Branchenmeldungen 18.03.2025
Mit Zyklus-Power zum Erfolg: Wie flexible Arbeitsmodelle Frauen stärken
share
Herr Höhn, wie können Unternehmen (zu der letztlich auch eine unternehmerisch geführte Praxis gehört) konkret die vier Phasen des weiblichen Zyklus in ihre Arbeitsmodelle integrieren, um die Kreativität, Intuition und Produktivität ihrer Mitarbeiterinnen zu steigern?
Überall gibt es Frauen, die während ihrer Periode oft ziehende Schmerzen im Rücken und starke Krämpfe im Bauch haben – und sich trotzdem ganz selbstverständlich zur Arbeit quälen. Eine niederländische Umfrage bestätigt, dass 80 Prozent der über 33.000 befragten Frauen zwischen 15 und 45 Jahren trotz Unterleibsschmerzen zur Arbeit, Schule oder Universität gehen. Das nimmt natürlich Einfluss auf die Kreativität und Produktivität von Mitarbeitenden. So zeigt eine Studie über berufstätige Frauen in den Niederlanden, dass, wenn eine Frau mit Periodenschmerzen zur Arbeit geht, dies im Schnitt zu neun Tagen Produktivitätsverlust im Jahr führt. Kumuliert ist das ein jährlicher wirtschaftlicher Schaden von mehr als 107 Milliarden Euro in der Europäischen Union.
Vorrangiges Ziel ist es daher, gerade im Unternehmenskontext, die Periode bzw. den weiblichen Zyklus endlich zu enttabuisieren und mehr Raum für Akzeptanz zu schaffen. Noch immer sind Frauen gezwungen, ihre Schmerzen zu unterdrücken. Menstruationsbedingte Symptome am Arbeitsplatz oder bei Vorgesetzen zu erwähnen, ist tabu. Frauen scheuen sich, weil sie nicht als schwach oder weniger leistungsfähig angesehen werden wollen. Es ist an der Zeit, dass Frauen im Arbeitskontext Unterstützung und Wertschätzung erhalten. Bislang sind wir eher auf den männlichen Körper und die männliche Erfahrung ausgerichtet; Frauen müssen nicht selten das Weibliche unterdrücken, um erfolgreich zu sein.
Um Kreativität, Intuition und Produktivität von Mitarbeiterinnen zu steigern, ist es in erster Linie wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in denen Frauen das Gefühl haben, ihre menstruationsbedingten Symptome mitteilen und darauf im Arbeitsalltag flexibel reagieren zu können, ohne negative Konsequenzen zu fürchten. Diese Rücksichtnahme kann sogar dazu führen, dass die entsprechenden Symptome generell reduziert werden. Die Frauen erfahren mehr Leichtigkeit, was dann wiederum die Türen für Produktivität und Kreativität öffnet.
Selbst die Phasen der Menstruation kann ein Unternehmen flexibel berücksichtigen. Denn in jeder Phase, die sehr individuell ausgeprägt ist, werden so etwas wie Superkräfte freigesetzt, die sich ideal im Arbeitskontext nutzen lassen. So sorgt z. B. der Anstieg des Hormons Östradiol für einen regelrechten Energieschub und fördert den Entdeckergeist. Hier sind Frauen in der Lage, sich sehr gut in neue Themen reinzudenken und generell Höchstleistungen zu bringen. Während der Blutung hingehen verstärkt der Tiefstand der Hormone Weisheit und Klarheit, so dass Altbewährtes kritisch hinterfragt und losgelassen werden kann. Eine super Zeit, um anstehende Aufgaben zu fokussieren und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Frauen haben im Gegensatz zu den Männern einen Hormonzyklus, der ihre Leistungsfähigkeit, ihre Stimmung und ihr Verhalten beeinflussen kann. Unternehmen und Menschen, die diese Besonderheit erkennen und den weiblichen Zyklus ernst nehmen, können dieses besondere Potential entfalten, das nicht nur für Frauen gewinnbringend ist, sondern auch für Männer und Unternehmen.
Welche Maßnahmen haben Unternehmen denn bereits ergriffen, um flexible Arbeitsbedingungen für Frauen zu schaffen, und welche positiven Erfahrungen haben sie dabei gemacht?
Da gibt es bereits spannende Initiativen. Beispielsweise hat das ehemalige britische Unternehmen CoExist aus Bristol 2016 gemeinsam mit der Menstruationsforscherin Lara Owen eine menstruationsbezogene Arbeitsplatzpolitik ins Leben gerufen. Mitarbeiterinnen wurde es ermöglicht, sich während der Periode ohne Angabe von Gründen frei zu nehmen – pro Monat gab es einen bezahlten freien Tag. Alles darüber hinaus wurde als Krankheitstage verbucht. Die damalige Personalentwicklerin Bex Baxter sagte zum Konzept: »Frauen haben das Gefühl, trotz der Schmerzen, nicht nach Hause gehen zu können, weil sie sich selbst nicht als krank einstufen. Und das ist ungerecht. Bei CoExist sind wir verständnisvoll. Wer Schmerzen hat, egal welcher Art, wird ermutigt, nach Hause zu gehen. Wir wollten eine Regelung, die es Frauen erlaubt, sich Zeit für den natürlichen Zyklus ihres Körpers zu nehmen, ohne dass dies als Krankheit abgestempelt wird.«
In Deutschland haben bereits Firmen, wie das Nachhaltigkeitsunternehmen everdrop und The Female Company (ein Label, das sich auf Bio-Periodenprodukte konzentriert) sogenannte »Power Days« eingeführt. »Das sind Tage, die Mitarbeiterinnen kommentarlos freinehmen können, wenn sie Schmerzen oder andere Perioden-Beschwerden haben, ohne dass sie dafür einen Krankheitstag einreichen müssen«, erklärt Lilly Janoschka, Head of People & Culture bei everdrop. Dabei geht es nicht darum, und das muss ich dieser Stelle sicher hervorheben, männliche Mitarbeiter zu benachteiligen. Das Ziel ist vielmehr, die Achtsamkeit füreinander zu fördern. »Unsere Power Days kosten zwar Geld, aber das wird sich langfristig auszahlen. Die Mitarbeiterinnen haben das Gefühl, gut behandelt zu werden, sind motivierter und resilienter«, stellt Janoschka nach über drei Jahren fest.
Demnach haben die Power Days auch positive Auswirkungen auf die männlichen Kollegen, da grundsätzlich mehr Sensibilität und Offenheit gegenüber gesundheitlichen Belangen geschaffen wird. Es entsteht eine stärkere Kultur des Vertrauens und der Rücksicht. Ebenfalls möglich ist das Angebot von Periodenprodukte in den Waschräumen der Unternehme; das gibt dem weiblichen Zyklus im Unternehmenskontext Sichtbarkeit und Raum.
Welche Rolle spielt die menschliche Chronobiologie in der Gestaltung von Arbeitsmodellen, die auf die Bedürfnisse weiblicher Mitarbeiterinnen abgestimmt sind, und wie kann dies zur langfristigen Mitarbeiterbindung und -zufriedenheit beitragen?
Was Frauen und Männer gemeinsam haben, ist der 24-stündige Schlaf-Wach-Rhythmus, auch zirkadianer Rhythmus genannt, der durch die Hormone Cortisol, Melatonin und Serotonin geregelt wird. Der Rhythmus hat Einfluss auf unsere Leistungsfähigkeit und Müdigkeit. Im Job ignorieren wir diese biologischen Rhythmen und orientieren uns eher am Outlook-Kalender anstatt an der inneren Uhr. Dabei liegt enormes Potenzial darin, unser Arbeitsleben mit dem zirkadianen Rhythmus oder dem Menstruationszyklus zu synchronisieren.
Die chronobiologische Forschung zeigt, dass wir alle eine individuelle innere Uhr besitzen, die regelt, wann wir müde sind und wann wir Bäume ausreißen könnten. Entscheidend ist hierbei der Chronotyp, der uns quasi mit in die Wiege gelegt wurde, da er genetisch verankert ist. Dabei können sich Tendenzen mit dem Alter durchaus verändern. Wir wissen mittlerweile, dass unsere Gene darüber entscheiden, wie unsere Vorlieben für den Morgen bzw. den Abend gelagert sind. Wenn du also um neun Uhr morgens nicht bereit bist für ein Meeting, dann ist es nicht deine Schuld – wenn du nicht gerade bis drei Uhr früh im Club warst oder genetflixt hast. Denn du hast dir deinen Schlaf- beziehungsweise Chronotyp nicht ausgesucht und kannst ihn auch nicht verändern. In der Wissenschaft werden drei unterschiedliche Typen unterschieden:
- Die meisten Menschen (um die 73 Prozent) entsprechen dem »Normaltyp«, auch Taube genannt, der im Laufe des Tages ähnlich ausgeprägte Leistungsspitzen hat: eine am Vormittag, eine am Nachmittag.
- Als Spättyp (um die 20 Prozent), Eule genannt, werden hingegen Menschen bezeichnet, die das absolute Leistungshoch am Nachmittag verspüren. Bei ihnen ist der innere Zyklus länger als 24 Stunden und pendelt sich daher später am Tag ein.
- Das genaue Gegenteil ist der dritte Chronotyp, der Frühtyp (um die sieben Prozent), die Lerche. Das sind Menschen, die ihr absolutes Leistungshoch am Vormittag haben und deren innerer Zyklus kürzer als 24 Stunden ist, weswegen sie früher wach werden.
Lerchen und Eulen sind zwei Extremformen. Alles dazwischen kann als Normaltyp bezeichnet werden und zeigt starke Abweichungen: Zum Beispiel gibt es Tauben mit Tendenz zur Lerche, die problemlos um sieben Uhr aufstehen können. Und es gibt Tauben mit Tendenz zur Eule, die sich um sieben Uhr noch mitten in ihrer biologischen Nacht befinden. Diese starken Abweichungen sind die Folge der Erfindung der Elektrizität, die dazu führt, dass wir dunkle Tage und helle Nächte erleben, was unseren zirkadianen Rhythmus völlig durcheinanderbringt. Folge ist, dass die durchschnittliche Mitternacht für uns heute zwischen vier und fünf Uhr morgens liegt. Starre Arbeitszeiten passen daher nicht für alle Menschen. Gerade Menschen, die eher eine Tendenz zur Eule haben, leiden unter starren Vorgaben des Arbeitgebers. Wenn ich ständig gezwungen werde, anders zu leben, als meine innere Uhr es vorgibt, nennt das die Wissenschaft sozialen Jetlag. Wie sich ein Jetlag anfühlt, das weiß jeder, der schon mal über den großen Teich geflogen ist. Durch die Zeitverschiebung gibt es eine Dissonanz zwischen der Uhrzeit vor Ort und unserer inneren Körperuhr, die alle Abläufe im menschlichen Körper steuert. In der Folge spielen alle Prozesse im Körper verrückt und wir fühlen uns erschöpft und müde. Das ist bei Ausnahmen auf das Jahr betrachtet auch überhaupt kein Problem. Aber auf Dauer kann uns dieser soziale Jetlag, der sich eben auch aus unflexiblen Arbeitszeiten ergeben kann, stark belasten und sogar krank machen: Schlafprobleme, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Müdigkeit am Tag, leichtere Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme. Selbst die Wahrscheinlichkeit einer Depression steigt an. Wer zu früh oder zu spät einschläft und aufsteht, durchläuft wichtige Regenerationsprozesse nicht optimal. Wichtige Reinigungs- und Aufräumprozesse von toxischen Proteinen im Gehirn werden nicht vollständig abgeleistet. Das kann zu Verstimmung, Konzentrationsproblemen oder einer generellen Unausgeglichenheit führen.
Die Klinik Wartenberg in Oberbayern hat das Problem erkannt: Mitarbeitende haben die Möglichkeit, den Dienstplan dem individuellen biologischen Rhythmus anzupassen. 2019 startete hier das einzigartige Pionierprojekt »Chronobiologie«, nachdem im Rahmen einer Befragung Schlafprobleme und damit verbundene körperliche Auswirkungen wie Müdigkeit und Mattheit bei den Mitarbeitenden erkannt worden waren. Anschließend wurde die Studie »Chronotyp-orientierte Personaleinsatzplanung« (COPEP) durchgeführt, bei der mithilfe von Bluttests, mittlerweile auch durch Haarproben, der Chronotyp der Teammitglieder bestimmt wird – natürlich kostenfrei und auf rein freiwilliger Basis. Ein Jahr später bereits nutzte die Klinik die Erkenntnisse aus der Studie und bietet seit 2020 als eines der ersten Unternehmen deutschlandweit den teilnehmenden Mitarbeitenden die Möglichkeit, ihre jeweiligen Chronotypen bei der Dienstplanung zu berücksichtigen. Ob Lerche, Eule oder Taube – die Menschen können nun in ihrer effizientesten Zeit arbeiten. Dazu hat das Unternehmen sogar die Betriebsvereinbarungen »Arbeitszeit« und »BGM« ergänzt. Derjenige, der sich testen lässt, hat einen Anspruch, so gut es geht gemäß seinem Ergebnis eingesetzt zu werden. Durch den chronobiologischen Arbeitseinsatz berichteten von den 120 Studienteilnehmern 42 Prozent weniger über Schlafstörungen, bei 26 Prozent ist sogar die Tagesmüdigkeit weg und 20 Prozent verspüren größeren Enthusiasmus im täglichen Leben. »Seitdem ich in meiner Position bin und meine Zeiten an meinen Chronotyp anpassen kann, brauche ich auch tendenziell keinen Wecker mehr. Ich stehe ohne Wecker auf und komme ausgeruht zur Arbeit und bin leistungsfähig«, sagt Florian Dittrich, Pflegedienstleiter in der Klinik.
Oft wünschen wir uns, einfach nur eine Pille zu schlucken, die unseren Körper und unser Gehirn zu Höchstleistungen bringt und Krankheiten vorbeugt. Die gute Nachricht ist, dass wir diese Pille gar nicht brauchen. Weil alles, was unsere Organe und Zellen zu Höchstleistungen bringt, bereits in unseren Genen existiert. Wir haben uns nur in den letzten Jahrzehnten eine Welt geschaffen, die uns nicht im Einklang mit unserem zirkadianen Rhythmus leben lässt. Statt die Arbeit auf unseren Körper abzustimmen, passen wir unseren Körper der Arbeit an. Natürlich ist mir bewusst, dass das nicht in allen Branchen, in allen Berufen oder für alle Lebensumstände zu 100 Prozent möglich ist. Wenn uns aber der Einfluss unserer inneren Uhr auf die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden bekannt ist, sollte es doch einen Versuch wert sein, die Übereinstimmung der biologischen und sozialen Uhr zu optimieren. Jede minimale Verbesserung ist ein Anfang und würde für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation bedeuten.