Implantologie 04.05.2026
Interdisziplinäres Rehabilitationskonzept im hochatrophen Unterkiefer
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Eine erfolgreiche Versorgung der Betroffenen erfordert ein interdisziplinäres Behandlungskonzept, in dem chirurgisch-implantologische und prothetische Maßnahmen zu einem langfristig stabilen und patientenorientierten Ergebnis integriert werden müssen.
Der hochatrophe Kiefer entspricht in der ITI Defektklassifikation nach Terheyden der Kategorie 4/4 (bzw. Klasse V und VI nach Cawood & Howell 1988), welche in der Therapie als besonders komplex, aufwendig und komplikationsanfällig im Vergleich zu anderen Defekten angesehen wird.1, 2
Als Alternative zu Augmentationsverfahren wie der gesteuerten Knochenregeneration oder der Knochenblockaugmentation, welche stabile Langzeitergebnisse liefern, jedoch mit einer erhöhten Patientenmorbidität an der Augmentationsstelle, zusätzlichen Operationen und höheren Kosten verbunden sind, haben kurze Implantate zunehmend an Bedeutung gewonnen.3 Als „kurze Implantate“ wurden im Konsensuspapier der 6. Europäischen Konsensuskonferenz Implantate mit einer Länge von ≤ 8 mm definiert. Mehrere Studien konnten überzeugende Überlebensdaten von 99 Prozent nach zwei Jahren und 98 Prozent im Nachbeobachtungszeitraum von 3,6 Jahren abbilden.4, 5 Eine prospektive Studie von 2020 kam nach einem Nachbeobachtungszeitraum von fünf Jahren sogar zu dem Ergebnis, dass kurze Implantate aufgrund der deutlich geringeren Komplikationsrate einer Sinusbodenelevation mit Augmentation die bessere Alternative darstellen.16
Während es sich bei kurzen Implantaten um längenreduzierte Implantate handelt, werden durchmesserreduzierte, meist einteilige Implantate mit einem Durchmesser von 1,8 bis 3,5 mm als „Miniimplantate“ bezeichnet. Die Daten zum Implantatüberleben in klinischen Studien und systematischen Reviews weisen mit 0,6 bis 15,8 Prozent auf eine erhöhte Verlustrate hin, wobei in 0,2 bis 2,3 Prozent der Fälle ein Implantatbruch die Ursache ist.17–22 In der vorliegenden Literatur wird ein Rückgang des Risi-kos um etwa 96,9 Prozent pro 1 mm Zunahme im Durchmesser beschrieben.19
Im Folgenden wird die Versorgung eines hochatrophen Unterkiefers mit kurzen Implantaten dargestellt.
Fallbeispiel
Anamnese und Befund
Eine 71-jährige Patientin ohne relevante Vorerkrankungen wurde mit starken Schmerzen im linken Unterkiefer, besonders bei in situ befindlicher Unterkieferprothese und Kaubewegungen vorstellig. Klinisch zeigte sich ein hochatropher Unterkiefer mit schüsselförmigem Defekt in den Unterkieferseitenzahnbereichen beidseits und bei Z. n. Insertion von vier interforaminalen Miniimplantaten alio loco, von denen sich zum Zeitpunkt der Erstvorstellung noch drei, davon zwei partiell in situ befanden. Von den Implantaten 34, 33 und 41 waren die beiden Implantate in Regio 34 und 41 bereits vor längerer Zeit auf Alveolarkammniveau frakturiert.
Behandlungsplanung und Chirurgie
Es erfolgte zunächst die Anfertigung einer Panoramaschichtaufnahme, einer digitalen Volumentomografie (DVT) und anschließend die gemeinsame interdisziplinäre Beratung über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Eine Augmentation des Kiefers wurde explizit von der Patientin abgelehnt. Um dennoch die Belastung auf die bereits nach krestal migrierten Foramina mentalis so gering wie möglich zu halten, wurde gemeinsam mit der Patientin die Entscheidung zur Insertion von drei kurzen Implantaten zur Verankerung eines Stegs mit Extensionen getroffen. Es wurden kurze Implantate gewählt, um keine Sollbruchstelle im Unterkiefer zu generieren und es wurden lediglich drei Implantate inseriert, um die notwendigen Abstände zum Nervus mentalis und zu den Nachbarimplantaten nicht zu unterschreiten.
Zunächst wurden nach Darstellung des Alveolarkamms und des Nervus mentalis beidseits die Miniimplantate 34, 33 und 41 mittels Trepanbohrer entfernt. Es folgte die primärstabile Insertion von drei Implantaten (∅ 3,75 RT/ 8 mm, Straumann© TLX-Implantaten) in den Regiones 33, 31 und 43. Diese wurden noch mit einer resorbierbaren Kollagenmembran abgedeckt. Bei transgingivaler Einheilung wurden die Implantate mit Healing-Abutments (RT ∅ 5,5/4 mm) versehen. Der spannungsfreie Wundverschluss erfolgte mit monofilem, resorbierbarem Nahtmaterial. Postoperativ wurde eine Panoramaschichtaufnahme angefertigt, um die Implantatpositionierung zu überprüfen.
Nach einer einwöchigen Prothesenkarenz wurde die vorhandene Unterkieferprothese nach Ausschleifen und weichbleibender Unterfütterung eingesetzt.
Die Verankerung des Stegs und die Eingliederung der neuen steggetragenen Unterkieferprothese erfolgten zehn Wochen nach Implantation.
Den initialen kaufunktionellen und ästhetischen Defiziten konnten mit dem chirurgisch-prothetischen Konzept und der reibungslosen interdisziplinären Zusammenarbeit zur vollständigen Zufriedenheit der Patientin begegnet werden.
Zusammenfassung
Die Insertion von kurzen Implantaten hat sich als eine suffiziente Alternative zu aufwendigen chirurgischen Augmentationsverfahren in der kaufunktionellen Rehabilitation von hochatrophen Kiefern bewährt.3, 6, 7 Neben einer geringeren Patientenmorbidität sind vor allem die Durchführung in nur einem chirurgischen Eingriff, da keine zweizeitige Augmentation notwendig, und die geringeren Kosten häufig ansprechend für Patienten.11 Die Erfolgsrate wird je nach Literatur mit 80 bis 99,1 Prozent mit partiellen Nachbeobachtungszeiten von über 20 Jahren beschrieben, ähnlich den Erfolgsraten konventioneller Implantate.7, 12–15, 20
Kurze Implantate stellen auch hinsichtlich des Langzeitüberlebens eine klinisch bewährte, weniger invasive und kosteneffiziente Alternative zu augmentativen Verfahren in der kaufunktionellen Rehabilitation dar.