Branchenmeldungen 22.06.2026

Myofunktionelle Störungen verstehen und früh erkennen



Sind bestimmte Auffälligkeiten bereits ein ernst zu nehmendes Problem oder lediglich eine normale entwicklungsbedingte Phase? Genau diese Frage stellt in der Diagnostik myofunktioneller Störungen beziehungsweise orofazialer Dysfunktionen im Säuglings- und Kleinkindalter häufig eine besondere Herausforderung dar. Michaela Dreißig ist akademische Sprachtherapeutin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC sowie Heilpraktikerin für Psychotherapie und geht im Kurzinterview auf das frühzeitige Erkennen myofunktioneller Entwicklungsauffälligkeiten ein.

Myofunktionelle Störungen verstehen und früh erkennen

Foto: Wesley Tingey – unsplash.com

Frau Dreißig, welche frühen Anzeichen orofazialer Dysfunktionen bei Säuglingen und Kleinkindern werden Ihrer Erfahrung nach in den ersten zahnärztlichen Kontrollen am häufigsten übersehen und wie kann das Praxisteam gezielt dafür sensibilisiert werden?

Das größte Thema in diesen beiden Altersgruppen ist eine offene Mundhaltung mit Mundatmung. Schon im Säuglings­alter sollte eine überwiegende Nasenatmung zu beobach­ten sein. Dazu gehört ein kompetenter Mundschluss über die meiste Zeit des Tages. Ein weiteres Thema, vor allem im Kleinkindalter, sind persistierende orale Gewohnheiten, wie das Daumenlutschen oder der Schnullergebrauch. Die größte Herausforderung für das Fachpersonal während der zahnärztlichen Kontrollen ist höchstwahrscheinlich, herauszufinden, ob es sich um ein ernst zu nehmendes Problem oder eine entwicklungsbedingte Phase handelt. Es kommt darauf an, gut zu beobachten und die passenden Fragen zu stellen. Dabei kann beispielsweise ein Screeningbogen ­helfen, der herausarbeitet, ob das Kind nur infektbedingt durch den Mund atmet, wie häufig Infekte auftreten, ob eine Mundatmung auch nachts, gegebenenfalls auch verbunden mit Schnarchen auftritt oder ob über die meiste Zeit eine kompetente Nasenatmung zu beobachten ist. Gerade in Bezug auf den Schnullergebrauch sind fundierte Informationen zu einem verantwortungsvollen Schnullereinsatz von Beginn an wichtig für Eltern. Denn ein verantwortungsvoller Einsatz von künstlichen Saugern kann dazu beitragen, den Einfluss auf das orofaziale System so gering wie möglich zu halten.  

Welche Ursachen oder Risikofaktoren stehen beson­ders häufig hinter myofunktionellen Störungen im frühen Kindesalter, und wie unterscheiden sich funktionelle Auffälligkeiten von altersentsprechenden Entwicklungs­varianten?

Die Ursachen sind in unterschiedlichen Bereichen von angeborenen Faktoren (z. B. perinatalen Komplikationen) über ana­tomische Hindernisse (z. B. Gaumen-, Rachenmandeln) bis hin zu chronischen Allergien, Wahrnehmungs- und/oder Motorikstörungen und anderen, sehr weit gestreut. Der entscheidende Unterschied in der Abgrenzung von funktionellen Auffälligkei­-ten zu altersentsprechenden Entwickungsvarianten liegt in ­der Persistenz und der Intensität der Symptome. Ist die Mund­atmung nur während eines akuten Infektgeschehens zu be­obachten oder tritt sie auch unabhängig davon auf? Wie ist ­die Atmung nachts? Kommt Schnarchen hinzu?  

Wovon hängt der Erfolg einer kindgeleiteten ­logopädischen Therapie im Kleinkindalter ab?

Die Arbeit mit der Altersgruppe der Kleinkinder ist nur im Team möglich. Die Eltern müssen unbedingt mit an Bord sein, gut informiert und umfassend angeleitet werden. Wenn logopädische Arbeit früher darauf basierte eher defizitorientiert und therapeutenzentriert zu arbeiten, wissen wir heute, dass kindgeleitete und ressourcenorientierte Arbeit viel effektiver ist. Die Kerngebiete sind dabei spielerische, alltagsnahe Interventionen und Elterncoaching. Kinder ler­nen besonders effizient, wenn sie mit Begeisterung dabei sind. Aus diesem Grund betten wir Inhalte spielerisch ein und orientieren uns an ihren Interessen. Gleichzeitig müssen Eltern fundiert informiert und mit alltagsnahen, leicht umsetzbaren Aufgaben versorgt sein, um die therapeu­tischen Ziele auch im Alltag verfolgen zu können. Die enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Logopäden und zahnärztlichem Fachpersonal gilt als Schlüssel zum Erfolg, da ­die Übungsintensität im häuslichen Umfeld die Nachhal­tigkeit der Therapie maßgeblich beeinflusst.

Zur Person


Michaela Dreißig referiert zum Thema dieses Interviews auf der kommenden 33. Jahrestagung der DGKiZ am 11. September in Kassel.

Mehr Infos auf: www.dgkiz-jahrestagung.de

ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis 06/26

ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis


Dieser Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

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