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Branchenmeldungen 28.04.2011

Wie Parodontitis den gesamten Organismus stresst

Wie Parodontitis den gesamten Organismus stresst

Wie Parodontitis den gesamten Organismus stresst und was Parodontitis mit Herzerkrankungen, Rheuma oder Diabetes zu tun hat– ein interdisziplinäres Experten-Treffen des „Seattle Study Club Hamburg” beleuchtete den aktuellen Forschungsstand.

Das bisschen Zahnfleischbluten? Von wegen... Mehr als die Hälfte aller Deutschen leidet unter Parodontitis, einer Erkrankung des Zahnhalteapparats – aber sechs von zehn Menschen wissen nicht, wie gefährlich eine solche Zahnbetterkrankung auch für andere Organe werden kann. Umgekehrt können aber auch andere Krankheiten das blutige Geschehen im Mund beeinflussen – das Wissen über diese komplexe Wechselwirkung hat allerdings noch längst nicht Einzug in alle Praxen der Zahnmediziner gehalten.

Unter dem Motto „Parodontitis und systemische Erkrankungen” veranstaltete der „Seattle Study Club Hamburg” (SSC) am 16.04.2011 ein Symposium für Zahnärzte und Humanmediziner, um diese Wechselwirkungen deutlich aufzuzeigen und über die Vorteile einer besseren Zusammenarbeit von Zahn- und Allgemeinmedizinern aufzuklären. Sieben renommierte Mediziner und Zahnmediziner aus den Bereichen Parodontologie, Kardiologie, Rheumatologie und Diabetologie informierten dabei die Fachbesucher über die Auswirkungen von Parodontitis auf den gesamten menschlichen Körper.

 „Bei unserem ersten Symposium im Jahre 2009 kamen 20 Kollegen, bei der jüngsten Veranstaltung waren es schon 80”, freut sich Dr. Önder Solakoglu, Direktor und Gründer des Hamburger „Seattle Study Club Hamburg”. Der Parodontologe mit Master der University of London und Implantologe (Diplomate American Board of Oral Implantology) mit langjähriger Berufserfahrung in den USA hatte 2009 die Hamburger Fachpraxis für Parodontologie und Implantologie (www.fpi-hamburg.de) sowie das Netzwerk von Zahnärzten nach amerikanischem Vorbild ins Leben gerufen, um sich durch regelmäßige Treffen mit weiteren international renommierten Experten über neueste Forschungserkenntnisse zu informieren. Zu diesem Netzwerk zählen Universitäts-Mediziner ebenso wie niedergelassene Zahnärzte. Profitieren sollen davon die Patienten durch eine optimierte Therapie, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht.

Unterschätzte Wechselwirkung „Die Kommunikation zwischen Humanmedizin und Zahnmedizin ist deutlich verbesserungsfähig; solche Symposien sollen dazu beitragen, das Bewusstsein auf beiden Seiten für die Wechselwirkungen zwischen Zähnen und Körper zu verbessern”, sagt der Hamburger Parodontologe. „Nur durch eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit lassen sich langfristig und vorhersagbar sehr gute Erfolge erzielen, was die Gesundheit der Patienten angeht.” Denn zahlreiche Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und anderen ernsten Erkrankungen auf. Dazu gehören etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arteriosklerose, Diabetes, Schlaganfall, Gastritis mit Helicobacter-Infektion oder auch Frühgeburten und Geburtskomplikationen. Selbst Bauchspeicheldrüsenkrebs wird inzwischen als eine Erkrankung, die durch eine Zahnbetterkrankung begünstigt werden könnte, diskutiert. „Damit sich meine Patienten mit einer generalisierten Parodontitis überhaupt vorstellen können, wie ernst diese Krankheit ist, erkläre ich ihnen, wie groß die gesamte Wundfläche in ihrem Mund überhaupt ist: So groß wie beide Handinnenflächen”, sagt Dr. Solakoglu. Genauer hat es der Parodontologe Professor Dr. Phoebus Madianos von der Universität Athen errechnet: „Addiert man bei einer generalisierten Parodontitis die Flächen aller infizierten Zahntaschen, kommt man auf 70 Quadratzentimeter entzündetes Gewebe.”

Zahntaschen und Diabetes

Das Wissen um einen Zusammenhang zwischen Zähnen und Gesundheit ist uralt: Bereits 800 v. Chr. fand sich auf einer Steintafel aus der Bibiothek des ägyptischen Herrschers Nebukadnezar in Keilschrift der Hinweis: „Wenn seine Zähne dunkel gefärbt sind, wird seine Krankheit lange dauern.” Heute, so weiß etwa der Hamburger Diabetologe Dr. Klaus Altenpohl, gilt eine Wechselwirkung zwischen systemischen Erkrankungen wie etwa einem Diabetes Mellitus und der Zahnbetterkrankung durch Studien als gesichert.

„Diabetiker entwickeln statistisch 3,5-mal häufiger eine Parodontitis als Gesunde; umgekehrt haben Menschen mit einer fortschreitenden Parodontitis ein erhöhtes Risiko, an Diabetes oder an dessen Vorstufe, einer gestörten Glukosetoleranz, zu erkranken.”

Der genaue Mechanismus dieser Wechselwirkung ist noch nicht ganz geklärt, gibt Mediziner Altenpohl zu: „Vermutet wird, dass entzündliche infektiöse Erkrankungen über eine verstärkte Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen den Blutzuckerspiegel negativ beeinflussen können.” Dabei führt eine Kaskade ausgeschütteter Glucocorticoide, Katecholamine und Zytokine offenbar zu einer fatalen Kettenreaktion in den Blutgefäßen und Organen.

Haben Typ 2-Diabetiker allerdings einen gut eingestellten Blutzuckerspiegel, ist ihr Parodontitis-Risiko gegenüber Nicht-Diabetikern nicht erhöht. Auf jeden Fall aber scheinen Diabetes-Patienten von einer parodontalen Therapie und von einer Sanierung der Entzündungsherde im Mund zu profitieren: „Es gibt Hinweise, dass eine solche Behandlung hilfreich sein kann, die Hyperglykämie und eine ungünstige Stoffwechseleinstellung zu verbessern”, sagt der Diabetologe und ergänzt: „Der Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c sank in einzelnen Studien nach einer parodontalen Therapie um 04,-0,8 Prozent. Das entspricht in etwa dem Effekt, der auch mit Diabetes-Medikamenten erreicht werden kann. Das ist also absolut beachtenswert.”

Kranke Zähne und Rheuma

Im 18. Jahrhundert berichtete der amerikanische Arzt Benjamin Rush von Besserungen bei einem Arthritis-Patienten, nachdem diesem Zähne gezogen wurden. Aber erst in den letzten Jahren zeigten Studien eine Verbindung zwischen einer entzündlichen rheumatischen Erkrankung und der Zahnbettentzündung auf. „Für Menschen mit einer schweren Parodontitis ist das Risiko, eine rheumatoide Arthritis zu entwickeln, um mehr als 2,5 fach gegenüber Gesunden erhöht”, sagt die Privatdozentin Dr. Eva Reinhold-Keller, Rheumatologin und Oberärztin an der Klinik für Rheumatologie und Immunologie Bad Bramstedt.

Der verbindende Schlüsselfaktor von Rheuma und Parodontitis könnte, so vermutet die Rheumatologin,  ein spezieller Antikörper sein, der mit 90-prozentiger Spezifität eine rheumatoide Arthritis schon frühzeitig nachweisen kann: der Antikörper gegen das Cyclische Citrullin Peptid (CCP), einer der beweiskräftigsten Marker für die Entwicklung oder den Verlauf der aggressiven rheumatischen Erkrankung. „Eine Veränderung von Proteinen durch Citrullinierung kann zur Bildung von Autoantikörpern und zur Entstehung von Autoimmunerkrankungen führen; eine solche Citrullinierung findet deutlich mehr und ausgeprägter bei Parodontitis-Patienten als bei Gesunden statt.”

Patienten mit rheumatoider Arthritis haben ein bewiesenermaßen erhöhtes Risiko, eine Parodontitis zu entwickeln. Deshalb empfiehlt die Medizinerin Rheumatikern dringend, Parodontalerkrankungen vom Zahnarzt behandeln zu lassen: „Eine Parodontitis-Therapie kann die Beschwerden und den Verlauf einer Rheumatoiden Arthritis positiv beeinflussen.”
Herz in Gefahr. Kranke Zähne gehen offenbar auch ans Herz: In Studien mit Infarktpatienten ließen sich die Parodontitis-Keime aus der Mundhöhle auch in den Ablagerungen (Plaques) verstopfter Herzgefäße nachweisen. „Koronare Herzkrankheiten haben viele Ursachen wie beispielsweise ungesunden Lebensstil, familiäre Vorbelastung, Bluthochdruck, Stress oder Depressionen”, sagt der griechische Kardiologe Dr. Ephtymios Deliargyris von der Universität Athen.

 „Aber bei einem von fünf Infarktpatienten lässt sich keiner dieser Risikofaktoren nachweisen. Wir wissen, dass eine direkte Wechselwirkung zwischen einer Parodontitis und der Entstehung und dem Voranschreiten einer Herzgefäßerkrankung besteht.” Eine erfolgreiche Parodontitis-Therapie verbesserte in Studien die Funktion der Herzgefäße und reduzierte typische Entzündungswerte im Blut – Zahnpflege kann also einen erheblichen Einfluss auf die Herzgesundheit haben.

Veränderte Entzündungsreaktion

Bei etwa jedem fünften Patienten geht die chronische Zahnbetterkrankung aus noch ungeklärter Ursache in eine aggressive Parodontitis über. Bis heute wissen Forscher darüber lediglich, dass diese Patienten im Vergleich zu Gesunden eine erhöhte Entzündungsneigung aufweisen. In einer in-vitro-Untersuchung versetzten Dr. Önder Solakoglu und Kollegen sowohl das Blut von Parodontitispatienten als auch von Gesunden im Reagenzglas mit einem Antigen des Keims Porphyromonas gingivalis, einem der Haupterreger von Parodontalerkrankungen. Ergebnis: „Im Blut der Parodontitis-Patienten sah man eine sehr starke Immunreaktion in Form von Antikörperbildung, im Blut der Gesunden dagegen gab es keine Reaktion”, berichtet Dr. Önder Solakoglu. Dies stellt einen direkten Beweis für die systemische Belastung bei einer Parodontitiserkrankung dar.

Test erkennt die Gefahr

Mit einem gentechnischen Test lässt sich heute bereits vorhersagen, ob ein Patient zu einer überstarken Entzündungsreaktion neigt. „Wir wissen, dass es bei Patienten mit parodontalen Erkrankungen einen gestörten Polymorphismus der Interleukin-1-Gene gibt. Die positiv getesteten Patienten reagieren nicht nur auf eine bakterielle Infektion mit einer übermäßigen Entzündungsreaktion, sie sind auch Risikopatienten für die Entstehung einer koronaren Herzkrankheit oder für die Verschlechterung eines Diabetes”, sagt der Hamburger Parodontologe.

Implantate für Zahnbettkranke? In vielen Fällen werden bei Parodontitis-Patienten auch heute noch gelockerte Zähne gezogen, wenn als Folge der andauernden Zahntaschenentzündung  zuviel stützendes Knochenbett abgebaut wurde.  „Zahnziehen ist aber keine Lösung für die Erkrankung, denn die aggressiven Bakterien sitzen nicht in Zahnbelägen, sondern tief im Gewebe”, sagt Parodontitis-Experte Professor Dr. Joachim Hermann aus Zürich, externer Dozent  der Universität Greifswald. „Parodontitis ist eine infektiöse Erkrankung des ganzen Körpers – da hilft die Extraxtionszange  langfristig wenig.”

Erfolgsquoten bei PA und Implantaten

Aber welche Langzeit-Überlebenschance hat ein Implantat bei parodontal vorgeschädigten Patienten? Dazu sagt Dr. Önder Solakoglu: „Im Mittel liegt die Verlustrate eigener Zähne bei ca. 10 Prozent nach 20 Jahren bei regelmäßigem Recall, wie in Langzeitstudien nachgewiesen werden konnte, bei Implantaten liegt die Quote bei sechs bis zehn Prozent nach zehn Jahren. Studien zeigen, dass bei parodontal vorgeschädigten Patienten die Langzeit-Erfolgsquote der Implantate deutlich geringer sein kann als bei Gesunden. Systemische Erkrankungen können ebenfalls hierzu beitragen, deshalb ist die interdisziplinäre Kommunikation zwischen Zahnarzt und Humanmediziner besonders wichtig.”
Auch bei Implantaten kann es, ähnlich wie bei natürlichen Zähnen im Zuge einer Parodontitits zu einer Entzündung des Knochenlagers, die im Fachbegriff „Periimplantitis” heißt, kommen. „Die Behandlung sollte ähnlich wie bei einer Parodontitis ablaufen und kann antibakteriell, antibiotisch und regenerativ unter dem Einsatz modernster Techniken und biologischer Materialien, wie z.B. körpereigenen Wachstumsfaktoren und Eigenknochen erfolgen”, erklärt der Hamburger Experte.

Wenig Hilfe durch Antibiotika

Naheliegend wäre es also, routinemäßig Antibiotika einzusetzen, um eine Ausbreitung der Zahnkeime im Körper zu stoppen. Aber auch die helfen nicht immer, wie Studien mit Herzpatienten, die prophylaktisch vor kieferchirurgischen Eingriffen keimhemmende Medikamente erhielten, zeigten. „Das Risiko, an den Folgen der Antibiotika-Gabe zu versterben, war für Herzpatienten fünfmal höher, als ohne Antibiotika-Schutz eine bakterielle Herzinnenhaut-Entzündung zu bekommen.”, sagt Parodontologe Professor Dr. Christof Dörfer von der Universitätszahnklinik Kiel. Auch bei einer normalen Zahnextraktion schützt eine Antibiotika-Einnahme nicht davor, dass Mundkeime kurzfristig in die Blutbahn gelangen. „Bei der Hälfte der Patienten ist das trotz der Einnahme eines Antibiotikums der Fall”, sagt Prof. Dr. Dörfer. 

Bakterien-Schwemme nach Zahnreinigung. Übrigens sind Patienten mit unbehandelten Zahntaschen jeden Tag kurzzeitig einer so genannten „Bakteriämie” ausgesetzt, bei der Keime aus dem Mundraum ins Blut gelangen. „Nach dem Kaugummikauen und Zähneputzen beispielsweise steigt im Blut die Zahl spezieller Antikörper gegen diese Keime je nach Studie um 13 bis 25 Prozent an, aber auch nach einer zahnärztlichen Parodontitis-Behandlung – dann sogar um bis zu 50 Prozent”, berichtet der griechische Parodontologe Professor Phoebus Madianos von der Universität Athen. Ob diese Keimbelastung aber auch immer zu weiteren Krankheiten führen muss, ist noch nicht schlussendlich geklärt.
Frühgeburtsrisiko – ein Mythos? 2003 ermittelte Zahnmediziner Nestor Lopez, Professor an der Universität Chile, in einer Studie mit 400 schwangeren Frauen, dass werdende Mütter mit Parodontits ein 4,7-fach erhöhtes Risiko für Geburtskomplikationen und Frühgeburten haben. „Mittlerweile zeigte aber eine aktuellere Übersichtsarbeit, dass es keine schlüssige Evidenz dafür gibt, dass die Behandlung einer Parodontitis zu einer Verbesserung des Geburtsverlaufs führt”, sagt Professor Christof Dörfer. Die Frage des kausalen Zusammenhangs zwischen der Zahnbetterkrankung und dem Auftreten von Frühgeburten muss in weiteren Studien untersucht werden. Die Interaktionen zwischen systemischen Erkrankungen und Parodontitis beschäftigt ihn und seine Kollegen heute mehr denn je.

Viele Fragen offen

Ist also nun eine Parodontitis als schwere bakterielle Infektion wirklich lebensgefährlich oder nicht? Hier bleibt die Wissenschaft trotz vieler Studien noch klare Antworten schuldig. „Wir haben klare Daten, die einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und systemischen Erkrankungen nahelegen; aber die Frage nach der Ursache bleibt”, bilanziert der Kieler Zahnmediziner. „Wir wissen zum Beispiel: Rauchen beeinflusst Bakterien und das Immunsystem. Wenn wir also an einer Stelle der Kette eingreifen, beeinflussen wir vermutlich das ganze komplexe Geschehen im Körper. Wir brauchen auf jeden Fall eine enge Zusammenarbeit von Zahn- und Allgemeinmedizinern. Und wir können sagen: Behandlung einer bestehenden Parodontitis und Vorbeugung durch regelmäßige professionelle Zahnreinigung dient mit großer Wahrscheinlichkeit der Allgemeingesundheit.”

Zukunftsperspektive

Die über 80 begeisterten Teilnehmer des „1. Hamburger Symposiums – Parodontitis und systemische Erkrankungen“, waren einhellig der Meinung, dass „deratige Veranstaltungen zu einer Verbesserung der Behandlung zum Wohle unserer Patienten beitragen.“ Die interdisziplinäre Kommunikation zwischen Zahn-und Humanmedizinern sollte stetig genutzt werden um gewisse Wechselwirkungen zwischen Parodontitis und systemischen Erkrankungen zu erkennen und gezielt im Team zu therapieren. „Es gibt weiterhin viel Forschungsbedarf auf diesem Gebiet und wir wissen, dass wir noch nicht sehr viel wissen, aber deshalb war dies ja auch das 1. Hamburger Symposium, das zweite wird bestimmt folgen…“ resümiert Dr. Solakoglu.

Foto: © SSC
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