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Kieferorthopädie 09.11.2020

Lingualtherapie nach Prämolarenextraktion

Lingualtherapie nach Prämolarenextraktion

Einen häufigen kieferorthopädischen Befund stellt die Klasse II/1-Malokklusion dar. Die Fehlstellung der dabei nach vorn gekippten oberen Schneidezähne beeinträchtigt oft nicht nur die Gebissfunktion (erschwertes Abbeißen), sondern häufig auch das Gesichtsprofil. Wie die Korrektur einer solchen Anomalie mithilfe einer vollständig individualisierten Lingualapparatur erfolgreich realisiert und das Gesichtsprofil parallel deutlich verbessert werden kann, zeigt der im Folgenden vorgestellte Fall eines jugendlichen Patienten.

Patienten wünschen sich ein schönes Lächeln und nicht nur gerade Zähne. Ästhetische kieferorthopädische Behandlungen mit transparenten Alignern können in vielen Fällen dazu beitragen, dass sich dieser Wunsch erfüllt. Allerdings bleibt der Erfolg von Alignerbehandlungen bei Extraktionsfällen – die bei asiatischen Patienten vergleichsweise häufig indiziert sind – trotz wissenschaftlicher und technologischer Weiterentwicklungen in den Bereichen künstliche Intelligenz und Alignersoftware nicht zu hundert Prozent berechenbar. Das liegt daran, dass sich die dreidimensionalen Zahnbewegungen mit Alignern nach wie vor nur eingeschränkt kontrollieren lassen.

Eine alternative Behandlungsoption stellt der Einsatz einer individuell hergestellten lingualen Multibracketapparatur dar. Sie eignet sich für die Behandlung aller Arten von Malokklusionen und bietet mehrere Vorteile, darunter eine sehr gute Kontrolle des Frontzahntorques. Zudem werden die Behandlungsbögen bereits mit per Roboter eingebrachten Biegungen geliefert, sodass kaum manuelle Bogenanpassungen erforderlich sind. Des Weiteren wird ein einfaches Rebonding der Brackets mit individuell an die Morphologie der Lingualflächen angepassten Bracketbasen gewährleistet.

Festsitzende linguale Apparaturen unterscheiden sich dadurch von den für den Betrachter ebenfalls nahezu unsichtbaren herausnehmbaren Alignerapparaturen, dass sie eine zuverlässige dreidimensionale Kontrolle der Zahnbewegungen ermöglichen. Im Folgenden wird ein klinischer Fall vorgestellt, bei dem das 3M Incognito Appliance System (3M Unitek) bei einem chinesischen Jugendlichen zum Einsatz kam.

Fallbeispiel

Alex war 14 Jahre alt, als er sich mit einer Klasse II/1-Malokklusion in unserer Praxis vorstellte. Die Fernröntgenseitenaufnahme zeigte eine skelettale Klasse I sowie eine vergrößerte Inklination der unteren Inzisiven zur Referenzlinie „A-Pog“. Der Patient wies zudem ein konvexes Profil auf.

Die intraorale Untersuchung ergab beidseits eine Klasse I-Molarenrelation, eine Klasse II-Eckzahnrelation links, eine Mittellinienverschiebung sowie einen Kreuzbiss im Frontzahnbereich. In beiden Kiefern lag ein Engstand vor, die Spee’sche Kurve war stark ausgeprägt und die Frontzähne waren prokliniert.

Der kieferorthopädische Behandlungsplan sah eine Extraktion der oberen ersten Prämolaren sowie der unteren zweiten Prämolaren vor. Anschließend war eine Korrektur der Fehlstellungen mithilfe der lingualen Multibracketapparatur vorgesehen.

Detaillierte Beschreibung der Ausgangssituation

Den Patienten störten speziell die unregelmäßig aus dem Ober- und Unterkiefer „herausragenden“ Zähne. Es lag keine offensichtliche Asymmetrie des Gesichts vor, wobei die untere Gesichtshöhe im Normbereich lag. Neben erwähntem konvexem Profil waren ein inkompetenter Lippenschluss und ein normalgroßer Nasolabialwinkel hervorzuheben. Aufgrund der Protrusion lagen die Ober- und Unterlippe 3 bis 4 mm oberhalb der Ästhetiklinie. Die Kiefergelenke zeigten keinerlei Funktionsstörungen.

Zu Behandlungsbeginn war der Durchbruch aller bleibenden Zähne bereits erfolgt. Der Engstand war im Oberkiefer als leicht und im Unterkiefer als moderat einzustufen. Die Klasse II/1-Malokklusion ging mit einem stark vergrößerten Overjet von 8 mm einher, der Overbite betrug 4 mm. Die Mittellinie des Unterkiefers war um 2 mm nach rechts verschoben. Die Molaren befanden sich beidseitig in einer Klasse I-Relation. Da Alex ein Internat in Großbritannien besuchte, fanden die Kontrolltermine in Abständen von acht bis zwölf Wochen statt (Abb. 1a–c, 2a–e, 3 und 4).

Fernröntgenanalyse

SNA- und SNB-Winkel lagen im Normbereich. Der ANB-Winkel bestätigte die skelettale Klasse I (Normbeziehung). Die Winkel der Oberkiefer- und Unterkieferebene lagen ebenfalls im Normbereich, ebenso das Verhältnis und die Werte der unteren Gesichtshöhe. Die Oberkiefer- und Unterkieferfrontzähne waren prokliniert. Die unteren Inzisiven wiesen eine vergrößerte Inklination zur Referenzlinie „A-Pog“ auf (7,5 mm). Die Lippen verliefen ventral der E-Linie nach Ricketts.

Behandlungsplan

Die Therapieziele waren eine Optimierung des Profils und die Erzielung eines kompetenten Lippenschlusses, die Korrektur von Overjet und Overbite, die Korrektur der Zahnfehlstellungen und die Koordination der Zahnbogenformen. Der Behandlungsplan sah vor, zunächst die ersten Prämolaren im Oberkiefer sowie die zweiten Prämolaren im Unterkiefer zu extrahieren. Danach war die Eingliederung der festsitzenden individuell hergestellten Lingualapparatur vorgesehen. Diese verfügt in den Frontzahn- und Eckzahnbrackets über einen vertikalen Slot der Dimension .028'' x .022'' sowie über einen selbstligierenden Hilfsslot im Unterkiefer-Frontzahnbereich. Im Bereich der Prämolaren und ersten Molaren sollten Edgewise-Brackets mit horizontalem Slot (.022'' x .028'') verwendet werden; für die zweiten Molaren waren linguale Tubes vorgesehen.

Für die Retentionsphase war die Eingliederung festsitzender lingualer Retainer (von Eckzahn zu Eckzahn) geplant. Die Prognose für einen dauerhaften Therapieerfolg war gut, da das Wachstum des Patienten nahezu abgeschlossen war, was sich positiv auf die Stabilität der Frontzahnrelation auswirken würde. Zusätzlich werden die Retainer zur erforderlichen Stabilität beitragen.

Behandlungsmechanik und spezielle Herausforderungen

Im Ober- und Unterkiefer kamen folgende Bogensequenzen zur Anwendung:

Oberkiefer

  • .014'' NiTi (Abb. 5)
  • .016'' NiTi
  • .016'' x .022'' NiTi (Abb. 7)
  • .018'' x .025'' NiTi
  • .016" x .024'' Stahlbogen mit 15° Extratorque von Zahn 13 bis 23 (Abb. 9)
  • .0182'' x .0182'' TMA (Abb. 11)

Unterkiefer

  • .014'' NiTi (Abb. 6)
  • .016'' x .022'' NiTi (Abb. 8)
  • .018'' x .025'' NiTi
  • .016'' x .024'' SS (Abb. 10)
  • .0182'' x .0182'' TMA (Abb. 12)

Den Arbeitsbögen wurden zusätzliche Biegungen hinzugefügt, um die Nebenerscheinungen während des Lückenschlusses zu minimieren.Während des Lückenschlusses trug der Patient nachts über einen Zeitraum von zwölf Monaten leichte Klasse II-Gummizüge, welche zwischen den Oberkiefereckzähnen und den unteren ersten Molaren einzuhängen waren.

Alignment und Nivellierung nahmen acht Monate in Anspruch. Der Lückenschluss erfolgte über einen Zeitraum von 22 Monaten. 14 Monate nach Behandlungsbeginn begann der Patient, ein Internat in England zu besuchen. Aus diesem Grund konnte er die Kontrolltermine nur in Abständen von jeweils rund drei Monaten wahrnehmen, mit Ausnahme der Sommerferien, die der Patient wiederum in Hongkong verbrachte.

Für den Fall eines kieferorthopädischen Notfalls erhielt der Patient die Kontaktinformationen eines Kollegen, dessen Praxis sich in der Nähe des Internats befand. Es traten allerdings keinerlei Probleme auf. Die einzige Abweichung von der Idealsituation war die längere Behandlungszeit aufgrund der größeren Abstände zwischen den Behandlungsterminen. Doch dies nahm die Familie bereitwillig in Kauf.

Das Finishing war nach weiteren acht Monaten abgeschlossen.

Behandlungsergebnis

Das finale Orthopantomogramm (Abb. 15) zeigt, dass neben den geplanten Extraktionen auch die dritten Molaren im Behandlungsverlauf extrahiert wurden. Der Grund dafür war eine Perikoronitis. Die Aufnahme zeigt eine nahezu parallele Anordnung der Wurzeln, wobei keinerlei Wurzelkontakte festzustellen waren. Es zeigten sich leichte Wurzelresorptionen (weniger als 2 mm). Pathologien lagen nicht vor.

Während der Behandlung wurde noch ein leichtes Wachstum des Unterkiefers festgestellt. Die Proklination der Frontzähne im Oberkiefer wurde korrigiert, während die unteren Frontzähne etwas stärker inkliniert sind. Overjet und Overbite sowie die vergrößerte Inklination der unteren Inzisiven zur Referenzlinie „A-Pog“ wurden normalisiert. Die vertikale Dimension wurde leicht reduziert (Abb. 13a–d, 14a–e, 16a–d und Tabelle 1).

Ersterscheinung in englischer Sprache: 3M Innova (www.3M.com/Innova). Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von 3M.

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Dieser Beitrag ist in KN Kieferorthopädie Nachrichten erschienen.

Foto Teaserbild: Autor

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