Kieferorthopädie 17.08.2016

Labortechnische Fertigung des BBC-Twin

Labortechnische Fertigung des BBC-Twin

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Dr. Enrico Pasin, Kieferorthopäde aus Bad Reichenhall, erläutert Schritt für Schritt die Herstellung der von ihm entwickelten Apparatur.

Bereits in der Mai-Ausgabe der KN wurde über die neue Generation des BioBiteCorrectors – den BBC MS – berichtet und dessen neue Aufhängung (Abb. 1) und vereinfachte Handhabung vorgestellt. Des Weiteren wurde auf die ebenfalls neue Apparatur­variante BBC SA (Abb. 2) eingegangen. Hierbei handelt es sich um einen BBC, dessen spezielle Konstruktion geeignet ist, die Apparatur problemlos in Kunststoff einzupolymerisieren, wodurch sich verschiedenste Anwendungsmöglichkeiten im klinischen Praxisalltag ergeben. Kombiniert mit Schienen, wird das Gerät beispielsweise zu einem modernen Schnarchergerät. Dieses kann dabei entweder mittels Tiefziehschienen oder vollständig digital im CAD/CAM-Verfahren hergestellt werden. Erfolgt hingegen eine Kombination mit herausnehmbaren kieferorthopädischen Zahnspangen, wird die Apparatur zum modernen FKO-­Gerät, dem BBC-Twin (Abb. 3 und 4). Beide genannten BBC-Varianten sind jetzt auch mit einer integrierten Druckfeder erhältlich. Während der für Multibracketapparaturen konzipierte BBC SP (Abb. 5 und 6) einen BBC MS mit integrierter Druckfeder darstellt, entspricht der BBC FA der BBC SA-Apparatur mit in­terner Druckfeder. Somit kann quasi eine BBC-Twin-Version mit Druckfeder hergestellt werden, die ei­nen konstanten Vorschub realisiert (Abb. 7 bis 9). Einen Überblick über sämt­liche BBC-Geräteversionen ist in Abbildung 10 dargestellt.

Wieso nun sollte sich der Patient bzw. Kieferorthopäde für einen BBC-Twin entscheiden? Ohne Zweifel sprechen viele Vorteile der Apparatur für sich. Beispielsweise besitzt der BBC-Twin im Ge­gensatz zu vielen anderen funktionskieferorthopädischen Ge­räten am Markt weder eine okklusale Bisssperrung noch verursacht er eine Einengung des Zungenraums, was dem Trage- und auch Sprachkomfort sehr zugute kommt. Des Weiteren bewirkt die Apparatur ohne die Notwendigkeit eines vorherigen Kons­truktionsbisses die schrittweise  Vorverlagerung des Unterkiefers, wobei die Disklusion im Seitenzahnbereich stets gering ausfällt. Ein weiterer Aspekt ist der gute Halt der Unterkieferplatte, was sich ebenfalls positiv auf den Gerätekomfort auswirkt. Als nachteilig sind die zusätzlichen Kosten für das Scharnier festzuhalten. Wann sollte welche BBC-Twin-Version am besten eingesetzt werden? Der BBC-Twin SA ohne integrierte Druckfeder stellt ein modernes herausnehmbares Herbstscharnier dar, wobei das „Jumping the Bite“ in einem Schritt oder in mehreren Schritten erfolgen kann. Das Funktionsprinzip des BBC-Twin FA mit integrierter Druckfeder hingegen basiert auf der Basis festsitzender Klasse II-­Scharniere mit Druckfeder, wo­bei das Gerät mit progressiver Biss­umstellung arbeitet.

Labortechnische Herstellung des BBC-Twin

Im Folgenden wird die schrittweise Fertigung der Apparatur beschrieben.

Schritt 1
Konstruktionsbiss: Dieser ist nicht erforderlich. Eine habituelle Bissnahme reicht völlig aus. Danach können die Modelle in ei­nem Mittelwertartikulator/Fi­xator fixiert werden, was jedoch kein Muss darstellt.

Schritt 2
In welcher Okklusion sollten die Modelle zueinander fixiert werden? Beim BBC-Twin SA, welcher auf der Herbst-Behandlungsphilosophie beruht, gibt es hier zwei Möglichkeiten: Zum einen die klassische Variante mit direktem „Jumping the Bite“ in eine überkorrigierte Klasse I-­Okklusion; oder die Modelle werden in einer verbleibenden Klasse II-Okklusion einartikuliert. Der Unterkiefer wird dann nachträglich schrittweise mittels Distanzhülsen vorverlagert. Zum anderen werden die Modelle mit einer BBC-Twin FA-­Version (mit Druckfeder) in ei­ner Kopfbiss-Situation fixiert. Dieses Vorgehen ermöglicht es, das BBC-Scharnier in einer passiven Stellung im Oberkiefer zu fixieren. Danach kann der Unterkiefer um maximal 7,5 mm zurückfallen, denn dieser Wert entspricht dem aktiven Federweg des Scharniers.

Schritt 3
Nach der Herstellung der Gipsmodelle wird im Bereich der Molaren und Prämolaren der Gips interdental radiert.

Schritt 4
Damit die vestibulären Kunststoffschilder keine Druckstellen erzeugen, muss die Gingiva mittels einer dünnen Wachschicht im Bereich der Kunststoffschilder ausgeblockt werden (Abb. 11). Im Normalfall ist dies im Oberkiefer der Bereich der Molaren sowie Prämolaren und im Unterkiefer der gesamte Zahnbogen.

Schritt 5
Danach werden die Drahtelemente, welche über einen Durchmesser von 0,8 mm verfügen, im Ober- und Unterkiefer gebogen. Diese sind einfache Drahtschlaufen, die nur okklusal aufliegen und vestibulär später im Kunststoff eingebettet werden (Abb. 12 bis 14). Somit sollten die vestibulären Drahtschlaufen einen leichten Abstand zum Gips bzw. zum Wachs aufweisen. Der Draht sollte auf Höhe des Gingivarandes verlaufen (bei Milchzahnkronen aufgrund der geringen Kronenlänge unterhalb). Nach spätestens zwei Prämolarenbreiten sollte das Drahtelement eine okklusale Abstützung besitzen. Ist das Draht­element länger als zwei Prämolarenbreiten, wie es das Oberkieferbeispiel zeigt (Abb. 13), muss ein zusätzliches Klammerelement gebogen werden. Dieses zusätzliche Drahtelement dient der Stabilisierung und ist gleichzeitig ein Torsionsschutz des späteren Kunststoffschildes.

Schritt 6
Jetzt werden die Drahtelemente mittels Wachs okklusal fixiert.

Schritt 7
Es erfolgt die Bestimmung der Lage des Scharniers: Das geschlossene BBC SA-Scharnier (ohne Druckfeder) weist eine von der Mitte des UK-Kugelgelenks zur Mitte des OK-Kugelgelenks gemessene Gesamtlänge von 20,4 mm auf (Abb. 15). Das geschlossene BBC FA-­Schar­nier (mit Druckfeder) besitzt hingegen eine Gesamtlänge von 17,4 mm. Die interne Druckfeder verlängert mit einer Kraft von 240 cN das Scharnier aktiv bis zu einer Länge von 25 mm (Mitte UK-Kugelgelenk bis Mitte OK-Kugelgelenk). Mittels Distanzhülsen kann die aktive Scharnierlänge vergrößert werden.

Schritt 8
Mithilfe einer Schiebe­lehre erfolgt grob die Lagebestimmung der Scharniere. Aufgrund der Ku­gelgelenke müssen die Scharniere nicht paral­lelisiert werden. Im Normalfall wird im Unterkiefer das Scharnier am ersten Prämolaren und im Oberkiefer am ersten Molaren platziert.

In der Vergangenheit wurde das Scharnier im Unterkiefer unsererseits mittels einer „dritten Hand“ ausgerichtet und anschließend mit einem lichthärtenden Kunststoff fixiert. Es hat sich jedoch gezeigt, dass diese Vorgehensweise mehrere Nachteile mit sich bringt. So ist der lichthärtende Kunststoff einerseits nicht so stabil wie Streukunststoff. Andererseits erwies sich das Arbeiten mit der dritten Hand als recht zeitintensiv. Aus diesem Grund wurde ein Hilfs­element entwickelt, der Body SA. Mithilfe dieses  Tools erfolgt die definitive Lagebestimmung im Unterkiefer.

Ausrichten und Arbeiten mit dem Hilfselement

Die mesiale Retention des Body SA wird im Unterkiefer an die Zahnbogenform angepasst. Im Unterkiefer muss die distale Retention etwas nach lingual gebogen werden. Dies verhindert, dass später die BBC-Teleskopstange nicht mit dem vestibulären Kunststoff im Unterkiefer kollidiert. Die Titanretention sollte langsam über einen Radius und nicht direkt an der Laserschweißnaht gebogen werden, denn sonst könnte der Retentionsarm abbrechen. Das Hilfselement ist wiederverwendbar und in zwei Versionen erhältlich: mit bereits angelaserter Drahtretention (Abb. 16) oder ohne Drahtstück (Abb. 17). Die Basis des Body SA sollte im rechten Winkel zur Okklusionsebene und parallel zum Höckerverlauf ausgerichtet werden. Die Befestigung dabei möglichst inzisal platzieren, denn dadurch wird ein paralleler Scharnierverlauf zur Okklusionsebene gewährleistet (Abb. 18). Danach wird das Hilfselement nur punktuell an beiden Enden im Unterkiefer mittels Wachs fixiert (Abb. 19 und 20). Nachdem die beiden UK-Hilfs­ele­mente fixiert und ausgerichtet sind, werden sie bukkal mit Modellierwachs aufgebaut. Es ist extrem wichtig, dass der obere und untere Teil des Retentionsdrahtes und des Körpers dabei nicht mit Wachs ummantelt werden (Abb. 21).

Im Ober- und Unterkiefer wird nun in einem Schritt die Basisplatte gestreut. Gleichzeitig ist im Unterkiefer das vestibuläre Kunststoffschild zu streuen, wodurch beide Hilfselemente vollständig mit Kunststoff ummantelt werden (Abb. 22 und 23). Nach der Aushärtung des Kunststoffs sind die Basisplatten vollständig auszuarbeiten und zu polieren. Im Unterkiefer wird das vestibuläre Schild ausgearbeitet und im Bereich der Retentionen der Kunststoff bis auf das Niveau des Wachses weggefräst (Abb. 24 und 25). Beide Hilfselemente können jetzt entfernt werden. Die Retention des BBC SA-­Schar­niers wird nun an die Negativform im Unterkiefer angepasst. In den meisten Fällen hat die Retention in der Negativform einen perfekten Halt, sodass sie für die Lagebestimmung im Oberkiefer nicht zusätzlich mit Kunststoff fixiert werden muss (Abb. 26). Anschließend erfolgt die definitive Lagebestimmung im Oberkiefer.

Hat sich der Anwender für den Einsatz des BBC SA ohne Druckfeder entschieden, ist darauf zu achten, dass das Teleskop vollständig geschlossen ist. Die BBC FA-Version wird in der ersten passiven Stellung (Scharnier 7,5 mm geöffnet) fixiert. Das Scharnier sollte dabei parallel zur Okklu­sionsebene verlaufen und in bukkal-oraler Richtung parallel zu den Zahnhöckern, ohne dabei Kontakt zum UK-Kunststoffschild zu haben. Optimal wird dies gewährleistet, wenn das Scharnier eine leichte Angulation nach bukkal aufweist. Die Kugelgelenke des BBC werden im Ober- und Unterkiefer mit­tels Klebewachs fixiert und geschützt, wodurch gleichzeitig die gesamte Position des Scharniers fixiert wird. Jetzt sind in einem Schritt beide vestibulären Oberkiefer-Kunststoffschilder zu streuen und gleichzeitig die Retention im Unterkiefer mittels Kunststoff einzupolymerisieren (Abb. 27). Das Draht­element bzw. der Übergang von der Basisplatte zum bukkalen Kunststoffschild darf dabei keine Kunststoffummantelung aufweisen (Abb. 28). An diesem Übergang kann der Halt der Platte eingestellt werden. Nachdem die bukkalen Kunststoffschilder ausgearbeitet wurden, wird „Freeform coat“ von Detax aufgetragen. Dies ist ein lichthärtender 1-Komponenten-Glanzlack zur definitiven Oberflächenversiegelung und erzeugt eine glatte, harte Oberfläche so­wie ein brillantes Finish ganz ohne Polieren. Ein klassisches Polieren in einer Poliermaschine wird deshalb nicht empfohlen, weil sich das Scharnier dort verfangen kann und die Gefahr besteht, die gesamte Apparatur zu zerstören.

Fazit

Der BBC-Twin verursacht weder eine Bisssperrung noch eine Ein­engung des Mundraums. Als äußerst grazile Apparatur bietet er als FKO-Gerät einen optimalen Trage- und guten Sprachkomfort. Die vestibulären Kunststoffschilder verursachen einen gu­ten Plattenhalt im Unterkiefer, was ebenfalls dem Komfort zugutekommt.

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