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Oralchirurgie 28.02.2011

Therapiemöglichkeiten der nasopalatinen Zyste

Therapiemöglichkeiten der nasopalatinen Zyste

Die häufigste nicht odontogene Zyste im Mund-Kiefer-Bereich ist die ­nasopalatinale Zyste. Verursacht durch proliferierende Epithelreste des nasopalatinalen Ductus kann sie in allen Altersgruppen auftreten.

Konnte eine Zyste diagnostiziert werden und ist die Entscheidung, sie operativ zu entfernen, gefallen, ist die Therapie der Wahl meistens die Enukleation mit palatinalem Zugang (Abb. 1 bis 4), aber auch der bukkale Zugang kann in bestimmten Situationen gewählt werden (Abb. 5 bis 8). In der Literatur wurde auch die Marsupialisation (Zystostomie = Partsch I) beschrieben, insbesondere bei Zysten mit größerer Ausdehnung (Schiff et al. 1969, Nortjé & Farman 1978). Diese Technik wurde dann gewählt, wenn eine persistierende Fistel oder die Devitalisation von Zähnen befürchtet wurde. Es gibt keine Studie, welche eindeutig beschreibt bzw. festlegt, ab welcher Größe und/oder Ausdehnung welche Therapie gewählt werden sollte. Allgemein überwog jedoch die Enukleation als Therapie der Wahl in der Literatur (Bodin et al. 1986, Vasconcelos et al. 1999, Elliott et al. 2004).


Als postoperative Komplikationen wurden Nachblutungen, Infektionen, persistierende Fistelungen (oro-nasal, oro-antral), Devitalistation von Zähnen und Parästhesien im vorderen Gaumenbereich beschrieben. Bei Bodin et al. (1986) kam es nach 67 operativ entfernten nasopalatinalen Zysten bei vier Patienten zu einer Nachblutung, bei sechs zu einer Infektion, bei einem zu einer vorübergehenden Parästhesie und bei einem zu neuralgiformen Schmerzen. Anneroth et al. (1986) untersuchten 32 Patienten in der Nachsorge und stellten bei drei (9%) eine Hypersensitivität der palatinalen Gingiva, bei einem eine persistierende Fistel und bei einem eine Devitalisation eines Inzisiven fest. Zu bemerken ist, dass obwohl ­einige Nervenfasern des N. nasopalatinus oft bei der Enukleation mitentfernt wurden, Parästhesien in weniger als 10% der Patienten festzustellen waren. Bleibende Parästhesien des N. nasopalatinus sind allgemein sehr selten. Eine Studie zeigte, dass nach der Durchtrennung des Nervengefäßbündels am Foramen incisivum zur besseren Übersicht bei der operativen Entfernung von 59 impaktierten Eckzähnen nach einer Woche bei allen Patienten eine Parästhesie vorhanden war. Nach vier Wochen war jedoch bei keinem Patienten mehr eine subjektive oder objektive Sensibilitätsstörung festzustellen.

Das mit 23 Jahren relativ niedrige Durchschnittsalter dieser Patientengruppe könnte unter anderem für diese vorteilhafte Regeneration verantwortlich sein (Filippi et al. 1999). In früheren ähnlichen klinischen ­Studien wurden in Einzelfällen bei älteren Patienten bleibende neurologische Ausfälle nach Durchtrennung des N. nasopalatinus beobachtet (Langford 1989, Magennis 1990).

Heilungsverlauf und Rezidive


Bei gut verlaufender Wundheilung wurden bei radiologischen Kontrollen bereits nach einigen Monaten knöcherne Strukturen in der ursprünglich zystischen Kavität festgestellt (Terry & Bolanos 1989, Gnanasekhar et al. 1995). Bei der radiologischen Dreijahresnachkontrolle beschrieben Anneroth et al. (1986) eine vollständige knöcherne Regeneration bei 82% der operierten Patienten. Bei den übrigen fünf Patienten (18%) konnten Restdefekte von über 6mm festgestellt werden, zwei davon zeigten eine kontinuierliche aber langsame Heilung, bei weiteren zwei Fällen wurde keine knöcherne Regeneration beobachtet, der letzte Patient klagte über einen schlechten Geschmack und Druckempfindlichkeit, wobei eine persistierende Fistel bemerkt wurde. Bei ihm wurde ein zweiter operativer Eingriff geplant. Obwohl nur von etwas mehr als der Hälfte der Patienten (zwölf von initial 22) die Daten zur Nachkontrolle über einen Zeitraum von ­einem bis neun Jahren vorhanden waren, zeigte sich bei ­Allard et al. (1981) die gleiche Tendenz ­einer im Allgemeinen guten Regeneration. Bei neun ­Patienten konnte eine vollständige und bei drei eine gut fortgeschrittene knöcherne Heilung gesehen werden. Ein Patient zeigte nach über sechs Jahren eine ­persistierende röntgenologische Aufhellung von 7mm, lehnte jedoch, da er symptomfrei war, einen chirurgischen Zweit­eingriff ab.

Eine deutlich höhere Anzahl von Zweiteingriffen wurde von der Gruppe um Bodin und Mitarbeitern (1986) berichtet. Sie führten bei acht (16%) von 51 nachkontrollierten Patienten, bei welchen sie ein Rezidiv vermuteten, eine Revision durch. Ob es sich dabei tatsächlich um Rezidive gehandelt hatte, wurde aber nicht erwähnt. Bei einem größeren Patientenpool von 334 Patienten wurden sieben Rezidive (2%) in einem Zeitraum von drei Monaten bis sechs Jahren erwähnt, ohne dass dabei detaillierte Angaben publiziert wurden. Spezielle Gründe für die ­aufgetretenen Rezidive konnten nicht eruiert werden (Swanson et al. 1991). Obwohl keine Daten über einen ­längeren Zeitraum gefunden wurden und die nach­untersuchten Patientengruppen klein waren, kann zusammenfassend gesagt werden, dass nach präziser chirurgischer Enukleation eine geringe Rezidivrate bei nasopalatinalen Zysten zu erwarten ist.

Schlussfolgerungen


Bei der nasopalatinalen Zyste handelt es sich um die häufigste nicht odontogene Zyste im Kieferbereich. Häufig wird die Diagnose als Zufallsbefund auf dem Röntgenbild gestellt. Dabei ist es radiologisch oft schwierig, die Zyste von einem erweiterten Foramen incisivum zu unterscheiden, da Normvarianten des Foramen incisivum mit bis zu 10mm Ausdehnung gemessen wurden. Nur selten zeigen sich klinische Beschwerden wie Schwellungen und Schmerzen im Bereich der Papilla incisiva oder in der Mitte des labialen Alveolarkammes, sowie Ausfluss muköser oder eitriger Zystenflüssigkeit. Differenzialdiagnostisch muss die nasopalatinale Zyste vor allem von der radikulären Zyste abgegrenzt werden. Sowohl die Vitalität der Zähne wie auch die Erhaltung der Lamina dura und des Desmodontalspaltes der zentralen Inzisiven auf dem Röntgenbild sprechen eher für eine nasopalatinale Zyste. Weiter kommen auch die Keratozyste und odontogene bzw. nicht odontogene Tumore infrage. Die endgültige Diagnose kann aber in der Regel erst nach einer histopathologischen Untersuchung gestellt werden. Die Therapie besteht in den meisten Fällen aus der Enukleation bzw. Zystektomie (Partsch II). Die Prognose nach einer Zystenoperation ist sehr gut. Nur selten kommt es zu Rezidiven und auch bleibende Parästhesien des N. nasopalatinus scheinen kein klinisch relevantes Problem darzustellen.

Dank

Die Autoren möchten Frau Anna-Christina Zysset, Schweizer Monatsschrift für Zahnmedizin, herzlich für die Erlaubnis danken, unsere Publikation (Suter VG, ­Altermatt HJ, Voegelin TC, Bornstein MM: Die nasopalatinale Zyste – Epidemiologie, Diagnostik und Therapie. Schweiz Monatsschr Zahnmed 2007; 117: 825–839) in dieser aktualisierten und modifizierten Version veröffentlichten zu dürfen.

Der vorliegende Artikel stellt eine aktualisierte und überarbeitete Version der folgenden Publikation dar: Suter VG, Altermatt HJ, Voegelin TC, Bornstein MM: Die nasopala­tinale Zyste – Epidemiologie, Diagnostik und Therapie. Schweiz Monatsschr Zahnmed 2007;117: 825–839.

Eine ausführliche Literaturliste finden Sie hier.

Dr. Valérie G. A. Suter, Prof. Dr. Hans Jörg Altermatt, Dr. Thomas C. Voegelin, Priv.-Doz. Dr. Michael M. Bornstein

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