Branchenmeldungen 21.05.2026

„Prävention beginnt nicht mit Verboten, sondern mit Befähigung“



Deutschland steuert auf eine komplette Überlastung des Gesundheitssystems und einen gravierenden Sozialkollaps zu und braucht dringend eine echte Neuorien­tierung: Weg von der teuren Pille und hin zu Gesundheitsvorsorge und Gesundheitskompetenz. Prof. em. Ingo Froböse und Journalist Stefan Sauerzapf stehen uns da­zu Rede und Antwort.

„Prävention beginnt nicht mit Verboten, sondern mit Befähigung“

Foto: Bilder v. l. n. r.: © Rawpixel.com – stock.adobe.com | © Molly the Cat – unsplash.com | © Pixel-Shot – stock.adobe.com

Beide führen gemeinsam – Ingo Froböse für Prävention und Rehabilitation im Sport, Stefan Sauerzapf als Partner – die erste Denkfabrik in Deutschland für Prävention und Gesundheitsförderung (www.fischimwasser.de) und haben gerade ein neues Buch unter dem Titel Deutschland ist krank herausgebracht.¹

Herr Sauerzapf, Prof. Froböse, Sie kritisieren, dass Deutschland zu viel Geld in „Reparaturmedizin“ steckt. Wie realistisch ist ein Systemwechsel zur Prävention?

Stefan Sauerzapf: Ein solcher Wechsel ist nicht nur realistisch, sondern überlebensnotwendig, da das aktuelle System der „Reparaturmedizin“ finanziell und personell kollabiert. Der Schlüssel liegt darin, Prävention nicht länger als Anhängsel der Krankenbehandlung zu verstehen, sondern als eigenständige dritte Säule im Gesundheitssystem zu etablieren – mit eigenem Budget, eigene Gesetzgebung und unabhängigen Strukturen. Wir schlagen zudem vor, den „Arztvorbehalt“ zu lockern und weisungsunabhängige Präventionsexper­ten einzuführen, analog zum Schweizer Modell. Nur wenn Prävention professionell organisiert und vergü­tungs­relevant wird, bricht der fatale Automatismus, bei dem Krankenhäuser und Praxen von der Menge der Behandlungen leben.

Ingo Froböse: Der entscheidende Punkt ist: Krankheit entsteht in vielen Fällen nicht von heute auf mor­gen. Sie entwickelt sich über Jahre: durch Bewegungsmangel, Fehlernährung, Stress, schlechte Regenera­tion und Lebensverhältnisse, die dem Körper dauerhaft zu viel zumuten. Genau dort müssten wir viel früher ansetzen. Gesundheit entsteht nicht erst im Behand­lungszimmer, sondern im Alltag: in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld, in unseren Routinen. Wenn wir diesen Alltag nicht förderlich, erhaltend und schützend für die Gesundheit gestalten, werden wir immer nur reparieren, was vor­her vermeidbar ge­­wesen wäre.

Wo ziehen Sie konkret die Grenze zwischen indi­vi­dueller Verantwortung und staatlicher Pflicht?

Stefan Sauerzapf: Diese Grenze verläuft dort, wo das Individuum keine Chance mehr hat, sich gesund zu verhalten, weil die Verhältnisse es verhindern. Eigenverantwortung ist legitim und im Solidarsystem notwendig, setzt aber Gesundheitskompetenz voraus, die der Staat durch Bildung – etwa ein Schulfach Gesundheit – erst einmal vermitteln muss. Die staatliche Pflicht ist die Verhältnisprävention: Der Staat muss da­für sorgen, dass gesundes Verhalten im Alltag die „einfachste Option“ ist. Das bedeutet konkret: Zuckersteuer auf Softdrinks, Werbeverbote für Junkfood an Kinder und eine gesunde Infrastruktur wie sichere Radwege und Lärmschutz. Gesundheit darf keine reine Privatsache oder Frage der Disziplin sein.

Ingo Froböse: Ich würde es über drei Begriffe beschreiben: Verhalten, Verhältnisse und Verständnis. Natürlich muss jeder Mensch etwas für sich tun. Aber dafür muss er erstens verstehen, was seinem Körper guttut, und zweitens in einem Umfeld leben, das gesunde Entscheidungen nicht ständig erschwert. Wer nie gelernt hat, wie Bewegung, Ernährung und Regeneration zusammenwirken, kann auch keine gute Eigenverantwortung entwickeln. Deshalb beginnt Prävention nicht mit Verboten, sondern mit Befähigung.

Bild von einem Quotenzeichen

„ Erfolgreiche Prävention verbindet Wissen, konkrete Angebote und ver­änderte Rahmenbedingungen. Genau deshalb sind kommunale Ansätze so wichtig. Gesundheit muss dort gestärkt werden, wo Menschen tatsächlich aufwachsen, leben, lernen, arbeiten und älter werden: in Kita, Schule, im Betrieb, im Verein, im Quartier.“

(Prof. Dr. Ingo Froböse, Hochschulprofessor, Fitnessdoktor und Gesundheitsexperte)

Welche internationalen Vorbilder zeigen, dass Prävention bessere Ergebnisse liefert?

Stefan Sauerzapf: Die Chance liegt in der konsequenten Umsetzung von Health in All Policies und vor allem in der Stärkung wirksamer präventiver Ansätze – wie etwa in Dänemark. Dort ist das Gesundheitssystem lokal verankert. Gesundheitszentren in den Kommunen investieren massiv in Aufklärung, Ernährung und Bewegung, noch bevor ein Arztbesuch nötig wird. Das Ergebnis ist eine deutlich höhere gesunde Lebenserwartung, weil das System darauf ausgerichtet ist, Menschen aus dem Krankenhaus fernzuhalten, statt sie als Profitcenter darin zu verwalten. Ein weiteres Vorbild ist Finnland: Das Nordkarelien-Projekt senkte die Sterberate von Männern im arbeitsfähigen Alter durch Aufklärung und Salzreduktion um 82 Prozent. Spanien hat eine der höchsten gesunden Lebenserwartungen in Europa, was unter anderem auf die verfassungsrechtliche Verankerung des Schutzes der Gesundheit zurückgeführt wird. Die Schweiz zeigt mit ihrem Gesundheitsberufegesetz, wie man Gesundheitsberufe wie Physiotherapeuten in die Eigenverantwortung bringt und so die Ärzteschaft entlastet. Und Großbritannien hat Public Health als eigenständiges Fachgebiet etabliert und mit der Zuckersteuer auf Softdrinks messbare Erfolge bei der Kalorienreduktion erzielt.

Gesundheit ins Grundgesetz: Wie verhindern Sie, dass dies nur symbolisch bleibt? 

Stefan Sauerzapf: Indem wir Gesundheit nicht nur als abstrakten Wert, sondern als einklagbares soziales Recht definieren. Eine solche Verankerung würde den Staat verpflichten, positive Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben zu schaffen, statt nur vor Eingriffen zu schützen. Konkret müsste jede poli­tische Entscheidung – ob in der Verkehrs-, Landwirtschafts- oder Bildungspolitik – einer Gesundheitsfolgenabschätzung unterzogen werden, im Sinne von Health in All Policies. Wenn gesundheitsfeindliche Strukturen, etwa massive Junkfood-­Werbung, verfassungsrechtlich angreifbar werden, führt der Weg weg von der Symbolik hin zu echten strukturellen Ver­änderungen im Alltag.

Ingo Froböse: Für mich wäre entscheidend, dass Gesundheit dadurch zu einem verbindlichen Maßstab politischen Handelns wird. Dann müsste man bei Entscheidungen nicht nur fragen: Ist das wirtschaftlich sinnvoll? Sondern auch: Was macht das mit der körperlichen, seelischen und sozialen Gesundheit der Menschen? Fördert es Bewegung? Entlastet es Familien? Schützt es Kinder? Ermöglicht es Erholung? Genau diese Perspektive fehlt uns bislang viel zu oft. 

Petition: Gesundheit gehört ins Grundgesetz

Ziel der Petition ist es, den Schutz der körperlichen, seelischen und mentalen Gesundheit stärker im Grundgesetz zu verankern. So soll Prävention als staatliche Aufgabe gestärkt werden, um Krankheiten zu vermeiden, Folgekosten zu senken und die Gesundheit und Lebens­qualität aller Generationen zu er­höhen.

Weitere Infos und zur Unterzeichnung auf www.gesundheitinsgrundgesetz.de 

1 Froböse, Sauerzapf. Deutschland ist krank. Was wir alle gegen den Kollaps unseres Gesundheitssystems tun müssen. Econ, 2026

ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis 05/26

ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis


Dieses Interview ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

Seit 32 Jahren ist die ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis das führende Wirtschaftsmagazin für den Zahnarzt. Als General-Interest-Titel deckt sie das gesamte Spektrum der Praxisführung ab.

Das Wirtschaftsmagazin zählt mit seinen 12 Ausgaben im Jahr und einer Auflage von 40.800 Exemplaren zu den frequenz- und auflagenstärksten Titeln im deutschen Dentalmarkt. Zudem enthält jede Ausgabe das Supplement „ZWP spezial“, in dem besondere Themen vertieft werden.

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