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Kieferorthopädie 10.04.2019

CMD: Schienen mit Wirksamkeit und Funktion

CMD: Schienen mit Wirksamkeit und Funktion

Okklusionsschienen als Therapie im Praxisalltag sind für viele noch ein „Buch mit sieben Siegeln“. Nicht aber, wenn ein Zahnmediziner bestimmte Regeln, Anamnese und Diagnostik beherrscht.

Der Behandlungspfad in seiner Vollständigkeit begleitet den Zahnmediziner bei der Diagnostik und Therapie beim funktionsgestörten Patienten. Das Kontrollieren der Arthropathie A, Myopathie M, Psyche P und Okklusopathie O (AMPO) ist Grundvoraussetzung für den Erfolg einer wirksamen Schienentherapie. Die korrekte Kondylenposition bei maximaler Okklusion ist bei der Behandlung von CMD-Patienten der Schlüssel zum Erfolg. Der Weg, dieses Ziel zu erreichen, führt in vielen Fällen über eine Schienentherapie.

Schienentherapie

Damit ist nicht die altbekannte „Glücks- oder Pechschiene“ (Kassenschiene) gemeint, sondern eine Schiene, die bereits den Unterkiefer und die Kondylen in einer gezielten Vorbehandlung unter Berücksichtigung des neuromuskulären Systems korrekt positioniert. So werden nicht nur die Zähne vor Überbelastung geschont, sondern das stomatognathe System bereits auf die geforderte Soll-Position umtrainiert. 

Funktionszustand der Muskulatur

Zum richtungsweisenden Faktor wurde dabei die folgende Tatsache: Dem Funktionszustand der Muskulatur (das neuromuskuläre System) als Arbeitsgrundlage aller Unterkieferbewegungen kommt höchste Priorität zu. Neben dem Zustand von Zähnen und Zahnfleisch spielt auch die Position des Kiefers für Patienten und Sportler eine Rolle. Da unser Skelett symmetrisch aufgebaut ist und das Kiefergelenk im Zusammenspiel mit Muskeln und Nerven die Wirbelsäule beeinflusst, können Fehlstellungen des Gebisses Bewegungen stören.

Ebenso bringen Zahnlücken, zu hohe Füllungen oder Brücken mitunter die Statik des Menschen aus dem Gleichgewicht. Wenn der Zusammenbiss der Zähne nicht mehr passt, können sich die Wirbel vom Hals bis hinunter zum Steißbein und weiter abwärts verschieben. Manchmal reicht schon ein Fehlkontakt von einem hundertstel Millimeter, um einen steifen Nacken oder sogar einen Beckenschiefstand auszulösen.1

Es ist deshalb zwingend erforderlich, dass Zahnärzte und Ärzte in der Lage sind, die Befunde zu interpretieren, eine „initiale Diagnostik“ und ein entsprechendes therapeutisches Konzept zu erarbeiten (Bissnahme-Konsequenzen).

Eine objektive Messtechnik sollte deshalb, neben den allgemeinen Anforderungen an die Messtechnik, insbesondere derartige Möglichkeiten der Registrierung anbieten und darüber hinaus erlauben, weitere Komponenten des orofazialen Systems zu bewerten.

Stützstifttechnik

Zur Realisierung einer objektiven Messtechnik wurde das Prinzip der Stützstifttechnik verwendet und um den Parameter „Registrierung unter definierter Kaukraft“ erweitert (Abb. 1). Damit wird es erstmals möglich, die Leistungsbereitschaft des neuromuskulären Systems unter Arbeit zu erkennen und mit Zuhilfenahme des Registrats entsprechend zu bewerten.

Nach den Erkenntnissen aus dem Verhalten der Muskulaturkomponente (Ist-Position), insbesondere des nicht palpablen Musculus pterygoideus lateralis, empfiehlt es sich, unter Zuhilfenahme der Messtechnik (DIR System2) den Unterkiefer in eine Position zu bringen, die als Soll-Wert bezeichnet wird.2 Dabei wird angestrebt, die physiologische Kiefergelenkposition, muskuläre Kraftreaktionen und die entsprechende Okklusion in Relation zu stellen, die im Sinne der Physiologie und Biologie des Patienten einer physiologischen Position des gesamten Systems entspricht.

Grundlagen

Die Positionierung des Unterkiefers zum Schädel im Sinne einer physiologischen Zentrik ist Grundlage für das richtige Vorgehen in der Schienentherapie und bei allen späteren zahnärztlichen Restaurationen im oralen System. Zur Lagebestimmung in zentrischer Relation mit dem DIR System2 sind MFA, IFA und Modellanalyse die Grundbausteine für eine Schiene mit Wirksamkeit und Funktion. Die jetzt zur Verfügung stehende Position (Zentrik – Findung durch Messtechnik) kann im Sinne eines Fundaments für jegliche zahnärztliche/zahntechnische Rekonstruktion betrachtet werden (Abb. 2 bis 4).

Das Verschlüsselungsprinzip nach dem DIR-Konzept

Das DIR System2 erfüllt die Forderung einer zentralen Bissnahme (Bissgabe des Patienten), da beide Kondylen durch den Behandler symmetrisch in eine retrokraniale Position geführt werden und die von hier durchgeführten Lateralbewegungen einen einseitigen Kondylus ersetzen, also eine transversale Asymmetrie aufdecken würden.

Die Verschlüsselungsposition nach sagittaler Vorverlagerung des Unterkiefers auf der Winkelhalbierenden des Pfeilwinkels entspricht nach MRT-Studien von klinischen Fällen (unpublished results) der oben definierten zentralen Kondylenposition (Abb. 5 und 6).3

Schienentherapie bei CMD und Präprothetik

Bei CMD-Patienten ist eine temporäre Schienentherapie ebenso unvermeidbar, wie sie bei Patienten mit prothetischer Versorgung dringend empfehlenswert ist. Da die habituelle Okklusion dieser Patienten häufig von der zentrischen Kondylenposition abweicht, sind reine Aufbissschienen keine therapeutisch sinnvolle Lösung. Vielmehr müssen ins Okklusionsrelief der Schienen eingearbeitete Führungen die individuell-exzentrische Verlagerung des Patientenkiefers beim Zubiss durch Eingleiten in die korrekte Zentrikposition ausgleichen (Abb. 7).

Hinweis: DIR-Schiene – Wirksamkeit, Funktion und Gestaltung (Prof. Dr. Udo Stratmann): Die Aufbissareale der DIR-Schiene sind ausschließlich für statische Okklusion gearbeitet. Freiräume für dynamische Okklusion sind hier für eine Programmierung der Muskulatur nicht zielführend.

Fazit

Aufbissschiene ist nicht gleich Aufbissschiene: Voraussetzung hierfür ist, dass Zahnarzt und Zahntechniker ein gemeinsames Konzept verfolgen und eine entsprechende fundierte Ausbildung in der Funktionsanalyse und therapie haben. Hier sind vor allem die Universitäten, die Gesellschaften für Funktionsdiagnostik und -therapie sowie die Ausbildungsstätten gefragt. Außerdem ist hier ein Umdenken in der zahnärztlichen Behandlung nötig, da die CMD-Behandlung immer eine interdisziplinäre Therapie ist. Das bedeutet, es muss ein Netzwerk der verschiedenen Fachrichtungen aufgebaut werden und jeder Zahnarzt muss lernen, dass es nicht nur die Mundhöhle gibt, sondern dass an ihr noch ein ganzer Mensch hängt. Ein ganzheitliches Denken ist notwendig.

Literatur
1 Siehe Studien von Prof. Dr. Ingo Froböse
2 Siehe Andreas Vogel
3 F. Blattner, U. Stratmann, S. Linsen Radiologie Düsseldorf, A. Grust

Der Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

Foto: Autorin
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