Branchenmeldungen 06.10.2026

„Unser Gesundheitswesen belohnt Krankheit, nicht Gesundheit“



Die im Juli vom Bundesrat gebilligte Gesundheitsreform (GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz) wird die Gesundheitsversorgung in Deutschland verändern, und zwar radikal. Die Ärztin und Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und dem Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin, Prof. Dr. Mandy Mangler, ordnet die Novellierungen für uns ein und weist dabei auf einen sehr wichtigen Punkt hin: dass dieses als Reform getarnte Sparpaket, Verlierer hervorbringen wird. 

„Unser Gesundheitswesen belohnt Krankheit, nicht Gesundheit“

Foto: Marek Studzinski – unsplash.com

Und zu diesen Verlierern werden Frauen, Kinder und sozial Schwache gehören.

Die anstehenden Veränderungen im Gesundheitswesen sind keine Reform, sie sind ein folgenschweres Sparpaket. Wir geben beachtliche zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für das Ressort Gesundheit aus, ohne dass dadurch die Lebenserwartung der Deutschen im OPEC-Vergleich besonders hoch sei, Prävention großgeschrieben und Krankheit vermieden wird oder wir überhaupt eine gesunde Bevölkerung haben. Die Problematik dahinter: Unser Gesundheitswesen gibt diese 12 Prozent ungesteuert aus. Es gibt keine oder nur eine wenig kluge Steuerung. Wir wenden beispielsweise wahnsinnig viele finanzielle Ressourcen für Labordiagnostik oder teure Therapien auf, die sich im Zweifelsfall aber nicht in mehr Gesundheit oder besserer Lebensqualität niederschlagen. Das ist ein riesengroßes Problem.

Krankheits- statt Gesundheitswesen

Ein Grund, der die Ausgaben stetig steigen lässt, ist das Agieren der Pharmaindustrie in Deutschland. Medikamentenpreise können hierzulande, über einen abgesteckten Zeitraum, frei bestimmt werden. Das bedeutet, dass es eine große Gewinnmarge im deutschen Gesundheitswesen gibt und wir so ein Gesundheitswesen generieren, das letztlich Krankheit und nicht Gesundheit belohnt. Man könnte deshalb auch zugespitzt sagen: Eigentlich haben wir kein Gesundheitswesen. Wir haben ein Krankheitswesen, und solange an Krankheit in großem Maße verdient wird, steht Gesundheit an zweiter Stelle. Das ein Grundprinzip der klassischen Marktwirtschaft. Das ist die Realität, der Punkt, an dem wir uns befinden und zugleich der Ausgangspunkt, auf dem diese Gesundheitsreform fußt.

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„Die Frauenheilkunde wurde schon in den vergangenen Jahren systematisch finanziell abgewertet. Und diese Abwertung wird mit dem Sparpaket fortgesetzt.“ (Prof. Dr. Mandy Mangler)

Keine eigentliche Reform

Obwohl allen Beteiligten schon seit längerem klar ist, dass die Kosten das System sprengen und sich etwas fundamental ändern müsste, hat man sich nicht für die grundsätzliche, strukturelle wie inhaltliche Reform eines nicht mehr tragbaren, unzeitgemäßen Gesundheitswesens entschieden, sondern – ganz im Gegenteil – mit einer Expertengruppe angefangen, irgendeine Reform anzupacken – ein beliebtes Vorgehen des ehemaligen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach. Lauterbachs Nachfolgerin, Nina Warken, hat diesen Kurs geändert und in eine Richtung geführt, die ebenso eine eigentliche Reform vermeidet. Ihr Ansatz: Es wird flächendeckend pauschal gestrichen, Ausgaben eingespart, indem Angebote und Leistungen kurzum verschwinden.

Scheinbare Gerechtigkeit

Diese Gießkannenmentalität ist höchst problematisch, weil sie sowohl die Ärmsten der Armen und diejenigen trifft, die strukturell ohnehin schon benachteiligt sind. Alle werden - scheinbar gerecht - prozentual gleichermaßen von den Reformmaßnahmen getroffen. Das heißt aber: Wir sparen bei den Kindern, wir sparen bei den Frauen, wir sparen bei den Behinderten – bei all diesen Gruppen – genauso viel wie bei den Reichsten der Reichen, dort, wo das meiste Geld ist und dort, wo man anders ansetzen müsste, um ein gerechtes, reflektiertes Vorgehen zu sichern.

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„Wer sind die Verlierer dieser sogenannten Gesundheitsreform? Die Schwächeren. Weil sie prozentual genauso viel sparen müssen wie alle anderen. Doch bei diesen anderen hätte man genauer hinschauen und ansetzen sollen.“ (Prof. Dr. Mandy Mangler)

Dramatische Konsequenzen

Für die Frauengesundheit kann man aus den bisher veröffentlichen Budgetierungsvorhaben ableiten, das, beispielsweise Schwangerenvorsorge, Impfmedizin und Prävention, gekürzt werden. So wird etwa das Budget für Impfungen reduziert und das Budget für Vorsorgeuntersuchungen in der Gynäkologie gekürzt. Dazu muss man wissen, dass ohnehin weniger als 50 Prozent der Frauen Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Wenn dieses Budget noch weiter gedeckelt wird, wird es auf Kosten der Vorsorge gehen. Auch beim Impfen, wie etwa bei der HPV-Impfung, sind die Aussichten trübe. Wenn nur noch ein knappes Budget zur Verfügung steht, werden beispielsweise Kinderärzte natürlich eher lebenswichtige Impfungen wie Masern, Mumps und Röteln impfen als Impfungen, die als sekundär lebenswichtig angesehen werden, wie die HPV-Impfung. HPV vermeidet Gebärmutterhalskrebs. In anderen Ländern hat man gesehen, dass es bei einer hohen HPV-Impfquote viel weniger Frauen mit Gebärmutterhalskrebs, einer wirklich bösartigen Erkrankung, gibt. Die bisherigen Krebsvorsorgeerfolge derart aufs Spiel zu setzen, ist fahrlässig.

Warum so und nicht richtig?

Man bedenke auch: Wir haben in Deutschland eine miserable Impfquote von unter 50 Prozent bei Mädchen und noch viel weniger bei Jungs. Auch hier werden wir mit der Budgetierung weiter schwächer. All das verärgert mich enorm und ich frage die Politiker: Warum? Warum hat man es nicht geschafft, sich grundsätzlich mit der Struktur unseres Gesundheitswesens zu beschäftigen, um zu sagen: Wir wollen alles tun, um eine gesunde Bevölkerung zu erwirken, damit Krankheit gar nicht erst entsteht? Ein absurdes Beispiel: Wir bieten ein Lungenkrebs-Screening, sparen jedoch beim Hautkrebs-Screening, beim Mammografie-Screening und anderen Maßnahmen zur Prävention von Erkrankungen und Krankheiten. Während andere Länder die Tabaksteuer hochsetzen, um Menschen gezielt vom Rauchen abzuhalten, installieren wir ein Lungenkrebs-Screening. Was soll das? Die traurige Wahrheit: mit Lungenkrebs-Screenings lässt sich Geld verdienen. Das kann doch nicht wahr sein! Wir müssten die allgemeine Bevölkerung ermächtigen, sich so gesund wie möglich zu ernähren. Das heißt, wir müssten Zucker und ungesunde Lebensmittel schwer zugänglich machen. Wir müssten, im Gegenzug, gesunde Lebensmittel günstiger anbieten, um so eine gesunde Lebensweise unterstützen. Wir müssten die Tabaksteuer erhöhen, den Zugang zu Alkohol erschweren und so weiter und so fort. Wir müssten, aber wir tun es nicht. Und noch ein Punkt, der mich in besonderer Weise persönlich traurig macht: Auch wir Ärzt/-innen werden von diesem System instrumentalisiert und gewissermaßen dafür bestraft, wenn wir gesunde Menschen „produzieren“ und uns nicht auf lukrative Eingriffe und ähnliches konzentrieren. Hier schließt sich der Kreis zu meinen Hinweisen am Beitragsanfang. Unsere sogenannte Gesundheitsversorgung ist auf Krankheit, nicht auf Gesundheit, ausgelegt.

Beispiel Schwangerenvorsorge

Kommen wir nochmal zurück zur schon genannten Schwangerenvorsorge. Auch sie wird jetzt gedeckelt. Das heißt, niedergelassene Gynäkolog/-innen dürfen nur eine gewisse Zahl an Schwangeren betreuen. Jede weitere schwangere Patientin, die sich in den Praxen vorstellt, wird nicht bzw. nur mit einem lächerlichen Minibeitrag vergütet. Damit werden Praxen unter einen enormen wirtschaftlichen Zwang gelegt. Und dieser Zwang wird sich eventuell darin äußern, dass sie vermehrt Selbstzahlerleistungen anbieten, gesetzt des Falles, dass dies überhaupt legitim ist. Noch aber wissen wir nur sehr wenig dazu, wie sich das Geplante tatsächlich auf die Praxis auswirken wird. Wie aus der Vergangenheit bekannt, erfahren Krankenhäuser und niedergelassene Praxen immer erst sehr spät und somit mit nur einem kurzen zeitlichen Vorlauf für ein wirkliches Verstehen und mögliches Veto, konkrete Details zum Budget. Dieses kurzfristig übermittelte Verändern der Spielregeln ist ein beliebtes und wiederkehrendes Stilmittel des Bundesgesundheitsministeriums.

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„Wie kann es sein, dass wir bei der Lebenserwartung in Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt liegen und ein System fördern, das Krankheit belohnt? Weil Lobbyisten an Krankheit Geld verdienen.“ (Prof. Dr. Mandy Mangler)

Entgelt ≠ hochspezialisierte Leistung

Noch ein Beispiel für die Schieflage des Systems: Kürzlich kam eine Akut-Patientin mit starken Blutungen zu uns in die Klinik. Sie befand sich dann mehrere Tage auf der Intensivstation, wäre an den Folgen ihrer Erkrankung fast verstorben und musste schlussendlich notoperiert werden, wobei wir die Gebärmutter entfernten. Die Patientin erhielt für ca. zwei Wochen eine hochspezialisierte Leistung, die ein enormes medizinisches Know-how von uns als Behandelnde verlangte, und was bekamen wir dafür von der Krankenkasse? 6.000 Euro. Nirgendwo sonst würde man für so eine Patientin bzw. erbrachte Leistung einen solchen Betrag erhalten. In Amerika beispielsweise, werden hierfür sechsstellige Summen in Rechnung gestellt. Fest steht: So können wir die Qualität nicht halten. Oder anders gesagt, dieses Vorgehen ist wie ein Experiment am lebenden Organismus. Und die, die am meisten darunter leiden, sind die Patienten. Noch fehlt der breiten Bevölkerung diese Erkenntnis, wir aber in den Praxen und Krankenhäusern ahnen nur zu gut, was auf dem Spiel steht. Und weil die Situation so ist, wie sie ist, entwickeln wir in der Klinik eine Art Galgenhumor und sagen einander, dass wir uns später, wenn wir alt und bedürftig sind, gegenseitig therapieren, operieren und behandeln müssen, denn es wird keinen anderen mehr geben, der es macht, kann und auch möchte. Denn auch die Ausbildung wird von der Budgetierung betroffen sein, zudem werden sich keine Mitarbeitenden mehr das antun, was wir teilweise Tag und Nacht leisten.  

Wechseljahre und Geburten im freien Fall

Abschließend möchte ich noch kurz auf zwei Punkte eingehen: Zum einen auf das Thema Wechseljahre. Schon jetzt besteht keine Vergütung von Beratungen menopausaler Patentinnen. Das bedeutet, eine Frau, die eine fundierte Wechseljahre-Beratung von ca. 30 bis 45 Minuten benötigt, findet dazu kein GKV-Angebot in den Praxen. Wir haben hier also schon jetzt und per se eine sehr schlechte Ausgangslage, Frauen in den Wechseljahren strukturell gut und stark zu begleiten. Und diese Ausgangslage wird sich zukünftig um ein weiteres verschlechtern.

Zum anderen sehe ich das Thema Geburten in Deutschland ausgesprochen kritisch. Wir haben 650.000 Geburten pro Jahr in diesem Land. Dabei werden 650.000 Kinder geboren, von 650.000 Müttern und 650.000 Vätern. Das macht knapp zwei Millionen Menschen, die pro Jahr Beistand und Hilfe bei Geburten benötigen, die jedoch strukturell nicht unterstützt sind. Das Sparpaket hat für diese Menschen und ihre Erwartung an und Anspruch auf eine qualitativ hochwertige Versorgung, keine Antwort. Wenn sich Geburtshilfen nicht mehr in Lage sehen, ihre Leistungen aufrecht zu halten, bleibt die nicht unwesentliche Frage, welche Form von Struktur schwangere Frauen in Anspruch nehmen und wo sie konkret hingehen können, um versorgt zu werden. All das kreist um ein jahrhundertealtes Kernproblem: Frauen fehlt der ihnen zustehende Stellenwert. Sie machen die Hälfte der Bevölkerung aus, sind aber Patienten zweiter Klasse. Was sie bräuchten, ist eine starke, verbindliche Gesundheitsstruktur in Bezug auf frauenspezifische Erkrankungen, von Endometriose über Wechseljahre und Verhütung bis hin zu Geburtshilfe, Postpartum-Depression und weibliche Altersbeschwerden.

ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis 10/26

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Dieser Bbeitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

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