Branchenmeldungen 20.03.2023
Chirurgische Nähübungen – Gemüse statt Schweinekiefer
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Gudrun Gurke, Tonja Tomate, Audrey Aubergine – es waren drei ungewöhnliche Patientinnen, die von den Teilnehmenden im zweiten Modul des Curriculums Implantologie der DGI im September 2022 in Berlin behandelt werden mussten. Für den Hands-on-Teil des Moduls hatte sich die Referentin, DGI-Vorstandsmitglied Dr. Dr. Anette Strunz, etwas Ungewöhnliches einfallen lassen: Sie ersetzte bei den Nähübungen die sonst üblichen Schweinekiefer durch Gemüse. Wie sie auf die Idee kam, verrät Dr. Strunz im Kurzinterview.
Frau Dr. Strunz, was hat Sie auf die Idee gebracht, Gemüse statt dem klassischen Schweinekiefer für das Curriculum-Hands-on zu verwenden?
Ich fand die Nähübungen an Schweinekiefern, vor allem in den Sommermonaten, schon immer etwas unappetitlich und olfaktorisch eher problematisch. Darum habe ich immer wieder überlegt, wie man die Kiefer ersetzen könnte. Es gibt Kurse, in denen Autoschwämme genäht werden oder Wiener Würstchen. Doch mir war es wichtig, Gewebe einzusetzen, bei dem man verschiedene Nahttechniken üben kann. Und da fiel mir zunächst die Tomate ein. Deren feine Haut kann man zwar nicht mit Zahnfleisch vergleichen, aber man kann an Tomaten feine Nähte und Knoten üben, ohne dass das Gewebe ausgerissen wird. Das geht nur mit viel Gefühl und Vorsicht. Und bei einer Gurke haben wir Gewebe ausgestanzt und neben dem Defekt die Schale mit einem Schäler „angeschält“ – das entspricht der Situation bei einer Extraktionsalveole. Daran kann man eine überkreuzte Matratzennaht üben. Bei der Aubergine kann man eine submuköse Präparation trainieren. Ich hatte auch kurz Obst erwogen, etwa Apfelsinen oder Nektarinen, den Gedanken aber wieder verworfen, da Obst schnell klebrig und matschig wird. Das Gemüse ist einfach perfekt geeignet! Wenn man es auf die Spitze treiben wollte, könnte man danach noch ganz nachhaltig ein Ratatouille daraus kochen. Der zweite wichtige Punkt bei meinen Überlegungen war, dass die Kolleginnen und Kollegen auch zu Hause mit Gemüse leichter weiterüben können. Denn es ist mitunter gar nicht so einfach, sich Schweinekiefer zu besorgen. Aber Tomaten und Gurken gibt es auf jedem Wochenmarkt.
„Bei einer Gurke haben wir Gewebe ausgestanzt und neben dem Defekt die Schale mit einem Schäler „angeschält“ – das entspricht der Situation bei einer Extraktionsalveole.“
Wie kam diese Variante bei den Teilnehmenden an und könnte die vegane Version die „Fleischvariante“ komplett ablösen?
Die Übungen am Gemüse sind von den Teilnehmenden meines Kurses sehr positiv aufgenommen worden. Eine Tomatenhaut zu nähen, ist schließlich eine ganz besondere Herausforderung. Darum könnte ich mir schon vorstellen, dass solche Übungen eine gute Chance haben, salonfähig zu werden. Ich werde es jedenfalls bei den nächsten Kursen auf alle Fälle erneut so anbieten. Eine Prognose, dass das Gemüse die Schweinkiefer zukünftig komplett verdrängen wird, mag ich nicht abgeben. Das wird die Zeit zeigen, und es gibt auch Übungen, bei denen der Schweinekiefer gewisse Vorteile bietet, etwa, wenn man für bestimmte Übungen Knochen braucht oder Zähne entfernen will. Trotzdem werde ich hier weiter nach Alternativen suchen, mir schweben schon Implantate in Rüben oder Holzästen vor oder Entfernung von Walnusskernen aus der Schale …
Übung macht den Meister: Wie wichtig sind solche Nähübungen für die implantologische Ausbildung und Chirurgiekompetenz der nächsten Generation von Implantologen?
Ich denke, dass dies ein wichtiger Bestandteil dieses Curriculums ist. Oft wird davon ausgegangen, dass diese „Basics“ bei den jungen Kolleginnen und Kollegen vorhanden sind. Dies ist aber leider nicht der Fall, weil im Studium schlichtweg die Gelegenheiten fehlen, bei denen chirurgisch gearbeitet wird. Und für eine Implantateinheilung ist ein wesentlicher Bestandteil der gelungenen Wundheilung der umsichtige und richtige Umgang mit dem Gewebe und den Nahttechniken.
„Für eine Implantateinheilung ist ein wesentlicher Bestandteil der gelungenen Wundheilung der umsichtige und richtige Umgang mit dem Gewebe und den Nahttechniken.“
Dieser Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Praxis Wirtschaft erschienen.