Branchenmeldungen 22.06.2026
Myofunktionelle Störungen verstehen und früh erkennen
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Frau Dreißig, welche frühen Anzeichen orofazialer Dysfunktionen bei Säuglingen und Kleinkindern werden Ihrer Erfahrung nach in den ersten zahnärztlichen Kontrollen am häufigsten übersehen und wie kann das Praxisteam gezielt dafür sensibilisiert werden?
Das größte Thema in diesen beiden Altersgruppen ist eine offene Mundhaltung mit Mundatmung. Schon im Säuglingsalter sollte eine überwiegende Nasenatmung zu beobachten sein. Dazu gehört ein kompetenter Mundschluss über die meiste Zeit des Tages. Ein weiteres Thema, vor allem im Kleinkindalter, sind persistierende orale Gewohnheiten, wie das Daumenlutschen oder der Schnullergebrauch. Die größte Herausforderung für das Fachpersonal während der zahnärztlichen Kontrollen ist höchstwahrscheinlich, herauszufinden, ob es sich um ein ernst zu nehmendes Problem oder eine entwicklungsbedingte Phase handelt. Es kommt darauf an, gut zu beobachten und die passenden Fragen zu stellen. Dabei kann beispielsweise ein Screeningbogen helfen, der herausarbeitet, ob das Kind nur infektbedingt durch den Mund atmet, wie häufig Infekte auftreten, ob eine Mundatmung auch nachts, gegebenenfalls auch verbunden mit Schnarchen auftritt oder ob über die meiste Zeit eine kompetente Nasenatmung zu beobachten ist. Gerade in Bezug auf den Schnullergebrauch sind fundierte Informationen zu einem verantwortungsvollen Schnullereinsatz von Beginn an wichtig für Eltern. Denn ein verantwortungsvoller Einsatz von künstlichen Saugern kann dazu beitragen, den Einfluss auf das orofaziale System so gering wie möglich zu halten.
Welche Ursachen oder Risikofaktoren stehen besonders häufig hinter myofunktionellen Störungen im frühen Kindesalter, und wie unterscheiden sich funktionelle Auffälligkeiten von altersentsprechenden Entwicklungsvarianten?
Die Ursachen sind in unterschiedlichen Bereichen von angeborenen Faktoren (z. B. perinatalen Komplikationen) über anatomische Hindernisse (z. B. Gaumen-, Rachenmandeln) bis hin zu chronischen Allergien, Wahrnehmungs- und/oder Motorikstörungen und anderen, sehr weit gestreut. Der entscheidende Unterschied in der Abgrenzung von funktionellen Auffälligkei-ten zu altersentsprechenden Entwickungsvarianten liegt in der Persistenz und der Intensität der Symptome. Ist die Mundatmung nur während eines akuten Infektgeschehens zu beobachten oder tritt sie auch unabhängig davon auf? Wie ist die Atmung nachts? Kommt Schnarchen hinzu?
Wovon hängt der Erfolg einer kindgeleiteten logopädischen Therapie im Kleinkindalter ab?
Die Arbeit mit der Altersgruppe der Kleinkinder ist nur im Team möglich. Die Eltern müssen unbedingt mit an Bord sein, gut informiert und umfassend angeleitet werden. Wenn logopädische Arbeit früher darauf basierte eher defizitorientiert und therapeutenzentriert zu arbeiten, wissen wir heute, dass kindgeleitete und ressourcenorientierte Arbeit viel effektiver ist. Die Kerngebiete sind dabei spielerische, alltagsnahe Interventionen und Elterncoaching. Kinder lernen besonders effizient, wenn sie mit Begeisterung dabei sind. Aus diesem Grund betten wir Inhalte spielerisch ein und orientieren uns an ihren Interessen. Gleichzeitig müssen Eltern fundiert informiert und mit alltagsnahen, leicht umsetzbaren Aufgaben versorgt sein, um die therapeutischen Ziele auch im Alltag verfolgen zu können. Die enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Logopäden und zahnärztlichem Fachpersonal gilt als Schlüssel zum Erfolg, da die Übungsintensität im häuslichen Umfeld die Nachhaltigkeit der Therapie maßgeblich beeinflusst.