Branchenmeldungen 03.07.2026
Kindliche Entwicklung: Die Magie der Wiederholungen
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Frau Prof. Jessen, was würden Erwachsene über kindliches Lernen missverstehen, wenn sie Wiederholungen nur als „Marotte“ betrachten?
Für Kinder (wie übrigens auch für Erwachsene) sind Wiederholungen ein ganz wichtiger Lernfaktor. Nur dadurch, dass etwas immer und immer wieder ausprobiert wird, kann ein Kind Zusammenhänge und Muster in seiner Umgebung entdecken. Ein ganz klassisches und für Eltern oft anstregendes Beispiel ist die Schwerkraft. Ein Kind muss erst lernen, dass Dinge nach unten fallen. Also wird der Schnuller fallengelassen, wieder und wieder und wieder, solange bis sich das Kind relativ sicher ist, dass ein Schnuller immer nach unten fallen wird. Das muss dann aber natürlich noch für Löffel, Bauklötze und Rasseln überprüft werden. An dieser Stelle kommt der Vergleich mit der Wissenschaft ins Spiel; auch hier überprüfen wir ja unsere Annahmen unter möglichst vielen Bedingungen und das am besten nicht nur einmal.
Bei aller Wiederholung, welche Rolle spielt die Überraschung im kindlichen Lernen?
Überraschung spielt eine ganze wichtige Rolle, und zwar genau die richtige Menge an Überraschung. Überraschung bedeutet ja in erster Linie, dass etwas passiert, das das Kind so nicht erwartet hat. Seine Vorhersage hat nicht funktioniert, also muss es herausfinden, woran das lag, um in Zukunft bessere Voraussagen treffen zu können. Und so lernt es allmählich mehr und mehr über Zusammenhänge in seiner Umwelt. Bei zu wenig Überraschung findet weniger Lernen statt, da die Vorhersagen ja schon ganz gut funktionieren. Bei zu viel Überraschung sind Kinder überfordert, da es so viele Erklärungsmöglichkeiten und Unbekannte gibt, dass sich kein System erkennen lässt. Daher – genau das richtige Maß an Überraschung führt zum größten Lernerfolg. Und genau darüber lässt sich auch das Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit wie auch neuen Erfahrungen erklären. Vorhersagbarkeit gibt einen sicheren Rahmen, in dem neue Dinge ausprobiert und erlernt werden können. Es kommt also auf die richtige Mischung an. In einer neuen Umgebung mit neuen Personen neue Dinge zu lernen, kann schnell überfordern; daher wird ein Kind dann schnell nach vertrauten, also vorhersagbaren Dingen suchen. Umgekehrt wird es sich in einer vertrauten Umgebung vielleicht eher auf unbekannte und neue Dinge einlassen beziehungsweise diese auch gezielt aufsuchen.
Worin unterscheidet sich das Lernen in der Kindheit und im Erwachsenenalter?
Ein Unterschied ist beispielsweise, dass Kinder sehr gut darin sind, Regelmäßigkeiten in ihrer Umwelt zu erkennen und daraus zu lernen. Beispielsweise schaffen es Kinder ja problemlos zu Beginn ihres Lebens eine (odere mehrere) Sprachen zu erlernen, allein dadurch, dass sie beim Aufwachsen von Sprache umgeben sind. Da tun sich Erwachsene natürlich viel schwerer, und sie lernen besser, wenn man ihnen explizit erklärt, was die Regeln in einer Sprache sind, die sie lernen wollen. Da kann man also schon von unterschiedlichen Lernmechanismen sprechen, die bevorzugt zum Einsatz kommen. Viele Grundprinzipien sind aber ähnlich; alle profitieren von Übung und Wiederholung, der Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und Fehler zu machen.