Anzeige
Psychologie 28.02.2011

Kindesmisshandlung: Identifikation in der Zahnarztpraxis

Dr. Curt Goho
Dr. Curt Goho
E-Mail:
Kindesmisshandlung: Identifikation in der Zahnarztpraxis

Die Feststellung traumatischer Befunde und deren Zuordnung ist ein wichtiges Kriterium in der Diagnostik bei Verdacht auf Misshandlung. Die Voraussetzung: der Zahnarzt bezieht eine Misshandlungsfolge in sein differenzialdiagnostisches Kalkül ein. Ein Beitrag von Dr. Curt Goho, Diplomate des American Board of Pediatric Dentistry.

In den vergangenen Jahren hat das öffentliche Bewusstsein für Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern deutlich zugenommen. Leider umfasst vielfach die körperliche Untersuchung eines misshandelten Kindes nicht die Beurteilung von Verletzungen innerhalb des Mundes, obwohl mindestens 50% aller dokumentierten Fälle von Kindesmisshandlung orofaziale und/oder intraorale Verletzungen nach sich ziehen. Zum Teil werden diese Fälle im zahnärztlichen Notdienst vorstellig. Der Zahnarzt wird vielleicht der einzige sein, der eine Misshandlungsfolge frühzeitig erkennen und das Kind durch entsprechende Maßnahmen schützen kann.

Generell ist es wichtig, dass (Zahn-)Ärzte sowie Krankenschwes­tern und -pfleger eine Untersuchung der Mundhöhle in ihre ­Gesamtbeurteilung des Patienten mit einbeziehen. Zahnärzte sollten gewappnet sein, Kinder zu untersuchen, die mit orofazialen Verletzungen an sie überwiesen werden, und die richtige Diagnose – entweder ein unfallbedingtes oder absichtlich zugefügtes Trauma – zu stellen.


Die Befragung zur Beurteilung einer Verletzung

Bei kleineren Kindern unter sieben Jahren ist es häufig schwierig, durch Fragen diagnostisch verwertbare Informationen zu erhalten. Sie möchten mit ihren Antworten Erwachsenen gefallen, und ihre Antwort ist abhängig davon, wie die Frage gestellt wird. Bei der Befragung eines Kindes sollte unbedingt darauf geachtet werden, Worte zu verwenden, die ein Kind verstehen kann. Wenn ein kleines Kind über eine Verletzung interviewt wird, sollte man auf jeden Fall freundlich sein und nicht vorschnell urteilen. Es darf nicht das Gefühl vermittelt werden, irgendetwas falsch gemacht zu haben, da es verletzt wurde. Neugier und Interesse am „Aua“ sollte gezeigt und freund­liche wie beruhigende Worte verwendet werden, um zu fragen, wie es zu der Verletzung gekommen ist. Es gilt die Frage möglichst zu vermeiden, ob eine bestimmte Person dem Kind etwas getan hat. Auch das anwesende Elternteil sollte nicht für das Kind antworten. Antwortet das Kind frei und unbefangen oder sieht es zu Mutter oder Vater, bevor es antwortet? Die meisten Kinder freuen sich zu erzählen, wie diese zu der Verletzung kamen, wenn sie unbeabsichtigt war.

Bei der Beurteilung einer Verletzung lautet die entscheidende Frage, welche sich der Behandler immer selbst stellen muss: „Stimmt die beobachtete Verletzung mit der Vorgeschichte überein?“ Wenn die bei der Untersuchung festgestellte Verletzung nicht zur Geschichte des Patienten oder Elternteils passt, müssen Ursachen in Betracht ge­zogen werden, die mit einer Misshandlung zusammenhängen.

Verletzungen: Diagnostische Gesichtspunkte

Verletzungen durch Misshandlung können häufig anhand ihrer Lokalisation oder Form von unfallbedingtem Trauma unterschieden werden. Erstere finden sich oft an anderen Stellen als solche, die auf ­einem unbeabsichtigten Trauma beruhen. Oberlippe, Stirn und Kinn sind die typischen Stellen für un­fallbedingte Verletzungen am Kopf und im Gesicht. Außerdem können sich bei Misshandlungsverletzungen auch ungewöhnliche Muster zeigen, wie etwa beidseitige Lippenhämatome durch Zwicken oder Kneifen (Abb. 1).

Frakturen von Zähnen durch Unfälle zeigen sich gewöhnlich als lineare Frakturen, die den prismatischen Linien des Schmelzes folgen. Sie sind auch häufig mit Lippenverletzungen verbunden. Frakturierte Zähne mit sternförmiger Fragmentierung in kleine Stücke und bei gleichzeitigem Fehlen von Lippenverletzungen sind typisch für ein Trauma durch Schläge mit einer Hand, an der ein Ring sitzt; wenn dieser Ring direkt auf den Zahn trifft und dabei den Schmelz zersplittert.

Ein weiterer diagnostischer Gesichtspunkt ist die Zeitdauer zwischen Verletzung und Aufsuchen ­eines Arztes – sie ist wichtig für die Differenzialdiagnose bei Rissen des Oberlippenbändchens. Wenn diese Verletzungen auftreten, bluten sie stark, und die typische Reaktion der Eltern ist, sofort zahnärztliche oder ärztliche Hilfe zu suchen. Wenn eine Verletzung durch Misshandlung verursacht wurde, ist es nicht ungewöhnlich für ein Elternteil oder eine Pflegeperson, den Gang zum Arzt oder Zahnarzt ­hinauszuzögern. ­Einige Tage nach einem Riss des ­Frenulums sieht die Verletzung ­jedoch „infiziert“ aus, und dann ­suchen Eltern oder Pflegepersonen häufig ärztlichen oder zahnärztlichen Beistand. In Wirklichkeit entspricht das Aussehen dem der normalen Sekundärheilung einer intraoralen Wunde, doch für medizinische oder zahnmedizinische Laien erscheint es „infiziert“ (Abb. 2). Deshalb kommen sie erst zu diesem späteren Zeitpunkt zur Behandlung und nicht gleich unmittelbar nach der Verletzung. Jede längere und nicht plausibel begründbare Ver­zö­ge­rung des Arzt-/Zahnarztbe­suches bei einem Abriss des Oberlippenbändchens ist Grund für die mög­liche Annahme einer misshandlungsbedingten Verletzung.

Die meisten Intrusions- und Luxationsverletzungen von Zähnen treten in apikaler/lingualer Richtung auf. Extrusionen oder Luxationen beruhen häufig auf Misshandlungen, wenn beispielsweise ein Schnuller oder eine Decke ­gewaltsam aus dem Mund eines Kindes gerissen wird (Abb. 3). Bei dieser Art von Verletzung muss als eine der Differenzialdiagnosen stets an Misshandlung gedacht werden.

Zu Verletzungen beim Geben des Fläschchens können auch intrusive Verletzungen der Zähne gehören. Anders als bei normalen Stürzen werden hier häufig die Zähne in linguale Richtung gedrückt, und man findet gekrümmte Einreißungen der Gingiva im Oberkiefer. Diese Verletzungen können auftreten, wenn eine Flasche gewaltsam in den Mund des Kindes gedrückt wird und dabei der Kunststoffring um den Gummisauger zu Verletzungen der Gingiva und an den Schneidezähnen führt (Abb. 4).

Die Identifikation von Biss­marken ist ein weiterer Aspekt von Kindesmisshandlungen. Sie sind sowohl bei Fällen körperlicher Misshandlung als auch bei sexuellem Missbrauch zu finden. Zur Untersuchung von Bissverletzungen sind folgende wichtige Punkte festzuhalten: Viele Verletzungen durch menschliche Bisse sind ­oberflächlich, mit einem ovalen Erscheinungsbild sowie Blutergüssen und/oder Abschürfungsspuren von Zähnen (Abb. 5). Die entscheidende Komponente der Diagnose von ­potenziellen Bissverletzungen ist die Aufnahme möglichst vieler ­Fotografien einer vermuteten Bissverletzung. Fotos sollten senkrecht zur Verletzung geschossen werden. Ein Maßstab, etwa ein Lineal, muss unbedingt auf dem Foto zu sehen sein, und dieser für die spätere Verwendung aufbewahrt werden, wenn die Fotografien auf tatsächliche Größe vergrößert und von der ­Polizei verwendet werden müssen. Obwohl offizielle Messeinrich­tungen wie das Lineal ABFO Nr. 2 ideal sind, kann jedes beliebige Mess­instrument verwendet werden. Der Maßstab sollte in die ­gleiche Ebene wie die Verletzung platziert werden. Eine Beurteilung der Verletzung über mehrere Tage hinweg ist hilfreich, da manchmal die Bissverletzung einige Tage später besser sichtbar ist. Mit diesen ­Informationen sind einem forensischen Zahnarzt häufig Unterscheidungen möglich: zwischen Bissen von Menschen und Tieren, zwischen Bissen von ­Erwachsenen und Kindern und zwischen verschie­denen Verdächtigen, wodurch der Angreifer letztlich identifiziert werden kann.

Fazit

Zahnärzte/-innen können eine entscheidende Rolle bei der Iden­tifikation und Dokumentation
von Kindesmisshandlung spielen. Durch die bewusste Entscheidung für eine offene Haltung gegenüber der möglichen Ursache einer Verletzung, durch ständige Erinnerung an die Frage „Stimmt die beobachtete Verletzung mit der Vorgeschichte der Verletzung überein?“ und durch die Anwendung der oben erwähnten Differenzialdiagnosen kann der zahnärztliche Berufsstand dazu beitragen, die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Kinder zu schützen.


Zahnärzte gefordert

„Wenn eine Zahn- oder Kieferverletzung behandelt werden muss, ist die Hürde der Gewaltopfer nicht ganz so hoch, sich an den behandelnden Zahnarzt zu wenden. Nicht selten ist es ­gerade der Zahnarzt, der als erster oder ein­ziger ­Mediziner aufgesucht wird, weil Schäden im Kiefer- und Zahnbereich eben nicht unbehandelt ausheilen. Hier sind Zahnärzte gefordert, sensibel die Patienten ­anzusprechen und sie zu ermutigen, sich professioneller Hilfe oder gar ­Ermittlungsbehörden anzuvertrauen“.

Dr. Dietmar Oesterreich: Präsident der ZÄK Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident der Bundeszahnärzte­kammer während einer Fachtagung zu Gewalt am 31. Januar 2009 in Rostock.


Relevanz des Phänomens
„Kindesmisshandlung für die Medizin resp. Zahnmedizin“


Erste Hinweise auf Misshandlungs­folgen als Differenzialdiagnose in der medizinischen Literatur erschienen Mitte der 40er-Jahre (Caffey 1946) und in Übersichten Anfang der 60er-Jahre (Kempe et al. 1962). Erste Fallberichte und Übersichten über die der Kindesmisshandlung typischen Befunde und Begleitumstände wurden in der zahnmedizinischen Fachliteratur in größerem Umfang erst in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts publiziert (ten Bensel & King, 1975; McNeese & Hebeler 1977; Becker et al. 1978, ­Benusis 1978; Davis et al. 1979; Malecz 1979; Kenney 1981). Eine erste Stellungnahme zu dem Thema vonseiten zahnärztlicher Standesorganisationen findet sich 1980 mit einer Mitteilung der American Dental Association (ADA 1980). Hier wurde auf die Kindesmisshandlung als Differenzialdiagnose und die ethischen Implikationen für den behandelnden Zahnarzt hingewiesen. Der Etablierung des 1962 durch Kempe geprägten Begriffs des „Kindesmisshandlungssyndroms“ („battered-child syndrome“) und der zunehmenden Anzahl wissenschaftlicher Publikationen zu diesem Thema folgte über die Allgemeinpresse das öffentliche Interesse und führte zu einer höheren Anzahl von Meldungen bei staatlichen Stellen.

Quelle: Walter Karl Kamann, Witten/Her­decke, „Kindesmisshandlung – Relevanz für die zahnärztliche Betreuung“, Schweiz. Monats­schr. Zahnmed. Vol. 118 4/2008
 
Foto: © Shutterstock.com
Mehr News aus Psychologie

ePaper

Anzeige