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Branchenmeldungen 07.06.2019

Beschäftigte mit Suchtrisiko fehlen öfter bei der Arbeit

Beschäftigte mit Suchtrisiko fehlen öfter bei der Arbeit

Sucht hat viele Gesichter. Mal geht es um Alkohol, Zigaretten oder Computerspiele. Am Arbeitsplatz kann ein riskantes Konsumverhalten gravierende Folgen haben. Sucht führt nach einer Studie wahrscheinlich auch zu deutlich mehr Krankschreibungen.

Beschäftigte mit einem riskanten Alkohol- oder Zigarettenkonsum fehlen einer Studie zufolge häufiger am Arbeitsplatz. Der Krankenstand bei Menschen mit Suchtrisiko liegt fast doppelt so hoch wie bei Personen mit unproblematischem Konsumverhalten. Das geht aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport „Sucht 4.0 in NRW“ hervor. Demnach sind 70.000 der rund 8,7 Millionen Erwerbstätigen in Nordrhein-Westfalen alkoholabhängig und 1,68 Millionen abhängige Raucher.

Die Folgen für die Arbeitswelt können gravierend sein. Je riskanter das Konsumverhalten bei Alkohol ist, umso häufiger kommen Betroffene der Studie zufolge später zur Arbeit, sind unkonzentriert oder machen früher Feierabend. Betroffene mit Suchtrisiko steigen auch deutlich früher aus dem Arbeitsleben aus. „Es ist ein gesellschaftliches Thema, das uns alle angeht“, sagte der Leiter der DAK-Landesvertretung NRW, Klaus Overdiek. Man dürfe nicht einfach wegschauen. Die betroffenen Menschen brauchten Unterstützung.

Alkohol: Jeder achte Erwerbstätige – das sind mehr als 1,1 Millionen Menschen – hat laut DAK-Report einen riskanten Alkoholkonsum. Bei Männern ist dieses Kriterium bei täglich mehr als zwei 0,3-Liter-Gläsern Bier, bei Frauen schon bei einem 0,3-Liter-Glas Bier erfüllt. Fast drei Viertel (72,4 Prozent) der direkten Krankmeldungen bei Suchtproblemen ist laut Studie auf Alkohol zurückzuführen.

Zigaretten: Das Rauchen ist die am meisten verbreitete Sucht auch in der Arbeitswelt. Unter den Erwerbstätigen gibt es laut der Studie fast 1,7 Millionen abhängige Raucher (19,3 Prozent). Interessant ist, dass unter den 18- bis 29 Jahre alten Berufstätigen mit 16,3 Prozent die wenigsten Raucher sind. Bei den 60- bis 65-Jährigen rauche dagegen jeder Vierte (23,7 Prozent). Fast jeder zweite Raucher (45 Prozent) qualmt auch während der Arbeitszeit, also nicht nur in den Pausen. Auch die E-Zigarette ist auf dem Vormarsch: 5,6 Prozent der Erwerbstätigen dampfen sie.

Hubert C. Buschmann, Vorsitzender des Fachverbands Sucht, sagt: „Es gibt unter Rauchern fast keine Gelegenheitsraucher. Wenn man raucht, raucht man in der Regel abhängig.“ Da spiele es keine Rolle, ob fünf, zehn oder mehr Zigaretten am Tag gequalmt würden. Und: Etwa 80 Prozent der Alkoholabhängigen sind laut Buschmann auch Raucher.

Computerspiele: Laut DAK-Report haben 581 000 Erwerbstätige in NRW ein „auffälliges Nutzungsverhalten“ bei Computerspielen. Jeder Vierte von ihnen spiele auch während der Arbeitszeit. Etwa 31.000 Personen sind spielsüchtig. SOCIAL MEDIA: Die Wissenschaft ist sich laut Hildebrandt noch nicht einig, ob auch der exzessive Gebrauch von Social Media wie WhatsApp, Instagram oder Facebook Suchkriterien erfüllt. Hochgerechnet gibt es in NRW laut der DAK-Studie etwa 27.000 Beschäftigte (0,3 Prozent) mit einem Social Media-Suchtverhalten.

Diagnosen: Als verschlüsselte Diagnose auf dem „gelben Schein“ sieht man etwa die Alkoholsucht in der Regel nicht. Denn Ärzte hielten sich oft zurück und schrieben eher Bluthochdruck oder Erschöpfung auf die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, sagte Buschmann. Das Thema sei immer noch „schuld- und schambesetzt“. Auch die Betroffenen täuschten die Ärzte oft über ihre Sucht. Buschmann schätzt daher, dass die Zahl der alkoholbedingten Fehltage tatsächlich noch höher ist als offiziell bekannt.

Für die Studie wurden auch Krankenhaus- und ambulante Diagnosen miteinbezogen. Das Ergebnis: In fast allen Diagnosegruppen zeigen sich für Patienten mit Suchtproblemen mehr Fehltage. Allein wegen psychischer Leiden fehlten Beschäftigte mit Suchtrisiko mehr als dreimal so häufig wie Kollegen ohne auffällige Probleme. Auch bei Atem- und Kreislauferkrankungen ist der Krankenstand höher. Insgesamt liegt der Krankenstand betroffener Erwerbstätiger laut Studie mit 7,7 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Beschäftigten ohne Suchtrisiko.

Allerdings verweist Susanne Hildebrandt vom IGES-Institut in Berlin auch darauf, dass es sich bei dem vermuteten Zusammenhang zwischen Suchtrisiko und Krankschreibung um Beobachtungen, nicht um wissenschaftliche Nachweise handele.

Quelle: dpa

Foto: Johnstocker – stock.adobe.com

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