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Branchenmeldungen 21.10.2019

Vortrags- und Diskussionsrunde: Fluorid – Fluch oder Segen?

Vortrags- und Diskussionsrunde: Fluorid – Fluch oder Segen?

Am 16. Oktober lud das Zahnmedizinische FortbildungsZentrum Stuttgart (ZFZ Stuttgart) zu einer umfangreichen Vortrags- und Diskussionsrunde zum Thema Fluorid in die Stadthalle Sindelfingen ein. Die Verwendung von Fluorid in der Zahnmedizin wird in den Medien immer wieder heftig diskutiert. „Fluoride sind gut für die Zähne“ vs. „Fluoride brauchen wir gar nicht“ oder „Fluoride sind Gift“ vs. „Wir brauchen mehr Fluorid“. Die Verwirrung ist groß. Im Fluoridsymposium, das von 300 Teilnehmern besucht wurde, gab es Antworten.

Fluorid ist fester Bestandteil vieler Zahnpasten. Aber es genoss zuletzt keinen guten Ruf. Immer wieder kursierten Meldungen über die Wirkungslosigkeit von Fluorid oder gar seiner Schädlichkeit. Zahnärzte und Prophylaxeteams stellten sich vielen Fragen ihrer Patienten. Mit einem Symposium arbeitete das Zahnmedizinische FortbildungsZentrum Stuttgart (ZFZ Stuttgart) das Thema Fluorid mit hochkarätig besetzten Vorträgen und Diskussionsrunden auf. ZFZ-Direktor Prof. Dr. Johannes Einwag (Stuttgart) brachte die aktuelle Situation mit den ersten Worten seiner Eröffnungsrede auf den Punkt. Das Thema sei grundsätzlich nicht neu. Irgendwie könne man bei den Diskussionen um den Einsatz von Fluorid von einer „never ending story“ in „Wellen“ sprechen: Die Auslöser für öffentliche Debatten seien dabei unterschiedlich und reichen von rechtlichen Bedenken (z.B. Charakterisierung der Trinkwasserfluoridierung als Zwangsfluoridierung) über toxikologische Bedenken (Auslöser von Dentalfluorose oder Organschäden) bis hin zu Publikationen, in denen der Nutzen der Fluoridierung überhaupt angezweifelt wird.


Die Ursache der aktuellen Verwirrung seien hingegen im Wesentlichen die Folge eines „Kommunikationsproblems“: Neue Empfehlungen einiger weniger Fachgesellschaften wurden nicht im Rahmen einer Aktualisierung der bestehenden Leitlinien in die Diskussion eingebracht, sondern vorab veröffentlicht. Es existieren aktuell parallel Leitlinien und davon abweichende Empfehlungen. Die Konsequenz ist u.a., dass Hersteller von Fluoridzahnpasten für Kinder unterschiedliche Produkte entwickelten (entweder auf der Basis der Leitlinien oder der Empfehlungen). Die Verwirrung ist komplett: Zahnärzte und/oder Prophylaxeteams erklären dem Patienten die Fluoridierung auf der Basis der neuen Empfehlungen und überlassen ihm als häusliche Lektüre davon abweichende Patienteninformationen. Es ist nicht auszuschließen, dass Patienten dann komplett auf den Gebrauch fluoridhaltiger Produkte verzichten. 

Gesamtübersicht Fluorid: Wirkungsweise, Menge, Patientenalter

Als erster Referent des Symposiums informierte Prof. Dr. Adrian Lussi (Bern, Schweiz) über die „Wirkungsweise von Fluorid im Rahmen der Kariesprophylaxe (Schmelz/Dentin) und der Erosionsprophylaxe“. Die mineralische Phase dieser Zahnhartsubstanzen ist kein reiner Hydroxylapatit (HAP = Ca10(PO4)6OH2), sondern ein kalziumarmes Biomaterial, in das andere Ionen eingebaut sind. Ein erhöhter Karbonatanteil des Dentins (5,5%) im Vergleich zum Schmelz (3%) sowie kleine Kristalle führen zu einer höheren Säureanfälligkeit des Dentins. Demgegenüber kann der partielle Ersatz der OH-Gruppen im Kristallgitter durch Fluoridionen eine gewisse Stabilisierung der Apatitstruktur bewirken. Im gesunden menschlichen Zahnschmelz ist neben HAP auch Fluoridhydroxyapatit (FHAP) oder Fluorapatit (FAP) vorhanden.

Prof. Dr. Elmar Hellwig (Freiburg im Breisgau) stellte allgemeine Grundlagen zur „Wirksame(n) und sichere(n) Anwendung fluoridhaltiger Produkte“ dar. Fluorid kommt ubiquitär vor und wird mit dem Trinkwasser und der Nahrung täglich aufgenommen. 60 bis 80 Prozent des verschluckten Fluorids gelangt in den Blutkreislauf und lagertt sich in die Knochen ein. Auch sich entwickelnde Zähne reichern an der Oberfläche Fluorid an. Beim Durchbruch der Zähne besitzen diese an der Schmelzoberfläche eine Fluoridkonzentration zwischen 300 bis 500 ppm, die jedoch offensichtlich nicht ausreicht, um Karies zu verhindern. Man geht daher heute davon aus, dass Fluorid zusätzlich präeruptiv an der Zahnoberfläche vorliegen muss, um eine kariespräventive Wirksamkeit zu entfalten. Bei kariesaktiven Patienten kann die Applikation von fluoridhaltigen Gelen, Lacken oder Mundspüllösungen empfohlen werden. Insbesondere bei Patienten mit Wurzelkaries zeigt sich, dass die tägliche Anwendung hochkonzentrierter Zahnpasten zur Prävention bzw. Verhinderung der Progression zu empfehlen ist. Dies gilt auch für Patienten mit erhöhtem Kariesrisiko aufgrund von festsitzenden kieferorthopädischen Geräten. Allerdings zeigt sich auch, dass bei hohem Zuckerkonsum die Applikation von fluoridhaltigen Kariostatika die Karies nicht vollständig verhindern kann.

Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes (Wien, Österreich) präsentierte in ihrem Referat „Wirksame und sichere Anwendung fluoridhaltiger Produkte – spezielle Maßnahmen bei Kindern“ die neuen Fluoridierungsempfehlungen für diese Altersgruppe. Für Kinder gibt es seit vergangenem Jahr neue Empfehlungen für den Gebrauch fluoridhaltiger Zahnpasten, die unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) und der Deutschen Gesellschaft für Präventive Zahnmedizin e.V. (DGZPM) sowie weiteren Experten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden verabschiedet wurden. Diese sehen vor, dass bereits ab dem Durchbruch des ersten Milchzahnes zweimal täglich mit einer erbsengroßen Menge einer Zahnpasta mit 500 ppm oder mit einer reiskorngroßen Menge einer Zahnpasta mit 1.000 ppm geputzt wird. Vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr sollte dann zweimal täglich eine Zahnpasta mit 1.000 ppm in einer erbsengroßen Menge verwendet werden. Anlass für die Neustrukturierung ist die Tatsache, dass der Kariesrückgang im Milchgebiss im Vergleich zu den bleibenden Zähnen deutlich geringer ausfällt. Darüber hinaus werden international schon längst Zahnpasten mit höherer Fluoridkonzentration für Kinder bis zum sechsten Geburtstag empfohlen. Eine weitere Neuerung gibt es im Bereich der Applikation von Fluoridlacken im Kleinkindalter. Das Auftragen dieser Lacke ist für Kinder zwischen dem 6. und 34. Lebensmonat seit diesem Jahr eine Kassenleistung geworden. Der Anspruch besteht zweimal je Kalenderhalbjahr, unabhängig davon, ob bei den Kindern eine (initial-)kariöse Läsion vorliegt. Kinder zwischen dem 34. Lebensmonat und dem vollendeten 6. Lebensjahr haben weiterhin unverändert Anspruch auf Fluoridierung bei hohem Kariesrisiko.

Broschüre zu den brennendsten Fragen

Das ZFZ hatte bereits im Vorfeld des Symposiums die Teilnehmer gebeten, die häufigsten Fragen ihrer Patienten (FAQ’s) und auch des Praxisteams zum Thema Fluorid einzureichen. Dutzende Fragen gingen ein, wurden gesichtet, in fünf Bereiche (Grundlagen, Wirkungsweise, Nutzen, Risiken und Anwendung) strukturiert, beantwortet und in einer Broschüre für den Praxisalltag zusammengefasst. Prof. Dr. Einwag stellte diese Broschüre in einer Fragestunde „Wie sag ich’s dem Patienten, was sag ich dem Patienten“ abschließend vor. Sämtliche Fragenkomplexe wurden nochmals detailliert erläutert, um ein Höchstmaß an Informationsdichte und Konsens zu erzielen – ein Konzept, das mit großem Beifall bedacht wurde.

Neben dem Vortragsprogramm waren in einer begleitenden Dentalausstellung einige der wichtigsten Hersteller fluoridhaltiger Produkte vor Ort. Die Aussteller präsentierten zum Teil Innovationen, die bislang nicht zu sehen waren und ermöglichen den Teilnehmern einen direkten Zugang zu den im Rahmen der Fortbildung erwähnten Produkten. So war Praxisnähe vorhanden und die Erkenntnisse konnten direkt in der eigenen Praxis umgesetzt werden. Ein gelungener und äußerst informativer Nachmittag, der die Teilnehmer trotz traumhaften Herbstwetters außerhalb der Tagungsräume bis zum Schluss fesselte.

Fotos/Quelle: ZFZ Stuttgart

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