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Wissenschaft und Forschung 21.01.2016

Fluorid und die Schilddrüse: Ein wissenschaftlicher Disput

Fluorid und die Schilddrüse: Ein wissenschaftlicher Disput

Eine Studie1 von Peckham et al. brachte 2015 das allgemeine Fluoridieren von Trinkwasser mit einer Unterfunktion der Schilddrüse in Verbindung. Die Studie, veröffentlicht im Journal of Epidemiology and Community Health, wurde seit ihrer Veröffentlichung in den Fachmedien diskutiert, zahlreiche Kollegen versuchen sie zu wiederlegen. Ist die These der Autoren – eine Verringerung oder Beendigung der Trinkwasserfluoridierung hilft, Fälle von Schilddrüsenunterfunktion zu reduzieren – gerechtfertigt, oder stützt sie sich nur auf haltlose Argumente?

In vielen Ländern der Welt, vor allem im amerikanischen und britischen Raum, wird Fluorid dem Trinkwasser zugeführt, um eine generelle Kariesprophylaxe zu unterstützen. Peckham analysierte für seine Studie Patientendaten aus England sowie Werte zu den Fluoridierungsleveln im Trinkwasser aus den Jahren 2012 und 2013. Unterschiede stellte er in den Daten im Bereich Manchester (unfluoridierte Gegend) gegenüber den englischen Midlands (komlett fluoridiertes Gebiet) fest. Höhere Fluoridlevels im Trinkwasser erklärte Peckham in seiner Studie als Hinweis auf vermehrt auftretende Fälle von Schilddrüsenunterfunktion. So traten in den Midlands annähernd doppelt so viele Fälle von Schilddrüsenunterfunktion auf als in Manchester. Die Studie wies schließlich darauf hin, dass neben Iod auch Fluorid als möglicher Faktor zur Begünstigung einer Schilddrüsenunterfunktion betrachtet werden sollte. Eine Reduzierung oder Beendigung von kommunalen Trinkwasserfluoridierungsmaßnahmen wurde aus den angegebenen Gründen empfohlen.

So weit, so gut. Die Studie stellte ihre These und belegte diese. Kritiker sahen und sehen jedoch Fehler in den Belegen der Argumentation. So wird sich auf Studien bezogen, die Fluorid mit dem Auftreten von Kropf in Verbindung bringen, diese aber nicht bestätigen.2 Der Wissenschaftler Michael Foley veröffentlichte im British Dental Journal3 einen Artikel, der Punkt für Punkt die Argumente von Peckham durchgeht und strittig macht.

Die Fronten sind mitlerweile verhärtet. Peckham selbst hält an seiner Studie fest und plant eine schriftliche Antwort auf die Kritik von Foley zu veröffentlichen. Er stützt sich weiterführend auch auf Studien, die den Nutzen der Fluoridierung zum Schutz vor Karies infrage stellen. In der Anti-Fluorid-Lobby wird seine Arbeit willkommen aufgenommen. Jedoch stehen deren Aussagen sowie die Aussagen der Gegenseite pro und kontra Fluorid mit jeweils als stichhaltig angenommenen Studienbelegen gegenüber. Fluoridgegnern wird oft vorgeworfen, ihre Ausarbeitungen seien nicht wissenschaftlich belegt, die Studien nicht stichhaltig und die Thesen stünden in Verbindung mit Verschwörungtheorien.

Die BZÄK spricht sich in einem gemeinsamen Informationsflyer mit der DGZMK deutlich für Fluoridierungsmaßnahmen aus, wobei es auch sinnvolle Einschränkungen gibt: „Fluoridierungsmaßnahmen zielen darauf ab, eine möglichst optimale Kariesprävention zu erreichen. Dabei lässt sich nicht vermeiden, das fluoridhaltige Präparate auch zum Teil verschluckt werden. Dies gilt insbesondere für kleine Kinder im Alter bis zu vier Jahren. Überhöhte Fluoridaufnahmen können dann an bleibenden Zähnen zu ästhetischen Beeinträchtigungen in Form von weißen Schmelzflecken führen. Deshalb sollten definierte Grenzwerte nicht überschritten werden.“4 So soll beim Gebrauch von fluoridhaltigem Speisesalz auf die Einnahme von Fluoridtabletten verzichtet werden. Dennoch spricht hier niemand von einer Vergiftungsgefahr durch Fluorid in den angegebenen Mengen. Zahlreiche Publikationen stimmen der Fluoridierung von Zähnen zum Kariesschutz zu. Der Disput zwischen Peckham und Foley wird wohl noch andauern. Bleibt offen, ob er jemals zu einem Ergebnis führt.

1 Peckham S , Lowery D , Spencer S . Are fluoride levels in drinking water associated with hypothyroidism prevalence in England? A large observational study of GP practice data and fluoride levels in drinking water. J Epidemiol Community Health 2015; 69: 619–624.

2 Galletti P M , Joyet G . Effect of fluorine on thyroidal iodine metabolism in hyperthyroidism. J Clin Endocrinol Metab 1958; 18: 1102–1110.

3 Fluoridation and hypothyroidism – a commentary on Peckham et al., M. Foley, British Dental Journal 219, 429–431 (2015) Published online: 13 November 2015 | doi:10.1038/sj.bdj.2015.841.

4 Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe. Wissenschaftlich abgesicherte Patienteninformation der Bundeszahnärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Autoren: Prof. Dr. Elmar Hellwig, Freiburg, Prof. Dr. Ulrich Schiffner, Hamburg-Eppendorf, Prof. Dr. Andreas Schulte, Heidelberg. Quelle: S2k-Leitlinie Fluoridierungsmaßnahmen zur Karienprophylaxe 2013, AWMF-Registriernummer 083-001 www.awmf.org/leitlinien.

Foto: © Alexandr Mitiuc – Fotolia
Autor: Karola Richter
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