Branchenmeldungen 10.06.2026
Drei Fragen an Lucia Bechtle zum Thema Machtmissbrauch in der Medizin
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Frau Bechtle, die Vorkommnisse auf dem 130. Deutschen Ärztetag im Mai sind schockierend, aber, so scheint es, kaum überraschend. Warum nicht?
Weil wir ein systemisches Problem haben. Deshalb sind wir auf dem Deutschen Ärztetag auch bewusst nicht auf einzelne Übergriffe eingegangen. Einzelne Personen an den Pranger zu stellen, wäre für viele die einfachste Lösung. Wir wollten aber gerade nicht, dass danach alle anderen weitermachen können wie immer. Nicht nur auf dem Ärztetag, sondern auch in anderen Kontexten haben wir schon zu viel Fehlverhalten erdulden müssen. Sexuelle Belästigung ist ein systemisches Problem. Diejenigen, die wegschauen, die nichts sagen, die nicht eingreifen, sind genauso ein Teil des Problems.
Neue Awarenesskonzepte sollen den Berufsstand wachrütteln. Warum reichen bestehende Meldestellen nicht aus, um sexuelle Übergriffe zu verhindern?
Die hierarchischen Strukturen im Gesundheitswesen fördern Machtmissbrauch und Übergriffe – das ist nicht neu. Die meisten Kliniken haben bereits Meldestellen etabliert. Oftmals erfüllen diese aber den entscheidenden Zweck nicht: sie sind weder niedrigschwellig noch neutral. Betroffene zögern davor, diese in Anspruch zu nehmen, wenn sie dadurch fürchten müssen, berufliche Nachteile oder persönliche Einschüchterung in Kauf zu nehmen. Ebenfalls sind die Aufarbeitungsprozesse oftmals unzureichend. Eine Kommilitonin von mir hat wiederholte verbale und körperliche Übergriffe durch einen Arzt im praktischen Jahr erfahren. Das ging bis hin zu privater Kontaktaufnahme außerhalb des beruflichen Kontexts. Sie hat diesen Arzt bei der zuständigen Stelle gemeldet und der Aufarbeitungsprozess war kurzerhand damit beendet, dass der zuständige Arzt meinte, er „habe es nicht so gemeint”. Das aktuelle System schützt Täter/-innen, schützt Verantwortliche anstatt Betroffene. Daran muss sich jetzt etwas ändern.
Was wünschen Sie sich von der aktuellen Schockwirkung des Ärztetages?
Dass der Diskurs weitergeht, auch wenn die mediale Aufmerksamkeit sinkt. Uns wird bereits zugetragen, dass das Thema sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch in Einführungsveranstaltungen für Studierende im praktischen Jahr thematisiert wurde, dass es in Praxen und auf Station diskutiert wird. Das ist genau, was wir erreichen möchten: Wir wünschen uns, dass eine Arbeits- und Umgangskultur geschaffen wird, in der vulnerable Personengruppen ernsthafte Unterstützungsangebote erfahren und wissen, dass sie im Zweifelsfall gehört werden. Außerdem sollte gezeigt werden: Übergriffiges Verhalten wird hier nicht geduldet.