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Branchenmeldungen 03.08.2018

Kieferorthopäden trafen sich in Edinburgh

Kieferorthopäden trafen sich in Edinburgh

Die European Orthodontic Society lud vom 17. bis 21. Juni zum Jahreskongress in die schottische Hauptstadt und präsentierte eine breite Themenpalette rund um moderne Behandlungskonzepte und aktuelle Trends. Rund 2.300 Fachbesucher nutzten die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch unter Kollegen sowie zum Kennenlernen neuer Produktlösungen der Dentalindustrie.

Ins schottische Edinburgh führte der diesjährige EOS-Kongress, welcher im Vergleich zur vorjährigen Tagung in Montreux eine deutlich höhere Teilnehmerzahl verzeichnen konnte (ca. 2.300 gegenüber rund 1.900 in 2017). Dafür waren etwas weniger Aussteller vertreten als sonst (52 Stände, darunter 43 Dentalanbieter), was wohl u. a. auf die traditionell stolze Preisgestaltung der Standmieten bei einer europäischen Tagung zurückzuführen sein dürfte.

Wissenschaftliche Vorträge

Das von Tagungspräsident Dr. Dirk Bister und seinem Team zusammengestellte Vortragsprogramm umfasste eine große Bandbreite aktueller Themen und wartete mit international hochkarätigen Rednern auf. Einer von ihnen ist zweifellos Prof. Dr. Greg Huang (USA), der zum Management frontal offener Bisse bei erwachsenen Patienten sprach. In den letzten fünf Jahren seien 31 relevante Publikationen (darunter 27 Fallberichte) rund um die Therapie offener Bisse bei Erwachsenen erschienen, von denen Huang einleitend eine Auswahl vorstellte. Anschließend präsentierte er die Ergebnisse einer von 2015 bis 2018 durchgeführten Studie des National Dental Practice-Based Research Network zur Thematik, die USA-weit 92 Behandler (88 KFO, drei ZÄ) und 350 Patienten einbezog und u. a. klinische Empfehlungen oder akzeptierte Therapiepläne sowie die sie beeinflussenden Faktoren auswertete. Dabei erläuterte Huang z. B., inwieweit die Empfehlungen basierend auf den Erfahrungen des Behandlers variierten oder inwieweit Patienten mit stärker ausgeprägten skelettalen Charakteristiken eher zu einem chirurgischen Eingriff bereit waren. Zudem stellte er die Ergebnisse hinsichtlich der Bewertung erzielter Behandlungserfolge sowie Langzeitstabilitäten vor.

Huang präsentierte hierbei diverse interessante Fakten. So empfahlen zehn Prozent der insgesamt 88 Kieferorthopäden Aligner (mehr Empfehlungen bei Patienten mit höherem Bildungsgrad), 42 Prozent Brackets, acht Prozent Brackets in Kombination mit TADs (TADs mehr im akademischen Umfeld als in Privatpraxen) sowie 34 Prozent Brackets und Chirurgie (mehr Chirurgieempfehlungen, wenn Versicherungen der Patienten solche Eingriffe umfassten). In 26 Prozent der Fälle wurden Extraktionen empfohlen. Von den insgesamt drei Allgemeinzahnärzten empfahl keiner Aligner, Extraktionen oder einen chirurgischen Eingriff, dafür ein Arzt die Verwendung von TADs. Die Akzeptanz von Behandlungsplänen mit Extraktionen war bei den Patienten genauso hoch wie von Plänen ohne Extraktion, zudem wurde einem chirurgischen Eingriff bei stärker ausgeprägten offenen Bissen eher zugestimmt.

Inwiefern eine beschleunigte Kieferorthopädie gegenwärtig möglich ist, versuchte Dr. Mithran Goonewardene zu klären. Der Gast aus Australien verdeutlichte hierbei, dass diesbezüglich zwar verschiedenste Techniken und Ansätze im Raum stehen, deren Effektivität jedoch nach wie vor Gegenstand aktueller Forschung sei und weiterer intensiver Untersuchungen bedarf. Auch wenn deutliche Fortschritte bei der Entwicklung geeigneter Methoden zur Behandlungsbeschleunigung gemacht würden, käme es noch immer auf den Einsatz effizienter Biomechaniken an. Diese seien elementar. „Statt ständig über Beschleunigungstechniken und deren Wirksamkeit nachzudenken, sollten wir zu den einfachen Dingen, unserer Routine, zurückkehren und diese besser machen. Auch sollten wir unsere Behandlungsentscheidungen stets gemeinsam mit unseren Patienten treffen“, so Goonewardene resümierend.

Prof. Dr. M. Ali Darendeliler widmete sich ebenfalls der Beschleunigung kieferorthopädischer Zahnbewegungen und stellte die Ergebnisse einer Studie vor, die die Effektivität des Einsatzes der Piezocision™- und Mikro-Osteoperforationstechnik beim Lückenschluss nach Extraktion oberer erster Prämolaren sowie die Patientenwahrnehmung der chirurgischen Eingriffe untersuchte. Beide Techniken (für die Dauer von je zwölf Wochen angewandt) führten im Vergleich zur jeweiligen Kontrollgruppe zu keinem klinisch signifikanten Unterschied hinsichtlich des Umfangs der während des Lückenschlusses erzielten Zahnbewegungen. Was das Schmerzempfinden angeht, empfanden die Patienten beide Methoden als erträglich. Jedoch, so Darendeliler, erhöhten sie das Risiko von Wurzelresorptionen. Die Piezocision™-Technik könne zudem benachbarte Wurzeln beschädigen. Auch hier seien weitere wissenschaftliche (Langzeit-)Untersuchungen notwendig.

Einen der besten Vorträge hielt zweifellos Priv.-Doz. Dr. Raphael Patcas aus der Schweiz. Dieser wagte einen etwas genaueren Blick auf die Langzeitretention und versuchte zu klären, ob diese zum einen erreichbar und zum anderen überhaupt ratsam ist. Dabei ging er nicht nur auf die Klebetechniken fixer Retainer (Säureätzen mit oder ohne Sandstrahlen) und dabei zur Anwendung kommende Materialien inklusive ihrer mechanischen Eigenschaften ein, sondern auch auf deren intraoralen Alterungsprozess sowie biologische Reaktivität. „Die Patienten möchten mit ihren Retainern alt werden“, so Patcas. „Jedoch altern auch die Retainer mit den Patienten.“ Daher sei es umso wichtiger, Materialien mit den entsprechend erforderlichen mechanischen bzw. biologischen Eigenschaften einzusetzen und Toxizität zu minimieren.

Bereits im Jahre 2007 lenkte Prof. Dr. Christos Katsaros die Aufmerksamkeit auf durch Retainerdrähte hervorgerufene, unerwartete Zahnbewegungen. Seither haben zahlreiche wissenschaftliche Studien die Vermutung bestätigt, dass mehrsträngige/geflochtene Drähte anfälliger für auftretende Komplikationen seien als rigide Retainerdrähte. Aber auch der Patient selbst spielt bei der Langzeitretention eine nicht unbedeutende Rolle. Zwar sei einerseits ein starkes (wachsendes) Bedürfnis für die Erhaltung des durch KFO-Therapie erzielten ästhetischen Ergebnisses feststellbar, jedoch ist einem Großteil der Patienten überhaupt nicht bewusst, dass hierfür auch entsprechende Retentionsgeräte erforderlich sind. Hier bedarf es mehr Aufklärung.

Ebenfalls der Retainerthematik widmete sich der Vortrag von Dr. Dalya Al-Moghrabi (Großbritannien). Sie präsentierte die Ergebnisse einer Studie, die zum einen die Stabilität von Behandlungsergebnissen bei Einsatz festsitzender gegenüber herausnehmbaren Retainern über die Dauer von vier Jahren miteinander verglich. Zum anderen wurde die parodontale Gesundheit bei Einsatz beider Retentionsmethoden untersucht. Ergebnis: Festsitzende Retainer bieten langfristig einen besseren Schutz des erzielten Alignments. Hinsichtlich der parodontalen Ergebnisse konnten beide Retainerarten gleichermaßen mit Zahnfleischentzündungen sowie erhöhten Plaquewerten in Verbindung gebracht werden.

Abschließend sei noch auf den Vortrag von Dr. Cihan Aydoğan (Türkei) verwiesen, der die Genauigkeit von Klebetrays für das indirekte Bonding in den Fokus stellte. Laut einer aktuellen Studie, deren Ergebnisse Dr. Aydoğan in Edinburgh präsentierte, weisen mittels Druckformverfahren (Vakuum-Tiefziehgerät) hergestellte doppelschichtige Übertragungsschienen eine höhere Präzision beim indirekten Kleben von Brackets und Tubes auf als doppelschichtige kondensationsvernetzende Silikontrays. Die höhere Genauigkeit wurde insbesondere im Seitenzahnbereich und in der vertikalen Dimension deutlich. Dieses Ergebnis sei laut Referent insofern interessant, da vorherige Studien (in vitro) Trays aus additionsvernetzendem Silikon eine höhere Präzision gegenüber vakuumgeformten Übertragungsschienen attestierten.

Industrieausstellung

Einen neuen Behandlungsbogen mit drei Kraftzonen stellte GC Orthodontics mit BIO-ACTIVE™ light vor. Der .020'' x .020'' thermoelastische Nickel-Titanium-Draht generiert in der Front niedrige Kräfte (50 g), bietet im lateralen Segment eine etwas stärkere Kraftabgabe (150 g) und im Molarenbereich ein Kraftniveau von 250 g, sodass er direkt als Initialbogen eingesetzt werden kann. Kieferorthopäden können somit schon in der Nivellierungsphase mit einer größeren Bogendimension arbeiten, die ihnen in frühen Behandlungsphasen bereits eine optimale Torque- und Tippingkontrolle gewährt. Der BIO-ACTIVE™ light ist in zwei Formen beziehbar und rundet die GET Prescription (Goals Evidence Treatment) der Dres. Stefano Troiani und Turi Bassarelli ab, welche aktuell mit GC’s Experience™ SL-Brackets erhältlich ist.

Align Technology hat sein bekanntes Schienensystem um eine neue Behandlungsoption ergänzt. Für den Einsatz im frühen Wechselgebiss steht ab Juli Invisalign® First zur Verfügung, welches für Patienten zwischen fünf und elf Jahren gedacht ist. Es ermöglicht laut Herstellerangaben eine vorhersagbare dentoalveoläre Expansion (skelettale Erweiterung soll Ende des Jahres verfügbar sein) mittels entsprechender bukkaler Attachments. Neue, optimierte „Staging patterns“ bewirken zunächst die Bewegung der Molaren, gefolgt von der simultanen Expansion der Eckzähne und aller posterioren Zähne, wobei eine verbesserte Verankerung sowie gezieltere Kraftapplikation in jedem Bereich des Zahnbogens gewährleistet würde, während gleichzeitig die Ausrichtung der Schneidezähne erfolgt. Sogenannte „Eruption Indicators“ führen durchbrechende Zähne zudem in ihre korrekte Position. Bei Invisalign® First werden die Schienen alle sieben Tage gewechselt, über eine Gesamtbehandlungsdauer von 18 Monaten.

Die Ortho Caps GmbH hat die cloudbasierte iSetup® Software ihres orthocaps® Alignersystems weiter modifiziert, um ein noch leichteres Handling zu realisieren. Das Tool, welches die präzise Simulation und Visualisierung jeder Behandlungsphase simuliert, bietet neue Features. So ist das Stripping jetzt direkt darstellbar. Zudem könne der Vorher-Nachher-Vergleich der einzelnen Therapieschritte nun schneller und einfacher abgebildet werden. Des Weiteren wurde die Hintergrunddarstellung optimiert.

Dentsply Sirona präsentierte eine neue Version seiner CEREC Ortho Software, welche voraussichtlich ab Oktober verfügbar sein wird. Mit der modifizierten Variante wurde u. a. das Segmentieren der Zähne optimiert, sodass dieses laut Herstellerangaben nun in wenigen Sekunden umsetzbar ist. Der Erstvorschlag sei bereits von solch guter Qualität, dass Softwarenutzer diesen i.d.R. selten korrigieren müssten (Korrekturen können dennoch jederzeit vorgenommen werden). Neu ist zudem das Modellanalyse-Tool, welches mit der neuen Generation wesentlich umfangreicher erscheint. Hinzugekommen sind z. B. Transversal- und Symmetriemessungen oder ein wählbares Freihandwerkzeug. Für Patientenberatungsgespräche eignet sich insbesondere eine neue Funktion, die ein mögliches Behandlungsergebnis darstellt, das der Behandler im Beisein des Patienten anschaulich modifizieren kann. Mit der neuen Version ist des Weiteren ein anklickbarer SureSmile®-Button verfügbar, sodass erwähntes digitales Behandlungsplanungssystem entsprechend mit den CEREC Omnicam-Daten arbeiten kann.

An digital hergestellten Klebetrays für das indirekte Bonding konnten interessierte Besucher am Stand von 3M die Vorteile der Partnerschaft des Unternehmens mit der Firma 3Shape kennenlernen. Nach intraoralem Scan und digitaler Behandlungsplanung wird ein digitales Übertragungstray designt, welches man dann vom Labor seiner Wahl drucken lässt. Anschließend wird das indirekte Bonding Tray mit den APC Flash-Free vorbeschichteten Clarity™ ADVANCED Keramikbrackets bestückt. Der Vorteil hier, es müssen nach dem Einsetzen des Trays im Patientenmund keine Klebeüberschüsse entfernt werden, es kann gleich lichtgehärtet werden.

Die chinesische Firma OO Dental zeigte ihr erstmals zum AAO präsentiertes O-Brace Bracketsystem. Dieses ist insofern erwähnenswert, da es ein spektakuläres Design aufweist. Der Korpus des selbstligierenden Brackets ist wie eine Halbkugel gestaltet, wobei der Slot komplett vom mittels Sonde zu öffnenden Schiebeclip verdeckt wird. Zwischen halbrundem Korpus und Basis ist eine umlaufende Ligaturenrille, die seitlich abgeflacht ist, um den Halt der O-Brace-Pinzette zu gewährleisten. Die Haken zum Einhängen von Gummiketten o. Ä. werden bei Bedarf in ein mittig auf der Oberseite befindliches Gewinde eingeschraubt, wobei gleichzeitig das Bogenspiel (Torque) beeinflusst wird. Das Bracket wird laut Auskunft des Anbieters in den Prescriptions Roth und MBT angeboten.

Ausblick

Der nächste EOS-Kongress findet vom 17. bis 22. Juni 2019 im französischen Nizza statt. Tagungspräsident ist Dr. Olivier Sorel.

Foto: Simon Williams
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