Branchenmeldungen 06.03.2026
ParoComPas: App-Prototyp im Check
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#1 Verhältnis von Nutzungsintensität und Behandlungserfolg
Unsere explorativen Analysen zeigen einen interessanten Zusammenhang zwischen Nutzungsintensität und Behandlungserfolg: Nicht die höchste, sondern eine moderate App-Nutzung war mit den besten Ergebnissen assoziiert. Moderate Nutzer zeigten signifikant bessere Werte bei der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (OHIP-14: Koeffizient − 8,24; p = 0,005) und bei der Plaque-Kontrolle (PCR: − 16,2 Prozentpunkte; p = 0,027) im Vergleich zu Wenig-Nutzern. Dass gerade die moderate und nicht die intensivste Nutzergruppe am meisten profitierte, könnte auf einen optimalen Bereich der Nutzungsintensität hindeuten – möglicherweise vermeidet moderate Nutzung eine Übersättigung durch zu häufige Benachrichtigungen, während sie dennoch ausreichend Unterstützung bietet.
#2 Limitierungen
Das Ergebnis unserer Untersuchung wurde maßgeblich durch eine Kombination aus technischem Reifegrad und Implementierungshürden beeinflusst. Wir haben mit einem Minimum Viable Product (MVP) gearbeitet, was zwei wesentliche Einschränkungen mit sich brachte: Zum einen war die Interaktivität eingeschränkt. Push-Benachrichtigungen, die als zentraler Wirkmechanismus von mHealth-Apps gelten, erreichten nur etwa 24 Prozent der Teilnehmer. Die App funktionierte dadurch für viele eher als passives Informationsarchiv statt als aktiver digitaler Begleiter.
Zum anderen scheiterte häufig die Personalisierung. Das klinische Dashboard, das den Patienten ihren individuellen Behandlungsverlauf visualisieren sollte, wurde nur bei 77 Prozent der Patienten überhaupt mit Daten befüllt – mit erheblicher Variation zwischen den Zen-tren (19 – 88 Prozent). Da die Dateneingabe manuell durch das Studienpersonal erfolgen musste, stellte dies eine zusätzliche Arbeitsbelastung dar, die im klinischen Alltag oft nicht leistbar war.
#3 Nutzungsgruppen
Die Nutzungsintensität variierte erheblich. Mittels k-means-Clustering identifizierten wir drei Nutzergruppen: Wenig-Nutzer (30 Prozent), moderate Nutzer (54 Prozent) und Viel-Nutzer (17 Prozent). Die regelmäßige Nutzung erwies sich als entscheidend für den Therapieerfolg. Unsere explorativen Analysen zeigten, dass moderate Nutzer signifikant bessere Ergebnisse bei der Plaque-Kontrolle und der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität erzielten als Wenig-Nutzer. Die bloße Bereitstel-lung der App ohne aktive Nutzung brachte hingegen keinen messbaren Vorteil.
Um die Nutzung zu steigern, müssen künftige Versionen an der wahrgenommenen Nützlichkeit ansetzen: Die Inhalte sollten sich dynamisch an den Behandlungsfortschritt anpassen, funktionierende Erinnerungsfunktionen bieten und möglicherweise motivierende Elemente integrieren, um die langfristige Bindung zu erhöhen.
#4 Zukünftige Einbindung digitaler Angebote in Regelversorgung
Die Parodontitis ist als chronische, verhaltensabhängige Erkrankung ein geeignetes Anwendungsfeld für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), vergleichbar mit Diabetes oder Adipositas, wo Apps bereits erfolgreich erstattet werden. Für eine „App auf Rezept“ fordert der Gesetzgeber jedoch den Nachweis eines positiven Versorgungseffekts.
Unsere Studie war ein wichtiger Realitätscheck: Sie zeigt, dass für diesen Nachweis technisch ausgereiftere Lösungen mit zuverlässiger Interaktivität erforderlich sind. Zudem sollten künftige DiGAs gezielt Bevölkerungsgruppen adressieren, die einen höheren Unterstützungsbedarf haben. In unserer Studie an Universitätskliniken hatten die Patienten bereits ein vergleichsweise hohes Ausgangsniveau, mit niedrigen Ausgangswerten beim Gingival Bleeding Index und hoher Gesundheitskompetenz, sodass zusätzliche Verbesserungen durch die App schwer nachweisbar waren. In der breiten Versorgung mit heterogeneren Patientenpopulationen könnte das Verbesserungspotenzial größer sein.
#5 Feedback
Das Feedback der an der Studie beteiligten Zentren und Patienten war gemischt und aufschlussreich für künftige Entwicklungen. Von den Patienten wurde die App in qualitativen Einzelinterviews und quantitativen Befragungen als benutzerfreundlich und einfach zu bedienen wahrgenommen. Allerdings spiegelte die geringe tatsächliche Nutzungsdauer wider, dass viele den langfristigen Mehrwert im Alltag vermissten. Nur neun Prozent der Patienten griffen auf Inhalte späterer Therapiephasen zu, und 63 Prozent aller Artikelaufrufe konzentrierten sich auf einführende Inhalte. Vonseiten der Studienzentren zeigte sich großes Interesse an der Applikation. Wir haben jedoch gelernt, dass die Umsetzungstreue im klinischen Alltag der entscheidende Faktor ist. Die manuelle Dateneingabe wurde als zusätzliche Belastung empfunden und unterblieb daher häufig. Das zeigt uns: Eine digitale Lösung darf keine Mehrarbeit für das Praxisteam bedeuten, sondern muss sich nahtlos in bestehende Workflows integrieren – idealerweise durch automatisierte Datenübertragung aus der Praxissoftware.
Proof-of-Concept-Studie fragt:
Profitieren Parodontitis-patient/-innen von einer App-Begleitung?
Durch Interviews mit Betroffenen und Experten aus Parodontologie, m-Health und Gesundheitsökonomie identifizierten die an der MDR-Studie beteiligten Wissenschaftler/-innen zunächst Probleme und Hürden in der Versorgung von Parodontitispatienten, bei denen ein digitales Tool helfen könnte. Aus diesen Informationen leiteten sie ab, welche Anforderungen die App erfüllen sollte. Die Phellow seven GmbH, ein Spin-off der Universität Heidelberg, entwickelte auf dieser Basis einen Prototyp des elektronischen Helfers. Bei der klinischen Prüfung der App wurden 194 Patienten an sieben Universitätskliniken in die Studie eingeschlossen, aufgeteilt in Kontroll- und Interventionsgruppen. Die Kontrollgruppen erhielt die PAR-Regelversorgung. Die Patienten in den Interventionsgruppen bekamen die gleiche Behandlung und zusätzlich das Angebot, die App zu nutzen. Im letzten „Arbeitspaket“ ging es darum, zu prüfen, wie die App in die reale Versorgung integriert werden könnte.
Unterm Strich …
Patienten, die die App regelmäßig und intensiv nutzten, zeigten tendenziell ein höheres Wissen über Parodontitis und Mundgesundheit, eine bessere Lebensqualität und geringere Plaque-Werte. „Darum halten wir das Konzept eines digitalen Begleiters für interessant und vielversprechend, insbesondere für chronische Erkrankungen wie Parodontitis, die ein langfristiges Management erfordern“, resümiert Prof. Dannewitz. „Die Studie lieferte wichtige Lernerfahrungen für die Weiterentwicklung der App“, ergänzt Dr. El Sayed. Zukünftige Versionen müssten jedoch interaktiver und benutzerfreundlicher sein, um die Patienten besser zu begleiten.
Quelle: DGZMK
Weitere Autorin: Dr. Nihad El Sayed