Branchenmeldungen 30.03.2026
Praxismodell mit Zukunft: Selbstständig, erfolgreich, weiblich
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Im Interview sprechen Dr. Miriam Staudt und Dr. Anna Brock offen über die Klischees, mit denen sie bei ihrer Praxisgründung konfrontiert waren. Die Kieferorthopädinnen führen seit 2021 gemeinsam eine erfolgreiche Praxis und zeigen, dass sich Verantwortung teilen lässt: in der Praxis ebenso wie zu Hause. Damit entkräften sie das Klischee, Kinderbetreuung sei vor allem Frauensache, und senden ein klares Signal: Frauen gehören selbstverständlich in die Selbstständigkeit und in Führungspositionen – nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall.
Weibliches Unternehmertum ist oftmals mit Klischees behaftet. Welche Vorurteile sind Ihnen auf Ihrem Weg in die Selbstständigkeit begegnet?
Staudt: Unsere Kollegen in der Facharztausbildung haben gerne mal von „Muttipraxen“ gesprochen. Was sie damit meinten, sind Praxen, die aus ihrer Sicht eher hobbymäßig geführt werden und einen unterdurchschnittlichen Gewinn erzielen. Auf einer Fortbildung habe ich mich mit einem Kollegen unterhalten, der meinte, die beste Kombination wäre je ein weiblicher und ein männlicher Chef: Dann könne die Frau sich darum kümmern, dass die Zähne gerade werden, und der Mann sei für den wirtschaftlichen Erfolg zuständig.
Brock: Wenn man sagt, dass man selbstständig ist und eine eigene Praxis führt, wird man – gerade im Umfeld mit kleinen Kindern – oft mit großen Augen angeschaut und gefragt, wie das denn überhaupt funktionieren soll. Vätern wird diese Frage in der Regel gar nicht erst gestellt. Darin schwingt häufig die Unterstellung mit, dass man dann wohl zu wenig Zeit mit den Kindern verbringt – und das lässt einen natürlich nicht ganz kalt.
Sie haben Ihre Praxis bewusst gemeinsam gegründet. Welche besonderen Chancen eröffnet eine geteilte Verantwortung – sowohl beruflich als auch privat?
Brock: Ich würde mich immer wieder für eine Gemeinschaftspraxis entscheiden. Natürlich würde man eine Praxis auch allein irgendwie führen können – aber es ist schön, wenn man es nicht muss. Die geteilte Verantwortung bringt für uns klare Vorteile. Wir kennen die jeweiligen Stärken der anderen gut und teilen die Aufgaben entsprechend auf. Bei fachlich komplexeren Fragestellungen ist es außerdem sehr hilfreich, sich austauschen zu können. Selbst wenn man am Ende bei seiner ursprünglichen Einschätzung bleibt, gibt es ein gutes Gefühl, die Entscheidung gemeinsam reflektiert zu haben. Auch betriebliche Entscheidungen treffen wir zusammen – und dann ist das Thema in der Regel auch abgeschlossen. Gerade ich neige dazu, Dinge noch lange zu überdenken und eventuell wieder infrage zu stellen. Wenn wir gemeinsam entscheiden, gibt mir das Sicherheit.
Staudt: Da stimme ich dir zu! Grundsätzlich ist es immer gut, Fragestellungen aus zwei Perspektiven zu betrachten. Sowohl bei allen medizinischen als auch bei den betrieblichen Fragen. Die geteilte Verantwortung sowie die Aufgabenteilung sehe ich auch klar als Vorteil. Schon in der Gründungsphase konnten wir Aufgaben teilen, beispielsweise telefonierte eine mit der Bank, die andere mit den Handwerkern. Eine beschäftigte sich mit den unterschiedlichen Bodenbelägen, während die andere Wartezimmermöbel sichtete. Wir haben definitiv unterschiedliche Stärken: Eine ist in der Kommunikation mit Gutachtern und Patienten geschickter, die andere durchblickt Zahlen schneller. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir uns – da wir beide in Teilzeit arbeiten – gegenseitig vertreten können, wenn die Kinder krank sind. Außerdem müssen wir in den Ferien nicht schließen, sofern es die Schließzeiten von Kita und Schule zulassen.
Welche Voraussetzungen und persönlichen Eigenschaften sind aus Ihrer Sicht wichtig, damit die gemeinsame Leitung einer Praxis gut funktioniert?
Staudt: Ich denke, es ist sehr hilfreich, wenn man die Praxispartnerin oder den Praxispartner vor der Gründung bereits gut kennt. Das war bei uns der Fall – wir wussten schon vorher um die Stärken und Schwächen der jeweils anderen. Außerdem hilft es sicherlich, dass wir beide keine „Alphatierchen“ sind und gut Kompromisse eingehen können.
In der Diskussion um Praxisnachfolge wird häufig auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verwiesen. Wie haben Sie persönlich einen Weg gefunden, beides miteinander zu verbinden?
Staudt: Vorab möchte ich gerne darauf hinweisen, dass wir einen Weg gefunden haben, Selbständigkeit und Familie zu vereinbaren. Das heißt aber nicht, dass wir die Lösung für das allgegenwärtige Problem gefunden haben. Auch bei uns ist es stressig, anstrengend und mit dem ständigen Gefühl verbunden, zu wenig Zeit für die Kinder oder die Praxis zu haben. Eine längere Betreuungszeit in der Kita oder Schule, wie von Politikern gefordert, kann nicht die Lösung sein, denn man gründet eine Familie ja, um Zeit mit dieser zu verbringen. Eine gute Ausbildung, mit der man auch in Teilzeit genug verdient, ist auf jeden Fall der wichtigste Aspekt bei meinem Familie-Praxis-Modell.
Brock: Je älter die Kinder werden, desto einfacher wird es zwar. Dennoch gibt es immer wieder Tage oder Wochen, in denen vieles zusammenkommt und das ganze Konstrukt ins Wanken gerät. Dann muss man von Tag zu Tag neu überlegen und oft auch improvisieren. Im Moment habe ich drei Nachmittage, an denen die Kinder praktisch gar nicht merken, dass ich arbeiten war. Mit zunehmendem Alter der Kinder und ihren eigenen Verabredungen wird vieles entspannter und der Druck lässt nach. Die erste Zeit war allerdings oft hart – es gab Phasen mit Gewissensbissen und natürlich auch mit Überforderung. Es ist ohnehin schon schwer genug, für sich selbst eine gute Lösung zu finden, und gleichzeitig versucht man ja auch noch, den Erwartungen des Umfelds gerecht zu werden. Bewertungen von außen bleiben dabei nicht aus.
In welchem Rahmen unterstützt Sie Ihr Partner am besten – und welche Form von Unterstützung ist für Sie persönlich besonders wertvoll?
Brock: Mein Ehemann arbeitet meist von zu Hause und ist sozusagen das Back-up. Auch wenn das Au-pair die Kinder betreut, kann er in brenzligen Situationen einspringen, etwa zum Arzt oder zum Fußballtraining fahren. Durch seine Arbeit ist er mit seinen Terminen deutlich flexibler als wir in unserem Praxisalltag. Außerdem hat mein Partner mich während der Gründungsphase immer darin bestärkt, meinen Weg zu gehen, und keine Bedenkenträgerei zugelassen. In betriebswirtschaftlichen Fragen konnte er mich ebenfalls unterstützen. Das Wichtigste war aber, jemanden zu haben, der zuhört und mit dem man die anstehenden Probleme besprechen kann. Die Zerrissenheit zwischen Mutterrolle und Beruf kann er allerdings nicht immer vollständig nachempfinden.
Staudt: Mein Ehemann hat seine Stunden reduziert und arbeitet Teilzeit, er holt die Kinder ab und betreut sie an drei Nachmittagen in der Woche. Ich bin ihm dafür super dankbar, denn dadurch, dass die Kinder beim Papa sind, habe ich den Kindern gegenüber nie ein schlechtes Gewissen, wenn ich arbeiten gehe. In unserer Großstadt-Bubble ist er auch nicht der einzige Vater auf dem Spielplatz. Mein Schwiegervater hat allerdings anfangs schon gefragt, wer dann jetzt die Familie ernährt.
Welche Rolle spielen Absprachen innerhalb Ihrer Familie, um Praxisalltag, Kinderbetreuung und Familienleben zu verbinden?
Staudt: Am besten funktioniert es bei uns, wenn wir einen klaren Plan haben: Wer bringt oder holt wen wann und wohin, wer geht zum Elternabend in der Schule und wer übernimmt den Termin beim Fußballverein. Wenn die Zuständigkeiten eindeutig geregelt sind, gibt es auch keine Diskussionen. Das ist im Grunde ganz ähnlich wie bei den Abläufen in der Praxis.
Wie gelingt es Ihnen, berufliche und private Anforderungen zu organisieren und voneinander abzugrenzen?
Staudt: Ich kann Arbeit und Familie ganz gut trennen. Wenn ich in der Praxis bin, denke ich fast nie an zu Hause und umgekehrt. Deswegen nehme ich auch keine Arbeit mit nach Hause und schreibe beispielsweise keine Pläne von zu Hause aus. Manchmal lässt sich das aber natürlich trotzdem nicht verhindern, den ein oder anderen ClinCheck habe ich auch schon im Urlaub bearbeitet.
Brock: Diese klare Trennung ist sicher hilfreich und ich würde sie gern noch konsequenter umsetzen. Hier zeigt sich aber auch der Vorteil des Modells meiner Kollegin. Auch in meinem Arbeitsalltag muss ich für das Au-pair immer ansprechbar sein, zwischendurch schiele ich mit einem Auge auf Kindergarten-Whatsapp-Gruppen oder organisiere spontan Einkäufe und Spielverabredungen. Ganz trennen lassen sich berufliche und private Anforderungen daher nicht immer bei mir.
Blicken Sie auf die Anfangszeit zurück: Welche Unterstützung hätten Sie sich damals zusätzlich gewünscht – sei es durch Politik, Verbände oder Netzwerke?
Staudt: Was ich mir gewünscht hätte, kann ich gar nicht konkret sagen. Aber was ich gut fand und wo ich mir Vorbilder gesucht und gefunden habe. Wir waren mal auf einem Gründungsseminar nur für Zahnärztinnen, da haben zwei Kolleginnen, die schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten, ihr Teilzeitmodell vorgestellt. Das hat mich bestärkt und mir auch gezeigt, dass es mit zwei Frauen in einer Gemeinschaftspraxis sehr gut funktionieren kann.
Welche Vorteile oder Freiheiten sehen Sie in der Selbstständigkeit, wenn es darum geht, Familie und Praxisalltag miteinander zu vereinbaren?
Staudt: Viele Zahnärztinnen denken vermutlich, dass sich Kinder und Beruf in einem Angestelltenverhältnis leichter vereinbaren lassen. Aber was passiert, wenn das eigene Kind krank ist und man kurzfristig ausfällt? Auch dann freut sich die Chefin oder der Chef nicht darüber, wenn Patienten abgesagt werden müssen. In der eigenen Praxis trage ich den Ausfall zwar selbst, muss mich dafür aber niemandem gegenüber rechtfertigen. Im Idealfall kann Frau Brock mich vertreten, sodass es gar nicht erst zu einem Ausfall kommt.
Brock: Insgesamt ist man als Selbstständige sicher stärker eingebunden als in einer Anstellung und hat viele Themen gleichzeitig im Kopf. Gleichzeitig bringt die gemeinsame Praxis auch eine gewisse Flexibilität mit sich. Wenn ein Kind krank ist, kann man beispielsweise den freien Tag tauschen. Und beim Einschulungsgottesdienst kann man auch einmal eine Stunde später mit der Sprechstunde beginnen, weil man solche Entscheidungen als Chefin eben selbst treffen kann.
Staudt: Ganz so flexibel, wie sich das manche vorstellen, ist es dann allerdings nicht. Wenn meine Nachbarinnen beispielsweise sagen „Mach doch einfach früher die Praxis zu und komm um 17 Uhr mit zum Sport“, geht das natürlich nicht. Mit vielen Angestellten und einem vollen Patientenplan ist das weder organisatorisch noch wirtschaftlich so einfach möglich.
Rückblickend: Was würden Sie anderen Kolleginnen und Kollegen raten, die eine Praxis gründen und gleichzeitig eine junge Familie managen möchten?
Staudt: Einfach machen! Natürlich nicht blauäugig, sondern mit einem Plan. Wer kann helfen? Großeltern, Babysitter, Kinderbetreuung oder wie bei mir der Ehemann. Einer meiner Lieblingssprüche ist: „Nicht in Problemen, sondern in Lösungen denken.“ Traut Euch, dafür habt Ihr das Studium durchgezogen!