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Branchenmeldungen 09.02.2012

Exklusivinterview „Implantologiemarkt 2012“

Exklusivinterview „Implantologiemarkt 2012“

Am 30. Januar 2012 fand im Malersaal des DORINT Hotels Baden-Baden ein Pressegespräch zum Thema: „Der Implantologiemarkt 2012 im Spannungsfeld von Markenqualität, Patientensicherheit und Preisdruck“ statt. Gesprächspartner waren Wolfgang Becker, Geschäftsführer der Straumann Deutschland GmbH, und Dr. Werner Groll, Geschäftsführer von DENTSPLY Friadent.* Das Gespräch führten Jürgen Isbaner, Chefredakteur der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis und Vorstand der OEMUS MEDIA AG sowie Dr. Torsten Hartmann, Chefredakteur des Implantologie Journals. Das Interview wurde aufgezeichnet und ist ab sofort über das ZWP online Mediacenter  abrufbar.

*Michael Ludwig, Geschäftsführer der CAMLOG Vertriebs GmbH,  konnte aus Termingründen nicht persönlich an dem Pressegespräch teilnehmen, sodass das Interview mit ihm im Nachgang telefonisch geführt wurde. Aus diesem Grund ist Herr Ludwig in der Videoversion des Pressegespräches nicht zu sehen. Die Vollversion des Interviews können Sie hier lesen.

Die Implantologie gilt seit vielen Jahren als die Lokomotive der Zahnmedizin – zeitweilig sogar mit zweistelligen Zuwachsraten. Im letzten Jahr ist etwas Ernüchterung eingetreten. Sie repräsentieren mit Ihren Unternehmen ca. 70 bis 75 Prozent des deutschen Implantatmarktes. Wie war 2011 für Ihr Unternehmen und was erwarten Sie für 2012?

Wolfgang Becker: Unsere endgültigen Unternehmenszahlen werden erst Ende Februar kommuniziert. Dennoch sehen wir, dass Innovationen immer noch sehr gefragt sind, die Produkte sehr guten Anklang finden und dass die Implantologie ein sehr großes Potenzial birgt. Deshalb sind wir sehr optimistisch, was die Zukunft angeht.

Werner Groll: Natürlich haben wir heute nicht mehr die großen Zuwachsraten, da gibt es viele externe Einflüsse. Aber im Verhältnis zu dem, wie sich der Markt entwickelt, sind wir zufrieden und optimistisch für die Zukunft. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Markt  wieder an Dynamik gewinnt in den nächsten Jahren, wenn sich die Rahmenbedingungen weiterhin und deutlich verändern. Ich denke, davon kann man ausgehen.

Michael Ludwig: Das Jahr 2011 war für uns ein sehr erfolgreiches Jahr. Mit der Markteinführung eines neuen Implantatsystems bei der IDS im März letzten Jahres bieten wir nun auch den überzeugten Anwendern der konischen Implantat-Abutment-Verbindung eine „CAMLOG-Lösung“ an. Insgesamt konnten wir unsere Marktposition in Deutschland weiter ausbauen und auch für 2012 erwarten wir wieder ein prozentuales Wachstum im oberen einstelligen Bereich.

Rein technologisch gesehen gibt es ja permanente Weiterentwicklungen bei den Implantaten selbst. Das betrifft zum einen die Oberflächen, das Implantatdesign, auch die Verbindung von Implantat und Abutments bis hin zu aktuellen Technologien, Stichwort Digitalisierung. Was betrachten Sie aus Sicht des Unternehmens als die großen Haupttrends in der Implantologie und was sind die Herausforderungen für die Zukunft?

Michael Ludwig: Ich denke, in naher Zukunft wird es keine Revolution in der Implantologie, sondern wirkungsvolle Fortschritte für den Alltag geben. Haupttrends sind sicherlich im Materialbereich die Oberflächen, Keramiken und vor allem auch Kunststoffe. Die Digitalisierung sowie 3-D-gestützte Planungs-, Navigations- und CAD/CAM-Fabrikationsmethoden sind weiter im Kommen.

Werner Groll: Es gibt viele neue Technologien, die Fuß fassen, sich in der Breite aber noch nicht etabliert haben. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass die digitale Technik eine feste Größe werden wird, weil sie viel mehr Individualismus erlaubt. Das heißt, wir können damit noch stärker patientenorientiert arbeiten. Ich glaube aber auch, dass die biologische Seite stärker ins Blickfeld rückt. So müssen wir die Reaktionen um das Implantat herum – das Hart- und Weichgewebe – sehr gut verstehen, um die Produkte letztendlich auch weiterzuentwickeln und genau auf die Anwendung hin zu designen. Und dafür ist ein gewisses Maß an klinischer Forschung erforderlich. Nur dann kann man nachvollziehen, wie die Dinge heute funktionieren, aus den Erfahrungen bzw. Forschungsergebnissen lernen und die Produkte schließlich noch besser machen.

Wolfgang Becker: Daran schließe ich mich an. Es ist wichtig festzuhalten, dass heutige Standardindikationen für eine Implantattherapie vor einigen Jahren noch als Kontraindikation aufgefasst wurden. Deshalb glaube ich, dass wir gerade beim Risikopatienten noch einen Weg vor uns haben. Ich sehe da einen großen Bedarf. Bezüglich der Digitalisierung denke ich, dass das gesamte Thema der Prothetik eine ganz andere Dimension annehmen wird. Und wenn man über die Herausforderungen redet – die derzeit größte Herausforderung ist, die Kunden hier mit auf die Reise zu nehmen, dass man sich dieser Thematik stellt und dass man der digitalen Technik positiv gegenübersteht.

Mit Erfolgsquoten von bis zu über 90 Prozent gehört die Implantologie zum absoluten Spitzenfeld im Bereich der Medizin. Ist der Forschungs- und Entwicklungsaufwand im Verhältnis zu den relativ geringen Steigerungsmöglichkeiten der Erfolgsquote nicht sehr hoch und wird dadurch nicht auch die Implantologie immer komplizierter für den Anwender und teurer?

Werner Groll: Da muss man erstmal fragen, was Erfolg ist und wie sich Erfolg definiert. Man kann ihn statistisch sehen, man kann ihn aber auch beim Patienten sehen. Und für den Patienten ist der Verlust eines Implantates immer ein hundertprozentiger Verlust. Insofern ist es sinnvoll, sich mit der Frage weiterzubeschäftigen, wie können wir  weiter erfolgreich sein. Die zweite Frage ist: Was ist wirklich Erfolg? Ist Erfolg ein Implantat, das im Mund bleibt oder ist Erfolg ein Patient, den man langfristig versorgt und der langfristig zufrieden ist? Deswegen denke ich einfach, wir müssen noch in Forschung und Entwicklung investieren, um sicherzustellen, dass eben dieser langfristige Erfolg von Gewebe auch sichergestellt wird. Denn das macht den Patienten letztendlich glücklich. Jeder weiß, dass die Implantatbehandlung natürlich auch Geld kostet. Deswegen ist es wichtig, dem Patienten die prospektive Sicherheit zu geben. Und zwar Sicherheit, die man in Studien nachvollzogen hat und die man den Patienten in gewissem Umfang versprechen kann.

Wolfgang Becker: Ich glaube nicht, dass Forschung und Entwicklung die Therapie per se komplizierter und teurer machen wird. Sondern ich bin fest davon überzeugt, dass die Verfahren gerade durch Forschung und Entwicklung einfacher werden, dass das gesamte Therapiekonzept nachhaltiger und vor allem letztendlich auch günstiger wird. Deswegen bedeutet die Digitalisierung sicherlich eine Anfangsinvestition. Es geht um Praxisabläufe und vieles mehr. Das wissen wir sehr wohl. Aber wir glauben, langfristig wird hier ein Standard gesetzt, der allen Beteiligten zuträglich ist.

Michael Ludwig: Die Hürden für erfolgreiche Produktentwicklungen und -zulassungen steigen, während die Chancen auf den Markterfolg sinken. Um die Implantologie nicht komplizierter für den Anwender und teurer zu machen, ist vor allem die Entwicklung preiswerter Routine-Protokolle für Standardversorgungen notwendig und – bei entsprechenden Anforderungen – auch von High-End-Versorgungen.

Werden in dem Zusammenhang die Komponenten auch individueller für den Patienten und für den Behandler?

Wolfgang Becker: Das glaube ich schon. Jeder kann sich dann das herausziehen, was er braucht, was er sich zumutet. Man bekommt dadurch eine Flexibilität, um gewisse Dinge selber zu machen. Gleichzeitig stehen wir aber auch für validierte Prozesse, um natürlich den Gesamterfolg oder die Nachhaltigkeit zu dokumentieren.

Werner Groll: Ich möchte an dieser Stelle den Patienten erwähnen, der sich einerseits für die Behandlung interessiert, aber oftmals Angst hat vor einem chirurgischen Eingriff. Durch die Digitalisierung werden wir die Chance haben, weniger invasiv zu behandeln. Das geht sicher nicht immer, aber es gibt Möglichkeiten, den chirurgischen Eingriff so minimal wie möglich zu gestalten.

Wir haben die Qualität und Sicherheit für den Patienten diskutiert bis hin zur Kostenfrage. Ein allgemein gültiges Schlagwort in unserer Zeit scheint die Devise „Geiz ist geil“ geworden zu sein. Wie ist die Einstellung in Bezug auf Zahnimplantate?

Wolfgang Becker: Ökonomisch gesehen ist dieser Ansatz falsch. Das weiß, glaube ich, mittlerweile jeder. Wir schätzen, dass es wesentlich mehr Qualitätskäufe gibt als Preiskäufe. Natürlich ist der Preis immer auch ein Thema. Aber am Ende reden wir über ein Medizinprodukt, was ja eine Investition nicht nur für drei Jahre darstellen sollte, sondern eigentlich für das ganze Leben. Dass man also dem Patienten eine funktionelle und natürlich auch eine ästhetische Lösung anbieten sollte. Deshalb ist die „Geiz ist geil“-Devise so nicht haltbar. Der Kunde oder der Patient ist interessiert, eine qualitativ hochwertige Lösung zu bekommen und dafür ist er auch bereit, ein entsprechendes Geld zu bezahlen. Man muss aber auch erklären, wieso die Therapie oder das gesamte Konzept einen bestimmten Betrag kostet. Darum sind wir bemüht. Dennoch ist die Kostenfrage eine ständige Diskussion, das wissen wir.

Michael Ludwig: Der Einstellung „Geiz ist geil“ fehlt es in Deutschland immer mehr an Rückhalt. Das kann man in anderen Branchen sehr gut erkennen. Bei Zahnimplantaten handelt es sich um Medizinprodukte, die in den menschlichen Körper integriert werden und nicht um einen Pullover, den wir, wenn er uns kratzt oder uns seine Farbe nicht mehr gefällt, einfach in den Kleidersack stecken. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass die Medizin im Dienste des Patienten steht und nicht ausschließlich im Dienste des Profits. Profite kommen immer von selbst und sie sind – solange der Implantologe einen guten Job macht – noch nie ausgeblieben.

Werner Groll: Die Abnahme der „Geiz ist geil“-Mentalität bestätigt sich am Markt. So sind die Mehrzahl der heute gekauften Implantate wirklich Produkte, die für hohe Qualität, für Forschung und Entwicklung stehen. Wenn man das weltweit anschaut, entspricht das deutlich mehr als drei Viertel des Gesamtverbrauchs der Implantate. Unsere direkten Kunden, die Zahnärzte, aber auch die Patienten, legen Wert darauf, gute Produkte in ihren Körper integriert zu bekommen. Aber es ist eben wichtig, Aufklärung zu betreiben und auch den Aspekt der langfristigen Sicherheit zu betonen. Die meisten Zahnärzte tun das, was beweist, dass die Mehrheit qualitätsbewusst agiert. Das Verhältnis zwischen Gesamtbehandlung und Implantatpreis ist nicht so groß. Jede Komplikation führt für den Behandler und für den Patienten zu einem gewissen Mehraufwand. Das ließe sich vermeiden, indem man auf klinisch geprüfte Produkte zurückgreift.

Wir haben gerade im Bereich der Brustimplantate erlebt, welche weitreichenden Folgen der Einsatz von billigen und offenbar auch minderwertigen Implantaten haben kann. Wie gewährleisten und garantieren Sie, dass Ihre Unternehmen nur Ware verlässt, die höchsten Ansprüchen in Bezug auf die Qualität und das technologische Niveau genügt und gleichzeitig der Behandler in die Lage versetzt wird, diese Produkte auch lege Artis einzusetzen?

Michael Ludwig: Eine Qualitätsgarantie kann erst durch eine konsequente Qualitätssicherung über die gesamte Fertigungskette – vom Rohmaterial bis zum Endprodukt – geschaffen werden. Die Implementierung einer weitreichenden Fertigungstiefe des gesamten Produktionsprozesses im Unternehmen – von der Titanstange bis zum sterilen Endprodukt – stellt sicher, dass alle Anforderungen optimal eingehalten werden. Auch die Transparenz über den validierten Produktionsprozess spielt hinsichtlich der Qualität eine Rolle. Der Produktentwicklung geht bei uns eine Markt- und Nutzeranalyse voraus. Die fließt dann in die weitere Systementwicklung ein; immer unter Berücksichtigung aller derzeitigen wissenschaftlichen Standards. Nach der Markteinführung eines Produkts überwachen wir durch ein detailliertes Monitoring über alle Märkte die Systemtauglichkeit des Produktes in der Praxis. Damit sind wir jederzeit nah am Kunden. Übrigens umfasst das Monitoring nicht nur die Überwachung der allgemeinen Produktsicherheit, sondern auch die dem Produkt zugeordneten Schulungs- und Anwenderinformationen. Die Sicherheit der Produkte wird damit kontinuierlich geprüft.

Werner Groll: Die Produktqualität beginnt natürlich schon in der Entwicklung. An der Stelle, wo man z.B. auf Basis jahrzehntelanger Erfahrung diese Produkte nach genauen Prozessen weiterentwickelt, designt und diese dann auch klinisch und technisch validiert. Um überhaupt zu solchen Herstellungsprozessen zu kommen, bedarf es einer ständigen Optimierung und Dokumentation der Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Die Reproduzierbarkeit der Qualität ist entscheidend. Des Weiteren geht es nicht nur darum, an  irgendeiner Maschine ein Produkt zu fräsen, zu drehen. Sondern es geht um die Weiterbehandlung und Veredelung des Produktes. Die Güte und Reinheit der Oberfläche spielen eine entscheidende Rolle für den klinischen Erfolg. Ich denke, das haben wir gut im Griff und das können wir auch nachweisen über viele Jahre. Wir machen die Nachverfolgung am Markt über entsprechende Studie. Aber Sie haben noch einen ganz anderen wichtigen Punkt angesprochen. Einen großen Einfluss auf den Erfolg und die Produktsicherheit hat der Behandler selbst. Jeder Zahnarzt hat seine eigene Arbeitsweise, und deswegen müssen wir unsere Produkte so entwickeln und ausrichten, dass sie eine gewisse Toleranzschwelle ertragen – nicht, dass jeder Hersteller die Implantate für jeden Behandler individuell entwickeln sollte. Das geht natürlich nicht. Man muss aber berücksichtigen, wie breit das Spektrum in der Anwendung ist und was solche  Implantate vertragen. Das beobachten wir in klinischen Feldstudien. Außerdem setzen wir auf Fortbildung. Wir organisieren Vorträge und Hospitationen, um dem Kunden die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln. Das ist ein großer Prozess, der die Sicherheit der Anwendung gewährleistet.

Man kann davon ausgehen, dass für ein gutes Markenimplantat in Deutschland so zwischen 150 bis 250 Euro zu zahlen sind. Wie setzt sich dieser Preis eigentlich zusammen und was bekommen Patient und Behandler von Ihnen dafür? Warum sind andere auf dem Markt befindliche Unternehmen in der Lage, ihre Implantate teilweise deutlich unter 100 Euro anzubieten?

Wolfgang Becker: Das sind wichtige Fragen. Ich glaube, dass der Forschungs- und Entwicklungsaufwand unterschätzt wird. Wie Herr Groll schon eben sagte, geht es um reproduzierbare Ergebnisse, die Nachhaltigkeit garantieren. Und die Erfahrung der Forschung und Entwicklung fließen dann ein in die Konstruktion. Das ist bei uns nicht anders. Und wenn Sie mich jetzt ansprechen, was bekommt der Kunde dafür, glaube ich, dass es doch ein erheblicher Unterschied ist, wenn der Hersteller über seine Produkte und deren Entwicklung präzise, validierbare Rechenschaft ablegen kann. Und da möchte ich den Begriff Forschung und Entwicklung nicht zu sehr strapazieren, aber es sind viele Dinge, die da mit einhergehen. Es geht dann natürlich auch um eine Qualitätskontrolle und um Training, Education. Wir möchten garantieren, dass der Kunde ein absolut sicheres Produkt bekommt. Dafür muss eine Schulung stattfinden, ein Support muss gewährleistet sein. Außerdem wollen wir sicherstellen, dass die heute implantierten Produkte auch in 20 oder 25 Jahren noch versorgbar sind. Sie sehen, es sind also viele Dinge, die den Preis rechtfertigen und vielleicht auch mit dem Mythos hoher Marketinginvestitionen aufhören. So haben andere Firmen ein höheres Marketingvolumen als wir, als die Unternehmen, die wirklich solide Arbeit leisten. In diesem Zusammenhang muss man sich schon fragen: Muss deren Marketingkommunikation so hoch sein, damit das Produkt überhaupt Vertrauen beim Käufer gewinnen kann? Oder ist es nicht vielleicht besser, die Gelder in die Forschung zu investieren? Da haben wir eine klare Meinung. Denn bei der Caritas arbeiten diese Billigunternehmen nicht. Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Am Ende vom Tag möchten die auch Geld verdienen.

Michael Ludwig: Alle Unternehmen, egal ob Implantatfirma, Zahnarztpraxis oder Dentallabor, müssen einen Gewinn erzielen. Der Preis eines Produktes setzt sich immer zusammen aus den Fertigungskosten, einem Gemeinkostenanteil (besser: Fixkostenanteil) und einem Gewinnaufschlag. Volkswirtschaftlich betrachtet sind aus Sicht der Anwender die Preise für Implantate und Prothetikteile sowie für entsprechende Dienstleistungen immer zu hoch. Aus Sicht des Produzenten sind sie immer zu niedrig. Ich denke, wir haben ein sehr ausgewogenes Verhältnis von Preis, Qualität, Beratung und Betreuung, Service- und Dienstleistungen sowie Unternehmensauftritt. Sicher kann man alles billiger anbieten, die entscheidende Frage ist nur, was man dafür weglässt. Klar, niemand möchte für ein Produkt zu viel bezahlen. Noch schlechter als zu viel zu bezahlen ist es aber, zu wenig zu bezahlen. Was nützt denn ein billiges Implantat, wenn man keinen Service bekommt oder es den Anbieter in ein paar Jahren nicht mehr gibt? Letztendlich muss jeder Kunde für sich selbst bestimmen, was sein Qualitätsstandard ist und was er dafür bereit ist zu zahlen. Ich bin davon überzeugt, dass wir klinisch sehr erfolgreiche Implantatsysteme zu einem fairen Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten.

Die Firma Straumann hat die „Pro-Original Initiative“ ins Leben gerufen, die sich für die Verwendung von Originalteilen einsetzt. Was verbirgt sich dahinter und ist dies eine reine Straumann-Angelegenheit? Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, nicht mit Nachahmerprodukten zu arbeiten?

Wolfgang Becker: Ich hoffe nicht, dass es eine reine Straumann-Initiative bleibt. Wir sehen einfach, dass die Originalprodukte im Verbund – das Implantat und Abutment – besser funktionieren und eine langfristige, bessere Erfolgsrate haben, als wenn man bestimmte Systeme mischt. Darüber sind sich viele Kunden gar nicht bewusst. Man mischt die Systeme ohne wirklich zu wissen, ob es im Endeffekt funktioniert. Wir wollen eine Sensibilisierung des Marktes. Und ich denke, die anderen Unternehmen auch, wenn auch vielleicht nicht so nach außen gerichtet. Uns war es wichtig, dem Markt das unwägbare Risiko vor Augen zu führen, wenn Plagiate mit Originalteilen vermischt werden. Dafür haben wir ein extrem positives Feedback bekommen, von Produzenten und Kunden gleichermaßen.

Billigimplantate oder Nachahmerprodukte werden auf Basis geltender gesetzlicher Regelungen und Qualitätsstandards hergestellt. Gibt es Hinweise auf vermehrt auftretende Probleme oder sogar Erfahrungen im Hinblick auf die Langzeitstabilität dieser Implantate?

Michael Ludwig: Welche Risiken im Zusammenhang mit Billigimplantaten und Komponenten „eingekauft“ werden, ist noch unklar. Es fehlen fundierte Daten dazu. Ich befürchte aber, die Dunkelziffer ist recht hoch. Allerdings sind die Patienten immer aufgeklärter und gerade bei dem Skandal um die fehlerhaften Brustimplantate hat man gesehen, dass, wenn der Hersteller pleite ist, die Patienten auf die Ärzte losgehen. Haftungsrechtliche Ansprüche können den Zahnarzt hier in Zukunft böse treffen. Nach dem Skandal um die fehlerhaften Brustimplantate hat der Verband der Ersatzkassen (VdEK) strengere Zulassungsregeln für Medizinprodukte gefordert. Um einen besseren Überblick über die Schadensfälle zu erhalten, sollen die im Körper eingesetzten Produkte in einem bundesweiten Register vermerkt werden. Dadurch können Rückschlüsse gezogen werden, welche Produkte wieder entnommen und durch ein anderes ersetzt werden. Die Zulassung von Medizinprodukten ist auf europäischer Ebene geregelt, während die Zulassung von Arzneimitteln eine nationale Angelegenheit ist. Die EU-Kommission will im März Vorschläge für bessere Kontrollen von Medizinprodukten vorlegen.

Werner Groll: Mir sind keine Studien über Billigimplantate oder Nachahmerprodukte bekannt. Deswegen weiß ich auch nicht, wie sie funktionieren. Über Gerüchte möchte ich an dieser Stelle nicht sprechen. Fakt ist aber, dass wir unsere Produkte kennen und wissen, wie sie sich langfristig im Mund bewähren. Darüber liegen uns klinische Dokumentationen vor; außerdem haben wir Rückmeldungen vom Markt. Wir verkaufen ja eine große Zahl von Implantaten und das gibt natürlich auch sehr viel Feedback aus dem Markt heraus, ob das funktioniert oder nicht. Deshalb wissen wir, dass unsere Implantate funktionieren. Voraussetzung ist natürlich immer eine korrekte Anwendung. Sollten doch einmal Probleme auftreten, wissen wir eben auch, was zu tun ist und können dem Zahnarzt helfen. Das ist wichtig. Denn es reicht nicht, irgendetwas zu verkaufen und den Kunden dann allein zu lassen. Von uns kommt eben nicht nur das gute Produkt, sondern auch der Service, der Support und die Erfahrung dazu.

Welche Haftungs- und Garantiefragen treten bei der Kombination von Originalteilen mit Nachahmerkomponenten auf? Können Sie das überhaupt feststellen?

Wolfgang Becker: Die Nachvollziehbarkeit von Produktmixes ist relativ einfach, manchmal sind Design-Veränderungen sogar mit bloßem Auge zu erkennen. Die Haftungsfrage ist natürlich ein anderes Thema. Vielfach wird die Tatsache unterschätzt, dass man durch die  Produktkombination im Prinzip ein neues Medizinprodukt schafft. Die Original- und Nachahmerprodukte sehen zwar sehr ähnlich aus, sind aber nicht aufeinander abgestimmt. Dabei geht allerdings der Zahnarzt mit in Haftung, wir als Hersteller sind außen vor. Ich glaube, über die Gefahr von Produktmixes sollten sich alle im Klaren sein.

Haftungsfragen sind also ein ganz klares Problem? Ich habe, wenn ich den Materialmix mache, ein Problem bzw. mein Patient?

Wolfgang Becker: Das zeigt sich immer wieder in Diskussionen mit dem Kunden. Er schickt z.B. ein gebrochenes Produkt ein, wir untersuchen das und stellen dann fest, dass diese kaputte Komponente gar nicht von uns ist. Dem Kunden stellt sich dann die Frage, wie geht es weiter? Doch das ist eigentlich gar nicht unser Thema. Deshalb müssen wir den Kunden an dieser Stelle hinsichtlich der Kosten sensibilisieren. Es ist schließlich immer ein Patient im Spiel, der eine hohe Sicherheit verlangt. Bei einem Produktmix ist die nicht gegeben.

Wir haben es im Markt offenbar mit zwei Phänomenen zu tun. Zum einen gibt es absolute Billigimplantate mit z.T. veraltetem Design. Zum anderen existieren die oftmals gar nicht so billigen Nachahmerprodukte. Für den Patienten sind beide oftmals schwer zu unterscheiden. Dem Behandler kommt hier also eine besondere Verantwortung zu, zumal ein Zahnimplantat lange Zeit im Körper verbleiben sollte, möglichst ohne Schmerzen und ohne eine Reimplantation. Was sollte jeder Implantologe bei der Wahl des Implantatsystems bedenken, was ist Ihre Botschaft?

Michael Ludwig: Ein Markenprodukt stellt immer einen Wert dar. Es bedeutet Orientierung und Sicherheit für den Behandler und für die Patienten eine positive Behandlungsprognose. Gerade im Interesse der Patienten sollte ein Implantologe nur gut dokumentierte, klinisch validierte und praxiserprobte Implantatsysteme verwenden. Wichtig für Behandler und Patient ist auch die Gewährleistung, dass eventuell notwendige Prothetikkomponenten zur Versorgung von Implantaten, die bereits vor Jahren gesetzt wurden, in Zukunft noch erhältlich sind. Gerade in unserer heutigen Zeit wird es immer wichtiger, sich wieder auf den gesunden Menschenverstand zu besinnen.

Im Gespräch ist es deutlich geworden, Markenanbieter wie CAMLOG, DENTSPLY Friadent und Straumann sind in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Schulung sehr aktiv. Auch der Wissenstransfer spielt eine große Rolle. Ob in Hamburg, Köln oder Luzern – im Frühjahr 2012 stehen in kurzer Folge drei große wissenschaftliche Kongresse an.

Welche Bedeutung haben diese Kongresse für einen Premium-Anbieter und was erwartet die Teilnehmer?

Werner Groll: Wir haben im März unseren Kongress in Hamburg, außerdem sind wir im Mai auf dem Astra Tech World Congress in Göteborg. Damit ist DENTSPLY Friadent gleich auf zwei großen Veranstaltungen vertreten. Das Wichtige ist, auf solchen Kongressen können wir die Ergebnisse aus unseren klinischen Entwicklungsarbeiten darstellen und insbesondere auch klar machen, dass Implantologie heute nicht nur eine Schraube und ein Abutment ist, sondern ein Gesamtkonzept. Wir bemühen uns – von der Planung bis hin zur prothetischen Versorgung – Lösungen anzubieten, die aufeinander abgestimmt sind. Darüber muss man sich in Zukunft noch viel mehr Gedanken machen. Genau das wollen wir auf den Symposien darstellen und unsere Kunden darin schulen.

Wolfgang Becker: Straumann wird auf dem Deutschen ITI-Kongress in Köln zu Gast sein. Das ist unser langjähriger akademischer Partner, die Botschaft ist die Gleiche. So muss das Implantat nachher praxistauglich sein; der Alltag muss damit vernünftig gestaltet werden können. Deshalb sehen wir in diesem Kongress eine Plattform, neueste Studienergebnisse und Verfahren vorzustellen, um den Sicherheitsaspekt und die Nachhaltigkeit unserer Produkte dokumentieren zu können.

Michael Ludwig: Für uns ist der 4. Internationale CAMLOG Kongress im Mai in Luzern sehr wichtig. Wir präsentieren uns dort der internationalen Fachwelt und zeigen unseren Kunden die neuesten Entwicklungen der dentalen Implantologie. Während der Kongresstage werden bekannte Referenten aus verschiedenen Disziplinen eine Themenvielfalt bieten, die einerseits das wissenschaftliche Spektrum unserer Kunden erweitern soll. Andererseits sollen die Vorträge dazu beitragen, die klinischen Resultate in der Praxis weiter zu verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für 2012.

Foto: © Oemus Media AG
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