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Branchenmeldungen 26.09.2018

„Der Zahnarzt nimmt bei Sportlern einen gesonderten Platz ein“

Nadja Reichert
E-Mail:
„Der Zahnarzt nimmt bei Sportlern einen gesonderten Platz ein“

Ein schönes Lächeln ist der Wunsch jedes Patienten. Wenn dieser auch noch im Blickpunkt des öffentlichen Interesses steht, spielt die Ästhetik des Gebisses eine noch entscheidendere Rolle. Auch Sportler gehören zu den Prominenten und brauchen daher ebenfalls ein attraktives Lächeln. Nur sind die Zähne durch ihre Tätigkeiten oft starken Belastungen ausgesetzt. Die Sportzahnmedizin ist in Deutschland in den letzten Jahren daher immer stärker in den Fokus gerückt. 2016 gründete sich deshalb die Deutsche Gesellschaft für SportZahnmedizin (DGSZM). Pressereferent Dr. Siegfried Marquardt erklärt im Interview mit der cosmetic dentistry, warum Sportzahnmedizin ein so wichtiges Feld ist und wie die DGSZM hilft, das Interesse daran noch weiter zu stärken.

Die Sportzahnmedizin wird in Deutschland aktuell stärker und als eigene Disziplin wahrgenommen. Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass das Interesse erst jetzt richtig aufgekommen ist?

Die Sportzahnmedizin ist international längst eta­bliert. Kaum eine Profimannschaft kommt z. B. in den USA ohne Sportteamzahnarzt aus, und auch in Europa ist das Thema längst durchgedrungen. In Deutschland ­haben wir herausragende sportmedizinische Strukturen, die bis dato mit Zahnärzten lokal und nur wenn ­nötig kooperiert haben. Inzwischen zeigen aber vermehrt aktuelle wissenschaftliche Studien, dass zahnmedizinische Aspekte weit mehr Einfluss auf den Sportler haben, als bisher wahrgenommen. Daher war es überfällig, dass die DGSZM gegründet wurde und dadurch der Öffentlichkeit mehr Informationen angeboten und das Interesse erhöht werden konnte. Besonders freuen wir uns über den aktuell unterschriebenen Kooperationsvertrag zwischen Sportzahnärzten der DGSZM und der Deutschen Sporthilfe. Als Servicepartner erhalten wir Sportzahnärzte nicht nur eine hohe Anerkennung und Respekt, gemeinsam können wir mehr Impulse setzen und die Sportler gezielter unterstützen.

Der DGSZM-Vorstand neben Olympiasiegern und Weltmeistern. V.l.n.r. Joshua Bluhm, Tobias Wendel, Dr. Thomas Schwenk, Dr. Siegfried ­Marquardt, Dr. Florian Göttfert, Dr. Marcus Striegel, Jonathan Zipf, Alexander Leipold.

Wie möchte die DGSZM dazu beitragen, das ­Interesse an Sportzahnmedizin in Deutschland zu fördern?

Als wissenschaftliche Fachgesellschaft hat es sich die DGSZM zu eigen gemacht, den Leistungs- und Breitensport zu begleiten, zu betreuen und auf die zahnmedizinischen Zusammenhänge und Einflussfaktoren auf den Organismus der Sportler aufmerksam zu machen. Dazu haben wir ein strukturiertes Fortbildungsprogramm etabliert, um die interessierten Zahnärzte spezifisch zu schulen und weiterzubilden. Das Interesse ist bereits sehr groß, da viele Zahnärzte nicht nur selbst sportlich überaus aktiv sind, sondern immer mehr Athleten sich der Bedeutung der Zähne für ihre Leistung bewusst werden. Zudem tragen Presseberichte und Kongressteilnahme dazu bei, mit dem Thema Sportzahnmedizin bei Medizinern, aber auch Sportlern bewusster umzugehen. Vor allem aber sind die Teilnehmer der DGSZM-Curricula „Sportzahnmedizin“, die bereits in der dritten Serie ausgebucht sind und mit der Akademie Praxis und Wissenschaft der DGZMK (APW) sehr erfolgreich umgesetzt werden, begeistert und transportieren ihr nunmehr fundiertes Wissen in die Verbände, Vereine und Sportlerwelt.

Sportzahnmedizin heißt auch, interdisziplinär zu arbeiten. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich als Sportzahnmediziner gemacht?

Die Zusammenarbeit vor allem mit Orthopäden, Internisten, Physiotherapeuten, Osteopathen, aber auch Unfallchirurgen und Allgemeinärzten ist unabdingbar. Nur als Team können wir wirklich helfen, präventiv und therapeutisch tätig werden. Die interdisziplinäre Akzeptanz bei den medizinischen Kollegen ist schon sehr gut, kann aber noch durch eine bessere Kommunikation und intensiveren Wissensaustausch optimiert werden. Es gibt zahlreiche Zusammenhänge, die nur ganzheitlich und interdisziplinär betrachtet diagnostiziert, therapiert und reevaluiert werden können. Auswirkungen auf die Physiognomie, den Stoffwechsel, die Körperhaltung und vieles mehr können u. a. auf ein erkranktes oder beschädigtes Kauorgan zurückgeführt werden. Erfreulich ist auch das steigende Interesse der Universitäten, mit denen die DGSZM nun Studien entwickeln und mit betreuen wird.

Welchen Risiken bzw. Besonderheiten sieht sich ein Sportzahnmediziner im Vergleich zu einem normalen Zahnmediziner gegenüber?

Durch die besondere Vermittlung spezieller Kenntnisse beispielsweise in der Traumatologie und der Leistungsperformance eines Sportlers sind die Verantwortungsbereiche naturgemäß im Notfall stärker fokussiert. Durch seine Weiterbildung hat der Sportzahnarzt nicht nur ein erweitertes Spezialwissen, das so z. B. in der Universität nicht gelehrt wird. Er nimmt als Experte bei Sportlern einen gesonderten Platz als Teamzahnarzt ein. Naturgemäß sind Sportler mit höheren Risiken verbunden, die im medizinischen Bereich jeden Arzt oder Zahnarzt begleiten. Im Sport muss häufig schneller und gezielter reagiert und entschieden werden. Zudem unterscheiden sich die Stoffwechselzusammenhänge beim Sportler in Bezug auf internistische und kardiologische Aspekte. Interessanterweise sind die Parodontitis- und Kariesraten beim Sportler gegenüber der Normalbevölkerung erhöht. Orthopädische Symptome hängen beim Sportler auch oftmals mit dem Kausystem zusammen.

Gibt es bestimmte Sportlergruppen bzw. Sportarten, bei denen ein besonders hoher, vor allem auch ästhetischer Behandlungsbedarf besteht?

Wir Sportzahnärzte unterscheiden zwischen den Kontakt- und Einzelsportarten. Je intensiver der Kontakt mit Mensch oder Material ist, desto höher sind die Risiken und der Behandlungsbedarf. Eishockeyspieler sind z. B. eher mit Zahnverlusten konfrontiert als ein Golfer. Für beide Sportarten gibt es aber spezifische Einsatz­gebiete der Zahnmedizin – von der einfachen Performanceschiene bis hin zum klassischen Mundschutz. Das höchste Risiko besteht natürlich im Frontzahngebiet. Daher stehen ästhetische Aspekte bei den Sportlern stets im Mittelpunkt. Keiner möchte gerne mit Zahnlücke herumlaufen oder abgenutzte oder verfärbte Zähne zeigen.

Wie sieht es in der Sportzahnmedizin mit dem Zeitmanagement aus? Gibt es so etwas wie „­Ad hoc“-­Behandlungen am Spielfeldrand, wie man es von der Allgemeinmedizin kennt?

Wie anfangs schon erwähnt, sind Teamzahnärzte in den USA, z. B. beim Basketball, direkt am Spielfeldrand anwesend. Bei Zahntraumata zählen oftmals wenige Minuten, um eine erfolgreiche Behandlung zur Rettung des Zahnes durchzuführen. Und ja, es gibt Checklisten und „Notfallabläufe“, die trainiert werden. Traumaexperte Prof. Dr. Gabriel Krastl von der Universität Würzburg betreut im DGSZM-Curriculum ein eigenes komplettes Modul, um diesem wichtigen Thema genügend Platz einzuräumen. Ziel ist in der Tat, dass in den Olympiastützpunkten, Trainingslagern und bei Wettbewerben Sportzahnärzte mit eingebunden sind und sofort im Notfall helfen können.

Worauf gilt es, bei der Wahl der Materialien und ­Instrumente zu achten? Was können Sie Kollegen raten?

Eine Zahnrettungsbox sollte in jedem Notfallkoffer vorhanden sein, um schnell bei Traumata reagieren zu können. Zusätzlich macht es Sinn, Retainer- bzw. Fixationsschienen vorrätig zu halten, um gelockerte oder replatzierte Zähne zu stabilisieren. Hilfreich ist dafür auch die AcciDent App des Zahnunfallzentrums der Universität Basel. In Bezug auf die Leistungsdiagnostik sind funktionsanalytische Instrumente hilfreich, um Bewegungsmuster klar zu reproduzieren und insbesondere Schutz- und Leistungsschienen individuell anpassen zu können.

Die DGSZM bietet in Deutschland im Rahmen ­eines Curriculums die Möglichkeit an, sich zum Sport­zahnmediziner zertifizieren zu lassen. Wie fiel das Feedback der Kollegen aus?

Gerade haben wir das erste Curriculum mit dem letzten Modul abgeschlossen. Die meisten Teilnehmer haben ihre Abschlussprüfungen auch erfolgreich gemeistert. Die Zertifizierung ist also nur mit Aufwand und entsprechendem Einsatz möglich. Daher ist es erstaunlich, dass sich alle Teilnehmer zur Abschlussprüfung angemeldet haben und sich zertifizieren lassen möchten. Ein besseres Feedback kann man sich daher nicht vorstellen. Viele Teilnehmer betreuen bereits Sportler oder Vereine und sehen einen enormen Mehrwert in ihrer Tätigkeit und ihrer Kompetenzentwicklung. Die Stimmung war ausgezeichnet, die Wissensvermittlung außergewöhnlich intensiv und vor allem auch der direkte Kontakt und der Austausch mit Spitzensportlern haben die Teilnehmer motiviert, sich auch in Zukunft stärker in der DGSZM zu engagieren.

Herr Dr. Marquardt, vielen Dank für das Gespräch.

Der Beitrag ist in der cosmetic dentistry erschienen.

Foto: DGSZM
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