Prophylaxe 08.08.2011
„So schwer ist eine optimale Plaqueentfernung“
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29 Studierende der Zahnmedizin im sechsten Semester an der Universität Marburg traten am Anfang dieses Jahres in der Abteilung Parodontologie des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde zur örtlichen Zahnputz-Olympiade an. Die Wettbewerbsleiterin Prof. Dr. Nicole B. Arweiler erläutert in unserem Interview die Modalitäten und nutzt die Gelegenheit, aus den Ergebnissen und ihrer eigenen Forschung Tipps für die zahnärztliche Praxis abzuleiten.
Frau
Prof. Arweiler, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine
Zahnputz-Olympiade zu organisieren?
Der Mensch hat in seiner
Geschichte in den unterschiedlichsten Disziplinen Wettbewerbe
veranstaltet. Das Zähneputzen liegt doch sogar sehr nahe, weil wir es
täglich ausüben. Noch vertrauter sollte es den Studierenden der
Zahnmedizin sein. Die Zahnputz-Olympiade habe ich mir nicht selbst
ausgedacht. Sie blickt unter den Studierenden und Ehemaligen der
Universität Marburg heute bereits auf eine über 20-jährige Tradition
zurück. Allerdings habe ich diesmal einen persönlichen Akzent gesetzt und
die Teilnehmer mit einer Elektrozahnbürste, der Oral-B Triumph mit SmartGuide,
putzen lassen.
Nach welchem Verfahren erfassen Sie anschließend, wie
gut das Putzergebnis ist?
Wir haben das Ziel, eine sinnvolle und schnelle
Bestimmung der Restplaque vorzunehmen. Darum verwenden wir den
Approximalen Plaque Index (API), bei dem der Untersucher für die einzelnen inspizierten
Zahnflächen eine Ja- Nein-Entscheidung trifft, das heißt: „Restplaque
vorhanden“ oder „Restplaque nicht vorhanden“. Bei dieser visuellen Bestimmung
haben wir auf ein kommerzielles Plaque-Anfärbemittel zurückgegriffen,
dessen Inhaltsstoffe über eine Ankopplung an Proteine ältere Zahnbeläge
dunkelblau und neue rötlich-lila erscheinen lassen. Über eine Technik
zur Bestimmung der prozentualen Plaquebedeckung der Zähne mittels digitaler
Fotografien und anschließender Softwareauswertung, ähnlich wie es Procter
& Gamble in der Forschung und Entwicklung in Kronberg einsetzt,
verfügen wir in Marburg zwar auch. Für die Zahnputz-Olympiade schien
es mir aber überdimensioniert.
Wie sahen die Ergebnisse der Putz- Olympiade
aus?
Gewonnen hat Frau Thira Walke und dafür verdientermaßen eine
Oral-B Triumph mit SmartGuide bekommen, wie übrigens alle anderen
Teilnehmer auch. So weit das amtliche Endergebnis. Die Studenten
empfanden ihre Putzergebnisse als überraschend schlecht. Sie hätten
zu Anfang getippt, dass sie nahe an eine 100-prozentige Plaqueentfernung herankommen,
und so war es einfach nicht. Auch diesmal standen wir mit dem
Ergebnis in der Tradition der vergangenen 20 Jahre. Damit habe ich aber
ein Studienziel erreicht: Bevor unsere Studierenden im Praktikum Patienten erklären,
wie sie ihre Zähne putzen sollen, und dabei vielleicht sogar Rügen erteilen,
haben sie am eigenen Leibe erfahren, wie schwer ein Top-Putzergebnis zu
erzielen ist.
Welche Unterschiede ließen sich zwischen dem
manuellen Putzen in den Vorjahren und dem elektrischen Putzen feststellen?
Es
ist schwer, aufgrund der numerischen Resultate unserer Putz-Olympiade ein
Urteil darüber abzugeben, es handelt sich ja nicht um eine klinisch kontrollierte
Studie. Von den 29 diesjährigen Teilnehmern verwendeten bisher nur
drei bei ihrer häuslichen Mundpflege eine Elektrozahnbürste. Bei
vielen der übrigen 26 konnte ich feststellen: Sie waren schlicht mit der
Handhabung nicht vertraut und schrubbten mit der elektrischen teilweise wie
ungeschickte Patienten mit einer manuellen Zahnbürste. Auf einem Videoclip,
den die lokale Zeitung Oberhessische Presse bei unserer Olympiade gedreht
hat, habe ich das im Nachhinein noch einmal sehr deutlich verfolgen können.
Das zeigt, wie wichtig es ist, dem Anwender die richtige Handhabung seiner
Zahnbürste eingehend zu erläutern. Es ist doch so: Die Gruppenprophylaxe im
Kindergarten und in den Schulen funktioniert wunderbar – Motivation
Spitze! Aber die spätere individuelle Mundpflege scheint mir optimierungsbedürftig
zu sein.
Wie sollte man demnach als Zahnärztin oder Zahnarzt seine
Patienten beraten?
Auf jeden Fall zunächst beobachten! Bei der
Putz-Olympiade bin ich auch zunächst davon ausgegangen, dass die Teilnehmer
es von selbst können. Beim nächsten Mal muss ich mich wirklich einmal
bewusst neben jeden stellen, eventuell Aufzeichnungen machen und dann
eingreifen. Genauso ist die Situation zwischen Zahnarzt und Patient. Dieser
merkt seine eigenen Schwächen nicht. Der Zahnarzt muss sie erkennen, sie
ihm mitteilen – und dann kommt das Üben. Einen wesentlichen Punkt zum Einstieg
stellt die Basisinstruktion zur Anwendung einer Zahnbürste dar, auch einer
elektrischen mit 3-D-Technologie. Nur wer sie richtig einsetzt, pro - fitiert
von ihrer Überlegenheit in der Plaqueentfernung und Gingivitisbekämpfung, die
in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen ist.
Nun stellt die
tägliche Mundpflege eine wichtige Lebensroutine dar, aber – um es
einmal salopp zu sagen – für die meisten doch nicht den Lebensmittelpunkt. Was
lässt sich realistisch überhaupt erreichen?
In der Praxis halte
ich mindestens die Einhaltung einer Putzdauer von zwei Minuten für
möglich. Zu viele Patienten machen nach 45 Sekunden Schluss. Dann
haben sich ein guter Geschmack im Mund und ein gewisses Frischegefühl eingestellt.
Ich denke: Wer eine elektrische Zahnbürste verwendet, wird die
empfohlene Putzzeit einhalten, insbesondere wenn ihm akustische und
visuelle Signale des Geräts dabei helfen. Die Aufgabe des Zahnarztes
liegt in der regelmäßigen Remotivation und Reinstruktion.
Welche
Hilfsmittel können Sie aufgrund Ihrer persönlichen Forschungstätigkeit zusätzlich
empfehlen?
Zunächst muss das Zähneputzen durch eine
Zwischenraumhygiene ergänzt werden: Ich empfehle hier eher grazile Zwischenraumbürstchen
als die klassische Zahnseide. Mein Forschungsfeld sind die antibakteriellen Wirkstoffe – sprich: die klassischen Mundspüllösungen
und insbesondere Chlorhexidin. Die verfügbaren Präparate wirken
relativ breit und senken insbesondere bei Anwesenheit vieler Keime in
der Mundhöhle die Gesamtzahl deutlich. In Abhängigkeit von der Zellwand
der Mikroorganismen werden dabei einige stärker dezimiert als andere.
Wir führen dazu in unserer Arbeitsgruppe laborbasierte Untersuchungen durch,
aber nicht mit einzelnen Bakterien, sondern mit Biofilmen. Auf diese
Weise können wir den Verhältnissen in der Mundhöhle besonders nahe
kommen. Im Allgemeinen lässt sich für die Praxis sagen: Mundspüllösungen sollte
jeder benutzen, der seine Mundhygiene verbessern muss und in diesem
Sinne als Risikopatient eingestuft wird. Das betrifft zum Beispiel Senioren,
Menschen mit einer Behinderung, Patienten in der Zeit nach einer
Operation und alle, die aus anderen Gründen nicht optimal putzen können.
Sie brauchen zusätzlich einen Tick Chemie, der die Keime in der Restplaque abtötet.
Wenn
Sie einmal eine Schlussfolgerung Ihrer Erfahrungen ziehen sollten: Welche einfache
Maßnahme wirkt beim Prophylaxepatienten am effektivsten?
Ja, wenn
man das generell wüsste! Der wichtigste Ratschlag scheint mir aber zu
sein, individuell auf den Patienten einzugehen. Was soll zum Beispiel ein Kariesrisikopatient
mit einer Parodontitis- Broschüre oder umgekehrt? Darüber hinaus ist
das A und O: Binden Sie den Patienten in ein Nachsorge - programm
ein, denn Prophylaxe ist eine langfristige Maßnahme. Sie müssen als Zahnarzt
die Möglichkeit haben, über einen gewissen Zeitraum zu beobachten, worauf
der betreffende Mensch reagiert, was er an Ratschlägen annimmt, was
für ihn zu kompliziert ist und an welcher Stelle er eine zusätzliche
Instruktion braucht.
Frau Prof. Arweiler, vielen Dank für das Gespräch.