Branchenmeldungen 21.05.2014

Jacques Joseph – zum 80. Todestag

Jacques Joseph – zum 80. Todestag

Foto: © Behrbohm

Am 12. Februar jährte sich der 80. Todestag von Jacques Joseph das 80. Mal. Aus diesem Anlass besuchten Prof. Dr. Walter Biedrigkeit† und Prof. Dr. Hans Behrbohm seine Grabstätte, um ihm, auch stellvertretend für viele plastische Chirurgen, die von seinen Innovationen profitieren, ihre Referenz zu erweisen.

Wer war Jacques Joseph eigentlich? In der Hall of Fame der berühmten Chirurgen finden sich nur spärliche Hinweise auf einen Mann, dem heute bedeutende Verdienste für die plastische Gesichts- und besonders der Nasenchirurgie zugesprochen werden. Josephs Karriere begann im Wilhelminischen Deutschland und führte ihn zu höchster fachlicher Anerkennung und gesellschaftlicher Reputation in der Weimarer Republik und endete im Nationalsozialismus unter Demütigung und quasi Berufsverbot zu Beginn der systematischen Judenverfolgung. Er lehnte eine Emigration ab, die für seine Frau Leonore und Tochter Bella später die letzte Chance blieb. Joseph wirkte zeitlebens in Berlin. Deshalb hinterließ er hier seine Spuren, denen wir als Berliner mit der Faszination ausgehend von diesem großen Arzt nachgegangen sind.

Jeden Morgen führt mich (H.B.) der Weg in die Klinik am Grab von Jacques Joseph vorbei. Durch ein großes Tor in der Seitenmauer des jüdischen Friedhofs in Berlin-Weißensee, ziemlich nahe der Park-Klinik Weißensee, grüße ich den Altmeister und Begründer der modernen Nasenchirurgie. Sein Grab galt seit einem Bombenangriff auf Berlin als zerstört und verschollen. Jetzt glänzt ein großer schwarzer Stein aus schwedischem Granit.

Das war nicht immer so, denn bis vor wenigen Jahren galt sein Grab als bei einem Bombenangriff verwüstet und verschollen.5 Wenige Tage vor unserem internationalen Kongresses Essentials of Septorhinoplasty im Jahre 2003 konnten wir nach mehrfachen Recherchen sicher sein, den Grabstein als Hauptteil der verschwundenen Grabanlage von Jacques Joseph gefunden zu haben.

 

 

Während des Kongress riefen wir die Teilnehmer aus über 30 Nationen zu einer Spendenaktion für die Wiederherstellung des Grabes auf. Besonders durch die initiativreiche Unterstützung von M.E. Tardy jr. gelang es, zahlreiche Spender in aller Welt zu finden.

Am 17. Oktober 2004 fand die feierliche Steinweihe durch den bekannten Rabbiner Andreas Nachama statt (Abb. 3). Während des internationalen Kongresses Nose & Face 2005 besuchten die Teilnehmer die restaurierte Grabstätte.

Der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee ist der größte, unzerstört gebliebene  jüdische Friedhof in Europa. Über seine lange und tragische Geschichte informiert der 2011 erschienene Film  Im Himmel, unter der Erde von Britta Wauer und Amélie Losier und das Buch Der jüdische Friedhof WeißenseeMomente der Geschichte der gleichen Autorinnen.

Die Biografie von Jacques Joseph ließ uns nicht mehr los, und so folgten wir allen vagen Zeichen und Hinweisen  nach Zeitdokumenten aus der Zeit seines Wirkens in Berlin. Eine Spur führte uns zu Frau M.  Stellmach, der Witwe von Prof. Rudolf Stellmach. Aus dem Dokumentarfilm Don't call it Heimweh von Thomas Halaczinsky und dem Briefwechsel zwischen Paul Natvig und Rudolf Stellmach war uns bekannt, dass es eine Sammlung von Originalinstrumenten von Jacques Joseph geben müsse.

Joseph entwickelte zeitlebens Instrumente für seine Operationen. Er ließ jedes dieser Instrumente mit einer Gravur Prof.Joseph versehen. Während der NS-Zeit emigrierten viele seiner Schüler und engen Mitstreiter. Die Originalinstrumente wurden in alle Welt verstreut und von bekannten plastischen Chirurgen wie Reliquien gehütet. Im Jahre 1969 erhielt  Rudolf Stellmach (1924 – 2003) von Dr. Pabst, einem plastischen Chirurgen aus Berlin-Grunewald, einige dieser Originalinstrumente. Das muss bei Rudolf Stellmach wie eine „Inizialzündung“ gewirkt haben. Als anerkannter plastischer Chirurg und Spezialist auf dem Gebiet der Missbildungschirurgie des Gesichtes, begann er eine weltweite Suche nach den Originalinstrumenten von Jacques Joseph. Er trug diese Instrumente von Josephs Meisterschülern wie Gustave Aufricht, Joseph Safian, Samuel Fomon, Jacques Maliniac oder John Maurice Converse wieder zusammen.1,2,4

Wir wurden von Frau Stellmach empfangen und erfuhren viele wichtige Details zu der einzigartigen Sammlung der Instrumente des Meisters. Und dann lag sie vor uns – die Sammlung der Originalinstrumente des Jacques Joseph. Wir nahmen die Einzelstücke in Augenschein, machten Fotos und hatten das erreicht, was wir vorhatten. Am Ende des Besuchs machte uns Frau Stellmach die überraschende Offerte: „Ich werde Ihnen die Sammlung der Instrumente jetzt übergeben und lege damit ein großes Erbe in Ihre Hände. Bewahren Sie es sorgsam.“

Seit 2007 befinden sich die Instrumente im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité und illustrieren die Dauerausstellung Dem Leben auf der Spur.

In einem historischen Krankensaal wird das Schicksal von acht exemplarischen Patienten gezeigt. Es wird erlebbar gemacht, wie die Medizin in verschiedenen Epochen in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Unter den gezeigten Patientengeschichten befindet sich auch die des Studienrates Karl Hasbach.8 Dieser wurde im November 1914 als Leutnant zum Kriegsdienst einberufen. Im Februar 1915 erlitt er an der französischen Front eine Zertrümmerung des Oberkiefers und der Nase. 1915 und 1916 wurde er 19-mal operiert – offensichtlich mit unbefriedigendem Erfolg. Zwischenzeitlich erfolgte die epithetische Versorgung der Nase und dann von 1916 bis 1918 die endgültige Rekonstruktion der entstellten Gesichtsregion durch Jacques Joseph in Berlin.

Der damals in freier Niederlassung tätige Joseph wurde am 2. Juni 1916 durch das preußische Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinangelegenheiten mit der Leitung einer Abteilung für plastische Gesichtschirurgie an der Berliner Charité beauftragt. Seine Abteilung befand sich in der Ohren- und Nasenklinik und bestand von 1916 bis 1922. Die Verwundeten wurden von den Schlachtfeldern in Sanitätswaggons mit der Eisenbahn direkt zum Bahnhof Friedrichstraße und von dort auf Josephs Acht-Betten-Station gebracht (Abb. 6 und 7).

Mithilfe von regionalen oder Stirn- und Oberarm-Lappenplastiken einerseits und freien Knorpel- und Knochentransplantationen andererseits, gelangen ihm auch in Fällen ausgedehnter Verletzungen meisterhafte Rekonstruktionen des Gesichts, wie die des genannten Karl Hasbach. Auch Elfenbein aus der Berliner Pianofabrik Bechstein wurde als Implantat verwendet. In diesem Jahr stehen die Ereignisse und Hintergründe des Ersten Weltkrieges im Mittelpunkt einer geschichtlichen Aufarbeitung in den Medien. Das Schicksal von Hunderttausenden von gesichtsverletzten oder entstellten Soldaten, die in speziellen Krankenhäusern untergebracht wurden, war Thema einer Sendung des rbb Soldaten ohne Gesicht im März 2014. Die Sendung ist in der Mediathek des rbb abrufbar bzw. erhältlich.

Joseph war als „Nasenjoseph“ oder „Noseph“ bereits zu Lebzeiten eine Berliner Legende.4 Nachdem die Abteilung für Gesichtsplastik ab 1922 von der Heeresleitung nicht mehr getragen wurde, ließ sich Joseph wieder in eigener Praxis am Kurfürstendamm 63 nieder und widmete sich zunehmend der korrektiven und ästhetischen Chirurgie. Schwerpunkte waren jetzt Nasen- und „Hängewangen“-Plastiken, ebenso wie Mamaplastiken. Joseph hielt Operationskurse in seiner Belegklinik in der Bülowstraße und Präparierkurse im Anatomischen Institut der Charité ab.

Durch den „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch wissen wir etwas über den Joseph'schen Praxisalltag im Jahre 1922 aus der Wartezimmerperspektive. Übrigens befand sich Joseph's Praxis im gleichen Haus meiner (H.B.) heutigen Praxis am Kurfürstendamm 61 in Berlin.

„… empfing Herr Professor Joseph in seinem Ordinationszimmer am Kurfürstendamm die an Eitelkeit kranken Menschen. Jeden fragte er, was er sei, ob er reich sei und aus welchem Valutabezirk er komme, und dann, erst dann, fragt er ihn nach seiner Wesensart. … Und er muss die Wesensart kennen, denn danach stellt er die Nase her. … Wünschen  Sie eine kecke Nase oder eine intelligente, eine kokette oder eine energische? ... Der Professor reicht ihm ein Album mit Hunderten von Photographien ehemaliger Patienten, vor der Operation und danach. Sie blättern im Album und wählen ein Näschen, das sie haben möchten. Gut, sagt der Herr Professor und packt sie an der Nase. Er verdeckt sie mit der Hand und den Fingern und zeigt ihnen, wie sie später aussehen werden. „… Kommen Sie morgen früh um zehn in meine Privatklinik Bülowstraße 22 (Abb. 9 und 10).3

Autoren:  Prof. Dr. Walter Briedigkeit, Prof. Dr. Hans Behrbohm

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