Branchenmeldungen 01.05.2026

Nachgefragt: Implantatprothetik



Digitale Workflows, neue Materialien und ein stärkerer Fokus auf Biologie verändern die Implantatprothetik – der Anspruch bleibt: funktionelle, ästhetische und langfristig stabile Versorgungen. In „Nachgefragt“ ordnen Experten aktuelle Schlüsselthemen ein. Im Mittelpunkt stehen praxisnahe Empfehlungen, typische Fehlerquellen und klare Entscheidungswege für eine prothetisch orientierte Implantatplanung.

Nachgefragt: Implantatprothetik

Foto: Laura Сrazy – stock.adobe.com

Dr. Hagen F. Wiegand, M.Sc.


Zahnklinik Bunde Dr. Wiegand & Kollegen MVZ GmbH

Ästhetik, Funktion, Angstabbau

Mit einer schmerzarmen Sofortimplantation und sofortiger provisorischer Versorgung als Behandlungsergebnis kann es gelingen, dass Patienten auch massive Zahnarztängste dauerhaft überwinden.

Bis zu 15 Prozent der Erwachsenen leiden an pathologisch hoher Zahnbehandlungsangst (Dentophobie). Ihre Ätiologie ist komplex, multifaktoriell und von Patienten zu Patienten verschieden. Davon Betroffene vermeiden es jahrelang, selbst unter starkem Leidensdruck, einen Zahnarzt aufzusuchen. Primäre Ursachen derartiger Ängste und daraus folgender Vermeidungsstrategien sind häufig traumatisch empfundene Erlebnisse beim Zahnarzt in der Kindheit sowie ein massives Gefühl des Ausgeliefertseins auf dem Stuhl während einer Intervention. Auch entsprechende Schilderungen von Freunden und Verwandten sowie negative Berichte in diversen Medien verstärken die Zahnarztangst. Dass sich Patienten bei weit geöffnetem Mund kaum verständlich machen und auch nicht sehen können, was oral in ihrem Mund passiert, ruft bei ihnen das Gefühl des Kontrollverlustes hervor und ist damit ein weiterer Grund, einen Zahnarztbesuch möglichst zu vermeiden.

Ein derartiges Verhalten führt im Laufe der Jahre zu einer erheblich verschlechterten Mundgesundheit mit teils massiven, optisch unübersehbaren Schäden an der Zahnhartsubstanz und starken Einschränkungen der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität, was dann wiederum mit einem sozialen Rückzug der Betroffenen einhergehen kann. Spätestens in diesem Stadium besteht ein dringender Behandlungsbedarf, gerade auch im Hinblick auf mannigfaltige, damit vergesellschaftete organische Krankheitsbilder und aggressive Entzündungen im Körper.

Um in einer solchen „Zwangssituation“ die Angst des Patienten vor einem Kon-trollverlust und unerwarteten Eingriffen gar nicht erst aufkommen zu lassen, können mit einem Patienten in einem Vorgespräch, geführt im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung, der Therapieverlauf ausführlich und „auf Augenhöhe“ im Detail durchgesprochen werden. Hierbei kann der Zahnarzt den gesamten Behandlungsablauf erläutern, auf die Fragen des Patienten eingehen und dem Patienten das Behandlungsergebnis vor Augen führen: Statt eines schmerzhaften und massiv funktionsgestörten Gebisses ein schmerzfreier, funktionaler und ästhetisch ansprechender Zahnersatz auf Implantaten. Ein so vorweg genommenes, positives Behandlungsergebnis und die damit verbundenen „guten“ Gefühle des Patienten mit seinem neuen Aussehen stärken seine Bereitschaft für die Therapie und festigen das Vertrauen in seinen Behandler.

Eine gute Kommunikationskompetenz des Behandlers und der Umgang seines Teams mit ängstlichen Patienten bilden damit auch die Basis für eine dauerhaft engagierte Compliance des Patienten und für eine langfristige Patientenbindung.

ZTM Robert Nicic


Laborleiter Abteilung Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Digitale Zahntechnik und personalisierte Zahnmedizin

Digitale Workflows, vom Intraoralscan über das CAD-Design bis hin zur CAM-Fertigung, reduzieren Fehlerquellen, verkürzen die Produktionszeit und verbessern die Passgenauigkeit prothetischer Arbeiten. Auch die Materialauswahl hat sich deutlich weiter- entwickelt: Hochfeste Keramiken, moderne Kunststoffe und innovative Hybridmaterialien ermöglichen stabile, ästhetische Restaurationen, die sich effizient verarbeiten lassen. Gleichzeitig erlauben sie reproduzierbare Ergebnisse, was Nacharbeiten minimiert und die Wirtschaftlichkeit steigert.

So wichtig technologische Fortschritte auch sind, entscheidend bleibt die personalisierte Zahnmedizin, die den Patienten in den Mittelpunkt stellt. Statt standardisierter prothetischer Lösungen entstehen Therapien, die sich an den biologischen, funktionellen und ästhetischen Besonderheiten jedes Einzelnen orientieren. Moderne Diagnostik – etwa genetische Risikoprofile oder KI-gestützte Analysen – ermöglicht ein präziseres Verständnis von Mundgesundheit und Krankheitsverläufen sowie besser vorhersehbare Therapiemöglichkeiten. Das Ergebnis sind langlebigere Restaurationen und ein gesteigertes Wohlbefinden der Patienten.

Letztlich entsteht effiziente Zahntechnik jedoch nur dort, wo Praxis und Labor eng verzahnt zusammenarbeiten. Digitale Fallübergaben, strukturierte Feedbackschleifen und klare Verantwortlichkeiten sorgen für reibungslose Abläufe. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Bedeutung kontinuierlicher Weiterbildung: Neue Technologien entfalten ihren Nutzen nur dann vollständig, wenn Fachkräfte sie sicher beherrschen. Investitionen in Schulungen zahlen sich daher direkt in Form höherer Produktivität und Qualität aus.

Infos zur Person

Dr. Maria Grazia Di Gregorio-Schininà


Oberärztin Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Universitätsklinikum Köln (AöR)

Interdisziplinäre Implantattherapie

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Prothetik und Chirurgie ist heute ein zentraler Faktor in der modernen Implantattherapie. Die wichtigste Komponente dieser Zusammenarbeit in einer konsequent prothetisch orientierten Planung. Das bedeutet, dass die gewünschte prothetische Versorgung, also Funktion, Ästhetik, Okklusion und Hygienefähigkeit, den Ausgangspunkt der gesamten Behandlungsplanung und Therapie bildet. Die chirurgische Implantatposition sollte sich idealerweise an diesen prothetischen Anforderungen orientieren. Nur wenn Implantatposition, Achsneigung und Anzahl der Implantate mit dem geplanten Zahnersatz harmonieren, lassen sich langfristig stabile, funktionelle und ästhetisch überzeugende Ergebnisse erzielen.

Eine der größten Herausforderungen besteht dabei in der frühzeitigen und strukturierten Kommunikation zwischen den beteiligten Disziplinen. In vielen Fällen werden chirurgische und prothetische Planungsschritte noch immer zu sequenziell gedacht oder umgesetzt. Durch eine gemeinsame präoperative Planung können Kompromisse der Behandlung besser evaluiert und Komplikationen deutlich reduziert werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die zunehmende Digitalisierung der implantologischen Therapie. Digitale Volumentomografie, intraorale Scans, virtuelle Set-ups sowie navigierte oder schablonengeführte Implantationen bieten heute hervorragende Möglichkeiten, chirurgische und prothetische Planung eng miteinander zu verbinden. Gleichzeitig stellt diese technologische Entwicklung auch eine Herausforderung dar: Alle beteiligten Fachbereiche müssen mit den digitalen Workflows vertraut sein und dieselben Planungsgrundlagen nutzen. Nur so kann der Mehrwert der digitalen Planung vollständig ausgeschöpft werden.

Die gemeinsame Risikoabschätzung spielt ebenso eine zentrale Rolle. Anatomische Gegebenheiten, Knochenangebot, Weichgewebssituation, funktionelle Belastung sowie patientenspezifische Faktoren müssen interdisziplinär bewertet werden. Gerade in komplexen Fällen ist ein enger Austausch zwischen Chirurgie und Prothetik entscheidend, um realistische Therapieziele zu definieren.

Nicht zuletzt stellt auch die langfristige Betreuung der implantatgetragenen Versorgung eine gemeinsame Verantwortung dar. Aspekte wie Nachsorge, professionelle Implantatreinigung und regelmäßige prothetische Kontrolle erfordern eine abgestimmte Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die wichtigste Komponente der interdisziplinären Zusammenarbeit in einer frühzeitigen, prothetisch orientierten Gesamtplanung sowie in einer offenen und kontinuierlichen Kommunikation zwischen Prothetik und Chirurgie liegt. Die aktuellen Herausforderungen bestehen vor allem darin, digitale Planungsprozesse effektiv zu integrieren, komplexe klinische Situationen gemeinsam zu bewerten und die Behandlung konsequent aus der Perspektive der späteren prothetischen Versorgung zu denken. Nur durch dieses abgestimmte Vorgehen lassen sich funktionell stabile, ästhetisch hochwertige und langfristig erfolgreiche Implantatversorgungen realisieren.

Infos zur Person

ZTM Jan-Dominic Viergutz


Klinik am Schloss MVZ GmbH, Sigmaringen

Implantatprothetik – eine goldene Ära der Möglichkeiten

Es gibt Momente in der Zahnmedizin, in denen man spürt, dass man in der richtigen Zeit arbeitet. Die Implantatprothetik ist für mich so ein Moment, jeden Tag. Was wir heute leisten können, was wir unseren Patienten anbieten dürfen, hätte vor 20 Jahren noch als Utopie gegolten.

Der Schlüssel liegt im Denken vom Ergebnis her. Backward Planning, die Restauration als Ausgangspunkt jeder Planung, hat die Art, wie wir Implantatfälle angehen, grundlegend verändert. Das prothetische Ziel definiert die Implantatposition, nicht umgekehrt. Digitale Planungssoftware visualisiert das Ergebnis, bevor der erste Bohrer ansetzt. Bohrschablonen übertragen diese Präzision direkt in den Mund. Was früher Intuition und Erfahrung allein erforderte, wird heute digital abgesichert, ohne das chirurgische Gespür zu ersetzen, aber mit einer Planungssicherheit, die nichts dem Zufall überlässt.

Sofortversorgungskonzepte eröffnen Möglichkeiten, die noch vor Kurzem undenk- bar waren. Patienten erhalten deutlich schneller festsitzenden Zahnersatz als noch vor wenigen Jahren; Wartezeiten, die früher selbstverständlich schienen, sind heute keine Notwendigkeit mehr. Und selbst Situationen mit reduziertem Knochenangebot, die früher zwingend aufwendige Augmentationen erforderten, lassen sich heute durch kluge Implantatwahl und gezielte Positionierung oft elegant lösen. Die Grenzen des Machbaren verschieben sich: stetig, spürbar, beeindruckend. CAD-gestützte Konstruktion und CAM-gestützte Fertigung haben die Labortechnik neu definiert. Restaurationen entstehen virtuell, mit einer Präzision und Reproduzierbarkeit, die manuell kaum erreichbar wäre. Hochwertige Materialien, Zirkonoxid, hybridkeramische Werkstoffe, moderne Titanlegierungen ermöglichen Erzgebnisse, die funktionell wie ästhetisch keine Kompromisse kennen.

Wir arbeiten in der besten Zeit, um Implantatprothetik zu machen. Mit Werkzeugen, die uns präziser machen. Mit Konzepten, die uns mutiger machen. Und mit Ergebnissen, die für sich sprechen. Das spüre ich an jedem Arbeitstag neu, und genau das treibt mich an.

Implantologie Journal 03/26

Implantologie Journal


Dieser Beitrag ist im IJ Implantologie Journal erschienen.

Das Implantologie Journal hat sich als eine unverzichtbare Informationsquelle für Fachleute der zahnärztlichen Implantologie etabliert. Das Themenspektrum reicht von Fachbeiträgen über aktuelle Entwicklungen in der Forschung bis hin zu Expertenmeinungen, Kongressberichten und Neuigkeiten zu den Aktivitäten der DGZI sowie Industrie. Jede Ausgabe widmet sich einem spezifischen Fokusthema, das einen Teilbereich der Implantologie vertieft.

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