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Branchenmeldungen 03.02.2012

Frontzahntrauma – Biologische Aspekte gewinnen an Bedeutung

Roman Wieland
Roman Wieland
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Frontzahntrauma – Biologische Aspekte gewinnen an Bedeutung

29. Jahrestagung der Schweizer Vereinigung für Kinderzahnmedizin (SVK) mit mehr als 380 Teilnehmern. Med. dent. Roman Wieland berichtet.

 Diejenigen, die sich einen Platz im Hotel Bellevue Palace in Bern sichern konnten, durften sich an spannenden Vorträgen über das Thema Frontzahntrauma erfreuen. SVK-Präsidentin Dr. Thalia Jacoby begrüsste die Teilnehmer, Dr. Hubertus van Waes, Präsident der Fachkommission, führte durch den Tag.

 

Stammzellen als Zeitretter

Sind der Nerv und die Blutgefässe in einem angeschlagenen und sich noch entwickelndem Zahn abgestorben, stoppt auch das Wurzelwachstum und das angestrebte Kronen-Wurzel-Verhältnis wird nicht erreicht. Dadurch kommt es später oft zu Frakturen und auch ein optimales Verschliessen mit einer Wurzelkanalfüllung ist erschwert. Prof. Monty Duggal vom Leeds Dental Institute in Grossbritannien sprach über die Wichtigkeit des biologischen Managements von solch devitalen Zähnen und wie mittels Stammzellen wichtige Zeit gewonnen werden kann.

Nach einem Zahntrauma mit einer freiliegenden Pulpa soll diese möglichst gerettet werden, um wichtige Zeit für die Bildung von Strukturen wie Dentin und Zement zu gewinnen. Selbst eine teilweise Entfernung der Pulpa, welche nur ein paar Monate funktioniert, ist sinnvoll, denn in dieser Zeit kann sich die Wurzel durch die verbleibende Durchblutung weiterentwickeln. Prof. Duggal steht der Verwendung von Kalziumhydroxid für die Apexifikation sehr kritisch gegenüber. Er empfiehlt, MTA zu verwenden, denn der hohe pH-Wert des Kalziumhydroxids löst das Dentin auf und erhöht die Gefahr einer horizontalen Wurzelfraktur. Das Problem bei MTA ist aber, dass dieses auch zu 2/3 aus Kalziumhydroxid besteht und einen gleich hohen pH-Wert besitzt. Deshalb ist es wichtig, dass das MTA nur im Bereich der Wurzelspitze zu liegen kommt und keine Dentinwände berührt. Prof. Duggal wies darauf hin, dass auch weisses MTA Verfärbungen verursacht und dass ein perfekter Verschluss gegen die Mundhöhle ganz wichtig sei. Nachfolgend zeigte er sein Vorgehen auf, um eine devitale Pulpa zum Leben zu erwecken und zusätzliche Dentinbildung zu gewinnen:

  1. Wurzelkanaldesinfektion mit dreifach Antibiotikakombination
  2. mit einem Wurzelkanalinstrument 3mm über den Apex hinaus eine Blutung provozieren (in diesem Bereich befinden sich viele Stammzellen)
  3. Wattepellet in den Wurzelkanal bringen und zehn Minuten warten bis sich ein Blutkoagulum bildet
  4. Abdeckung mit weissem MTA, Glasionomer und Komposit

Für dieses Vorgehen wurden viele Fallbeispiele gezeigt, die Evidenz ist aber momentan noch sehr schwach und es sind weitere Studien nötig.

Zähne und Sprache

Ganz ohne Projektion von Folien oder Videos referierte die Sprachtherapeutin und Kinderpsychologin Dr. Barbara Zollinger, Winterthur, über die sprachliche Entwicklung eines Kindes. Angefangen beim Gurren, über erste Laute, Mama/Papa, Zwei-Wort-Sätze bis zu Mehrwortäusserungen. 30% der Kinder im Kindergarten können die schwierigen Laute S, R und SCH noch nicht aussprechen. 30% ist aber ein ganz normaler Wert und soll zu keiner Beunruhigung führen. Dr. Zollinger betonte, dass Sprachfehler nicht sofort im Kindesalter behandelt werden müssen, dies kann auch einfach im Erwachsenenalter noch gemacht werden, wenn auch das Kindesalter ökonomisch und psychologisch sinnvoller ist. Ein wesentlicher Moment in der Entwicklung des Kindes ist, wenn aufgrund der erscheinenden Zähne zum ersten Mal feste Nahrung konsumiert werden kann und sich der Stuhlgang verfestigt. Das grosse Erlebnis “Essen - Behalten - Ausscheiden” ist auch für die geistige Entwicklung ein sehr wichtiger Moment. Bereits mit zwei Jahren können Kinder kariöse oder unschöne Zähne erkennen und haben auch das Gefühl der Scham. Die Zähne sind nicht nur für eine korrekte Artikulation notwendig, sondern auch für die Abgrenzung zwischen innen und aussen als soziale Entwicklung.

Eine Anästhesie - acht taube Oberkieferzähne

Gemäss einer Umfrage im Publikum benutzen bereits viele Kinderzahnärztinnen und Kinderzahnärzte alternative Methoden zur klassischen Anästhesie, aber hauptsächlich nur den elektronisch unterstützten Druckgeber. Sich speziell daraus ergebende Techniken sind noch wenig verbreitet. Prof. Jean-Louis Sixou aus F-Rennes, präsentierte die elektronische Anästhesie Quicksleeper, welche mittels einer rotierenden Nadel den Knochen durchstechen lässt und das Anästhetikum im Knocheninnern verteilt. Dazu wird erst eine Voranästhesie benötigt, danach kann mit dem Gerät, welches durch ein Funk-Fusspedal bedient wird und eine rotierende Nadel besitzt, gezielt die äussere Knochenschicht durchbohrt werden, um dann mit elektronisch gesteuertem Druck ins Knocheninnere zu injizieren. Mit dem Quicksleeper lassen sich verschiedene Blockanästhesien im Ober- und Unterkiefer realisieren, welche alle durch Prof. Sixou vorgestellt wurden. Im Unterkiefer können so bis zu vier Zähne auf beiden Seiten der Einstichstelle mit Anästhetikum erreicht werden, in Verwendung von nur einer halben Ampulle.

Einsatz von Knochenersatzmaterial bei der Kinderbehandlung

Nach einem schlimmen Frontzahnunfall, bei dem der Zahn verloren gegangen ist und entfernt werden muss, stellt sich die Frage nach dem optimalen Knochenkammerhalt für eine spätere Versorgung. PD Dr. Ronald Jung, ZZM Zürich, zeigte, was in den letzten Jahren über den Knochenumbau nach Zahnentfernung herausgefunden wurde und präsentierte brandneue Daten aus noch unveröffentlichten Reviews. Vom frühen Wechselgebiss bis zum Ende des Zahnwechsels steht der Zahnerhalt im Mittelpunkt. Beim jugendlichen Gebiss ist dies die heikelste Phase. Neuste Reviews zeigen, dass eine gesteuerte Knochenregeneration mit Aufklappung die bestdokumentierte Technik mit den besten Erfolgsaussichten ist, aber den Nachteil eines chirurgischen Eingriffes mit sich bringt. Für den Verschluss eignet sich ein Stück ausgestanzter Gingiva aus dem Oberkiefer oder eine Kollagenmatrix, welche an die vorbereiteten Wundränder dicht angenäht werden. PD Jung präsentierte Ergebnisse einer aktuellen Studie, welche in Zusammenarbeit dreier Abteilungen an der Universität Zürich durchgeführt wurde. Bei einer Spontanheilung nach Zahnentfernung verliert man auf der Aussenseite in etwa 50% vom Knochenvolumen. Mittels Einbringen von Knochenersatzmaterialien lässt sich der Verlust auf 20% reduzieren. Für unter 18-Jährige sind dazu leider keine Daten vorhanden. Das Knochenremodelling lässt sich nicht stoppen, jedoch reduzieren und kieferorthopädische Bewegungen sind auch in augmentierten Bereichen möglich. PD Jung empfiehlt auf Nachfrage von Dr. Hubertus van Waes allen Kinderzahnärztinnen und Kinderzahnärzten, Knochenersatzmaterial und eine Gingivastanze in ihrer Schublade vorrätig zu halten und nach Zahnentfernungen im Frontzahnbereich einzusetzen. Hat sich ein Zahn nach einem Unfall ankylosiert und wächst nicht mehr mit den Kieferknochen mit, kann dies im Frontzahnbereich bis zu 2mm Differenz belassen werden. Sind es mehr, muss der Zahn jedoch entfernt werden, damit sich der Alveolarkamm weiter entwickeln kann.

Implantation – je später, desto besser

Prof. Andreas Filippi, UZM Basel, präsentierte eine Untersuchung, bei der Implantate bei 25-jährigen Patienten gesetzt und 16 Jahre später nachuntersucht wurden. Bei Männern war etwa die Hälfte vertikal stabil, bei Frauen kein einziges Implantat. Der Kieferknochen verändert sich selbst im Alter von 25 Jahren noch merklich und führt dazu, dass zu früh gesetzte Implantate zu kurz werden. Wie auch PD Jung, empfiehlt Prof. Filippi, Implantate bei Männern frühestens mit 22 Jahren, bei Frauen frühestens mit 20 Jahren zu setzen, besser noch mit 25 Jahren.

Für eine Eigenzahn-Transplantation in die Frontregion eignen sich am besten Prämolaren und Milcheckzähne, es handelt sich aber immer um einen komplexen Fall und bedarf daher einer professionellen Betreuung. Prof. Filippi zeigte anhand mehrerer Patientenfälle den vollständigen  Ablauf einer Transplantation - so wie am Zahnunfallzentrum an der Universität Basel vorgegangen wird - inklusive dem administrativen Vorgehen und einem typischen Kostenvoranschlag.

Die nächste Jahrestagung der SVK findet am 24. Januar 2013  in Bern statt.

Informationen

www.kinderzahn.ch

Foto: © Med. dent. Roman Wieland
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