Anzeige
Patienten 18.03.2019

Prophylaxe und motivierende Gesprächsführung

Prophylaxe und motivierende Gesprächsführung

Eine erfolgreiche zahnärztliche Prophylaxe beruht in wesentlichen Teilen auf der Mitarbeit der Patienten, sei es bezüglich der Mundhygiene, des Rauchstopps, der Ernährung oder der regelmäßigen Kontrolle.1,2 Doch wie motiviert man seine Patienten richtig, damit ihre eigene Mundgesundheit auch langfristig verbessert werden kann?

Damit eine Prophylaxebehandlung auch langfristig zum Erfolg führt, ist es wichtig, den Patienten „bei der Stange“ zu halten. Dafür kön­nen besonders die Gespräche während der Recalls dienen. Das Dialogbeispiel 1 zeigt eine Situation auf, in welcher ein Patient motiviert werden soll. Der Dialog wird jedoch geprägt durch anweisende Äußerungen der Zahnmedizinischen Prophylaxeassistentin und eine verteidigende Patientenhaltung. Miller und Rollnick, die Beschreiber der motivieren­-den Gesprächsführung, vergleichen dies auch mit einem verbalen „Tauziehen“, bei dem keiner vorankommt. Im Gegensatz dazu bietet das „Motivational Interviewing“ einen guten Ansatz zum Auflösen und Vermeiden einer solchen Gesprächssituation.

Grundlagen

„Motivational Interviewing“ (MI; dt.: Motivierende Gesprächsführung) wird als eine partnerschaftliche, zielorientierte Kommunikations­methode mit besonderem Augenmerk auf der Veränderungssprache des Patienten de­finiert. Durch Erkunden und Hervorrufen von individuellen Veränderungsgründen soll die persönliche Motivation und die Selbstverpflichtung gegenüber einem bestimmten Ziel gestärkt werden. MI findet in einer Atmosphäre von Akzeptanz und Mitgefühl statt.3 Die Atmosphäre wird geprägt durch eine empathische, wertschätzende und autonomiebetonende Grundhaltung des Therapeuten. Dieser stellt dabei seine eigenen Erwartungen in den Hintergrund, respektiert die Freiräume und Entscheidungen des Patienten und würdigt des­-sen Stärken und Potenziale.4 Der Patient wird als Experte für seine eigene Gesundheit betrachtet und der Gesprächsführer steht dem Patienten als Unterstützer zur Seite.

Unter „Veränderungssprache“ werden Aus­sagen der Patienten für oder gegen eine Ver­än­derung verstanden. Die Äußerung von Grün­-den, Wünschen, Fähigkeiten, Bedürfnissen und Absichten, die für eine Veränderung sprechen, werden im MI als Change Talk (CT) bezeichnet. Richten sich die Äußerungen gegen eine Ver­änderung oder für den Status quo, werden sie hingegen als Sustain Talk (ST) bezeichnet (Tab. 1).

Sprechen sich Patienten sowohl für als auch gegen eine Veränderung aus, so stehen sie dieser ambivalent gegenüber (vgl. Tab. 1). Miller und Rollnick gehen davon aus, dass die meisten Menschen eine solche Ambivalenz bezüglich möglicher Veränderungen empfinden.3 Das Vorhandensein von sich widersprechenden Empfindungen kann man sich als eine Waage vorstellen (Abb. 1). Die Ambivalenz erzeugt eine innere Spannung, welche aufgelöst werden will und somit motivierend wirkt. Ziel des MI ist es, den Patienten bei der Auflösung dieser Ambivalenz zugunsten der Veränderung zu unterstützen. Dabei warnen Miller und Rollnick allerdings davor, als Therapeut auch die Expertenrolle einzunehmen, da (ungefragte) Vor- und Ratschläge genau das Gegenteil auslösen können (Expertenfalle). Denn häufig sind Vorschläge gefolgt von der Aussage „Ja, aber …“ aufseiten des Gesprächspartners und locken dementspre­chend Sustain Talk hervor. Um den Patienten zielgerichtet bei der Auflösung seiner Ambi­valenz zu unterstützen, bietet die Methode dem Anwender dagegen eine Reihe von Kommunikationsstrategien.

Kommunikationstechniken im MI

Miller und Rollnick3 beschreiben die wesent­lichen Kommunikationstechniken zusammengefasst unter dem Akronym „OARS“. Darunter werden die Techniken der offenen Fragen (O), des Würdigens (engl. „affirm“; A), des Reflek­tierens (R) und Zusammenfassens (engl. „summarise“; S) verstanden.

Offene Fragen

Diese können im Gegensatz zu geschlos­senen Fragen nicht nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden, sondern fördern den Gesprächsfluss (siehe Dialogbeispiele 3 und 5). Damit unterstützen Sie den Patienten, sich in die Veränderung hineinzureden. Offene Fra­gen lassen sich nach der Richtung unterscheiden, in die sie gestellt werden. Einerseits können offene Fragen gezielt Change Talk hervorrufen (wie z. B. „Was stört Sie am Rauchen?“ oder „Warum haben Sie es denn schon einmal probiert?“). Andererseits können sie auch in Richtung Sustain Talk gestellt sein („Was gefällt Ihnen an den Zwischenraumbürsten nicht?“ oder „Wieso müssen Sie denn so viel Zucker essen?“). Für kurze Motivationsschübe im Rahmen zeitlich begrenzter Gespräche ist es empfohlen, gezielt Change Talk hervorzu­rufen, Sustain Talk zu vermeiden und somit die Wahrscheinlichkeit für eine Verhaltens­änderung zu erhöhen.5

Würdigen

Auch Loben und Bestätigen drücken die wertschätzende Haltung des Therapeuten aus und fördern den Beziehungsaufbau. Der Therapeut schaut dementsprechend gezielt nach Fähigkeiten und Verhaltensweisen des Patienten, die ihn schon in Richtung des gewünschten Verhaltens unterstützt haben oder unterstützen können. Ein gutes Beispiel ist die eher seltene Nutzung von Interdentalbürstchen. Während der Patient dies „gesteht“, da er sich darauf konzentriert, wie häufig er es nicht geschafft hat, kann der Therapeut gezielt den Versuch würdigen, es überhaupt probiert zu haben. In Anbetracht der MI-Grundhaltung hat der Pa­tient bereits einen wichtigen Schritt getan, indem er angefangen hat, die Bürstchen zu benutzen. Er kann nun auch ausdrücken, wo eventuell Stolpersteine lauern (z. B. irritierende Blutungen, abendliches Zeitmanagement etc.).

Reflektionen

Diese spiegeln das Gesagte des Gesprächs­partners wider. Es kann sich entweder auf eine einfache Wiederholung der Äußerungen beschränken oder sich komplexer auf die Gefühle und Stimmungen des Gesprächspartners beziehen (siehe Dialogbeispiele 3 und 4). Reflektionen wirken auf den Patienten bestä­tigend („Ja, stimmt“) und fördern die Bezie­hung. Bei einer Reflektion von Change Talk werden Patienten voraussichtlich mit noch mehr Change Talk reagieren (z. B. bei auf CT abzielenden offenen Fragen oder in den geschilderten Beispielen).6

Zusammenfassung

Darunter verstehen Miller und Rollnick das Fazit von größeren Gesprächsabschnitten. Insbesondere vor dem Wechsel zu neuen In­halten (z. B. vom Rauchen zur Mundhygiene) bieten sich Zusammenfassungen an. Sie konkretisieren den Inhalt, planen das Vorgehen und geben dem Patienten noch mal die Chance zur Reflektion. Als weiteres Merkmal vom MI sollte der Patient vor Informationsgabe um Erlaubnis gebeten werden, um sicherzustellen, dass seinerseits Interesse daran besteht (Zahnarzt: „Wäre es okay für Sie, wenn ich Ihnen ein paar Informa­tio­nen zum Thema Zahnzwischenraumreini­gung gebe?“). Ungefragte Informationen können hingegen als sehr direktiv empfunden werden („Rauchen macht im Mund alles kaputt.“) und somit wiederum Widerstand beim Patienten hervorrufen („Ja, aber dafür genieße ich die Zeit.“). Über diese Techniken hinaus beschreiben Miller und Rollnick (2012) einen Ablauf über vier Prozesse im MI, die im Folgenden dargestellt werden sollen.

MI in der Praxis – Prozesse und Anwendung der Kommunikationstechniken

Beziehungsaufbau

Zu Beginn ist der Aufbau einer vertrauens­vollen Arbeitsbeziehung von grundlegender Bedeutung (Beziehungsaufbau). Die Bezie­h­ung bildet die Basis des zukünftigen Mit­ein­anders und stellt einen wichtigen Pfeiler für die Adhärenz des Patienten dar.7 Das Dialogbeispiel 2 verdeutlicht, dass sich die Phase des Beziehungsaufbaus vor allem durch die Vermittlung einer akzeptierenden und partnerschaftlichen Grundhaltung gestalten lässt. Ausdrücken lässt sich diese beispielsweise durch Wertschätzungen der Bemühungen des Patienten, durch die Betonung seiner Autono­-mie sowie durch die Bitte um Erlaubnis.

Fokussierung

Im nächsten Prozess sollten die wichtigsten Probleme erkannt werden. Diese Fokussierung sollte mit dem Patienten gemeinsam durch­geführt werden, um sicherzustellen, dass die Dinge thematisiert werden, die auch für den Patienten von aktueller Bedeutung sind (Dia­logbeispiel 3). Im Dialogbeispiel 3 versucht der Zahnarzt zunächst vorschnell, das Gespräch auf das Thema Adhärenz festzulegen, was jedoch für den Patienten aktuell von untergeordneter Bedeutung ist. Bei einer solchen vorschnellen Fokussierung durch den Therapeuten kann es zu Widerstand beim Patienten kommen, wie es auch in diesem Beispiel dargestellt ist. In diesem Fall sollte erneut an der Beziehungs­ebene gearbeitet werden.3 Der Zahnarzt im Beispiel löst den Widerstand auf, indem er die Autonomie des Patienten betont und sein Kommen wertschätzt. Mithilfe einer offenen Frage wird nun die Fokussierung auf ein gemeinsames Thema eingeleitet.

Evokation

Wenn es klar ist, welches Thema für den Pa­tienten von Interesse ist, kann sich der Pro­zess der Evokation (lat. evocatio: Hervor-, Herausrufen) anschließen. Die Aufgabe des Gesundheitsexperten ist es nun, verstärkt die individuellen Gründe eines Patienten für eine Veränderung, also Change Talk, hervorzu­-locken. Dialogbeispiel 4 zeigt einen Evoka­tionsprozess in der Praxis, nachdem zuvor  ein adäquater Beziehungsaufbau sowie die Fokussierung auf das Thema Rauchstopp erfolgten.

Planung

Sobald eine solch eindeutige Absicht zur Ver­haltensänderung zu erkennen ist, kann die Planung der Veränderung besprochen werden. Dieser letzte Prozess im MI stellt sicher, dass der Patient sich nicht nur ändern möchte,  sondern auch einen konkreten Vorgehensplan mit nach Hause nimmt (Dialogbeispiel 5). MI lässt sich in vielen Gesundheitsbereichen einsetzen wie beispielsweise bei der Be­handlung  von Suchterkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes oder Adipositas.8 Auch in der Zahnmedizin wur­den bereits einige Unter­suchungen bezüglich der Anwendung von MI zur gezielten Verhaltens­änderung beim Patienten durchgeführt, die darin einen viel­versprechenden Ansatz sehen.9, 10 Vor allem in Gesprächen mit Eltern zur Kariesprävention der Kinder, zur Raucherentwöhnung und in der individuellen Oralprophylaxe scheint MI ein vorteilhafter Ansatz zu sein.11–13

Fazit

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass „Motivational Interviewing“ eine vielverspre­ch­ende Methode in der Oralprophylaxe dar­stellt, um seine Patienten erfolgreich zu moti­vieren. MI spart Zeit mit widerständigen Pa­tienten und bringt darüber hinaus Freude in den Praxisalltag.

Eine ausführliche Literaturliste steht hier zum Download bereit.

Der Beitrag ist im ZWP spezial erschienen.

Foto: © mstanley/Shutterstock.com

Mehr News aus Patienten

ePaper

Anzeige