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Kieferorthopädie 04.02.2013

Back to the roots

Back to the roots

Das Gussverfahren – eine lang vergessene Technik in der KFO.
 

Ein Beitrag von Dr. Torsten Krey, ZT Michael Schön und Dr. Johanna Franke.

Mehr denn je hat in den letzten Jahren die Digitalisierung in der Kieferorthopädie Einzug gehalten. Von Abdrücken über Modellherstellung und digitalem Set-up bis hin zu fertigen KFO-Geräten und Lingualtechnik ist inzwischen fast alles möglich. Bei all der Faszination dieser virtuellen Möglichkeiten bleibt es für den Kieferorthopäden jedoch nach wie vor wichtig, einen guten kieferorthopädischen Techniker an der Hand zu haben. Feinmoto­rische Handarbeit gepaart mit zahntechnischem Fachwissen und Erfahrung scheint trotz des digitalen technischen Fortschrittes unersetzlich zu bleiben.

In der Kieferorthopädie stehen im Vergleich zur allgemeinen Zahnheilkunde andere Labortechniken im Vordergrund. Im Gegensatz zur klassischen Zahnarztpraxis, in der Gusstechniken und Keramikbrände zum normalen Laboralltag gehören, beschäftigt sich der „Drähtlebieger“ übli­cher­weise vorwiegend mit der Ver­arbeitung von Drahtmaterialien, die sowohl in der herausnehmbaren wie auch in der festsitzenden Technik unabdingbar sind. Während die herkömmlichen he­rausnehmbaren Geräte fast ausschließlich aus Kunststoff gestreut werden, sind die festsitzenden Geräte, die in der Regel kombiniert mit Multiband zum Einsatz kommen, meist über kieferorthopädische Bänder fixiert. Für den Verbund von Draht zu konfektionierten Bändern wird standardmäßig die Löt- oder/und Lasertechnik verwendet. Manche dieser Geräte erfordern eine besonders gute Passform und hohe Haltbarkeit, als Beispiele seien nur die Gaumennahter­weiterungsapparatur (GNE) oder das Herbst-Scharnier erwähnt. Aufgrund der enormen mechanischen und chemischen Belastungen der Materialien im Mund (orthodontische Kräfte, Kaukräf­te, Mundmilieu etc.) sind diese Apparaturen sehr reparaturanfällig. Die Hauptschwachstelle ist im Bereich der Lötung und/oder des Bandmaterials zu sehen. Für ei­ne gute Lötung ist das richtige Lötmaterial in Kombination mit der idealen Temperatur beim Lötvorgang entscheidend. Darüber hinaus ist eine sorgsame Bearbeitung des Materials erforderlich. Trotz extra verstärkter Bänder oder teilweise doppelt gesetzter Bänder (vgl. Herbst-Geräte nach Dres. Richter) kommt es jedoch häufig zu einer Beschädigung der Bänder/Lötung. Im schlimms­ten Fall resultiert daraus, dass sich mitten in der Therapiephase eine Lötung löst oder ein Band reißt und das Gerät nicht im Mund des Patienten belassen werden kann. Aufwendige Reparaturtermine mit Verzögerung der Behandlungsdauer sind die Folge. Eine sichere Alternative ist die heutige Modellgusstechnik, in der Reparaturen nahezu ausgeschlossen sind. Im Gegensatz zur Löttechnik, bei der mehrere Materialien aufeinandertreffen, wird hierbei nur eine einzige Metall­legierung verwendet. Dank mo­dernster Lasertechnik wird der Verbund zu Zusatzelementen wie Hyraxschraube, Tubes, Bracket, Hooks etc. geschaffen. Stark beanspruchte Geräteanteile, wie z.B. das Gewinde bei der Herbst-Apparatur, werden durch die Gestaltung unter sich gehender Bereiche – ähnlich einer Uhrglasfassung – gegen abscherende Kräf­te gesichert. Das Ergebnis sind grazile und dennoch rigide Geräte, deren Formgestaltung nahezu keine Grenzen gesetzt sind.

Durch die individuellen Modellationsmöglichkeiten kann das Gerät an jegliche Ansprüche und Gegebenheiten angepasst werden. So entsteht ein erweiterter Planungsspielraum für den Kieferorthopäden. Durch die indi­viduelle Gestaltung des Gerätes lassen sich oft zwei oder mehre­re Behandlungsschritte mit einem Gerät durchführen, wodurch neben Labor- und Kostenaufwand nicht zuletzt auch Therapiezeit gespart werden kann. Im Folgenden sollen einige Beispiele der
Modellguss-KFO gezeigt werden: Als erstes ist das klassische Herbst-Scharnier dargestellt (Abb. 1, 2). Im Oberkiefer sind beidseits die Zähne 4 bis 6 gefasst, 17 und 27 sind nur mit einer okklusalen Auflage versehen. Auf einen transversalen Verbinder wurde verzichtet. Die Gewindeanteile, die zur Befestigung der Scharniere dienen, liegen mittig Regio 16 und 26. Im Unterkiefer umfasst das Gerät ebenfalls auf beiden Seiten die Zähne 4 bis 6 sowie die Eckzähne 33 und 43 mit einer bukkalen Schubverteilung. Zusätzlich ist ein adental liegender Lingualbügel zur Verbindung der beiden Quadranten vorhanden. Die Gewindeanteile liegen Regio 34 und 44. Bei jedem Gerät werden die Gewindehülsen speziell in den Modellguss eingearbeitet, sodass sie den hohen Kräften, die bei der Vorverlagerung des Unterkiefers entstehen, standhalten können (Abb. 3). Neben der mechanischen Retention werden die Gewindeanteile zusätzlich verlasert. Abbildung 4 zeigt ein Oberkiefer-Herbst-Gerät mit Quadhelix zur transversalen Nachentwicklung des Kiefers. Oftmals wird das Herbst-Scharnier im Oberkiefer mit einer Hyrax-Schraube versehen, sodass die klassische GNE mit der Unterkiefervorverlagerung kombiniert werden kann (Abb. 5). Hier sind Regio 14 und 24 Minitubes vorhanden, die ei­ne gleichzeitige Ausformung der Oberkieferfront mittels Multibrackettechnik ermöglichen.

Das nächste Beispiel zeigt die Gestaltung eines Herbst-Gerätes im Unterkiefer nach Dres. Richter (Abb. 6). Bei dieser Variante werden in der Regel die Prämolaren nicht gefasst, wodurch eine vertikale Nachentwicklung dieser Zähne während der Vorverla­ge­rungsphase ermöglicht werden soll. Bei außenstehenden oder verlagerten Zähnen ist ein gleichzeitiges Einordnen dieser Zäh­-ne oft wünschenswert. Entsprechende Häkchen erlauben das Einhängen von Gummizügen auf die gleiche Apparatur (Abb. 7, 8). Für die Kombination von Herbst-Scharnier und Lingualapparatur sind Einzelzahnverankerungen sinnvoll. Die Fixierung der Gewindeanteile kann durch spezielle Modellation isoliert auf den Zähnen 16 und 26 sowie 33 und 43 angebracht werden (Abb. 9, 10).  Abbildung 11 zeigt ein Gerät, das auf speziellen Kundenwunsch so gestaltet wurde, dass im Verlauf der Behandlung ein Lückenschluss Regio 46 erfolgen kann. Die Verbindung zwischen 45 und 47 wurde dünn gestaltet, damit diese später durch den Kiefer­orthopäden durchtrennt werden und eine entsprechende Lückenschlussmechanik eingesetzt werden kann. Nun soll eine ganz andere Ap­paratur vorgestellt werden, bei der die Modellguss-Technik von Vorteil ist: der Minipin-gestützte Distal-Jet (Abb. 12). Hier dargestellt ist die Situation im Mund, der Distal-Jet ist über zwei median inserierte Miniimplantate im Sinne der BENEPLATE (nach Dr. Wilmes) verankert. Im Vergleich zu den konfektionierten Verbindungsteilen zwischen Miniimplantaten und Distal-Jet-Röhrchen weist die gegossene Einheit eine sehr hohe Stabilität bei exakter Passgenauigkeit auf. Ein „Wegrotieren“ der ersten Molaren sowie das Entstehen einer transversalen Problematik während der Distalisation kann so sicher verhindert werden. Die zuletzt gezeigte Gerätekonstruktion entstand aus der Situation heraus, dass für die sehr kleinen Prämolaren keine passenden konfek­tionierten Bänder angepasst werden konnten. Aus diesem Grund bat der Kunde um Modellation der Bänder 14 und 24, um dadurch eine Herstellung des Distal-Jets zu ermöglichen (Abb. 13). Wegen des hohen und aufwendigen zahn- und gerätetechnischen Aufwandes ist die Modellguss-Technik in der Regel im kieferorthopädischen Praxislabor nicht durchzuführen. Aus diesem Grund hat sich das Labor „life-dental“ auf die Modellgusstechnik für KFO spezialisiert. Die Arbeiten werden alle made in Germany angefertigt. Die speziellen Modellguss-Laborzettel (Abb. 14) erleichtern dem Kieferorthopäden die Übermittlung des Auftragswunsches (Download des Laborauftrages als PDF unter: www. herbst-scharnier.de). Individu­elle Absprachen können jederzeit telefonisch getroffen werden. Die Lieferzeit der Geräte beträgt in der Regel 10 bis 14Tage.

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