Branchenmeldungen 20.10.2022

Genau mein Ding: Spezialisierungen und Fachzahnarztweiterbildung

Genau mein Ding: Spezialisierungen und Fachzahnarztweiterbildung

Foto: famveldman – stock.adobe.com

Interessante Marktnischen für Zahnmediziner

Welche Vorteile bringen Fachzahnarztausbildungen oder sogenannte Gebietsbezeichnungen, also die Ausweisung zahnärztlicher Spezialgebiete? Zahnärzten bieten sich in Sachen Spezialisierung viele Optionen, deren Vor- und Nachteile u. a. im wirtschaftlichen Bereich jedoch bereits im Vorfeld einer Spezialisierungsstrategie Berücksichtigung finden sollten.

Zusatzqualifikationen und die Spezialisierung auf bestimmte Patientengruppen und/oder Leistungen bieten eine gute Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzuheben und Einkommensnischen zu erschließen. Dies gilt insbesondere in Regionen mit großer Zahnarztdichte. Neben dem mit einer Spezialisierung verbundenen Potenzial auf Einnahmenseite sind jedoch auch die Kosten zu berücksichtigen. So kann eine Spezialisierung beispielsweise hohe Investitionen und Betriebskosten nach sich ziehen oder bei Konzentration auf ein spezielles (und damit eingeschränktes) Behandlungsangebot unter Umständen die Anschaffung kostenintensiver medizintechnischer Geräte obsolet machen. Schließlich sind die Anforderungen an die Geräteausstattung einer Praxis, die die gesamte allgemeinzahnärztliche Leistungsbandbreite abdeckt, groß. Die Vorhaltung von Geräten für Röntgendiagnostik, Prophylaxe/PZR und Wurzelkanalaufbereitung ist ebenso erforderlich wie gegebenenfalls die Ausstattung im Bereich der Implantologie oder ein eigenes Praxislabor zur Herstellung von Zahnersatz oder anderer zahntechnischer Produkte.

Die Gründe für eine Spezialisierung sind jedoch nicht nur im finanziellen Bereich zu suchen, sondern entspringen häufig auch der persönlichen Begeisterung für ein bestimmtes Themengebiet oder dem Wunsch nach einer Reduzierung der Arbeitsbelastung.

Neben Fachzahnärzten der Kieferorthopädie oder Oralchirurgie und Fachärzten der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sind zahnmedizinische Spezialisten vor allem auf den Gebieten Implantologie, Parodontologie, Ästhetik, der Kinder- oder auch der Seniorenzahnmedizin gefragt. Aber auch Tätigkeitsschwerpunkte bzw. Masterabschlüsse in zahnmedizinischen Bereichen wie Laserzahnheilkunde oder computerunterstützte Zahnmedizin können sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, bestimmte Zielgruppen besser zu erschließen.

Spezialisierungsmöglichkeit Fachzahnarztausbildung

Voraussetzung für eine fachzahnärztliche Weiterbildung ist die Approbation als Zahnarzt oder die Erteilung einer fachlich uneingeschränkten Erlaubnis gemäß § 13 Zahnheilkundegesetz. Daran schließt sich eine drei- bis vierjährige Assistenzzeit an, wobei die Möglichkeit besteht, die Weiterbildungsassistenzzeit mit der Vorbereitungsassistenzzeit zu kombinieren. Nach erfolgreicher Abschlussprüfung und Anerkennung durch die Zahnärztekammer darf dann der Fachzahnarzttitel offiziell geführt werden (vgl. Tab.).

Mögliche Fachgebietsbezeichnungen

Aufgabe/Tätigkeitsspektrum

Fachzahnarzt für Oralchirurgie

 

Chirurgische Versorgung aller Traumen, Erkrankungen oder Fehlstellungen im Bereich von Mundhöhle, Zahnapparat, Zahnhalteapparat und Zahnfleisch (einschließlich Diagnostik und Implantologie)

Fachzahnarzt für Kieferorthopädie

 

Erkennen, Vorbeugen und Behandeln von Zahn- und Kieferfehlstellungen; Herstellung von Zahnspangen und anderen zur Behandlung benötigten Hilfsmitteln

Fachzahnarzt für Öffentliches Gesundheitswesen

Förderung der Mundgesundheit der Bevölkerung (Arbeitgeber sind zumeist Behörden)

Fachzahnarzt für Parodontologie
(nur in Westfalen-Lippe möglich)

Erkennung, Vorbeugung und Behandlung von Erkrankungen des Zahnfleischs und des Zahnhalteapparats

Sonderfall:

Facharzt für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie

Voraussetzung ist ein zweifacher Studienabschluss in Zahnmedizin und Humanmedizin. Danach folgt eine fünfjährige Facharztweiterbildung (davon mindestens drei Jahre Stationsdienst).

Die Tätigkeit eines Fachzahnarztes für Oralchirurgie ist für einen MKG ein Teilgebiet, das dieser komplett abdeckt. Darüber hinaus versorgen MKG u. a. Gesichtsfehlbildungen und Brüche im Kiefer und Mittelgesicht. Auch die wiederherstellende ästhetische Gesichtschirurgie nach Verletzungen oder Krebserkrankungen zählt zum Tätigkeitsspektrum.

Tab. Fachzahnärztliche Optionen und Aufgabenspektrum

Eine Fachzahnarztausbildung ist nicht nur zeitaufwendig, sondern hat auch wirtschaftliche Konsequenzen. So belegt eine Datenanalyse des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), dass die Gründung einer fachzahnärztlichen Praxis ein deutlich höheres Finanzierungsvolumen als die Gründung einer Allgemeinzahnarztpraxis erfordert – bei kieferorthopädischen Fachpraxen +34 Prozent, bei oralchirurgischen und MKG-Fachpraxen +45 Prozent. In aller Regel wirkt sich die Entscheidung jedoch langfristig wirtschaftlich positiv aus. Hierbei profitieren Fachzahnärzte von höheren Umsätzen u. a. aufgrund von Patientenzuweisungen durch Allgemeinzahnärzte.

Wie sieht die Versorgungs- bzw. Konkurrenzsituation bei den Fachzahnärzten aus?

Besonders günstig stellt sich die Wettbewerbssituation für MKG dar. Aufgrund der langen Ausbildungszeit wird diese Spezialisierung nur vergleichsweise selten gewählt. Laut Ärztestatistik gibt es gegenwärtig bundesweit nur 1.126 niedergelassene MKG (Stand 12/2021). Jeder davon versorgt rein rechnerisch 73.849 Einwohner. Zusätzlich zu den Niedergelassenen unterstützen weitere 207 angestellte oder ermächtigte MKG die Versorgung.

Doch auch die anderen sogenannten Fachzahnarztgebietsbezeichnungen sind gefragt und für die Träger bieten sich günstige Wettbewerbsbedingungen. So praktizierten nach Angaben der Bundeszahnärztekammer Stand Ende 2020 bundesweit insgesamt 3.752 Fachzahnärzte für Kieferorthopädie (KFO), 2.932 davon in eigener Praxis. Die KFO-Versorgung ist mit 27.860 Einwohnern je niedergelassenen KFO in den westdeutschen Bundesländern signifikant besser als in Ostdeutschland (31.566). Betrachtet man nur die Altersgruppe der bis 20-Jährigen, versorgt ein niedergelassener KFO deutschlandweit durchschnittlich 4.087 Personen.

Ähnlich günstig wie für Kieferorthopäden gestalten sich die Wettbewerbsbedingungen in der Oralchirurgie. Zum Ende des Jahres 2020 waren in Deutschland insgesamt 3.452 Oralchirurgen tätig, davon 2.309 niedergelassen. Auch bei dieser Fachzahnarztgruppe profitiert die Bevölkerung in den alten Bundesländern mit 33.709 Einwohnern je niedergelassenem Oralchirurgen von einer deutlich besseren Versorgungslage im Vergleich zu den neuen Bundesländern (58.685).

Zum Vergleich: Insgesamt sind in Deutschland rund 72.500 Zahnärzte behandelnd tätig. Jeder versorgt im Durchschnitt 1.147 Einwohner.

Abb. 1 zeigt die Konkurrenzsituation der auf Parodontologie spezialisierten Zahnärzte in Deutschland. Die weiß hinterlegten Zahlen geben für die jeweilige KZV-Region die Anzahl der Praxis-Standorte an, an denen bereits ein oder mehrere Zahnärzte mit entsprechender Spezialisierung tätig sind. Günstige Wettbewerbsbedingungen (hohe Zahl von Einwohnern im Verhältnis zu den dort bereits tätigen Behandlern) bieten die grün eingefärbten Regionen, während in den rot eingefärbten Gebieten entsprechend spezialisierte Praxen bereits überdurchschnittlich gut vertreten sind. © www.atlas-medicus.de

Masterabschlüsse in der Zahnmedizin

Eine Alternative zur zeitaufwendigeren Fachzahnarztweiterbildung ist der Erwerb einer Zusatzqualifizierung über ein Masterstudium. Die üblicherweise berufsbegleitend angelegten Masterstudiengänge sehen eine Regelstudienzeit von vier bis sechs Semestern vor. Masterstudiengänge für Zahnärzte werden von verschiedenen Hochschulen mit zahnmedizinischer Fakultät angeboten, beispielsweise für die Fachgebiete Alterszahnheilkunde, Ästhetische Zahnheilkunde, Chirurgie, Endodontologie, Implantologie, Funktionsanalyse und -therapie, Kieferorthopädie, Kinderzahnheilkunde, Laserzahnheilkunde, Parodontologie, Prothetik oder auch für Dental-Technik bzw. digitale Dentaltechnologie.

Abb. 2: Zu erkennen ist, dass auch innerhalb des im Ganzen überdurchschnittlich mit Parodontologen versorgten Stadtkreises München durchaus noch Potenzial für auf Parodontologie spezialisierte Zahnärzte besteht. Die meisten entsprechend spezialisierten Behandler finden sich in der Münchner Innenstadt. Mit einer verkehrsgünstig gelegenen Praxis, beispielsweise im Stadtgebiet Moosach/Olympiapark, ließe sich das Potenzial der unterversorgten nördlichen Stadtgebiete gut erschließen. © www.atlas-medicus.de

Weitere Spezialisierungsmöglichkeiten

Über die Fachzahnarztweiterbildung oder das Masterstudium hinaus stehen Zahnärzten noch weitere Spezialisierungsmöglichkeiten offen, beispielsweise durch das Ausweisen von Spezialgebieten. Die Begriffe „Spezialist“ oder „Experte“ sind allerdings nicht geschützt und somit nicht per se ein Beleg für Behandlungsqualität. Anders verhält es sich jedoch, wenn es sich dabei um anerkannte, nach entsprechender Fortbildung von einer zahnärztlichen Fachgesellschaft verliehene Titel handelt (Beispiele: DG PARO-Spezialist für Parodontologie®, Spezialist für Seniorenzahnmedizin (DGAZ)).

Eine vergleichsweise niederschwellige Möglichkeit, eine fachliche Spezialisierung nach außen zu kommunizieren, ist das Ausweisen von Tätigkeitsschwerpunkten. Die möglichen Tätigkeitsschwerpunkte und die zu erfüllenden Voraussetzungen sind nicht bundeseinheitlich geregelt, sondern unterscheiden sich je nach Landeszahnärztekammer. Nicht immer werden zeitaufwendige Fortbildungskurse vorausgesetzt. Häufig genügt es, wenn eine beträchtliche Zahl der Behandlungsfälle (in der Regel mindestens 30 Prozent) auf den entsprechenden Tätigkeitsschwerpunkt entfallen. Je nach Kammergebiet kann ein Zahnarzt bis zu drei Tätigkeitsschwerpunkte angeben. Auch Experten mit entsprechender Erfahrung ist es damit möglich, ihr Spezialgebiet mit dem Segen der Kammer offiziell zu bewerben. Bei Gemeinschaftspraxen muss jedoch die Zuordnung der jeweiligen Tätigkeitsschwerpunkte zum entsprechenden Zahnarzt klar erkennbar sein.

Die Auswahl an Tätigkeitsschwerpunkten ist groß. Nähere Auskünfte zu den ausweisbaren Tätigkeitsschwerpunkten erteilen die jeweiligen Landeszahnärztekammern. Nicht nur bekannte zahnmedizinische Fachgebiete wie Endodontie, Prophylaxe oder Kieferorthopädie stehen zur Wahl, sondern auch Spezialgebiete wie beispielsweise Laserzahnmedizin, Lachgasanalgesie/Narkosebehandlung oder alternativmedizinische Tätigkeitsschwerpunkte wie Hypnose, Naturzahnheilkunde oder Homöopathie sind in einigen Bundesländern zugelassen.

Fazit

Neben der klassischen Fachzahnarztausbildung eröffnet sich Zahnärzten eine große Bandbreite weiterer Spezialisierungsmöglichkeiten, die sich u. a. hinsichtlich des erforderlichen Qualifizierungsaufwands unterscheiden. Infolge des demografischen Wandels und der neuen Kassenleistungen ergeben sich zudem neue Chancen, beispielsweise in den Bereichen Alterszahnmedizin, Parodontologie oder Schnarchtherapie. Eine Spezialisierung kann mit einer verbesserten Wettbewerbsposition und neuen Umsatzpotenzialen verbunden sein. Begleitet von einer entsprechenden Kommunikationsstrategie bieten Fachzahnarzt-, Master- und Spezialisten-Titel oder die Angabe eines oder mehrerer Tätigkeitsschwerpunkte ideale Ansatzpunkte, um potenzielle Patienten auf das eigene Angebot aufmerksam zu machen.

Autorin: Verena Heinzmann, REBMANN RESEARCH

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