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Oralchirurgie 30.10.2020

Vertikale und horizontale Kieferkammaugmentation

Vertikale und horizontale Kieferkammaugmentation

Implantatversorgungen im Unterkieferbereich sind eine chirurgisch anspruchsvolle Behandlungsaufgabe – besonders bei einer vorangeschrittenen Kieferkammatrophie. Der vorliegende Fachbeitrag beschreibt eine vertikale und horizontale Kieferkammaugmentation eines stark atrophierten Unterkiefers mithilfe eines alloplastischen Materials. Die Implantatinsertion erfolgte sechs Monate später.

Dem Behandler stehen heutzutage unterschiedliche Knochenersatzmaterialien zur Verfügung. Nach ihrer Herkunft können sie in drei Gruppen unterteilt werden: humane Präparate, Tierpräparate sowie alloplastische Materialien. Mit Letzteren gestaltet sich die Behandlung insofern einfacher, da kein großer Operationsaufwand betrieben werden muss und keine erweiterte Aufklärungspflicht aufgrund ihrer synthetischen Herkunft besteht.

Fraglich ist des Weiteren, ob die autologe Entnahme in der zahnärztlichen Praxis bzw. in der Implantologie überhaupt noch notwendig ist, um gute Resultate zu erzielen.

Tatsächlich kann in der zahnärztlichen Defektchirurgie und Implantologie auf autologe Entnahmen, bis auf wenige Ausnahmen (z. B. bei einem Tumor), verzichtet werden.

Bei dem im Fallbeispiel verwendeten Material handelt es sich um ein reines Beta-Tricalciumphosphat (β-TCP; DentOss, Demedi-Dent), das innerhalb von vier bis sechs Monaten zu einem vitalen implantierbaren Knochen umgewandelt wird. Es besitzt eine hochvernetzte Porosität, die die dreidimensionale Regeneration des Knochens steuert und die vollständige Penetration mit mesenchymalen Stammzellen und Osteoprogenitorzellen ermöglicht.

Fallbeschreibung

Eine 66-jährige Patientin stellt sich in der Praxis vor. Sie ist seit circa 25 Jahren mit einer Totalprothese im Unterkiefer versorgt (Abb. 1). Der Prothesenhalt ist aufgrund einer vorangeschrittenen Kieferkammatrophie (Abb. 2) jedoch ungenügend und der Wunsch nach einer Stabilisierung und damit Wiederherstellung der Kaufunktion groß. Die Patientin wurde über Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt und entschied sich für eine Prothesenversorgung mit Locatoren.

Vertikale Kieferkammaugmentation

Im ersten Schritt wurde ein Mukoperiostlappen mit leichten Entlastungsinzisionen gebildet (Abb. 3). Das Periost wurde mithilfe des Soft Brushing Kits nach Choukroun nur gedehnt und nicht geschlitzt (Abb. 4). Im nächsten Schritt fand eine Auffrischung des Knochens mittels Lindemannfräse statt (Abb. 5). Das hier verwendete alloplastische Knochenersatzmaterial (DentOss, Demedi-Dent) lässt sich leicht modellieren. Bei Defekten ohne ausreichende Blutung wird venöses Blut zum Augmentat hinzugemischt, da dies die Stabilisierung des Augmentats fördert. Eine Membran zur Abdeckung des Augmentats ist nicht notwendig.

Zur Stabilisierung des Augmentats wurden nach apikal versetzte Matratzennähte nach Simonpieri gesetzt (Abb. 6a und b). Diese Nahttechnik ermöglicht eine Verringerung der Zugwirkung bzw. Kontraktion des Weichgewebes, um das Material spannungsfrei einheilen zu lassen. Die radiologische Kontrolle erfolgte nach der Augmentation (Abb. 7). Eine Prothesenkarenz von zwei Monaten ist empfehlenswert.

Implantation, Freilegung und Ausformung

Die Weichgewebeheilung verlief unauffällig (Abb. 8). Nach sechs Monaten wurden vier Implantate primärstabil inseriert (Abb. 9). Zwei Implantate in Regio 34 und 44 mit einem Durchmesser von 3,8 mm und einer Länge von 8,5 mm sowie zwei Implantate in Regio 33 und 43 mit einem Durchmesser von 3,8 mm und einer Länge von 10 mm (Abb. 10). Die Freilegung und prothetische Versorgung erfolgte zweieinhalb Monate nach der Implantation (Abb. 11 und 12).

Fazit

Das hier beschriebene Fallbeispiel zeigt, dass sich die neuen β-TCP zur vertikalen und horizontalen Kieferkammaugmentation eines stark resorbierten Unterkiefers eignen. Mit den richtigen Techniken (Brushing, Nahttechnik) wird das Weichgewebe gedehnt und kann spannungsfrei adaptiert werden. Der Defektraum wird vergrößert und das Knochenaufbaumaterial kann ungestört zu eigenem Knochen umgewandelt werden. So ist es möglich, den Unterkiefer mit Implantaten zu versorgen.

Der Beitrag ist im Oralchirurgie Journal erschienen.

Foto Teaserbild: Autor

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