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Kieferorthopädie 10.11.2016

Die autologe
 Zahntransplantation

Die autologe
 Zahntransplantation

Foto: © Autor

Eine interdisziplinäre Möglichkeit des Lückenschlusses und einfache sowie Erfolg versprechende Technik zur Erweiterung des Portfolios des Kieferorthopäden, 
vorgestellt von Dr. Isabel Nolte, Dr. Boris Mayer und 
Dr. Dr. Oliver Thiele.

Einführung

Die kieferorthopädischen Möglichkeiten zum Lückenschluss sind heutzutage durch den Einsatz modifizierter Multibandapparaturen und/oder zusätzlicher Hilfsmittel wie Miniimplantate und Orthognathieplatten breit gefächert. Der Einsatz von dentalen Titan- oder Keramikimplantaten ist oralchirurgisch ebenfalls eine anerkannte und in der Praxis fest etablierte Methode zum Ersatz fehlender Zähne. Eine weitaus weniger bekannte Methode stellt die autologe Transplantation von Zähnen dar. Die chirurgische Technik der autologen Zahntransplantation ist seit vielen Jahrzehnten bekannt und etabliert, hat sich aber als Standard zum Lückenschluss nie durchgesetzt.2 Auch ist trotz Jahrzehnten der internationalen Anwendung dieses Verfahrens immer noch keine höherwertige evidenzbasierte Aussage zur Langzeitprognose (zehn Jahre und mehr) von autologen Zahntransplantationen möglich. Der biologische Ersatz von Zähnen kann aus vielfältigen Gründen notwendig sein. Dazu gehört der Zahnverlust durch Trauma, aus parodontologischen, endodontologischen oder kariologischen Gründen. Ein häufiger Grund zur autologen Transplantation stellen zudem Nichtanlagen bleibender Zähne dar. Gerade im wachsenden Kiefer und bei jungen Erwachsenen können autologe Zahntransplantate hier eine gute Alternative darstellen, da die transplantierten Zähne in der Regel nicht ankylosieren.1, 3  Zahntransplantate zum Lückenschluss können prinzipiell in allen Altersklassen verwendet werden, am häufigsten angewandt werden sie jedoch bei Jugendlichen, da hier oft die Möglichkeit der Transplantation von Weisheitszähnen besteht. Andere erfolgreich verwendete Transplantate sind Prämolaren, die aus kieferorthopädischen Gründen entfernt werden, Milcheckzähne oder verlagerte Zähne, deren kieferorthopädische Einordnung nicht möglich ist.

Interdisziplinäre Planung

Bei der elektiven autologen Transplantation von Zähnen gilt es, durch vorausschauende Planung mögliche Komplikationen zu vermeiden. Systemische Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, mangelnde klinische Compliance und schlechte Mundhygiene sollten genauso berücksichtigt werden wie lokale Faktoren. Diese können zum Beispiel akute oder chronische Infektionen oder Mangel an Knochenangebot in der Empfängerregion sein. Zur Auswahl eines geeigneten Transplantates sollten die lokalen Gegebenheiten berücksichtigt werden. Die Schaltlücke muss eine ausreichende Breite aufweisen, um das Transplantat aufzunehmen und einen adäquaten Abstand zu den Nachbarzähnen zu gewährleisten. Auch die Transplantation zur Elongation der verkürzten Zahnreihe ist möglich. Am besten für eine Transplantation geeignet sind wahrscheinlich Zähne mit nicht ganz abgeschlossenem Wurzelwachstum. Bei diesen kann sich laut Literaturlage in vielen Fällen eine Revitalisierung der Pulpa einstellen.1 Mindestens 50 % der Wurzellänge sollten bei zu transplantierenden Zähnen allerdings erreicht sein.

Chirurgisches Vorgehen

Extraktion und Transplantation sollten einzeitig erfolgen. Nach eigener Erfahrung ist auch die gleichzeitige Transplantation mehrerer Zähne problemlos möglich. Hierzu wird zuerst die Empfängerregion vorbereitet. Der zu extrahierende Zahn wird entfernt und die Alveole kürettiert (Abb. 1). Alternativ wird nach subperiostalem Aufklappen der Mukosa eine künstliche Alveole mittels Rosenbohrer geschaffen. Nun kann das Transplantat vorsichtig entnommen (extrahiert/durch Osteotomie in toto geborgen) werden (Abb. 2). Unter Vermeidung der Berührung der Wurzeloberfläche zur Schonung parodontaler Fasern wird der Zahn in die Alveole gesetzt (technisch analog zur Replantation traumatisch avulsierter Frontzähne. Gegebenenfalls müssen interradikuläre Septen in der Alveole entfernt werden, um eine gute Passung zu erreichen. Wenn möglich, sollte eine primäre Stabilisierung durch Klemmpassung in der Alveole angestrebt werden (Abb. 3). Der Zahn wird etwas unterhalb der Okklusionsebene positioniert, um ein postoperatives Aufbiss-Trauma zu vermeiden, und mittels Draht-Komposit-Schienung flexibel an den Nachbarzähnen fixiert (technisch ebenfalls analog zur Fixierung traumatisch avulsierter/dislozierter Frontzähne (Abb. 4). Unsere chirurgische Technik zur autologen Zahntransplantation orientiert sich vollständig an den etablierten Techniken zur Replantation bei Frontzahntraumen inklusive der Draht-Komposit-Schienung. Dies macht diese Technik sehr einfach und es sind keine zusätzlichen Materialien in der zahnärztlichen Praxis notwendig. 
Nachkontrollen

Die flexible Schienung wird für maximal 10 bis 14 Tage belassen. Zur  Vermeidung bakterieller Kontamination sollte der Patient für einige Tage mit desinfizierender Mundspüllösung reinigen und selbstverständlich eine gute mechanische Plaquekontrolle betreiben (Abb. 5). Innerhalb dieser zwei Wochen erfolgt bei Zähnen mit geschlossenem Apex und fehlender Revitalisierung die Wurzelkanalbehandlung, da sonst die nekrotische Pulpa zu inflammatorischen Prozessen führen könnte, welche die Wundheilung negativ beeinflussen können. Nachkontrollen erfolgen nach zwei, vier und sechs Wochen, sowie nach drei und sechs Monaten. Bei Zähnen mit offenem Apex werden regelmäßige Kontrollen der  Vitalität durchgeführt. Auch bei negativer Vitalität kann die Wurzelkanalbehandlung abgewartet werden, wenn Anzeichen einer Pulpanekrose fehlen. Bei röntgenologischen (Resorption) oder klinischen (Schmerzen, Lockerung, Verfärbung) Zeichen einer Pulpanekrose ist die sofortige Wurzelkanalbehandlung indiziert. Ähnlich eines durch Trauma luxierten und replantierten Zahnes besteht auch bei transplantierten Zähnen das Risiko der Wurzelresorption. Daraus kann eine Ankylose resultieren, was besonders im wachsenden Kiefer problematisch sein kann. Halbjährliche Kontrollen nach autologer Zahntransplantation inklusive Vitalitätsprobe, Sondierungstiefenmessung, Periotest und Perkussionstest sind daher zu empfehlen. Bei klinischem Verdacht auf entzündliche oder Ersatzresorption sollte ein Röntgen-Zahnfilm angefertigt werden.

Zusammenfassung & Schlussfolgerung

Insgesamt stellt die autologe Transplantation von Zähnen ein bewährtes und einfaches Verfahren zur Erweiterung des klinischen Portfolios des Kieferorthopäden in interdisziplinärer Kooperation mit Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen dar.2, 4 Das Vorgehen der autologen Zahntransplantation ist seit vielen Jahrzehnten international etabliert. Unser hier dargestelltes chirurgisches Vorgehen orientiert sich eng an der Erstversorgung traumatisch dislozierter oder avulsierter Frontzähne (Reinigung, Reposition, Draht-Komposit-Schienung, ggf. Wurzelkanalbehandlung). Die Transplantation von Zähnen scheint grundsätzlich in jedem Alter möglich zu sein. Bei im Wachstum befindlichen Zähnen (meist 3. Molaren) sollte mindestens 50 % bis zwei Drittel der Wurzellänge vor  Transplantation erreicht sein. In solchen Fällen ist eine relativ hohe Rate von Revitalisierungen der transplantierten Zähne beschrieben.1, 3 Allerdings muss ein fast vollständiges Fehlen von belastbaren evidenzbasierten Studien zu diesem Thema in der internationalen medizinischen Literatur festgestellt werden.2, 5–8 Das heißt, dass jeder Patient über eine zwar gut etablierte und Erfolg versprechende Technik aufgeklärt werden kann, allerdings kann man immer noch keine seriös belastbaren Aussagen zur langfristigen Prognose machen, da die entsprechenden Studien schlicht und ergreifend nicht existieren, obwohl positive Verläufe über 10 bis 20 Jahre in Einzelfällen beschrieben sind.

Die Literaturliste kann hier heruntergeladen werden.

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