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Prophylaxe 28.02.2011

Erosionen: ein Problem für jeden Jahrgang

Erosionen: ein Problem für jeden Jahrgang

Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, wegen einer Erkrankung einer Dauermedikation zu unterliegen. Eine große Zahl von Arzneimitteln hat jedoch einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Speicheldrüsenfunktion. Im Falle eines reduzierten Speichelflusses können daher auch präventiv verabreichte Medikamente und saure ­Mundhygieneprodukte zu beachtlichen Zahnhartsubstanzschäden führen.

Erosionen im Schmelz- und Dentinbereich wurden in den zurückliegenden Jahren vielfach untersucht und beschrieben. Der Fokus der meisten Publikationen lag jedoch auf der Wirkung von Säuren mit intrinsichen oder extrinsischen Quellen. Bei Letzteren handelt es sich häufig um säurehaltige Erfrischungs- und Lifestyle-Getränke sowie um die Einflüsse von (säurehaltigem) Obst und Gemüse. Wenig Beachtung fand die Erosionsproblematik jedoch bei Patienten höheren Alters.

Arzneimittel – direkte und versteckte Gefahr


Während das Alter selbst nur einen geringen Einfluss auf die Speichelsekretion hat, führt die bei vielen ­Grunderkrankungen notwendige Medikation zu einer Reduzierung des Speichelflusses. Hierzu zählen Antihistaminika, Antimetika und Anti-Parkinsonmittel; gleichzeitig führt die Verabreichung von Beruhigungsmitteln zu einer Speichelflusserniedrigung. Weit über 400 Medikamente beeinflussen die Speicheldrüsenfunktion.

In vielen Fällen handelt sich dabei um eine subjektiv ­empfundene Mundtrockenheit, die als Xerostomie bezeichnet wird. Demgegenüber können Verletzungen, Erkrankungen, Operationen oder tumortherapeutische Bestrahlungen der Speicheldrüsen häufig zu einer objektiv messbaren Mundtrockenheit führen, die dann als Hyposalivation bezeichnet wird.



Klinische Darstellung einer 68-jährigen Patientin mit medikamenteninduziert reduziertem Speichelfluss. Der regelmäßige, langjährige Genuss von in Wasser aufgelöstem Aspirin hat in Verbindung mit den regelmäßig durchgeführten Mundhygienemaßnahmen zu einer ausgeprägten Erosion-Abrasion im Bereich der unteren Frontzähne geführt.

Zu den häufig verwendeten Säuren gehören (neben den bereits erwähnten Getränken) auch Medikamente mit primär präventiver Ausrichtung. Bekanntes Beispiel hierfür ist Acetylsalizylsäure (der Wirkstoff von Aspirin), die nicht nur (einmalig) gegen Kopfschmerzen, sondern sehr häufig auch als entzündungshemmendes oder blutverdünnendes Medikament in regelmäßiger Form eingenommen wird. Darüber hinaus gibt es viele Patienten, die regelmäßig Ascorbinsäure (Vitamin C) zu sich nehmen. Sie ist stärker als Essigsäure und hat somit ein beträchtliches erosives Potenzial.

Weniger bekannt sind salzsäurehaltige Medikamente, die bei Magenerkrankungen verabreicht werden. Es liegt auf der Hand, dass die genannten Präparate potenziell zu erheblichen Schäden der Zahnhartsubstanzen führen können, wenn sie regelmäßig eingenommen werden und somit auf Schmelz und Dentin einwirken können (z.B. auch bei langem Verbleib in der Mundhöhle, wenn die Präparate nicht gleich geschluckt, sondern zunächst gekaut werden). Die zu erwartenden Schäden sind bei Patienten, die unter ­mangelndem Speichelfluss leiden, besonders akzentuiert.

Folgen für die Zahngesundheit


Nach einem Säureangriff (dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich um von Bakterien gebildete Milchsäure oder um Zitronensäure aus Orangensaft handelt), erfolgt der Angriff der freigesetzten Protonen auf die anionischen Bestandteile der Zahnhartsubstanz (Hydroxal- und Phosphationen). Der anionische Säurerest kann gleichzeitig mit dem kationischen Kalzium reagieren, sodass ein bei vereinzeltem Genuss von säurehaltigen Lebensmitteln zunächst vergleichsweise kleiner Schaden resultiert. Diese angegriffenen Bereiche werden bei speichelgesunden Patienten regelmäßig repariert (remineralisiert), indem Fehlstellen mit Kalzium aus dem Speichel ersetzt werden. Bei Patienten mit eingeschränkter Speichelfunktion kann dieser Reparaturmechanismus allerdings nicht mehr greifen. Von Säuren angegriffene Zahnhartsubstanzen können also nicht mehr repariert werden und sind auch weiteren Säureangriffen weitgehend schutzlos ausgesetzt.

Mundhygieneprodukte: nicht immer eine Hilfe


Ebenfalls kaum bekannt und daher in der Regel unterschätzt ist die Tatsache, dass viele Mundhygieneprodukte nicht nur abrasiv sind (bekannt durch die RDA-Werte bei Zahnpasten), sondern aufgrund des Säure­gehaltes auch erosiv wirken können.

Antizahnstein- oder Fluoridlösungen können EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) oder andere Säuren enthalten und haben in diesen Fällen häufig einen niedrigen pH-Wert. Hintergrund ist der Umstand, dass Fluoride in saurer Umgebung besser mit der Zahnhartsubstanz reagieren.

Zu den bekannten Produkten gehören beispielsweise Hexitidin-Lösungen, aber auch Listerine, Meridol oder Elmex Gelée, bei denen insbesondere bei Abwesenheit von Speichel teilweise eine erosive oder dentinerweichende Wirkung nachgewiesen werden konnte. Während diese Produkte bei speichelgesunden Patienten kaum schädliche Wirkung entfalten, sollte deren Einsatz insbesondere bei Patienten mit ausgeprägter Hyposalivation mit entsprechender Zurückhaltung erfolgen. Dies gilt nicht zuletzt auch für Speichelersatzmittel; ein weitverbreitetes Produkt (Glandosane) enthält ebenfalls EDTA und kann bei Patienten mit stark reduziertem Speichelfluss Demineralisationen hervorrufen.

Präventive Ansätze


Aus zahnärztlicher Sicht ist hervorzuheben, dass insbesondere Patienten mit reduziertem Speichelfluss in nicht mehr ausreichendem Maße zu reparierenden Leistungen initialer Säureschäden in der Lage sind. Dies sollte daher nicht zuletzt den Patienten vermittelt werden, die häufig nicht um die Auswirkungen wissen und sich bei unbedachter Verwendung einem vermeidbaren Erosionsrisiko aussetzen. Aus diesem Grund sind bei ihnen Strategien zu etablieren, die primär auf die Vermeidung säurehaltiger Genussmittel, Medikamente und Mundhygieneprodukte zielen.

Autor: Prof. Dr. Andrej M. Kielbassa, OA Dr. Peter Tschoppe

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