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Prophylaxe 14.02.2013

Eine Herausforderung für die ­Zahnarztpraxis: die Zielgruppe 50+

Eine Herausforderung für die ­Zahnarztpraxis: die Zielgruppe 50+

In den kommenden Jahrzehnten wird sich die Altersstruktur der deutschen Gesamtbevölkerung wesentlich verändern. Der demografische Wandel ist bereits jetzt in aller Munde und wird schon bald seine Tribute fordern. Solche sind nicht nur von der Politik zu entrichten, sondern auch im zahnmedizinischen Alltag wird sich vieles ändern.

Bis 2020 werden 47% der Bürger über 50 Jahre alt sein. 2008 waren es noch 39%. Unsere Bevölkerungs­pyramide wird bildlich gesprochen zu einer Urne werden. Von dieser Entwicklung ist Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Ländern im besonderen Maß betroffen. Deshalb gilt es, sich vor allem hierzulande ­dezidiert mit der wachsenden Patientengruppe 50+ auseinanderzusetzen. Doch vor welche Herausforderungen und Anforderungen wird dieser Patient seine Zahnarztpraxis in Zukunft stellen?

Ältere Menschen bringen von sich aus mehr sowie ­verschiedenartigere gesundheitliche Probleme mit als ­jüngere. Diese kann man in drei Bereiche unterteilen:
1.    Physiologische Probleme
2.    Psychologische Probleme
3.    Allgemeine Probleme

Aus körperlicher Sicht unterliegen alte Menschen zum ­einen generell oft altersbedingten Einschränkungen. So kann die Mobilität leiden oder die Sinnesorgane geschädigt sein. Es gilt, sich also schon vor dem eigentlichen ­Praxisbesuchs ihres Patienten Gedanken darüber zu machen, ob dieser zum Beispiel problemlos Zugang zu den Räumlichkeiten hat, es eine Rampe für Rollstuhlfahrer oder einen Aufzug für gehbehinderte Patienten gibt. Ferner ist es auch kein Fehler, immer eine Lesebrille in der ­Praxis auf Lager zu haben. Eine solche wird von den Patienten nämlich gerne daheim vergessen und fehlt dann zum Beispiel beim Ausfüllen des ­Anamnesebogens. Auch eine Nackenrolle für die Behandlung selber erhöht den Komfort und zeigt die Service­orientierung ihrer Praxis.

Des Weiteren gibt es auch spezielle altersbedingte Erkrankungen im Mund- und Kieferbereich. So zeigt eine Untersuchung der Deutschen Mundgesundheitsstudie IV, dass vor allem bei älteren Menschen das Vorkommen von Wurzelkaries gestiegen ist. Bei den 65–74-Jährigen bis zu 29,5 Prozentpunkte. Der lange Erhalt der Zähne bis ins hohe Alter ist ein Grund hierfür. Weiterhin neigen sie eher zu Parodontitis. 39,8% der Senioren leiden hieran. Darüber hinaus liegen bei älteren Menschen oft schwierigere psychische Gegebenheiten vor, welche eine ­besondere Sensibilität vom gesamten Praxispersonal fordern. Ausdruck hiervon können beispielsweise eine ausgeprägte „Starrsinnigkeit“, eine geringe Anpassungsfähigkeit oder besondere Ängstlichkeit sein. Es empfiehlt sich daher, schon am Empfang ein grobes ­Gesamtbild des Patienten zu zeichnen, welches neben der Stimmungslage auch körperliche Auffälligkeiten festhält. Diese Informationen können bei der späteren Behandlung hilfreich sein. Entsprechende Checklisten sind bei speziellen Beratungsagenturen erhältlich (weitere Infos unter www.beckundco.info). Neben diesen physiologischen und psychologischen ­Aspekten treten noch generelle veränderte Lebens­umstände hinzu, die es zu beachten gilt. Hierzu zählen unter anderem die Ernährung, die Wohnsituation sowie das soziale Umfeld.

Wie sollte eine Zahnarztpraxis reagieren?


Fakt ist, dass ihr Patientenstamm immer älter werden wird. Jedoch handelt es sich dabei um eine überaus heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Profilen. Nicht jeder Patient über 70 ist gehbehindert, aber auch nicht jeder Patient mit 50 noch topfit. Deshalb ist es die Aufgabe des Praxisteams, sich mit jedem Patienten in­dividuell und ausführlich auseinanderzusetzen. Eine gründliche Anamnese ist daher Pflicht und hilft bei der Kür einer patientengerechten Behandlung. Dazu gehört auch, sich ein detailliertes Gesamtbild über die Krankheitsgeschichte zu machen. So ist bei älteren Menschen oft mit einer Multimorbidität zu rechnen. Daraus ergeben sich Schlüsse und Folgen für die eigene Behandlung. Denn so wie der Mundbereich Aufschluss über Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten gibt, kann man von anderen medizinischen Disziplinen auch bei Mund- und Kiefererkrankungen profitieren. Oft müssen auch Medikamente aufeinander abgestimmt werden. Diesen interdisziplinären Austausch sollte man sich in der ­Anamnese bei der Patientengruppe 50+ verstärkt zunutze machen. Oft wird auch die Pflege des Anamnesebogens vernachlässigt, was zur Folge haben kann, dass wichtige Informationen nicht bekannt sind. Daher empfiehlt es sich, den Bogen mindestens einmal im Jahr ­gemeinsam mit dem Patienten zu aktualisieren. Damit geht aber auch ein gesteigerter Zeitaufwand einher, welchen es in der Praxisplanung zu berücksichtigen gilt.

Auch die professionelle Zahnreinigung spielt bei älteren Patienten eine gesteigerte Rolle. Zum einen macht der erhöhte Einsatz von Prothesen und sonstigem Zahnersatz eine regelmäßige Säuberung unverzichtbar, denn auch hier bleiben Beläge haften, welche später Entzündungen in der Mundhöhle verursachen können. Weiterhin ist die damit verbundene Kontrolle der Mundschleimhaut von großem Belang. So können bei einer gründlichen Untersuchung der Schleimhaut schon früh Anzeichen für ­Allgemeinerkrankungen diagnostiziert werden. Zudem spielt bei älteren Menschen die Schleimhautbefeuchtung eine gesteigerte Rolle. Die Einnahme verschiedener Medikament sowie die verringerte Flüssigkeitszufuhr im Alter kann diese nämlich austrocknen und so das Risiko für Karies und Gingivitis erhöhen. Ein geringer Speichelanteil im Mund ist bei älteren Menschen oft auch Grund für Mundgeruch. Daher gilt es bei der professionellen Zahnreinigung auch die Zungenhygiene zu beachten. Weiterhin ist bekannt, dass ältere Patienten verstärkt
zu Zahnhalskaries, Parodontitis und Zahnhalsüberempfindlichkeit neigen. Um diese Risikostellen zu erkennen ist es ratsam, verstärkt mit dem dentalen Befund, dem ­Parodontalen Screening Index (PSI) und weiteren parodontalen Untersuchungsergebnissen zu arbeiten. Auch das Sichtbarmachen von betroffenen Stellen durch Mundhygienebefunde sollte Teil der professionellen Zahnreinigung sein. Ferner kann dem Patienten durch die Anwendung von Desensibilisierungspaste vor der ­Behandlung viel Schmerz erspart bleiben. Eine wichtige Rolle bei der zahnmedizinischen Behandlung älterer Menschen spielt auch die Prophylaxe, welche bei den Dritten nicht Stopp macht. Hier gilt der Grundsatz: Jeder eigene Zahn ist Gold wert. Denn auch nur wenige eigene Zähne bieten ihrem Patienten eine komfortable Kaufunktion und verdienen deswegen bei der Prophylaxe besondere Aufmerksamkeit. Durch das gesteigerte Karies- und Parodontitisrisiko bei älteren Menschen sollte auch das regelmäßige Biofilm-Mana­gement mit Glycinpulver nicht vergessen werden. Zahnmedizinische Prävention bedeutet aber nicht nur die ­Behandlung in der Praxis vor Ort, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Patienten und seinen Eigenschaften. So ist es wünschenswert, dass Praxismitarbeiterinnen und Praxismitarbeiter erkennen, an welchen Stellen ihr Patient unter Umständen körperlich Schwierigkeiten bei der Zahnpflege hat und wie diese gelöst werden können. So könnte ein engagierter Mitarbeiter zum Beispiel einen Griffverstärker für Rheumapatienten oder eine Superbrush für Patienten mit bestimmten Behinderungen empfehlen.
Fazit: „Das Leben hinterlässt Spuren, auch auf den Zähnen.“ Doch nicht nur dort. Die wachsende Patientengruppe 50+ stellt Zahnarztpraxen in vielerlei Hinsicht vor neue Herausforderungen. Körperliche Gebrechen und geistige Veränderungen müssen berücksichtigt werden. Die steigende Zahl der Patientengruppe 50+ ist nicht Problem, sondern Herausforderung, und die Zahnarztpraxis der Zukunft muss darauf eingestellt sein.

Autoren: Sonja Bethke, Bianca Beck

Foto: © Monkey Business Images - Shutterstock.com
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