Anzeige
Kieferorthopädie 05.11.2012

Kieferorthopädische Mundhygiene und lokale Fluoridierung während Multibracketbehandlung

Kieferorthopädische Mundhygiene und lokale Fluoridierung während Multibracketbehandlung

Die iatrogene Schädigung der Zahn­hartsubstanzen oder der Weichgewebe bedingt durch ei­ne fehlende Zahnpflege muss als häufigste Nebenwirkung, insbesondere festsitzender Apparaturen, angesehen werden. Forensisch und medizinisch ist es deshalb notwendig, alle zur Verfügung stehenden prophylaktischen Maßnahmen nach den individuellen Gegebenheiten einzusetzen:

a) Kieferorthopädische Mundhygiene-Indices (Orthodontic Plaque Index oder Bracket Plaque Index
b) Bracketumfeld-Versiegelungen mit Langzeitfluoridierung oder Lacken
c) Maßnahmen zur Entfernung weicher Beläge von Brackets und deren Umfeld
d) Nutzung der Selbstreinigung der Zunge durch linguales Kleben festsitzender Teilbracketapparaturen.

Dem Kieferorthopäden ist somit ein ganzes Repertoire an Mitteln zur Erhaltung und Un­terstützung der Mundhygiene des Patienten in die Hand ge­geben. Leider ist jedoch festzustellen, dass dieser Fortschritt in der Behandlung bei der Benennung und Bewertung erwähnter Leistungen beim Verordnungsgeber und den Erstattungsstellen noch keinen Eingang gefunden hat. Vielmehr hat es sich der Verordnungsgeber hier leicht gemacht, indem er den Paragrafen 6 in der GOZ 2012 änderte (Analogleistungen). Die ihm nachgeschalteten Erstattungsstellen (private Krankenversicherungen und Beihilfestellen) sind jedoch mit jenen Analog­positionen vollends überfordert. Das Spektrum der Ablehnungen reicht hier von der Anmaßung „medizinisch nicht notwendig“ (ohne, dass je ein Arzt den Sachverhalt prüfte), über den Vorwurf der „Falschabrechnung“ bis hin zur Aussage „Analog­leistungen sind bei uns nicht versichert“. Umso wichtiger ist es daher, dass wissenschaftliche Gesellschaften, die Kammern, Körperschaften und Standesorganisationen dem niedergelassenen Kollegen hier durch Studien, Richt- und Leitlinien sowie Veröffentlichungen zur Seite stehen.

Leistung bei der Erstellung des Mundhygienestatus (GOZ A1000)


Therapieschritte:
1. Rüsttätigkeit
2. Zahnärztliches Gespräch
3. Anamnese
4. Untersuchung des parodontalen Weichgewebes
5. Feststellen von Plaque-Retentionsstellen
6. Einfärben der Zähne
7. Erhebung und Berechnung von Indices (Bracket Plaque Index, Orthodontic Plaque Index oder zahnärztliche Indices)
8. Dokumentation und Bemessung der Gebühr entsprechend „der Schwierigkeit und des Zeitaufwandes der einzelnen Leistung sowie der Umstände bei der Ausführung nach billigem Ermessen“ (§5 Absatz 2 Satz 1)
9. Informationsgespräch über die Befunde und Auswirkung der Befunde auf die Therapie und deren mögliche Alternativen mit dem Patienten und eventuell dessen Eltern (Motivieren und Instruieren)
10. Rüsttätigkeit

In unserer Praxis werden zwei Verfahren zur Fluoridierung während einer Multibrackettherapie genutzt: Die Bracketumfeld-Versiegelung findet ihre An­wendung bei Patienten, die keine Entkalkungen – trotz einer nicht aus­reichenden Zahnpflege – auf­wei­sen. Als Präparat wird hier aufgrund seiner hervorragenden Verarbeitungseigenschaften „BeautiSealant“ (Fa. Shofu) verwendet. Dieses eigentlich zur Fissurenver­siegelung gedachte Präparat bietet ein gutes Fließ- und Benetzungsverhalten. Auch der dauerhafte, fast unsichtbare Schutzfilm ist für den Patienten sehr ästhetisch. Bei Vorschädigungen des Zahnschmelzes verbietet sich aus unserer Sicht die Versiegelung mit schichtbildenden Lacken. Hier kommt in unserer Praxis „Tiefenfluorid®“ (Fa. Humanchemie) zum Einsatz. Dabei wird das in Lösung befindliche Fluorion auf die übertrockneten Schadstellen appliziert und anschließend durch eine Fällungsreaktion mit Ca(OH)2 im Zahnschmelz verfestigt (Abb. 1).

Leistung: Prophylaktische Glattflächenversiegelung bei festsitzenden Geräten (GOZ A2000)

Therapieschritte:
1. Rüsttätigkeit
2. Zahnärztliches Informationsgespräch über die Glattflächenversiegelung und deren mögliche Alternativen mit dem Patienten und eventuell dessen Eltern
3. Trockenlegung (Cofferdam GOZ 2040)
4. Konditionierung der Zähne
5. Versiegelung der Zähne
6. Okklusionskontrolle und eventuelle Korrektur
7. Fluoridierung (GOZ 1020 oder 1030)
8. Zahnärztliches Gespräch
9. Dokumentation und Bemessen der Gebühr entsprechend „der Schwierigkeit und des Zeitaufwandes der einzelnen Leistung sowie der Umstände bei der Ausführung nach billigem Ermessen“ (§5 Absatz 2 Satz 1)
10. Rüsttätigkeit

Die leichte Verarbeitung des BeautiSealant umfasst nach der Zahnreinigung (Abb. 2) die folgenden Arbeitsschritte: Mit einem Mikropinsel wird das Konditionierungsmittel direkt auf den Zahn aufgebracht und leicht verblasen (Abb. 3). Dann erfolgt sofort der Auftrag des Versieglers, ebenfalls mit dem Mikropinsel (Abb. 4). Nach dem Aushärten mit einer Polymerisationslampe (Abb. 5) erfolgt die Kontrolle via Lupenbrille (Abb. 6).

Leistung bei der professio­nellen kieferorthopädischen Mundhygiene (GOZ A1040)

Therapieschritte:
1. Rüsttätigkeit
2. Zahnärztliches Gespräch (Motivieren und Instruieren)
3. Vorbereitende Maßnahmen mit Desinfektion mittels CHX
4. Eventuell Oberflächenanästhesie
5. Öffnen der Brackets und Ausligieren der Bögen (als Zeitfaktor beim Punkt 11 – Bemessen der Gebühr – zu berücksichtigen)
6. Entfernung supragingivaler weicher Beläge, besonders im Bracketumfeld, erst mit Airflow, dann maschinelle Zahnsteinentfernung und Nacharbeiten mit Handinstrumenten
7. Politur
8. Fluoridierung
9. Schließen der Brackets und Einligieren der Bögen (als Zeitfaktor beim Punkt 11 – Bemessen der Gebühr – zu berücksichtigen)
10. Zahnärztliches Informationsgespräch über die Befunde und Auswirkung der Befunde auf die Therapie sowie deren mögliche Alternativen mit dem Patienten und eventuell dessen Eltern
11. Dokumentation und Bemessen der Gebühr entsprechend „der Schwierigkeit und des Zeitaufwandes der einzelnen Leistung sowie der Umstände bei der Ausführung nach billigem Ermessen“ (§ 5 Absatz 2 Satz 1)
12. Rüsttätigkeit

In den Abbildungen 7 bis 9 wird ein Patient mit vollständig feh­lender Mundhygiene dargestellt. Eine vestibuläre Multibracketbehandlung kommt hier nicht infra­ge. Aufgrund der Dicke der Belä­ge kann davon ausgegangen werden, dass mindestens vier bis fünf Tage keine Mundhygienisierung erfolg­te (Abb. 7). Nach professioneller Entfernung der Beläge sind Entkalkungen im Bereich des Marginalsaumes zu sehen (Abb. 8). In­teressanterweise ist die Plaquebesiedlung auf den Palatinal­flächen der Zähne sehr gering (Abb. 9). Somit besteht nur hier der mögliche Verankerungsort für eine Multibracket-Teilapparatur zum Lösen von kieferorthopädischen Einzelaufgaben.

Mehr Fachartikel aus Kieferorthopädie

ePaper

Anzeige