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Branchenmeldungen 28.02.2011

Lingualer Erfahrungsaustausch in Potsdam

Lingualer Erfahrungsaustausch in Potsdam

Rund 120 Kieferorthopäden folgten der Einladung der Deutschen Gesellschaft für Linguale Orthodontie zu ihrer 5. Jahrestagung mit einem hochkarätig besetzten Wissenschaftsprogramm. Ein Bericht von Cornelia Pasold.

Obwohl Schnee und Eis Mitte Januar eine Pause eingelegt hatten, waren diesmal weniger Teilnehmer als 2010 der Einladung zur DGLO-Jahrestagung gefolgt. Vielleicht hätte man statt Potsdam mit einem wettertechnisch nicht gerade einladenden Schloss Sanssouci von vornherein Berlin wählen sollen? Oder war der zeitgleich in München tagende bayerische BDK-Landesverband schuld? Wie auch immer, am wissenschaftlichen Programm kann es keinesfalls gelegen haben, denn dieses war wie stets hochkarätig besetzt und hielt viele interessante Vorträge bereit. Dem Thema „Nichtchirurgische Korrektur des offenen Bisses bei Erwachsenen mithilfe skelettaler Verankerung“ widmete sich der Vorkongress-Work­shop mit Prof. Dr. Junji Sugawara. Der Gast aus Japan stell­te darin Behandlungskonzepte bei Anwendung des von ihm ent­wickelten SAS (Skeletal Ancho­rage System) vor.

Dass Torque- und Friktionseigenschaften selbstligierender Brackets auch innerhalb der Lingualtechnik eine wichtige Rolle spielen, zeigte der erste Vortrag von Prof. Dr. Christoph Bourauel. So kann es auch hier kein „Zero-Friction-Bracket“ geben. Ebenso seien hinsichtlich Torque sowohl bei den bukkal als auch lingual geklebten Brackets extreme Unterschiede im Torquespiel zu verzeichnen. „Die Physik vor und hinter dem Zahn ist identisch“, so das Resümee des Referenten.

Die Ergebnisse einer Anwenderbefragung von DGLO-Mitgliedern präsentierte Tagungspräsident Dr. Ralf Müller-Hartwich. Hierbei wurden die verwendeten Bracketsysteme, das bevorzugte Laborprozedere und Übertragungsverfahren sowie die jeweils in Rechnung gestellten Kosten abgefragt. Während im Jahre 2003 beispielsweise noch über 60% der Befragten Ormco’s 7th Generation-Bracket einsetzten, dominierte 2010 mit über 90% das IncognitoTM-System (3M/ TOP Lingualtechnik). Zudem war ein deutlicher Zuwachs (um 25%) des 2D®-Lingual-Brackets von FORESTADENT zu verzeichnen. Auch beim präferierten Laborprozedere konn­te dieser Trend beobachtet werden – ca. 80% nutzten 2010 das 3M/TOP-System, während sich rund 20% für das direkte Kleben entschieden. Zudem konnte eine Zunahme der Behandlungskosten beobachtet werden, was zum Teil auf aufwändigere Laborprozesse zurückzuführen ist.“

Einen sehr mutigen Vortrag sahen die Teilnehmer von Priv.-Doz. Dr. Benedict Wilmes. Er widmete sich Problemen und möglichen Lösungen im Rahmen der Miniimplantat-Verankerung und stell­te dabei Fälle vor, die rückblickend nicht ganz so optimal verlaufen waren. So wurden u.a. die Lockerung von Pins, falsche Mechaniken (Pin steht der Zahnbewegung im Weg etc.), etwaige Unsicherheiten des Behandlers oder die Patientenkommunikation thematisiert und entsprechende Lösungsansätze aufgezeigt. Den ersten Kongresstag rundete der Beitrag von Dr. Esfandiar Modjahedpour ab, welcher die klinische Umsetzung der set-up-geführten Lingualtechnik zeigte. Inwieweit Finishing-Probleme gelöst bzw. von vornherein vermieden werden können, darüber klärte Dr. Didier Fillion als erster Referent des Samstags auf. Insbesondere ging er dabei auf die Ro­tationskorrektur (Interbracketabstand), Torquekontrolle, den Bowing Effekt sowie die laterale Okklusion ein und präsentierte einmal mehr die Vorteile des ORAPIX-Systems. Der Fra­ge „Chirurgie oder dentale Kompensation?“ bei der Behandlung von Klasse III-Fällen in der Lingualtechnik widmete sich Dr. Martin Epple. Dabei wog der Kieferorthopäde aus Augsburg anhand zahlreich präsentierter Fälle die Vor- und Nachteile von kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgischer Behandlung sowie Kompensation dentaler oder skelettaler Anomalien bei Anwendung der Lingualtechnik ab. So biete eine individualisier­te Lingualappartur insbesondere bei Chirurgie-Fällen Vorteile wie eine effektiv erreichbare, prä­ope­rative set-up-gesteuerte Dekompensation. Von Nachteil sind hingegen die eingeschränkten Möglichkeiten, intermaxilläre Gum­­mi­züge ohne bukkale Attachments in der postoperativen Phase zu applizieren. Hinsichtlich der Kompensationsbehandlung kann mithilfe individueller Lingualapparaturen beispielsweise die exak­te Einstellung des Frontzahn­torques gemäß Set-up realisiert und unerwünschte Zahnbewegungen (z.B. Protrusion der Front) begrenzt werden.

Einen interessanten und sehr unterhaltsam vorgetragenen Beitrag lieferte Dr. Manfred Schüßler. Er zeigte eine bracketfreie, aktive linguale Straight-Wire-Einbogentherapie bei Einsatz der Toronto-Non-Bracket-Hybrid-Ap­paratur. Hierbei wird ein superelastischer silikonbeschichteter Bogen lingual auf den Prämolaren fixiert bei gleichzeitiger Verwendung von Splintpositionern und Alignern. Der klinische Einsatz des SureSmile-QT-Systems sowie die Klärung der Frage „Wie bekommt man die Infor­mation am besten in den Draht?“ standen bei Dr. Woo-Ttum Bittner im Vortragsmittelpunkt. So wird mit dieser seit Frühjahr 2009 am Markt erhältlichen QT-Systemvariante das direkte Kleben von Lingualbrackets theo­retisch möglich. Zudem sei die digitale Behandlungssimulation und me­t­rische Erfassung der Zahnbe­wegung in allen drei Raumachsen sowie ein Finishing ohne manuelles Nachbiegen theoretisch realisierbar. In Kombination mit einer DVT-Aufnahme können sogar die Zahnwurzeln dargestellt und in das Set-up mit einbezogen werden. Bittner präsentierte ers­te Lingualfälle, bei denen das QT-System zur Anwendung kam, demonstrierte die einzelnen Arbeitsschritte und verwies auf Vor- und Nachteile. Beeindruckend sei beispielsweise die ho­he Präzision und Vielseitigkeit. So könne „jeder einzelne Wunsch des Kieferorthopäden mit diesem System umgesetzt werden“, resümierte der Referent. Jedoch gehöre auch ein nicht zu unterschätzender Lernprozess dazu.

Einen Vergleich verschiedener Nivellierungsbögen bei Lingualbehandlungen lieferte Prof. Dr. Dietmar Segner. Insbesondere ging er dabei auf die jeweiligen Kraftniveaus der untersuchten Bögen ein, die durchaus Unterschiede aufwiesen. Insbesonde­re wurde deutlich, dass es von Vorteil sei, zunächst mit einem relativ dünnen runden Bogen die Nivellierung zu beginnen und erst als zweiten Bogen einen Nickel-Titan-Vierkantbogen zu verwenden. Bei diesen seien die Kräfte aufgrund der großen Hysterese initial relativ groß. Die Erfahrung zeige jedoch, dass auch mit Bögen hohen Kraftniveaus Patienten erfolgreich behandelt werden können.

Ein außergewöhnliches Bracket stellte Dr. Jakob Karp mit dem SNB (Swiss Nonligating Bracket) vor. Während die Kontrolle der Bewegungen in allen drei Dimensionen nach wie vor ein großes Problem in der Lingualtherapie darstelle, könnten mit diesem neuen Bracket und dessen Zwei-Slot-Design Zahnbewegungen effizient kontrolliert werden. Dass die Erwartung, bei jedem Lingualpatienten lediglich eine Serie vorgefertigter (gerader) Bögen einsetzen zu müssen, um letztlich eine befriedigende Okklusion zu erreichen, unrealistisch ist, stellte der offene Vortrag von Prof. Dr. Paul-Georg Jost-Brinkmann klar. Zwar hätten zahlreiche Innovationen und Veränderungen der Labortechnik den Biegeaufwand reduziert, jedoch nicht gänzlich überflüssig gemacht. So sei nach wie vor das Handwerk gefragt. „Wer keinen Draht biegen möchte, sollte nicht lingual behandeln“, so die klare Ansage des Referenten.

„Lust oder Frust? Lingualtechnik in Labor und Praxis“ lau­tete der Vortragstitel von DDr. Silvia M. Silli aus Österreich. Sie wandte sich dem Laborprozess als zentrales Element der Lingualtechnik zu und hierbei insbe­sondere auftretenden Problemen wie die Erstellung des Set-ups (Set-up/Behandlungsergebnis entspricht nicht den Vorstellungen), der Bracketauswahl (Bra­ckettyp klinisch ungeeignet bzw. ineffizient), dem Brackettransfer (unpräziser Transfer, ungenaue Passform) sowie dem Biegen des Drahtes (aufwendiges, manuelles Biegen sehr aufwendig) und zeigte Lösungsansätze auf.

Die letzten beiden Vorträge sind leider der Heimreise der Autorin dieses Berichts „zum Opfer gefallen“ und seien an dieser Stelle wenigstens namentlich genannt: Dr. Julius Vu, der sich „Problemlösungen bei der Umsetzung des therapeutischen Set-ups mit vollindividuellen Lingualapparaturen widmete, sowie Dr. Daniela Bössenrodt, die zur „Klinischen Umsetzung des virtuellen Set-ups mit CAD/CAM-gefertigten Bögen in der Lingualtechnik“ referierte. Den Post-Kongress am Sonntag bestritt Prof. Dr. Axel Bumann zum Thema „Funktionsdiagnostik und -therapie im Rah­men der Lingualbehandlung.“

Im Rahmen der begleitenden Industrieausstellung zeigten insgesamt elf Firmen ihr (Lingual-) Produktportfolio. Bei der Firma Orthorobot wird das Set-up jetzt als dreidimensionales Modell zur Verfügung gestellt, was die Vermessung in allen drei Raum­e­benen ermöglicht. Das 3D-Modell kann entweder mithilfe der OnyxCephTM-Software oder mit­tels eines mitgeschickten 3D-Betrachters geöffnet und entsprechend kontrolliert werden. Nach erfolgter Freigabe werden dann wie bisher die Bracketpositionierung und -individualisierung mittels Robotertechnik durchgeführt sowie die individuellen Drähte mit dem Roboter gebogen.

Erwähnenswert zudem das am Stand der Firma tröster appli­cations erstmals gezeigte sowie im Vortrag von Dr. Jakob Karp vorgestellte SNB (Swiss Nonligating Bracket). Das passive, lingual wie labial einsetzbare SL-Bracket ist aus thermoplastischem Kunststoff (PEEK) gefertigt. Es weist zwei parallele Slots auf (rund Ø 0.018'', vierkant 0.0175'' x 0.022''), wodurch der simultane Einsatz eines zweiten Bogens ermöglicht wird und Bewegungen 3. Ordnung nebenwirkungsfreier realisierbar seien.

Neue, speziell für die Lingualtechnik entwickelte Ligaturen (.090 Easy On Safety Power Rings) gibt es ab sofort bei der Firma Pelz & Partner. Diese in silver und black erhältlichen Ligaturen weisen einen rechteckigen Querschnitt mit abgerundeten Kanten auf, welcher ein leich­teres Einligieren sowie einen zuverlässigen Bogenhalt auch bei kleinen Lingualbrackets ga­rantieren soll. Eine neue, wieder verschließbare Verpackung gewährleistet zudem eine lichtgeschützte und somit lange Lagerung.


Foto: © DGLO
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