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Branchenmeldungen 21.02.2011

Zahnärzte starten Aufklärungskampagne

Zahnärzte starten Aufklärungskampagne

Die Zahnärztliche Interessengemeinschaft Siegen – Olpe - Wittgenstein schaut mit großer Sorge auf die Entwicklung im Bereich der besonderen ambulanten ärztlichen (und zahnärztlichen) Versorgung nach § 73c des Sozialgesetzbuch V und startet aus diesem Grund eine Aufklärungskampagne zum Thema Selektivverträge.

Sinn und Zweck der besonderen ambulanten Versorgung ist es, die gesamte ambulante Versorgung oder Teilbereiche davon aus dem Bereich der kollektiven gesetzlichen Krankenversicherung herauszulösen. Die Krankenkasse ist dann für die Sicherstellung der Versorgung verantwortlich. Sie kann diese Versorgung sicherstellen durch Verträge

  1. mit einzelnen Zahnärzten oder Zahnarztgruppen,
  2. mit Trägern von Einrichtungen, die eine besondere ambulante Versorgung nach Absatz 1 durch vertragsärztliche Leistungserbringer anbieten,
  3. mit den Kassenzahnärztlichen Vereinigungen.


Einige Krankenkassen (Betriebskrankenkassen, DAK, BIG Gesundheit und andere) nutzen den Punkt 2 so, dass sie Managementgesellschaften beauftragen, einige Bereiche der zahnmedizinischen Versorgung über Verträge mit einzelnen Zahnärztinnen und Zahnärzten abzudecken.

Es kommt zu Verträgen zwischen

  1. der Krankenkasse und der Managementgesellschaft,
  2. der Zahnärztin/dem Zahnarzt und der Managementgesellschaft
  3. und dem Versicherten und seiner Krankenkasse.


Zahnmedizinische Inhalte dieser Verträge sind zurzeit im Wesentlichen drei Bereiche der Zahnmedizin: Prophylaxeleistungen, Versorgung mit Zahnersatz und implantologische Leistungen.
 
Hier wird deutlich, dass es zu einer Vermischung von Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung mit Leistungen kommt, die in der Eigenverantwortung der Patienten liegen (Privatleistungen). So waren Prophylaxeleistungen und implantologische Leistungen noch nie, und sind es auch heute nicht, Bestandteil der gesetzlichen Krankenversicherung.


Vor- und Nachteile für die Betroffenen

1. Aus Patientensicht


Vorteile

  • geringere Eigenanteile bei Zahnersatzleistungen durch die Herstellung des Zahnersatzes im Ausland
  • festgesetzt niedrige Behandlungskosten im Bereich Prophylaxe und Implantologie


Nachteile

  • Verlust der freien Arztwahl,
  • Verlust des umfassenden zahnmedizinischen Behandlungsspektrums für eine individuelle, patientenorientierte Behandlung
  • Behandlung unter extrem ökonomische Rahmenbedingungen (wenig Behandlungszeit)
  • Verlust der Wahlmöglichkeit des zahntechnischen Laboratoriums
  • Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland und damit weniger Geld für die gesetzliche Krankenversicherung

2. Aus der Sicht der Krankenkassen


Vorteile

  • Steuerung der Patienten in Vertragspraxen
  • Wettbewerbsvorteile durch Patientenbindung (Vertragsdauer 1 Jahr)


Nachteile

  • keine

3. Aus Sicht der Zahnärzteschaft


Vorteile

  • vermehrt Patientenzuweisung
  • eventuell die Möglichkeit, mehr Privatleistungen erbringen zu können


Nachteile

  • keine Einflussnahme auf die Herstellung des Zahnersatzes
  • weniger Zeit für die Behandlung der Patienten durch Zusatzkosten (Verwaltungskosten und Verlust von Berechnungsmöglichkeiten für Verbrauchsmaterialien)
  • Verlust der Wahlmöglichkeiten bei Medizinprodukten, wie Implantaten
  • Nachweispflicht von Zusatzqualifikationen für die Teilnahme an den Verträgen
  • höherer praxisinterner Verwaltungsaufwand


Feststellen ist, dass für die Patienten und die Zahnärzteschaft die Nachteile überwiegen. Die Vorteile liegen fast ausschließlich in einem Marketing- und Wettbewerbvorteil für die Krankenkassen.

Die Zahnärzteschaft im Bereich Olpe – Siegen – Wittgenstein startet daher eine Aufklärungskampagne und fordern die Krankenkassen auf, keine Verträge nach § 73c SGB V, so genannte „Selektivverträge“, mehr anzubieten, die

  • dem Patienten und Versicherten die freie Arztwahl verwehren,
  • die Therapiefreiheit der Zahnärztinnen und Zahnärzten beschneiden,
  • durch Exklusivverträge mit Herstellern von Medizinprodukten (z.B. Implantate) den Behandlungsablauf in den Praxen unberücksichtigt lassen und daher den Behandlungserfolg in Frage stellen,
  • durch Exklusivverträge mit zahntechnischen Laboratorien das notwendige Zusammenspiel zwischen Zahnmedizin und Zahntechnik in unnötiger Weise behindern,
  • durch die Managementgesellschaften bevorzugte Beauftragung von ausländischen Laboratorien Arbeitsplätze in Deutschland vernichten,
  • die Gelder der gesetzlichen Krankenkassen dem hiesigen Wirtschaftskreislauf entziehen,
  • durch die Steuerung von Patienten in einige wenige Praxen die flächendeckende ambulante Versorgung stark gefährden und
  • den Zahnärztinnen und Zahnärzten nicht genug Zeit für die Behandlung ihrer Patienten zur Verfügung stellen.

Es geht auch anders:


Die AOK Westfalen-Lippe möchte die Versorgung vor Ort sicherstellen, fördern und festigen. So bietet sie keine „Selektivverträge“ an, sondern Zusatzversicherungen, die die ambulanten Strukturen und den Wirtschaftsraum Südwestfalen im Blick haben und unterstützen. Ebenso wird auf die Eigenverantwortung und die Selbstbestimmung der Versicherten großen Wert gelegt.

Die Zahnärztliche Interessengemeinschaft Siegen – Olpe - Wittgenstein fordert ihre Patienten auf, nicht auf Versprechungen dieser „Selektivverträge“ hereinzufallen. Alle vordergründigen Vorteile dieser besonderen ambulanten Versorgungsverträge können Patienten auch ohne zusätzliche Managementgesellschaften bekommen.

Die ZSOW startet eine Aufklärungskampagne am Samstag in den örtlichen Zeitungen und Medien. Gleichzeitig gibt es für die Patienten Informationen und Handzettel in den Praxen.

Quelle: Zahnärztlichen Interessengemeinschaft Siegen – Olpe - Wittgenstein (ZSOW), 30.11.2009

Foto: © Shutterstock.com
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