Anzeige
Branchenmeldungen 21.01.2016

Reise in die Karibik – mit einem Koffer voll Kinderzahnbürsten

Reise in die Karibik – mit einem Koffer voll Kinderzahnbürsten

Bella Risa ist ein Sozialprojekt. Seit einigen Jahren werden in der Dominikanischen Republik und Haiti regelmässig Schulklassen und Waisenhäuser besucht und über Mundhygiene, Ernährung, Karies sowie Zahnfleischentzündungen aufgeklärt. In der Schweiz ist die Schulzahnpflege bereits seit Jahrzehnten die wichtigste Grundlage für das Erlernen der Mundhygiene.

Einheimische Lehrpersonen sowie Heimbetreuerinnen werden in enger Zusammenarbeit mit Schulleiterinnen und Schulleitern vor Ort geschult. Hinter Bella Risa steht keine Organisation, sondern Privatpersonen.

Einführung

Das Paradies hat zwei Seiten – wer kennt sie nicht, die tollen Bilder von weissen Sandstränden, wunderschönen Sonnenuntergängen oder glasklarem Meerwasser. Die Dominikanische Republik ist wahrlich ein Touristenmagnet. Doch man sollte auch mal „hinter die Kulissen“ schauen, den gigantischen Hotelanlagen den Rücken kehren.

Die Dominikanische Republik (kurz Dom. Rep.) ist ein Inselstaat und liegt in den Grossen Antillen, nördlich grenzend an den Atlantik, im Süden und Osten an die Karibik. Sie umfasst eine Fläche von insgesamt 48.700 Quadratkilometern – Vergleich zur Schweiz 41.285 Quadratkilometer. Gemeinsam mit ihrem Nachbarland Haiti im Westen bildet sie die Insel Hispaniola. Mit fast vier Millionen Besuchern jährlich ist die Dom. Rep. die meistbesuchte Karibikdestination – Tendenz steigend. Das Land wird von verschiedenen Reiseveranstaltern angeflogen. Seit Ende der 1970er-Jahre wurden entlang der kilometerlangen Palmenstrände zahlreiche „All-inclusive-Hotelanlagen“ gebaut. Die beliebtesten Ziele sind die Regionen: Punta Cana, Bávaro, Puerto Plata, Samaná, Bayahibe oder La Romana.

Schulprojekt

Wie kam es dazu?
Ich bin schon als Kind mit meiner Familie in die Dominikanische Republik gereist, seither hat mich dieses Land nicht mehr losgelassen. Im Sommer 2009 schloss ich die dreijährige Vollzeitausbildung zur Dipl. Dentalhygienikerin HF an der medi, Zentrum für medizinische Bildung, in Bern ab. Vorher war ich als Dentalassistentin EFZ tätig. Schnell merkte ich, dass ich als Dentalhygienikerin (kurz DH) mehr Freiheiten geniesse. Nach wie vor flüchte ich gerne vor dem kalten Winter in der Schweiz. Als ich 2010 wieder in der Karibik war, unterhielt ich mich mit dem Hotelpersonal über meine berufliche Nebentätigkeit als Schulzahnpflegeinstruktorin. Die Prophylaxe-Schulungen machte ich jeweils freitags, von Montag bis Donnerstag bin ich als DH in der Zahnarztpraxis tätig. Sie wussten nicht, dass es so etwas gibt, und waren sehr interessiert. Jemand sagte im Spass, ich sollte den „Zahnputzunterricht“ in der Dominikanischen Republik einführen. Ihre Kinder hätten das auch nötig.

Bei einer weiteren Reise Anfang 2011 besuchte ich Schulen, um das dominikanische Schulsystem kennenzulernen. Bei diesen Besuchen kamen mir wieder die Worte vom Hotelpersonal in den Sinn, man sollte auch hier Lektionen in „Zähneputzen“ durchführen. Und so kam es dann auch!

Gedanken – Idee realisieren

Zu Hause dachte ich: Warum eigentlich nicht? Ich befasste mich näher mit dem Leben in der Dominikanischen Republik. Ich las viel über Bildung, Gesundheitsweisen, Armut etc. Im Land besteht allgemeine Schulpflicht. Sie ist jedoch nicht überall gewährleistet, weil oft in ländlichen Gegenden die nächste Schule für die Kinder zu weit entfernt ist. Die staatlichen Schulen sind für die Kinder gratis, es muss aber eine einheitliche Schulkleidung gekauft werden (für dortige Verhältnisse eher teuer). Eltern mit mehreren Kindern können sich diese oft nicht leisten. Auch vom Staat könnte mehr in die Bildung investiert werden. Manchmal gehen die Kinder auch tagelang einfach nicht zur Schule. Lieber stehen sie am Strassenrand oder halten sich am Hafen auf, wo die Touristen anlegen – so erhofft man sich ein paar Peso (Landeswährung). Aus persönlichen Gesprächen weiss ich, dass einzelne Dominikaner immer wieder versuchen, mit Booten – oft stark überladen – zur Nachbarinsel Puerto Rico zu gelangen. Diese gelte als wohlhabender und es sei einfacher, Arbeit zu finden. Die Dom. Rep. und Haiti weisen die höchste Arbeitslosenquote Lateinamerikas auf.

Also, was konnte ich tun. Klar, gegen die Armut oder die Probleme im Bildungs- bzw. Gesundheitswesens konnte ich nichts machen. Aber etwas für die Zähne. Ich überlegte mir, dass mit einem freundlichen, schönen Lächeln und damit verbundenen, gesunden Zähnen und Zahnfleisch, vielleicht eher eine Tür in die Arbeitswelt geöffnet wird, z.B. in der Tourismusbranche.

Gut – Zähne, mein Fachgebiet. Herr und Frau Schweizer kennen es selber von der Schule her: Eine Instruktionsperson zeigt den Kindern von klein auf, wie man sich richtig die Zähne putzt. Auch lernen sie, welche Lebensmittel gesunde Zähne gefährden, wie man Karies vorbeugen kann etc. Genau dies wollte ich in der Dominikanischen Republik vermitteln.

In der Schweiz bildet die Schulzahnpflege die wichtigste Grundlage für das Erlernen der Mundhygiene und die zahnmedizinische Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Dieses Konzept hat sich über Jahrzehnte bewährt. Auch bringen die Kinder das Gelernte nach Hause, wodurch die ganze Familie profitiert. Als Dentalhygienikerin und Schulzahnpflegeinstruktorin setze ich mich täglich für die Mundgesundheit unserer Jugend ein. Ich finde es grossartig, dass unsere „Kleinen“ heutzutage die Chance haben, ohne „Löcher in den Zähnen“ aufzuwachsen. Leider haben weltweit nicht alle Kinder dieses Glück, v.a. in ärmeren Ländern hinkt vieles hinterher. Warum kann man nicht das grosse Know-how aus der Schweiz weitergeben. In der Dominikanischen Republik ist neben Karies auch die Gingivitis (Zahnfleischentzündung) ein grosses Problem. Also ist es nicht primär wichtig, mit den Kindern Fluorid-Gelée „einzubürsten“ wie bei uns, sondern überhaupt die korrekte Zahnputztechnik zu lehren. Es soll nicht nur den Kindern in der Schule helfen, sondern Gelerntes soll auch nach Hause getragen werden.

Umsetzung – Erfahrungen

Ich verfolgte meine Idee weiter. Zu Beginn habe ich Briefe an Dentalfirmen geschrieben, telefoniert und Spendenaufrufe in Dentalmagazinen gestartet. Viel ist nicht zusammengekommen, aber immerhin: Als ich im Oktober 2011 in die Dominikanische Republik reiste, nahm ich einen Koffer voll Zahnbürsten mit, welche ich nach den Instruktionen an die Kinder verteilte.

Von zu Hause aus organisierte ich vorgängig via E-Mail, Skype etc. die Besuche in den Schulen. Dabei unterstützten mich Bekannte aus dem Hotel sehr. Viele vom Hotelpersonal wohnen nicht in Punta Cana, der Touristenhochburg, sondern in den ärmeren Regionen um La Romana. Ich wurde von ihnen in den Schulen, welche ihre Kinder besuchen, angemeldet. Man freue sich quasi auf hohen Besuch aus der Schweiz, wurde mir gesagt. Ich wusste nicht recht, was mich erwarten würde. Nach langer Reise und ein paar erholsamen Tagen im Hotel wurde ich samt Taschen voll Zahnbürsten und Instruktionsmaterial mit einem Auto vom Hotel in Punta Cana nach La Romana chauffiert. Vor Ort sprach ich mit der Schulleiterin der kleinen Schule, was ich für Absichten hätte – sie war sofort Feuer und Flamme.

Die Reaktion der Schüler war sehr herzergreifend. Meine erste Lektion werde ich nie vergessen: Ich betrat den Raum mit der Schulleiterin, die Kinder standen auf und riefen im Chor „Buenos dìas!“, blieben stehen und warteten ganz ruhig, bis ich sie bat, wieder Platz zu nehmen. Und am Schluss meiner Präsentation gab es sogar Applaus! In der Schweiz muss man oft erst einmal für Ruhe sorgen, wenn man in die Schulklassen kommt – da herrscht oft das totale Chaos. Auch die Lehrpersonen haben positiv auf meinen Einsatz reagiert. Sie haben erst mal nur gestaunt. Man konnte fast nicht glauben, dass da jemand mit Zahnbürsten und Zahnpasta-Mustern kommt! Aber sowohl die Schüler als auch die Lehrer waren sehr offen. Ich gab den Schülern und anschliessend auch den Lehrpersonen Instruktionen und Informationen rund um die Mundgesundheit. Die Kinder, die Lehrpersonen und auch die Schulleitung sprachen mir ihre Dankbarkeit aus und äusserten den Wunsch, weiterhin solche Instruktionen zu erhalten.

Ich sah schnell, meine Arbeit hat Potenzial. Im Allgemeinen gibt es kaum Abmachungen, was die Schüler im Unterricht konsumieren dürfen. Auf allen Tischen stehen Softdrinks wie Pepsi, Fanta oder ähnliches. Ich habe erlebt, dass Oberstufenschüler Lollipops während des Unterrichts lutschten. Die Ernährung ist oft in den Pausen auch nicht gesünder, als „Znüni“ werden mehrheitlich Chips, Kekse oder dergleichen gegessen. Regeln in der Schule gibt es meines Wissens nicht. Auch bemerkte ich, beim Präsentieren von Bildern, welche Kinder mit Karies zeigten, dass einzelne Kinder den Mund öffneten und den anderen zeigten, dass sie auch überall Karies hätten. In der Regel geht man erst zum Zahnarzt, wenn man Zahnschmerzen hat. Oft ist es dann aber schon zu spät und der kariöse Zahn muss gezogen werden. Wenn die Milchzähne zu früh verloren gehen, hat das fatale Auswirkungen auf das bleibende Gebiss. Mein Schulprojekt war und ist für mich immer wieder eine grosse Herausforderung und zugleich eine wunderbare Erfahrung.

Zukunft – Ziele

Kaum von einer Reise zurück, laufen auch schon die Vorbereitungen für die nächste Reise an. Mein Ziel ist es nun, mein Schulprojekt regelmässig zu wiederholen, um den Lerneffekt gewährleisten zu können und weitere Schulen und Waisenhäuser zu besuchen. Ich startete mein Projekt als Privatperson und ohne Unterstützung durch eine lokale Organisation. Das ist bis heute so geblieben. Eine Organisation vor Ort dafür zu gewinnen, ist schwierig, und stünde eine grössere Organisation dahinter, hätte ich Bedenken, dass ein Teil der eingesetzten Gelder nicht am richtigen Ort ankommen könnten. Deshalb zeige ich den Schulkindern lieber selber, wie sie ihre Zähne pflegen können. Ich rege bei den Schulleitungen aber immer wieder an, sie sollen mein vermitteltes Wissen in den Unterricht einbauen.

Ideen habe ich noch viele. Bei meinem nächsten Einsatz werde ich versuchen, die Schulleiter für zahngesunde Znünis zu sensibilisieren. Auch möchte ich nach Möglichkeit ein Gespräch mit Verantwortlichen im Bildungssektor der Stadtregierung suchen und einen Artikel auf Spanisch für die lokale Zeitung verfassen. Als finale Idee verfolge ich, eigene Schulzahnpflegeinstruktorinnen in den Schulen von La Romana anzulernen. So könnte das Gelernte nachhaltig Früchte tragen. Dafür ist aber weiterhin Freiwilligenarbeit nötig, um die Umsetzung in verschiedenen Schulen fortzuführen. Diese Aufklärung und Prävention hat auch in der Schweiz vor Jahren dazu beigetragen, dass Karies und Zahnfleischentzündungen markant zurückgegangen sind. Dass sich ein solches System mit Freiwilligen in den Schulen der Dominikanischen Republik etabliert, ist zurzeit eher illusorisch. So werde ich weiterhin teilweise unbezahlte Ferien nehmen und neben meinem privaten Urlaub, u.a. dem schönen Nichtstun am Strand, auch den Schulen in La Romana immer wieder einen Besuch abstatten.

Im Schnitt fliege ich ein- bis zweimal jährlich in die Dominikanische Republik. Ich könnte noch viel mehr Material jeweils mitnehmen, Arbeit gibt es noch genug. Doch weil ich als Privatperson tätig bin, muss ich die Transportkosten möglichst tief halten. Ich bin deshalb um jede noch so kleine Spende und jede Form von Unterstützung froh und dankbar.

Mein privates Projekt heisst „Bella Risa“ und will – wie es der spanische Name andeutet – das schöne Lachen dank gesunder Zähnen erhalten. Hinter Bella Risa steht keine Organisation, sondern Privatpersonen. Viele Fotos und weitere Infos auf: www.bellarisa.ch und auf https://www.facebook.com/bellarisa.jimdo/?fref=ts.

Schlussfolgerung

Als Schweizerin habe ich das Privileg, in das schöne, aber eben auch von Armut betroffene Land in den grossen Antillen in die Ferien zu reisen. Mit meinem Engagement möchte ich etwas zurückgeben.

Ich bin sehr stolz und freue mich zu sehen, was man erreichen kann. Ich hätte nie gedacht, dass aus der Idee, welche im Spass entstanden ist, so ein grossartiges Projekt werden konnte. Gerne erinnere ich mich an meinen ersten veröffentlichten Artikel in der Regionalzeitung (Januar 2012) mit der grossen Überschrift: Mit 400 Zahnbürsten in die Karibik. Damals war ich schon stolz auf die 400. Zwei Jahre später, 2014, brachte Bella Risa wieder viele Zahnbürsten, Zahnpastatuben, Sanduhren etc. über den Atlantik – erstmals über 4.000. Und die Reise geht weiter.

Schulprojekt Bella Risa
Bitte helfen auch Sie mit! Für Spenden bin ich sehr dankbar.
Spenden an:
Raiffeisenbank Willisau IBAN: CH32 8121 1000 0077 1580 7
Zugunsten: Daniela Frey Perez
Vermerk: BELLA RISA

Foto: © Bella Risa
Mehr News aus Branchenmeldungen

ePaper

Anzeige