Wissenschaft und Forschung 04.04.2011
Neuer Signalweg des Immunsystems entschlüsselt
Einen neuen molekularen Signalweg, der an der Steuerung der
Immunantwort und bei Entzündungen beteiligt ist, hat ein internationales
Team von Wissenschaftlern unter Federführung der Goethe-Universität
entdeckt. Durch einen interdisziplinären Zugang konnten die Forscher
biochemische, strukturelle und genetische Beweise für die bedeutende
Rolle eines neuen Typs von Ubiquitin Ketten finden. Ubiquitin ist ein in
der Zelle allgegenwärtiges Signalmolekül, das die Gruppe von Prof. Ivan
Dikic am Institut für Biochemie II schon seit vielen Jahren erforscht.
In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“ decken die
Forscher eine weitere Funktion dieses vielseitigen Moleküls auf.
Bei der neu entdeckten Ubiquitin-Kette sind die Proteine so angeordnet,
dass Kopf und Schwanz benachbarter Ubiqitin-Moleküle verbunden sind. Wie
die Forscher zeigen konnten, sind diese Ketten an einer Signalkaskade
beteiligt, die durch Zytokin-Rezeptoren in der Zellmembran ausgelöst
wird. Zytokine sind wichtige Signalmoleküle im Körper, die unter anderem
die Immunantwort regulieren – zu ihnen gehört beispielsweise der
Tumornekrosefaktor Alpha. Er wird hauptsächlich von den Fresszellen
(Makrophagen) ausgeschüttet und spielt bei lokalen und systemischen
Entzündungen eine Rolle.
Wenn ein Zytokin an den Rezeptor einer Zelle koppelt, setzt er damit in
vielen Zelltypen eine Signalkaskade in Gang, die sich bis zum Zellkern
fortsetzt. Für die Immunantwort steht am Anfang dieser Kaskade der
lineare Ubiquitin Ligase Komplex (LUBAC). Dieses Enzym verknüpft
Ubiquitin zu linearen Ketten mit Kopf-Schwanz-Anordnung. Außerdem
aktiviert es Transkriptionsfaktoren des Nuklear Faktor kappaB
(NF-kappaB), der wiederum die Expression wichtiger Gene der
Immunantwort koordiniert, einschließlich der Produktion von Antikörpern.
Doch wie die Moleküle dieser Kaskade im Detail funktionieren, welche
Strukturen aneinander binden, ist noch Gegenstand der Forschung. Das
internationale Forscherteam unter der Leitung von Dikic hat einen
weiteren Baustein dieses Puzzles gefunden: Sharpin, eine Proteinsequenz,
die schon seit einigen Jahren als Ubiquitin bindende Domäne bekannt war
und selbst Ubiquitin ähnliche Eigenschaften hat, stellt offenbar eine
Schlüsselkomponente des linearen Ubiquitin Ligase Komplexes dar.
Wie die Forscher im Tierexperiment zeigen konnten, leiden Mäuse, denen
Sharpin fehlt, an schweren Entzündungen in mehreren Organen und
insbesondere der Haut (chronisch proliferative Dermatitis). Offenbar
führt das Fehlen von Sharpin zum Absterben der hornbildenden Zellen in
der Epidermis (Keratinozyten)und infolge dessen zu sekundären
Entzündungen der Haut mit den charakteristischen Symptomen der chronisch
proliferativen Dermatitis. Zwei weitere Berichte in der gleichen
Ausgabe von „Nature“ von Kazu Iwai von der Universität Osaka und Henning
Walczak vom Imperial College in London bestätigen diese Ergebnisse.
Daraus ergeben sich auch neue Überlegungen zur Entstehung der chronisch
proliferativen Dermatitis bei Menschen. Ebenso ergeben sich neue
therapeutische Interventionsmöglichkeiten in den TNF-alpha Signalweg.
Eine mögliche Ursache der chronisch proliferativen Dermatitis könnte
darüber hinaus eine Mutation in der Schlüsselregion des linearen
Ubiquitin Ligase Komplexes (LUBAC) sein. „Es würde sich anbieten, bei
Kranken, die an einer chronisch proliferativen Dermatitis mit unklarer
Ursache leiden, gezielt nach einem Gendefekt in LUBAC zu suchen“,
empfiehlt Dikic.
Publikation: Fumiya Ikeda et al: SHARPIN forms a linear ubiquitin ligase complex
regulating NF-kappaB activity and apoptosis, Nature vom 31.3.2011, doi:
10.1038/nature09814
Quelle: Goethe-Universität Frankfurt am Main