Branchenmeldungen 27.05.2026
Invisalign® System zur mandibulären Protrusion: „Ich habe lange auf diese Lösung gewartet“
In ihrer Hamburger Praxis ‚Kieferorthopädie Elbvororte‘ verbindet sie funktionskieferorthopädische Erfahrung u.a. mit innovativen Alignertherapien. Parallel engagiert sie sich mit der ‚Akademie am Derbypark‘ im fachlichen interdisziplinären Austausch sowie in Präventionsangeboten für Kinder, Jugendliche & Eltern auch über die Kieferorthopädie hinaus.
Neue Möglichkeiten zur mandibulären Protrusion eröffnet das Invisalign® System mit okklusalen Blöcken. Hiermit lässt sich der Unterkiefer während der Alignertherapie nach vorne führen. Dieses Prinzip ist aus klassischen funktionskieferorthopädischen Geräten wie dem Twin-Block bekannt. Im Unterschied hierzu können mit dem Invisalign® System zur mandibulären Protrusion mit okklusalen Blöcken Zahnbewegungen und funktionelle Unterkieferprotrusion heute vollständig alignerbasiert kombiniert werden. Wie Dr. Wodianka das System in der Praxis einsetzt und welche Vorteile sich daraus für Kinder und Jugendliche ergeben, erläutert sie im Interview.
Welche klinischen Kriterien sind ausschlaggebend für den Einsatz des Invisalign® System zur mandibulären Protrusion mit okklusalen Blöcken?
Bei den okklusalen Blöcken orientiere ich mich grundsätzlich am Prinzip des Twin-Blocks, mit welchem ich seit Jahren sehr viel gearbeitet habe. Dass der Twin-Block aus zwei Teilen besteht, war schon immer ein großer Vorteil. Er wird dadurch besonders gut akzeptiert und getragen.
Diesen Vorteil nutzt man auch bei den okklusalen Blöcken. Ich setze sie wie zuvor den Twin-Block vor allem bei tiefen Bissen und Klasse-II-Befunden ein. Das eigentliche Neue ist, dass man mit der Funktion der okklusalen Blöcke nun rein Aligner-basiert behandeln kann. Gleichzeitig sind so umfangreiche dentale Ausformungen möglich. Passend zum mykie®1-Prinzip kann ich Form und Funktion bei freiem Gaumen gleichzeitig therapieren.
Ich verwende die okklusalen Blöcke sowohl im Grundschulalter bei ausgeprägten Klasse-II-Fällen als auch bei Jugendlichen, um das Wachstum optimal zu nutzen. Während des Zahnwechsels ist der Einsatz etwas eingeschränkt – in dieser Phase plane ich ggf. eine Behandlungspause ein oder warte, bis ich wieder mit Alignern arbeiten kann. Der Sitz der Aligner – insbesondere auch zum Torque der Oberkiefer-Front -sowie die Akzeptanz der Schienen sind entscheidend.
Bei offenen Bissen und vertikalem Wachstumsmuster setze ich bei ausgeprägten Klasse-II-Fällen vor allem Precision Wings ein. Auch hier ist für eine gute Verankerung auf eine gute Fassung der Molaren, gegebenenfalls mit lingualen Attachments, zu achten.
In welchen Fällen würden Sie trotz geeigneter Voraussetzungen eher auf konventionelle Apparaturen zurückgreifen?
Eigentlich nur während eines ausgeprägten Stützzonen-Zahnwechsels oder wenn ich eine dauerhafte festsitzende Protrusion wie z.B. bei einer Diskusreposition benötige. Wenn ich es mir aussuchen könnte und die Patienten rechtzeitig kämen, würde ich wahrscheinlich ausschließlich mit den okklusalen Blöcken oder optimierten Precision Wings behandeln. Das hängt auch damit zusammen, dass meine Praxis auf Früh- und Alignerbehandlungen spezialisiert ist.
Für gesetzlich-versicherte Patienten ohne Zusatzversicherung bietet der klassische Twin-Block natürlich eine Lösung, die die gesetzliche Krankenkasse erstattet.
Wie unterscheiden sich die okklusalen Blöcke funktionell und biomechanisch von den optimierten Precision Wings, und wann bevorzugen Sie welche Variante?
Bei tiefem Biss und Klasse-II verwende ich zur Extrusion von Seitenzähnen und aufgrund der Verankerung, die ich über Attachments verstärke, gerne die okklusalen Blöcke. Ich plane größere, 45°-gedrehte Attachments im sogenannten „Fischgrät-Design“, um gezielt zu extrudieren, aber auch sagittale Bewegungen zu unterstützen bzw. Verankerung zu erzielen. Die Labialkippung der Unterkieferfront soll durch die gute Verankerung an den Unterkiefermolaren verhindert werden bzw. frontale Engstände in die Stützzone aufgelöst werden.
Precision Wings nutze ich gezielt bei offenen Bissen und vertikalem Wachstum, sofern die Verankerungssituation es zulässt.
Welche Erfahrungen haben Sie mit gleichzeitiger Zahnbewegung und mandibulärer Protrusion hinsichtlich Behandlungsdauer und Ergebnisqualität gemacht?
Die Unterkiefervorverlagerung, häufig geplant in Kombination mit einer leichten Distalisation im Oberkiefer, erfolgt bei guter Compliance erfreulich schnell und stabil. Deshalb sehe ich meine Patienten in kürzeren Abständen – sowohl virtuell als auch vor Ort, um zu entscheiden, wann ich auf die Blöcke wieder verzichten kann. Das System ist sehr effizient, weil die Tragezeit in der Regel erstaunlich oft bei 22 Stunden liegt.
Inzwischen biete ich die Blöcke sogar vermehrt Patienten an, die die Aligner und/oder die Gummizüge bei einer Klasse II nicht ausreichend tragen, vielleicht auch nicht tragen können.
Entscheidend ist eine sorgfältige Planung mit der ClinCheck® Behandlungsplanungssoftware. Ich achte neben guter Verankerung auf ausreichende Extrusion der Molaren bei gewünschter Bisshebung und natürlich darauf, dass ich eventuelle Asymmetrien, auch „Side-Shift“, berücksichtige. Meist komme ich mit ein bis zwei Protrusionsstufen aus und plane auch nur eine leichte Überkorrektur ein.
Wie verlässlich lässt sich die sagittale Korrektur mit der ClinCheck Behandlungsplanungssoftware planen und steuern – insbesondere im Hinblick auf die Spee-Kurve und die Entwicklung der Okklusionsebene?
Die Spee-Kurve beschreibt den Verlauf der sagittalen Okklusionskurve im Unterkiefer und ist insbesondere bei tiefen Bissen meist sehr ausgeprägt. Korrigieren lässt sie sich durch die Intrusion der Unterkieferfrontzähne und gleichzeitige Extrusion der Seitenzähne – so heben wir den Biss an. Eine Intrusion der Oberkieferfront kommt nur bei einem Gummy-Smile in Betracht.
Wie bereits genannt, achte ich auf große Attachments zur stabilen sagittalen Verankerung der Unterkiefermolaren und um eine Extrusion der Seitenzähne zu ermöglichen. Diese Kontrolle und Steuerbarkeit habe ich beim Twin-Block nicht. Mit Alignern kann ich z.B. parallel den Leeway Space nutzen und einen frontalen Engstand in die Stützzone auflösen. Außerdem hilft mir bei einer Bisshebung die vertikale Sperrung für eine geführte Extrusion der Seitenzähne. Zusätzlich kann ich den Torque der OK-Front positiv beeinflussen, benötige hier aber vor allem eine sehr gute Compliance und ggf. Attachments in der Front.
Wie reagieren Patienten auf Tragekomfort, Ästhetik und Handhabung im Vergleich zu herkömmlichen funktionskieferorthopädischen Geräten?
Ich zeige meinen Patienten und deren Eltern möglichst alle alternativen Apparaturen und erläutere die Unterschiede. Im Vergleich zu festen Spangen mit Scharnieren oder anderen FKO-Geräten ist der Komfort der Aligner mit okklusalen Blöcken deutlich besser – im Vergleich zu FKO-Geräten insbesondere beim Sprechen. Wir legen großen Wert auf die Myofunktion und daher besonders auf eine physiologische Zungenruhelage. Im Gegensatz zu alternativen FKO-Apparaturen ist der Gaumen bei einer Alignertherapie frei, was für eine physiologische Zungenlage Voraussetzung ist.
Beim ersten Einsetzen der okklusalen Blöcke machen wir mit dem Patienten stets eine Sprechprobe und schleifen bei Bedarf die Blöcke zu Beginn lingual etwas schmaler, um die Eingewöhnung zu erleichtern. Eine interdentale Zungenlage ist meist ursächlich für einen Tiefbiss, daher ist das Abhalten der Zunge durch die Blöcke besonders hilfreich für eine stabile Bisshebung vor allem bei ausreichender Tragezeit wegen der guten Akzeptanz.
Nachts nutzen wir zusätzlich das sogenannte Mouth Taping, damit der Unterkiefer nicht zurückfällt – eine Technik, die wir aus der Buteyko-Atemtherapie im Rahmen der mykie-Zertifizierung übernommen haben. So fördern wir Lippenschluss, Nasenatmung und die physiologische Zungenlage. Dies sind entscheidende Faktoren für nachhaltige Behandlungsergebnisse.
Welche spezifischen Aspekte der Behandlung mit okklusalen Blöcken und optimierten Precision Wings überzeugen Ihrer Erfahrung nach Eltern und Kinder besonders – sowohl in Bezug auf Komfort, Behandlungserfolg und Alltagstauglichkeit – im Vergleich zu klassischen funktionskieferorthopädischen Apparaturen?
Am überzeugendsten ist der direkte Vergleich: Die Geräte sind komfortabler und die Behandlung verläuft schneller, weil viele Behandlungsaufgaben gleichzeitig erledigt werden. Die Schienen müssen natürlich konsequent getragen werden, die Behandlung ist dennoch weniger abhängig von der Mitarbeit als bei Gummizügen – etwas, das Eltern oft noch aus eigener Erfahrung kennen.
Ich habe lange auf diese Lösung gewartet und freue mich, dass die Blöcke so stabil und einfach in der Handhabung sind. Im Vergleich zu festen Spangen mit Scharnieren oder anderen funktionskieferorthopädischen Geräten werden die okklusalen Blöcke von den Patienten nicht nur bevorzugt, sondern zeigen erstaunlich schnell die Umsetzung der geplanten Behandlung.
Wie gehen Sie mit häufigen Begleiterscheinungen wie temporär offenen Bissen oder asymmetrischen Verlagerungen um?
Das ist vor allem eine Frage der sorgfältigen Planung und Weiterbehandlung:
Bleibende Zähne: Ich berücksichtige die Extrusion der bleibenden Seitenzähne im ClinCheck Behandlungsplan direkt ab Aligner Nummer eins und plane meist weniger Vorschub ein. Oft kann ich die Blöcke früher absetzen als ursprünglich geplant, so dass ich dann mit Aligner und gegebenenfalls Biteramps weiterbehandle.
Milchzähne: Im Zahnwechsel setze ich zur Weiterbehandlung bimaxilläre Trainingsgeräte ein, um etwa die Zunge aus einer offenen Milch-Stützzone herauszuhalten und den Zahnwechsel zu steuern.
In der Frühbehandlung liegt der Fokus stärker auf der Kieferentwicklung – also auf Breite, Position und Funktion – und weniger auf den einzelnen Zahnstellungen. Ergänzend arbeiten wir mit mykie-Trainern, die Zungen- und Lippenfunktion fördern.
Welche Auswirkungen hat die Integration der MA-Behandlung in Ihren bestehenden digitalen Praxis-Workflow in Bezug auf Kontrollintervalle, Personalaufwand und Praxisorganisation?
Entscheidend ist eine gute Kommunikation im Team und mit den Patienten. Ich nutze Schaumodelle zur Veranschaulichung und plane engmaschigere Kontrollen. Das System ist insgesamt sehr effizient und vor allem aus myofunktioneller Sicht sinnvoll. Unser Team war überrascht, wie schnell die Umsetzungen der Behandlungsplanung erfolgten und wie gut die Patienten nach einer Eingewöhnungsphase mit den okklusalen Blöcken zurechtkamen. Wir verkürzen die Behandlungsdauer und nutzen Fortschrittsscans, um die Entwicklung zu monitoren.
Wie stabil sind die erreichten skelettalen und dentalen Veränderungen nach Abschluss der MA-Phase und Retention?
Die regelmäßigen Fortschrittscans zeigen sehr eindrucksvoll wie die Umsetzung erfolgt. Stabilität hängt in erste Linie von der Funktion ab. Wenn Lippenschluss, Nasenatmung und Zungenlage stimmen, bleiben die Ergebnisse auch myofunktionell stabil. Die okklusalen Blöcke gibt es erst seit einem Jahr, aber bisher sehen wir sehr nachhaltige Resultate.
Ich bin überzeugt, dass mit Berücksichtigung der Myofunktion dieses Konzept langfristig besonders nachhaltig ist, weil es eine physiologische Zungenlage erlaubt und selbst die (Abschirm-)Funktion aktiv einbezieht. Im Grunde ist es ein vollständiger Ersatz des Twin-Blocks – mit Einschränkungen in der Zahnwechselphase.
1 mykie® ist ein Therapieprinzip und bedeutet: myofunktionelle Kieferorthopädie oder die gleichzeitige Behandlung von Form und Funktion, vgl. https://mykie.de