Branchenmeldungen 21.05.2026
Parodontologie im Fokus: Warum gesunde Implantate lange vor der Implantation beginnen
Für Prof. Hady Haririan, Mitglied des Kongresskomitees, beginnt periimplantäre Gesundheit lange bevor ein Implantat gesetzt wird: Sie gründet in einer stabilen parodontalen Ausgangssituation und bewährt sich in einer sorgfältigen Prävention ebenso wie in einer konsequenten Nachsorge. Im Interview spricht er über das Leitthema 2026 und darüber, wie neue therapeutische Ansätze, personalisierte sowie KI-gestützte Diagnostik und nicht zuletzt Österreichs Rolle als international anerkannter Kongressstandort die Parodontologie zunehmend prägen.
Prof. Haririan, paroknowledge versteht sich als Plattform für Austausch, Wissen und Zukunftsfragen. Was ist die zentrale Idee hinter dem Format — und was soll es im besten Fall bewirken?
Die paroknowledge sieht sich seit vielen Jahren als Treffpunkt für das gesamte Praxisteam und hat seit jeher evidenzbasierte Parodontologie, aber zuletzt auch vermehrt Implantattherapie im Fokus. Es gibt immer mehrere Schienen für Zahnärzte und Assistenten, manchmal getrennt, jedoch oft auch gemeinsam – das unterstützt den Gedanken des Teamapproaches für eine moderne Behandlung. Der Blick in die Zukunft wird oft von Innovationen aus der Industrie unterstützt und im Rahmen von Workshops nähergebracht. Der Austausch liegt auch bei den Side-Events, denn in Zeiten von immer mehr Webinaren und Distance-learning-Formaten bleibt die Face-to-face-Kommunikation ausgesprochen wichtig.
Beim Blick auf das Programm 2026 fällt die thematische Breite auf. Nach welchen Überlegungen haben Sie die Schwerpunkte gesetzt, und welche Themen halten Sie derzeit für besonders relevant?
2026 liegt der Schwerpunkt beim gesunden Implantat. Dieses beginnt bei einer umfassenden Mundgesundheit, Prophylaxe, stabilen parodontalen Situation, einem guten allgemeinmedizinischen Zustand und setzt sich in einer optimalen Platzierung des Implantats mit putzbarer Prothetik und regelmäßiger Nachsorge fort. Leider sind wir in der Praxis durch die Vielzahl der Implantate auch vermehrt mit periimplantären Erkrankungen konfrontiert. Dazu gibt es immer neuere Therapieansätze, die einen der Schwerpunkte auf der diesjährigen paroknowledge darstellen. Dabei finde ich relevant, welche verschiedenen Optionen es gibt, um eine Explantation zu umgehen. Vieles orientiert sich dabei an Parodontitis-Behandlungskonzepten – daher passt das generelle Thema sehr gut in die Jahrestagung der Fachgesellschaft für Parodontologie.
Parodontologie gilt längst als zentraler Bereich der Zahnmedizin mit Bedeutung weit über die Mundgesundheit hinaus. Welche Entwicklungen prägen das Fach aktuell besonders, und wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Praxis, Prävention und Aufklärung?
Parodontologie als zentraler Bereich der Zahnmedizin – das finde ich sehr treffend und wird in Österreich leider immer noch nicht als selbstverständlich angesehen. Bezeichnendes Faktum: Ich bin nach wie vor „the one and only“ – der einzige Professor für Parodontologie in Österreich und dies an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Vielleicht schaffen es auch einmal die öffentlichen Universitäten, dem Fach den entsprechenden Stellenwert zu verschaffen. Die größte Herausforderung liegt in der Prävalenz – geschätzt eine Million Österreicher leiden an Parodontitis. Wie ist dies künftig in der Praxis bewältigbar ohne Dentalhygieniker und ohne Fachzahnärzte für Parodontologie? Die Überalterung der Gesellschaft wird ein zentrales Thema sein, welchem man sich zu wenig aktiv stellt.
Wird dem Thema periimplantäre Gesundheit Ihrer Meinung nach im Praxisalltag noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt – und wenn ja, woran liegt das?
Implantate werden bei vielen Patienten in die unbehandelte Parodontitis gesetzt. Dann sind Komplikationen vorprogrammiert. Die erfolgreiche Parodontitistherapie vor der Implantation würde ebenso helfen wie eine strikte Nachsorge – denn Studien haben gezeigt, dass Patienten in regelmäßigem Recall viel seltener an einer Periimplantitis erkranken. Unverständlich bleibt auch, warum Implantate des Öfteren nicht sondiert werden. Eine periimplantäre Mukositis – als Vorstufe zur Periimplantitis – kann nur durch Sondieren erkannt werden, der Knochenverlust im Röntgen erkennt das Problem mit Verspätung und ersetzt die klinische Untersuchung nicht.
Welche Entwicklungen oder Trends halten Sie in den kommenden Jahren für besonders relevant?
KI-unterstützte diagnostische Maßnahmen bei Parodontitis und Periimplantitis werden an Bedeutung gewinnen, Risikoprofilerstellungen im Sinne der personalisierten Zahnmedizin sowie die vermehrte Interdisziplinarität werden in den kommenden Jahren einige Veränderungen bringen – und auch in die Ausbildung der neuen Generation der Zahnmediziner einfließen.
Viele hochkarätige internationale Veranstaltungen und Fachformate im Bereich der Parodontologie finden in Österreich statt (EuroPerio11, Osteology Symposium). Worin liegt aus Ihrer Sicht die besondere Stärke Österreichs als Standort für diesen fachlichen Austausch?
Österreich hat sich als Kongressstandort international seit vielen Jahren etabliert, und dabei spielt die Infrastruktur eine wesentliche Rolle. Nicht viele europäische Städte weisen Kongresszentren auf, die einige Tausend Teilnehmer aufnehmen können. Bei der EuroPerio11 kam hinzu, dass alle Live-OPs in unmittelbarer Nähe zur Messe Wien an der Zahnklinik der SFU Wien durchgeführt wurden und die Chirurgen sofort nach der OP am Podium stehen konnten – dies kann nicht jeder Standort aufweisen. Als Generalsekretär der ÖGP denke ich aber auch, dass wir als Fachgesellschaft im europäischen Kontext an Standing gewonnen haben – auch wenn die Parodontologie in Österreich noch viel mehr Aufmerksamkeit benötigen würde.