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Branchenmeldungen 28.10.2020

„Gesellschaft und Wirtschaft ändern sich, wir müssen dranbleiben.“

„Gesellschaft und Wirtschaft ändern sich, wir müssen dranbleiben.“

Diese Meldung ließ letzte Woche kurz aufhorchen und entlockte vielleicht dem ein oder anderen Medienvertreter ein „Endlich!“, als die Pressemeldung über die Kandidatur einer Jenaer Zahnärztin für den BZÄK-Vorstand die dentalen Redaktionen flankierte. Am 6. November 2020 tagt in Karlsruhe die Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und wählt ihren geschäftsführenden Vorstand neu. Erstmals kandidiert eine junge Kollegin für einen Sitz an der Spitze der Bundeszahnärztekammer. Wir sprachen mit Rebecca Otto über die Motivation, Ziele und die Rolle der jungen Generation im Kontext der aktuellen Berufspolitik.

Was hat Sie dazu bewogen, für einen Sitz an der Spitze der Bundeszahnärztekammer zu kandidieren?

Frauen mit Expertise, welche sich standespolitisch einbringen wollen, müssen sichtbar werden. Wir sind der Nachwuchs, der bereit ist, Zeit und Energie einzubringen, um die Selbstverwaltung in die Zukunft zu führen und für die zukünftigen Generationen zu erhalten.

Ich merke immer mehr, dass die Kammern und KZVen für junge Kollegen bei einer Praxisgründung nicht die ersten Ansprechpartner sind. Hier besteht die Gefahr, den Anschluss zu verlieren, um ein Beispiel für meine Motivation zu nennen.

Wie reagieren Kolleginnen und Kollegen auf Ihre Kandidatur?

Bislang habe ich durchweg positives Feedback erhalten. Meine Vermutung war richtig: Die etwas jüngere Generation der Zahnmedizin möchte auch entsprechend in den Gremien der Selbstverwaltung vertreten werden.

Auch der neue Weg, über eine eigens gestaltete Homepage sichtbar zu werden, ist als modern wahrgenommen worden. Es wird deutlich: Die jüngere Generation kann wesentlich mehr mit schnellem Austausch über das Internet und Social Media anfangen.

Die bisherigen Strukturen und Gremien haben sich ja in der Vergangenheit bis zu einem gewissen Grad bewährt, jetzt gibt es aber völlig neue Herausforderungen, die einen Prozess der Anpassung, aber vor allem der Weiterentwicklung erfordern. Wie wollen Sie sich da behaupten bzw. wie glauben Sie, für frischen Wind sorgen zu können? 

Für mich ist besonders der respektvolle Austausch auf Augenhöhe wichtig. Und dies bedeutet auch, dass ich nicht in den Vorstand komme und alles auf den Kopf stelle. Mir ist wichtig, die Tradition einer Organisation zu kennen und gleichermaßen an der Weiterentwicklung der BZÄK im 21. Jahrhundert mitzuwirken. Es ist doch offensichtlich, dass Organisationen, die nicht mit der Zeit gehen, langfristig an Einfluss und Überzeugungskraft verlieren. Dies wäre fatal.

Im Übrigen sehe ich meine Kandidatur nicht als Bedrohung – und dies wurde mir von Kolleginnen und Kollegen bestätigt. Denn ich werde – sollte ich bei der Wahl erfolgreich sein – mit Sicherheit mit zwei erfahrenen Kollegen den geschäftsführenden Vorstand bilden und somit von deren Erfahrungen profitieren und die Vertreter der etwas älteren Generation wiederum von meinen Ideen und Netzwerken in die jüngeren Kreise der Kolleginnen und Kollegen hinein. Eine Win-win-Situation also! Ich bin mir sicher, wir werden gegenseitig von neuen Impulsen und Erfahrungen profitieren. Ein starkes und gemischtes Team kann die Dinge leichter hinterfragen und hat mehr Mut, Neues auszuprobieren.

Verstehen Sie sich ausschließlich als Sprachrohr der jungen (weiblichen) Zahnärztegeneration? Wie glauben Sie, den Spagat auch zur älteren Zahnärzteschaft hinzubekommen? Oder ist das vielleicht gar nicht nötig?

In vielen Bereichen sitzen alle im selben Boot. Egal, ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich, oft sind es die gleichen Probleme, vor denen man steht. Exemplarisch sei das Thema „Mitarbeiter“ genannt.

Probleme wie zum Beispiel der Personalmangel in den Praxen betreffen den gesamten Berufsstand. Ältere Kollegen müssen eher in den Ruhestand gehen, weil die Helferin in Rente geht, und junge Kollegen finden keinen Azubi für die Praxis. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns doch.

Bereits in naher Zukunft kommen diese Probleme auf uns zu, mit denen sich viele Praxisinhaber bis heute nur unzureichend beschäftigt haben: Der demografische Wandel wird nicht nur in unserem Patientenstamm bewusst spürbar, sondern erfordert ein schnelles Umdenken hinsichtlich der Personalplanung in unseren Praxen. Praktikable und nachhaltige Lösungen müssen gefunden werden. Die Folgen der demografischen Entwicklung sind mehrdimensional. Der quantitative Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials führt zu einem sich verschärfenden Wettbewerb um Auszubildende und folglich um eine Verringerung der Fachkräfte der Zukunft. Praxisinhaber sind zunehmend gefordert, Themen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kinderbetreuung oder aber auch die Pflege von Angehörigen in ihre Planungen miteinzubeziehen. Längst ist es nicht mehr nur der monetäre Faktor, der für die Wahl eines neuen Arbeitsplatzes für die Mitarbeiter entscheidend ist. Dies erfordert differenzierte und individuelle Angebote und ein zielgruppenorientiertes Personalmarketing.

Die BZÄK steht unter politischem Druck, was die Einführung einer Frauenquote anbelangt. Wie stehen Sie dazu? Frauenquote – ja/nein und warum?

Ich finde es sehr interessant, dass ich die Frage gestellt bekomme. Ich hoffe die männlichen Bewerber werden dies auch gefragt. Ich bin klar gegen eine Quote, weil ich an die Weitsicht und die Weisheit der Delegierten glaube! Klar ist doch: Wir brauchen weibliche und männliche Perspektiven.

Angesichts der politischen Diskurse sehe ich aber die Gefahr, dass wir eine Frauenquote aufoktroyiert bekommen, sollte sich die BZÄK nicht öffnen. Aus der Sicht der Politiker muss ich doch schon zustimmen: Wie kann es sein, dass wir seit vielen Jahrzehnten frauenfreie Vorstände haben, obwohl Frauen längst fast die Hälfte der Zahnärzte stellen, Tendenz steigend? Ein auch nur annähernd schlüssiges Argument gegen eine Forderung für mehr Frauenbeteiligung auch auf Vorstandsebene sehe ich bislang nicht. Aber das können die männlichen Bewerber sicher besser erklären.

Insbesondere die Corona-Pandemie hat doch so einige Schwachstellen der Gesundheitspolitik ans Tageslicht gebracht – wo drückt, Ihrer Meinung nach, der Schuh am stärksten?

Während der letzten Monate haben wir eine doppelte Ungleichbehandlung erfahren: Wir waren nicht systemrelevant und ohne Betreuung unserer Kinder. Wir haben teilweise unter größten Mühen unsere Praxis offen gehalten.

Wir haben gespürt, dass tradierte Klischees über die Zahnärzteschaft eine solche Tragkraft haben, dass sie politische Verantwortliche dazu bewegen, auf deren Grundlage weitreichende und folgenschwere Entscheidungen treffen.

Was muss sich unbedingt ändern und was, glauben Sie, können Sie mithilfe dieser Position tatsächlich ändern? Gibt es eine Sache, die Ihnen ganz besonders am Herzen liegt?

Ich will mich diesen Klischees selbstbewusst und nicht trotzig entgegenstellen. Ein wichtiges Signal an die Öffentlichkeit ist ein weibliches Mitglied im Vorstand, welches den aktuellen Berufsstand repräsentiert. Dadurch wird sich die Außenwirkung der BZÄK verbessern und wir haben die Chance, dass neue Türen sich öffnen, durch die wir als Vorstand gemeinsam gehen können. Ebenfalls müssen wir als Kammern für junge Kollegen sichtbar werden und hier nicht anderen das Feld überlassen.

Ich möchte Vorbild für andere Kolleginnen und Kollegen sein, ihnen Mut machen zur Selbstständigkeit und unsere zahnärztliche Selbstverwaltung für die nächste Generation bewahren.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach die Berufspolitik der Zukunft aus? Und welche Rolle wird die Frau dabei spielen?

Das Leben wird doch bunter: Jung und Alt, erfahren und Neuling, männlich und weiblich, selbstständig und niedergelassen, Teilzeit, Vollzeit, Landarzt und städtische Umgebung – alles wird es geben. Und sich ausdifferenzieren, und Frauen werden ganz normal ein Teil von allem sein, und in den meisten Fällen etwa die Hälfte der genannten Positionen ausmachen. Deshalb müssen wir gemeinsam gestalten. Und dafür stehe ich! Ich möchte nicht Mitglied im geschäftsführenden Vorstand werden, weil ich eine eigene Idee oder Agenda durchdrücken will, sondern weil ich Bedarf sehe. Die Gesellschaft und Wirtschaft ändern sich, wir müssen dranbleiben. Auf die Passfähigkeit kommt es also an. Und damit es passt, möchte ich mich einbringen. Mindestens für die nächsten Jahre.

Liebe Frau Otto, vielen Dank für das offene Gespräch und viel Erfolg.

Foto Teaserbild: © privat

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