Anzeige
Branchenmeldungen 09.08.2018

„Prävention bestimmt auch in den nächsten Jahrzehnten die Zahnmedizin“

Antje Isbaner
E-Mail:
„Prävention bestimmt auch in den nächsten Jahrzehnten die Zahnmedizin“

Die Deutsche Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM) ist eine Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) und hat sich zum Ziel gesetzt, die Mundgesundheit zu fördern und zu verbessern. Die Redaktion der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis sprach mit dem Präsidenten Prof. Dr. Stefan Zimmer (Universität Witten/Herdecke) über die Entwicklungen in der präventiven Zahnmedizin und über Förder- und Fortbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich.

Herr Prof. Zimmer, seit Ende letzten Jahres sind Sie Präsident der DGZPM. Können Sie uns kurz die Fachgesellschaft vorstellen und erläutern, welche Ziele und Aufgaben sie verfolgt?

Die Deutsche Gesellschaft für Präventivzahnmedizin ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft für die zahnmedizinische Prävention in Deutschland. Sie wurde 2011 als gemeinnütziger Verein gegründet und gehört zum Verbund der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung, der DGZ und letztlich unter das Dach der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, der DGZMK. Unser satzungsgemäßes Ziel ist die Förderung der zahnmedizinischen Prävention auf allen Ebenen. Als Fachgesellschaft, die auf universitärem Untergrund entstanden ist, setzen wir uns dabei natürlich primär mit wissenschaftlichen Fragestellungen auseinander, aber es ist uns ein besonderes Anliegen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse den Weg in die Praxis finden, denn letzten Endes ist es immer die Aufgabe von Wissenschaft und Forschung, die zahnmedizinische Versorgung der Menschen in unserem Land zu verbessern. Und diese Versorgung findet nun mal in den Praxen statt.

Damit eine gute und zeitgemäße Versorgung in den Praxen möglich ist, müssen aber auch Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen gestaltet werden. Auch da sehen wir uns in der Pflicht, einen Beitrag zu leisten. Deshalb möchte die DGPZM die primäre Ansprechpartnerin für alle wissenschaftlichen Fragestellungen der zahnmedizinischen Prävention aus Profession, Politik, Gesellschaft und den Medien sein.

Deutschland erreicht bei der Mundgesundheit in den Bereichen Karieserfahrung, Parodontitis und völlige Zahnlosigkeit im internationalen Vergleich Spitzenpositionen, so die DMS V. Sind die ausgeführten Präventionsmaßnahmen ausreichend oder wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Sie haben Recht, wir haben in den vergangenen 25 Jahren in der zahnmedizinischen Prävention Erstaunliches erreicht und sind tatsächlich in einigen Bereichen, zum Beispiel bei der Zahngesundheit der Zwölfjährigen, Weltspitze. Das sollte uns aber nicht selbstzufrieden machen, sondern ermutigen, weiter an dem Ziel der optimalen Mundgesundheit für alle zu arbeiten. Felder gibt es genug. Auf der einen Seite haben wir nach wie vor ein Problem bei den Kleinsten. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass bei den Dreijährigen, deren Milchgebiss sich ja gerade erst ausgebildet hat, bereits rund 14 Prozent mehrere Löcher haben. Das sind vor allem Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Ein anderes Problem, bei dem wir Abhilfe schaffen müssen, ist die sogenannte Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), im Volksmund auch Kreidezähne genannt. Rund 28 Prozent der Zwölfjährigen leiden an mindestens einem Zahn unter MIH, bei 5,5 Prozent liegen sogar bereits Defekte vor, die therapiert werden müssen, und bei einigen hilft nur noch eine Extraktion. Hier müssen wir die Ursachen weiter aufklären, damit wir in Zukunft die Entstehung dieser Erkrankung verhindern können.

Aufgaben liegen auch bei den Erwachsenen und Senioren vor uns. Zwar hat sich die Mundgesundheit auch bei diesen Gruppen verbessert, aber nicht in dem Maße, wie wir es bei den Kindern und Jugendlichen sehen. Also müssen wir hier mehr tun. Das ist gar nicht so einfach, weil die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlte Individualprophylaxe ja mit 18 Jahren endet. Einen Lösungsbeitrag könnte die betriebliche Prävention leisten, eine Art Gruppenprophylaxe für Erwachsene. Hier haben wir gerade in Kooperation mit dem Forum Zahn- und Mundgesundheit ein Pilotprojekt gestartet. Und natürlich müssen wir die Bevölkerung noch mehr über Prophylaxeangebote in der Praxis informieren und motivieren, diese wahrzunehmen. Ein besonderes Anliegen ist mir persönlich die Prävention bei Pflegebedürftigen. Bereits heute leben in Deutschland drei Millionen Menschen mit einem Pflegebedarf, Tendenz stark steigend. Die Mundgesundheit verschlechtert sich üblicherweise ab dem Eintritt in die Pflegebedürftigkeit rapide. Das hat vor allem mit der sinkenden Mobilität zu tun und der damit verbundenen Fähigkeit, selbstständig eine Zahnarztpraxis aufzusuchen. Hier müssen wir als Zahnärzteschaft in Zukunft viel mehr aufsuchend tätig werden, also Senioren- und Pflegeeinrichtungen zahnmedizinisch betreuen und auch zu Hausbesuchen bereit sein, denn 75 Prozent der Pflegebedürftigen leben zu Hause. Die Besuchs- und Zuschlagsleistungen mit und ohne Kooperationsvertrag erlauben auch im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung, die aufsuchende Betreuung von Pflegebedürftigen wirtschaftlich zu erbringen. Und die neuen Leistungen nach § 22a SGB V, die zum 1.7.2018 in Kraft getreten sind, erlauben eine deutlich verbesserte präventive Betreuung. Damit ist ein sehr guter Grundstock vorhanden, den es weiter auszubauen gilt.

Förderung von Forschung und Wissenschaft zählt zu den wesentlichen Zielen der DGPZM. Mit welchen Ausschreibungen bzw. Preisen unterstützen Sie den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Wir haben in Kooperation mit der CP GABA mit Sitz in Hamburg den dgpzm-elmex Wissenschaftsfonds aus der Taufe gehoben. Unterstützt werden Forschungsvorhaben zur Förderung und Verbesserung der Mundgesundheit und zur Verhütung oraler Erkrankungen. Mit dieser Förderung möchten wir Nachwuchswissenschaftlern die Chance geben, ein eigenes Forschungsprojekt im Bereich der präventiven Zahnmedizin durchzuführen und damit im besten Falle die Voraussetzung für eine Anschlussförderung zum Beispiel durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG schaffen. Als Nachwuchswissenschaftler verstehen wir Kolleginnen und Kollegen in Forschungseinrichtungen, die noch keinen Ruf auf eine Professur oder einen Lehrstuhl erhalten haben.

Daneben schreiben wir jährlich auch einen Praktikerpreis aus. Hier geht es darum, die Umsetzung der Prävention in die Praxis zu fördern, indem wir entsprechende Umsetzungskonzepte mit dem Preis belohnen. Förderer dieses Preises ist die Firma Ivoclar Vivadent mit Sitz in Ellwangen. Ich kann nur alle Zahnärztinnen und Zahnärzte, die innovative Präventionskonzepte umsetzen, motivieren, sich um diese Auszeichnung zu bewerben. Der Aufruf geht dabei nicht nur an Zahnarztpraxen, sondern auch den Öffentlichen Gesundheitsdienst und andere Institutionen, also überall dorthin, wo Prävention umgesetzt wird.

Die diesjährige Jahrestagung der DGPZM findet im Rahmen der 32. Jahrestagung der DGZ im Verbund mit der DGPZM und der DGR²Z, der 25. Jahrestagung der DGKiZ und der 3. Jahrestagung der AG ZMB am 28. und 29. September 2018 in Dortmund statt. Mit welchen Themen werden Sie als Fachgesellschaft vertreten sein?

Am Freitag hören wir einen Vortrag zu einem recht neuen spannenden Thema in der Prävention, zu dem es mittlerweile so viele Daten gibt, dass man auf einer wissenschaftlichen Tagung darüber berichten kann. Es geht um Probiotika. Als Referenten haben wir dafür Professor Schlagenhauf aus Würzburg gewinnen können. Er ist ursprünglich Kariologe und später in die Parodontologie gewechselt. Außerdem hat er selbst viel zu dem Thema geforscht. Er ist daher genau der Richtige, um das Potenzial der Probiotika für die Prävention von Karies und Parodontopathien zu beleuchten.

Am Samstag gibt es einen Block zum Thema Prävention bei Senioren und Pflegebedürftigen. Sie haben schon gemerkt, dass mir das Thema besonders am Herzen liegt. Hierfür konnten wir als Referenten zwei erfahrene Praktiker gewinnen: Herrn Dr. Göbel aus Gössenheim und Herrn Dr. Elsäßer aus Kernen. Ich finde, dass die größten Hindernisse bei der zahnärztlichen Betreuung von Pflegebedürftigen nicht in der Fachkompetenz und auch nicht im Honorar liegen, sondern in der praktischen Umsetzung. Hier braucht man ein überzeugendes Organisationskonzept, weil viele Dinge bedacht werden müssen, z.B. die Frage des Zugangs zu den Pflegebedürftigen, ob es einen gesetzlichen Vertreter gibt und das ärztliche Konzil, das immer kurzfristig eingeholt werden muss, weil viele Patienten unter Erkrankungen leiden, die mit der zahnärztlichen Behandlung interferieren. Das kann man natürlich am besten von den Kollegen lernen, die über viel Erfahrung mit diesen Themen verfügen.

Am 17. und 18. Mai 2019 findet in Düsseldorf der erste Präventionskongress der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin e. V. (DGPZM) statt, parallel zum 20. EXPERTENSYMPOSIUM „Innovationen Implantologie“ und dem IMPLANTOLOGY START UP 2019. Was verbirgt sich hinter dem neuen Veranstaltungskonzept?

Mit dem Deutschen Präventionskongress betreten wir mit der DGPZM Neuland. Wir möchten mit diesem Kongress ein Forum schaffen, auf dem sich Wissenschaft und Praxis treffen und zu praxisrelevanten Themen austauschen. Deshalb werden Wissenschaftler und niedergelassene Zahnärzte zu aktuellen Themen referieren. Teilnehmer werden Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Prophylaxefachkräfte sein. Das ist uns wichtig, weil an den Universitäten zwar viel zur Prävention geforscht wird, aber die praktische Umsetzung vor allem in den Praxen stattfindet. Daher brauchen wir einen engen Austausch zwischen Praxis und Universität. Wir bieten deshalb auch bei einem lockeren Get-together die Möglichkeit zum ungezwungenen fachlichen Austausch.

Herr Prof. Zimmer, welche Entwicklung wird das Thema Prävention im nächsten Jahrzehnt Ihrer Meinung nach durchlaufen?

Die Prävention hat neben der Implantologie die letzten zwei Jahrzehnte thematisch maßgeblich bestimmt und wird ganz sicher – mit neuen Fragestellungen wie der Vorbeugung der frühkindlichen Karies, von MIH, der betrieblichen Prävention sowie der Vorsorge von Pflegebedürftigen – auch das nächste Jahrzehnt in der Zahnmedizin ganz wesentlich mitgestalten. Ich freue mich darauf, dabei sein zu können, wenn die deutsche Erfolgsgeschichte der zahnmedizinischen Prävention fortgeschrieben wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: wavebreakmedia/Shutterstock.com
Mehr News aus Branchenmeldungen

ePaper

Anzeige