Branchenmeldungen 24.09.2026

Berner Studie zeigt: Kinderärztinnen und -ärzte fehlen – je nach Kanton massiv

UNIVERSITÄT BERN – In der Schweiz kommt im Schnitt eine Vollzeit arbeitende Kinderärztin bzw. ein Kinderarzt auf rund 1’600 Kinder – weit mehr, als pro Ärztin oder Arzt empfohlen wird. Eine neue Studie der Universität Bern zeigt, wie ungleich die kinderärztliche Grundversorgung regional verteilt ist und welche Faktoren zu den Engpässen in einzelnen Kantonen beitragen.

Berner Studie zeigt: Kinderärztinnen und -ärzte fehlen – je nach Kanton massiv

Foto: STUDIO GRAND OUEST – stock.adobe.com

Kinderärztinnen und -ärzte sind die ersten Ansprechpersonen für Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und akute Erkrankungen von Kindern. Seit einigen Jahren berichten Eltern und Fachpersonen von Schwierigkeiten, einen Kinderarzt oder eine Kinderärztin zu finden oder in dringenden Fällen rasch einen Termin zu erhalten. Viele Familien weichen deshalb auf Notfallstationen der Kinderspitäler aus – auch bei Bagatellfällen. Das belastet das Gesundheitssystem zusätzlich. Zwar ist die durchschnittliche Anzahl Kinderärztinnen und -ärzte in der Schweiz im internationalen Vergleich nicht schlecht. Für den tatsächlichen Zugang zur medizinischen Versorgung entscheidend sind aber ihre regionale Verteilung und ihr effektives Arbeitspensum. Wie die aktuelle Versorgungslage im Detail aussieht und welche Faktoren die Unterschiede in der Grundversorgung von Kindern erklären, war bisher jedoch nur unzureichend bekannt.

Ein Forschungsteam unter Prof. Dr. Claudia Kuehni, Leiterin der Forschungsgruppe Kinder- und Jugendgesundheit und Professorin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern hat gemeinsam mit der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (pädiatrie Schweiz) die aktuelle Situation der kinderärztlichen Grundversorgung systematisch untersucht. Die Studie zeigt, dass Engpässe durch Kinderärztemangel, Teilzeitarbeit, ungünstige finanzielle Anreize und zunehmend schwierige Arbeitsbedingungen zu grossen regionalen Unterschieden in der medizinischen Grundversorgung für Kinder führen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Swiss Medical Weekly publiziert.

Landesweite Umfrage bei Kinderärztinnen und Kinderärzten

Für die Studie wurden alle klinisch tätigen, fachärztlich ausgebildeten Mitglieder von pädiatrie schweiz online befragt. Rund 60 Prozent nahmen an der Umfrage teil. Dr. med. Lorenz Leuenberger, Erstautor der Studie, Kinderarzt in Ausbildung und Doktorand der Graduate School for Health Sciences an der Universität Bern sagt: «Die grosse Rücklaufquote macht die Studie sehr repräsentativ und zeigt, wie wichtig den Grundversorgern das Thema ist.» Die Umfrageergebnisse wurden mit offiziellen Daten der Schweizerischen Ärztegesellschaft FMH und des Bundesamtes für Statistik kombiniert. So konnte berechnet werden, wie viele Kinder pro vollzeitäquivalenter Kinderärztin bzw. Kinderarzt in jedem Kanton versorgt werden – und unter welchen Arbeitsbedingungen. «Dank unserer engen Vernetzung mit den Kinderspitälern und Kinderärztinnen und -ärzten in eigener Praxis konnten wir Daten zusammenführen, die bisher so nicht vorhanden waren», erklärt Prof. Dr. med. Claudia E. Kuehni, Letztautorin der Studie und fügt an: «Das schafft Grundlagen für eine evidenzbasierte Gesundheitspolitik.»

Markante Unterschiede zwischen den Kantonen

Im Jahr 2024 arbeiteten in der Schweiz 1’499 Kinderärztinnen und -ärzte in der Grundversorgung – schätzungsweise 1’017 Vollzeitäquivalente. Das entspricht durchschnittlich etwa einer vollzeitarbeitenden Kinderärztin bzw. einem Kinderarzt für 1’600 Kinder unter 18 Jahren. Zum Vergleich: Für die Erwachsenenmedizin empfiehlt die FMH eine Hausärztin oder einen Hausarzt pro 1’000 Einwohner – wobei die meisten medizinischen Termine bei Kindern zeitaufwendiger sind. Besonders auffällig sind die regionalen Unterschiede: In den Kantonen Genf (etwa 1 FTE pro 750 Kinder), Basel-Stadt, Waadt und Tessin (je rund 1 pro 1’100 Kinder) ist die Versorgung deutlich besser. In Kantonen wie Appenzell Ausserrhoden (1 pro 4’750 Kinder), Obwalden (1 pro 4’150), Schaffhausen (1 pro 3’550) oder Thurgau (1 pro 3’100) ist die Dichte an Kinderärztinnen und -ärzten hingegen sehr niedrig.

Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, in ihrer Region einen Mangel an kinderärztlicher Grundversorgung wahrzunehmen – in ländlichen Gebieten deutlich häufiger als in städtischen. «Wir waren überrascht, wie gross die Unterschiede zwischen den Kantonen sind», sagt Leuenberger. Er fügt an: «Ein Teil dieser Unterschiede lässt sich durch die Stadt-Land-Verteilung erklären, ein weiterer Teil durch unterschiedliche finanzielle Anreize in den einzelnen Kantonen.»

Teilzeitarbeit, Arbeitsbelastung und finanzielle Anreize als zentrale Faktoren

87 Prozent der in der Grundversorgung Tätigen arbeiten Teilzeit – im Mittel rund 35 Stunden pro Woche. Pro Arbeitstag betreuen sie etwa 22 Kinder – in schlecht versorgten Kantonen teils bis zu 44 Kinder. Als Gründe für die sinkende Attraktivität der Grundversorgung nannten viele die zunehmend hohe administrative Belastung, steigende Erwartungen der Eltern sowie das finanzielle Risiko beim Führen einer Praxis. «Unsere Studie zeigt klar, dass die kantonale Versorgung nicht nur von der Anzahl Kinderärztinnen und Kinderärzten abhängt, sondern auch von der Attraktivität der Arbeitsbedingungen und der finanziellen Vergütung», erklärt Leuenberger. So zeigten die Analysen, dass in Kantonen mit höheren Taxpunktwerten – also mit besser vergüteten medizinischen Leistungen – die Dichte an Kinderärzten und Kinderärztinnen höher ist. Ländliche Kantone sind daher häufiger von Versorgungsengpässen betroffen: Kinderärztinnen und Kinderärzte behandeln dort mehr Kinder pro Tag, können weniger Zeit einplanen pro Vorsorgeuntersuchung und nehmen teilweise keine neuen Patientinnen und Patienten mehr auf.

Konsequenzen für Familien und nächste Forschungsschritte

Die ungleiche Verteilung hat für Familien spürbare Folgen: lange Anreisewege, längere Wartezeiten oder die Notwendigkeit, auf hausärztliche Dienste oder Spitalambulatorien auszuweichen. Dies kann die Kontinuität der Betreuung beeinträchtigen und die Gesundheitskosten erhöhen. «Unsere Resultate liefern eine aktuelle, belastbare Datengrundlage für die Politik, um gezielt in jenen Regionen Massnahmen zu ergreifen, in denen die Versorgung besonders knapp ist», sagt Kuehni. «Dazu gehören bessere und regional ausgeglichenere finanzielle Rahmenbedingungen, Massnahmen zur Reduktion administrativer Last und eine Stärkung der kinderärztlichen Grundversorgung in Ausbildung und Weiterbildung.» Die Forschungsgruppe arbeitet bereits an einer Folgestudie zur Sicht der Eltern; die Daten werden derzeit ausgewertet.

Angaben zur Publikation:

Leuenberger LM, Belle FN, Jakob J, Saurenmann RK, Sutter O, Jenny P, Kuehni CE. (2025). Shortages of Pediatric Primary Care and Contributing Factors in Switzerland. Swiss Med Wkly. 2026;156:5362
URL: https://doi.org/10.57187/5362
DOI: 10.57187/5362

 

Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin

Seit 1971, seit 55 Jahren, engagiert sich das Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern für die Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden von Individuen und der Gesellschaft. Durch qualitativ hochstehende Forschung in den Bereichen Prävention, Sozialmedizin, Epidemiologie, Biostatistik und Public Health und zusammen mit zahlreichen nationalen und internationalen Partnern steht das ISPM für «Gesundheit für alle».

Neben der Spitzenforschung widmet sich das ISPM unter anderem der Ausbildung der nächsten Generation von Epidemiologinnen und Epidemiologen, Public-Health-Forschenden sowie Ärztinnen und Ärzten. Das ISPM beteiligt sich aktiv an universitären Lehrprogrammen für Studierende der Medizin, Pharmakologie, Biomedizintechnik und Biomedizin.
Weitere Informationen: www.ispm.unibe.ch

 

 

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