dargestellten Vorteile überwiegen die pozentiell möglichen Nachteile bzw. Gefahren. Für den Patienten kann sich eine längere Haltbarkeit und insbesondere ein niedrigeres Eingriffsrisiko einstellen. Der Behandler hat eine höhere Flexibilität während des Eingriffs und das Risiko von Nebenwirkungen durch den weniger umfangreichen Eingriff sinkt. Die Verwendung von durchmesserreduzierten Implantaten dient einer wesentlichen Verbesserung der Kaufunktion und kann dadurch die Lebensqualität älterer Menschen anheben. Außerdem wird der Strukturerhalt durch die eingebrachten, funktionell belasteten Implantate unterstützt ohne Aussicht auf eine weitere Knochenatrophie.

Es bleibt abzuwarten, wie die Haltbarkeit und der Verschleiß in Langzeitstudien analysiert werden zum Status quo spricht vieles für den Einsatz der neuen Methode. Insbesondere gilt dies für Locatoren auf Miniimplantaten. Auf lange Sicht wird gesehen, in welchem Umfang die Reduzierung des Implantatumfangs noch voranschreiten wird. Ebenso verhält es sich mit der Anzahl von Miniimplantaten. Studien müssen zeigen, ob nicht etwa auch hier zwei interforaminär inserierte Mini-Implantate die gewünschten Langzeitergebnisse liefern.

Zum Autor

Implantologe Lars Christian Budde ist Zahnarzt und Implantologe in der Zahnarztpraxis Budde & Mattsson in Hamm (NRW). Budde hat große Erfahrungen rund um die Behandlung mit Implantaten. Derzeit beschäftigt er sich eingehend mit den Themen der minimalinvasiven Implantologie. 

Foto: ©vetkit – Shutterstock.com
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