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Branchenmeldungen 09.04.2020

Au Backe: So werden Corona-Infizierte mit Zahnschmerzen behandelt

Au Backe: So werden Corona-Infizierte mit Zahnschmerzen behandelt

Es ist ein Schreckenszenarium: Ein mit dem Covid-19 infizierter Patient oder ein unter Quarantäne Stehender leidet plötzlich unter heftigen Zahnschmerzen. Was nun? Normale Abläufe sind in Corona-Zeiten und der immens hohen Ansteckungsgefahr nicht möglich.  Der Hauszahnarzt darf da nicht helfen. Für solche Fälle gibt es sogenannte Schwerpunktpraxen.

Was ist zu tun, wenn ich Corona-Patient bin beziehungsweise unter Quarantäne stehe?

Auch in diesem Fall gilt der erste Anruf als Notruf dem Hauszahnarzt. „Der leitet dann alles in die Wege“, sagt Holger Weißig, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen (KZVS). Die KZVS wird verständigt, dann wird dem Patienten eine Schwerpunktpraxis zugewiesen. Auch ein Krankentransport wird organisiert, wenn der Patient nicht mit dem eigenen Auto die Schwerpunktpraxis ansteuern kann.

Warum sind die Namen der Schwerpunktpraxen weitgehend unbekannt?

Es geht darum, einen Zahnarzt-Tourismus zu vermeiden und die Arbeit der Praxen generell aufrechtzuerhalten. Würden mit Covid-19 Infizierte oder unter Quarantäne stehende Schmerzpatienten direkt in die Schwerpunktpraxis fahren, entstünde ein extrem hohes Ansteckungsrisiko, zumal das Praxispersonal und die wartenden Routinepatienten schutzkleidungstechnisch darauf nicht vorbereitet wären.

Was ist eine Schwerpunktpraxis?

Von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) gab es die Empfehlung in die Länder, Kliniken mit Zahnmedizinischen Abteilungen zu Schwerpunktpraxen zu machen. Jedes Bundesland handhabte dies jedoch anders. So gibt es Bundesländer, die ausschließlich Kliniken als Schwerpunktpraxen benannten, in anderen Ländern befragten die KZV ihre Zahnärzte, wer sich bereiterklären würde, wieder andere wählten beide Optionen. „In Deutschland gibt es jetzt rund 100 Schwerpunktpraxen“, sagt Kai Fortelka, Leiter Öffentlichkeitsarbeit bei der KZBV. Vier dieser Praxen hat Sachsen – in jedem Regierungsbezirk eine, dazu noch in der Oberlausitz. Rund 100 der 2700 Zahnarztpraxen im Freistaat waren bereit, Schwerpunktpraxis zu werden.

Welche Voraussetzungen muss eine Schwerpunktpraxis mitbringen?

Corona-Patienten und unter Quarantäne stehende Schmerzpatienten müssen zeitlich und räumlich getrennt von anderen Patienten behandelt werden. Das ist eine Grundvoraussetzung. Diese erfüllt beispielsweise die Zahnarztpraxis von Conrad Kühnöl in Dresden. Der 52-Jährige arbeitet mit seinem Team, zu dem weitere zwei Zahnärzte und ein Praktikant gehören, in einem ehemaligen medizinischen Labor und hat damit ideale Voraussetzungen. Es gibt für Corona-Patienten einen separaten Eingang, Reinsträume mit separaten Klimaanlagen. Zudem arbeitet die Praxis bereits volldigital, das heißt, es gibt einen keimfreien Übergang von der Praxis zum Zahnlabor.

Wie läuft eine Behandlung ab?

Das Wichtigste ist der Schutz von Zahnarzt und Personal. Dafür hat sich Kühnöl OP-Kleidung – zusätzlich zur durch die KZV gestellten – leihweise unter anderen vom Max-Planck-Institut besorgt. „Wir arbeiten in zwei Teams. Das Team in blauer, bakteriensicherer Kleidung hat keinen unmittelbaren Patientenkontakt. Das Team mit Patientenkontakt – idealerweise der Zahnarzt plus ein Assistent – trägt gelbe, virensichere Anzüge. Dazu natürlich FFP-3-Atemschutzmasken, Handschuhe und ein großes Visier“, erzählt der 52 Jahre alte Dresdner Zahnmediziner. Vorwiegend sind Abszesse und entzündende Nerven Ursachen für die Schmerzen. Das wird notbehandelt. Mit folgenden, größeren Sanierungen wird aber gewartet, bis der Patient von Corona genesen ist.

Gibt es für das Personal der Schwerpunktpraxen besondere Voraussetzungen?

Nein. Das Studium von Zahnärzten und Assistenten ist so, dass eine Arbeit im OP während der Ausbildung trainiert wird. Allerdings hat Kühnöl einen großen Unterschied ausgemacht: „Bei einer normalen OP ist man steril, wenn man in den OP hineingeht. Das heißt, man ist ausgiebig gewaschen und entsprechend angezogen. Im jetzigen Fall ist es genau umgekehrt: Man kann die Schutzkleidung nicht einfach irgendwie ausziehen und wegwerfen. Wenn man von der Behandlung kommt, muss man extrem darauf achten, dass die Kleidung beim Ausziehen nicht mit den Schleimhäuten in Kontakt kommt. Das funktioniert nicht von allein. Unser Personal hat eine halbe Woche lang geübt, und auch jetzt trainieren wir es immer wieder.“

Wie viele Corona-Patienten und unter Quarantäne Stehende mussten bislang in einer Schwerpunktpraxis behandelt werden?

Darüber gibt es bundesweit noch keine Zahlen. In Sachsen war es bis zum Monatsbeginn ein Patient in der Praxis von Kühnöl. Die Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung geht davon aus, dass sich das Aufkommen in den nächsten Wochen und Monaten erheblich erhöht. „Auf Grundlage der normalen Notfallbehandlungen rechnen wir bundesweit mit monatlich etwa 20.700 Covid-19-Patienten beziehungsweise Patienten, die unter Quarantäne stehen“, sagt KZBV-Sprecher Fortelka. Der Dresdner Praxis von Conrad Kühnöl hat Kapazitäten für die Behandlung von maximal 60 solcher Patienten am Tag.

Quelle: dpa

Foto Teaserbild: kues1 – stock.adobe.com

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