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Branchenmeldungen 08.05.2017

Zahnärzte sind Spitzenverdiener – oder doch nicht?

Jana Schikora
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Der kürzlich auf ZWP online erschienene Artikel „Zahnärzte sind Spitzenverdiener“ löste bei den Lesern unterschiedlichste Reaktionen aus. Der 2014 approbierte Zahnarzt John Frederic Jennessen stand uns im Interview Rede und Antwort, um seine Sicht der Lage darzustellen.

Herr Jennessen, wie bewerten Sie persönlich die finanzielle Situation junger Zahnmediziner in Deutschland?

Ich freue mich aus Sicht eines (relativ) frisch approbierten jungen (29 Jahre alt) Zahnarztes zu diesem Thema sprechen zu dürfen. Bereits in den vorklinischen Kursen, während viele meiner Kommilitonen noch nicht sicher waren, ob dieser Studiengang der richtige für sie ist, muss tief in die Tasche gegriffen werden. Je nach Universität sind schon vom ersten Semester an Investitionen allein an Materialkosten für den Vorklinikkoffer von 4.000–6.000 Euro nötig. In der Klinik kann dies dann leicht, je nach individuellen Fähigkeiten, bis auf 13.500 Euro eskalieren. Und ich wiederhole: nur für Materialkosten.

Dies führt zu einem erhöhten Druck für die Studenten und zu unglaublicher Angst, Kursteile nicht auf Anhieb zu bestehen, um die Kosten nicht noch weiter steigen zu lassen. Dass eine druckbehaftete Lernatmosphäre dem Lernerfolg nicht zuträglich ist, versteht sich von selbst. Man muss bedenken, dass es sich um ein Vollzeitstudium handelt und man oft morgens um 7.00 Uhr das Haus verlässt und abends gegen 19.00 Uhr nach Hause kommt. Da ist kaum ein Nebenjob möglich.

Ich selber bin mit einem etwas blauäugigen Optimismus an das Studium herangetreten. Ich dachte, dass nach dem Studium, das schließlich insgesamt fünf Jahre dauert, zwischen 3.000–5.000 Euro unproblematisch seien an monatlichem Bruttogehalt zu erwirtschaften. Das sind ungefähre Vergleichswerte meiner Freunde aus Bachelor-Studiengängen, womit ich auch rechnete. Erst nach dem Studium wurde mir klar, dass ich mit meinem Einstiegsgehalt von 2.500 Euro brutto pro Monat außerordentlich gut aufgestellt war für eine Vollzeitstelle (40 Stunden), denn viele meiner Kommilitonen waren deutlich darunter angesiedelt.

Man muss natürlich bedenken, dass viele ihr Studium präfinanzieren, indem sie als Zahntechniker/-innen oder Zahnarzthelfer/-innen arbeiten. Einige meiner Mitstudenten wurden während des Studiums Eltern und gerade für die ist ein Einstiegsgehalt zwischen 1.600–2.500 Euro (in Kliniken ca. 4.000 Euro nach Marburger Vertrag in den ersten vier Jahren), welches in der Assistenzarztzeit verdient werden kann (zwei Jahre, um seine Kassenzahnärztliche Zulassung zu erhalten) sehr wenig.

Ich persönlich sehe es aus wirtschaftlicher Sicht als vollkommen vernünftig an, dass Praxisinhaber ihre Assistenzärzte zu solchen Konditionen beschäftigen, da in den ersten etwa drei Monaten nach Approbation eine Orientierungsphase nach der Universität gebraucht wird, um seine Patientenführung und Behandlungen weiterzuentwickeln. Aber da liegt auch nicht das Problem. Viele Praxisbetreiber können nicht mehr bezahlen. Der Arbeitgeber muss knallhart kalkulieren, um am Ende kein Verlustgeschäft heraufzubeschwören. Der Assistenzarzt befindet sich im Spannungsfeld zwischen pekuniären Problemen des Arbeitgebers und dem eigenen finanziellen Druck, welcher allein durch das Alter des Studiumsabsolventen resultiert.

Ich bin unzufrieden mit der finanziellen Situation unserer Arbeitswelt und sehe ähnliche Probleme bei meinen Freunden. Die Erklärung liegt im gesunkenen Einkommen der Zahnärzte in Privatpraxen und den höheren Kosten für QM, Material und Personal. Dadurch ist auch ein drastischer Investitionsstau in den niedergelassenen Zahnarztpraxen zu sehen, der durch fehlende Überhänge provoziert wird, das ist aber hier nicht das Thema.

Finden Sie die momentane Gehaltslage angemessen?

Das Gehalt muss an dem erwirtschafteten Erfolg eines Behandlers in der Praxis gemessen werden. Um dieses zu honorieren, ist eine Gewinnbeteiligung unerlässlich. Allerdings ist dies in vielen Praxen aufgrund der vorherrschenden Strukturen oft nur eine Phrase, denn wenn keine wirtschaftlich lukrativen Behandlungen abgerechnet werden können, weil der Chef z.B. die gewinnbringenden Behandlungen durchführt, kommt auch kein ausreichender Gewinn zustande (greift je nach Vertrag und Grundgehalt erst ab 10.000–15.000 Euro), um überhaupt eine Gewinnbeteiligung zu generieren.

Gemessen am Studium, welches bei vielen zur Belastungsgrenze führt und der Dauer des Studiums, der Verantwortung bereits direkt nach Beginn der Tätigkeit, kann ich sagen: Nein, ich bin nicht zufrieden. Man bedenke, dass einige bis zu sechs Jahre auf einen Studienplatz gewartet haben. Ich hoffe, dass wenigstens die neue Approbationsordnung, die zum Mitte des Jahres erwartet wird, eine Verbesserung der Situation im Studium schafft.

Wo sehen Sie selbst Verbesserungen für die Verdienstmöglichkeiten? Wo können entsprechende Weichen (z.B. in der Politik o.Ä.) gestellt werden?

Die Politik versucht gerade durch das Selbstverwaltungsstärkungsgesetz die Rolle der Zahnärzte „zu stärken“. Ich hoffe, dass der Name dort Programm sein wird, erste Tendenzen gehen allerdings in eine andere Richtung. Es muss eine grundsätzliche Balance geschaffen werden von Hygienemaßnahmen und QM, welche die Praxis belasten, zur Verdienststruktur in Praxen, welche die Praxis entlasten. Die Hygienerichtlinien und das QM, welche von der Politik und vom Berufsstand gefordert werden und astronomische Ausmaße erreicht haben, da sie den Kostenballon aufblasen und zusätzliche Verwaltungsarbeit bedürfen, sodass zum Teil auch zusätzliches Personal benötigt wird.

Und auf der anderen Seite reell fallende Punktwerte, wodurch der Gewinn reduziert wird. Es gab die goldenen Zeiten für Zahnärzte, das ist richtig. Aber davon sind wir weit entfernt. Der Zahnarzt ist heutzutage in einer Konkurrenzsituation vor allem in Ballungsräumen, sodass z.B. auch Budget für Marketing benötigt wird, worüber man früher gar nicht nachdenken musste. Um nur einen Anfang aufzuzählen: Hygiene, Gehälter, QM sowie Marketing treiben die Kosten in die Höhe, der Verdienst ist allerdings nicht dementsprechend gestiegen.

Die Politik müsste, wie es in der zahnärztlichen Standespolitik (nicht aber bei den Humanmedizinern) üblich ist, mit geleitet werden von Zahnärzten/-innen, die gleichzeitig selbstständig in Zahnarztpraxen arbeiten. Dadurch würde eine Politik betrieben werden, die im Sinne der Patienten und der Ärzte ist, und nicht nur Kostenstrukturen analysiert, aber nicht begreift, welche medizinische Relevanzen es zu berücksichtigen gibt und welche Vorhaben praxistauglich sind, um eine Steigerung der Patientengesundheit zu verursachen.

Aus welchen Beweggründen haben Sie sich für das Zahnmedizinstudium entschieden? Spielte die Aussicht auf einen überdurchschnittlichen Verdienst eine Rolle?

Ich war schon immer an der Medizin interessiert. Meine Eltern sind Ärzte (Kinderärztin und Orthopäde) und ich wollte ursprünglich Schönheitschirurg werden. Durch etliche Praktika in der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie und aufgrund meines Abiturdurchschnitts (2,1) habe ich die Zahnmedizin fokussiert und meine Bewerbung in diese Richtung gelenkt, anfangs mit dem Wunsch, später in die Humanmedizin wechseln zu können.

Durch meine privilegierte Situation des Studiums an der Universität Heidelberg konnte ich den kompletten vorklinischen Abschnitt parallel mit der Humanmedizin absolvieren. Zu Beginn der zahnmedizinischen Kurse (FS 4) wusste ich, dass ich nicht mehr wechseln möchte (was wohl auch sehr schwierig geworden wäre), sondern die Zahnmedizin mit ihren filigranen handwerklichen Anforderungen das Gebiet ist, in dem ich später tätig sein möchte. Der Zahnarzt ist der Arzt, der sich eine lebenslange Patientenbindung aufbauen kann, ein wichtiger Grund für meine Berufswahl.

Meine Eltern rieten mir von der Medizin ab. Das kann ich ihnen auch nicht verübeln, da es in der Humanmedizin während ihrer Tätigkeitszeit große Einschnitte gab. Sie glaubten, dass es mit der Zahnmedizin einfacher wäre, eine vernünftige „Work-Life-Balance“ zu implementieren. Für mich selber ging es um das Ärztliche und der Gedanke an meine freie Verwirklichungsmöglichkeit, sowohl in meiner Arbeitssituation als auch in meiner Verdienststruktur. Jetzt erscheint es eher so, als würde es strenge Grenzen geben.

Wenn die Zahlen aus der StepStone-Analyse nicht zutreffen: Was verdient ein junger Zahnmediziner im Durchschnitt?

Nicht nur meiner Erfahrung nach, sondern auch die Quellen wie Ärztefinanz.de, FAZ.net oder Gehaltsreporter.de zeigen, dass die StepStone-Quelle auf die Zahnmedizin nicht angewendet werden kann. Ein junger, frisch approbierter Zahnarzt verdient zwischen 18.000 und 30.000 Euro brutto im Jahr. Dieses Gehalt kann während der ersten zwei Assistenzjahre auf bis zu 50.000 Euro brutto im Jahr ansteigen.

Die Promotion hat keinerlei Auswirkungen auf den Verdienst. Viel mehr wird von den Assistenten mehr und mehr verlangt, in teure Curricula oder Masterstudiengänge zu investieren (Kosten zwischen 8.000 und 38.000 Euro). Diese Situation führt ebenfalls anfangs zu keinerlei Gehaltserhöhungen, aber verursacht Kosten.

Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Einschätzungen, Herr Jennessen!

Foto: Photo Feats – stock.adobe.com
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