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Wissenschaft und Forschung 10.10.2017

Patient testet 180 Zahnärzte: Vertrauen ist gut, Anzug ist besser

Patient testet 180 Zahnärzte: Vertrauen ist gut, Anzug ist besser

Ein Züricher absolvierte im Jahr 2016 180 Zahnarztbesuche – für die Wissenschaft. Stets hatte er ein Röntgenbild dabei und folgte penibel einem zuvor ausgearbeiteten Skript. Wodurch sich die Zahnarztbesuche unterschieden: Die Hälfte der Behandler sahen sich einem Mittzwanziger im edlen Anzug und mit teuren Accessoires gegenüber, der sich als Übersetzer bei einer Bank ausgab. Die andere Hälfte untersuchte einen Kapuzenpullover tragenden Übersetzungsstudent, der ein Praktikum absolvierte. Der zweite Unterschied im Verfahren wird als Informiertheit bezeichnet: In der Hälfte aller Fälle behaupteten Anzug- und Kapuzenpulloverträger, das Röntgenbild in einem Internetfachforum veröffentlicht zu haben – mit der Bitte um eine Diagnose.

Ein weiterer wichtiger Unterschied der Besuche – und hier liegt die Brisanz der Studie – besteht in der Behandlungsempfehlung der besuchten Ärzte. Mehr als jeder vierte Zahnarzt (26,67 Prozent) empfahl eine Überbehandlung, die folglich in Mehrkosten für den Patienten enden würde. Vier Referenzzahnärzte hatten vor und nach der Studie den Testpatienten untersucht und lediglich eine oberflächliche Kariesläsion festgestellt, die nicht invasiv behandelt werden muss. Die Empfehlung einer oder mehrerer Füllungen wurde folglich von den Studienautoren als unnötige Überbehandlung gewertet.

Insgesamt wurden dem Patienten Füllungen an 13 unterschiedlichen Zähnen vorgeschlagen. Die Kosten der Behandlungen hätten sich im Mittel auf 535 CHF (Median: 444 CHF) belaufen. Bei einem Zahnarzt hätte der Patient für zwei Füllungen sogar 1'750 CHF zahlen sollen.

Ein teilweise kontraintuitives Ergebnis

Würde man erwarten – so wie es auch andere Studien zeigten –, dass ein hoher sozioökonomischer Status mit der Empfehlung teurerer Behandlungen einhergeht, so irrt man bei dieser Studie. Stellte sich der Testpatient als erfolgreicher Übersetzer dar, lief er weniger Gefahr, eine Überbehandlung angeboten zu bekommen, als der Kapuzenpulloverträger mit vermeintlich niedrigerem sozioökonomischen Status. Warum dies so sei, darüber konnten die Studienautoren nur spekulieren.

Ableiten können sie aber aus ihren Ergebnissen, dass der informierte Patient, der einen höheren sozioökonomischen Status ausstrahlt, weniger häufig eine unnötige Überbehandlung angeboten bekam: in nur 26,67 Prozent statt 37,78 Prozent der Fälle. Statistisch signifikant ist dies allerdings nicht.

Ein signifikanter Anzeiger für eine wahrscheinliche Überbehandlung war allerdings die Wartezeit. Praxen, die keine Überbehandlung empfahlen, liessen ihre Patienten im Durchschnitt 9,8 Tage warten. Praxen, die Füllungen empfahlen, hatten eine durchschnittliche Wartezeit von nur 6,2 Tagen.

Da die Untersuchung bisher nur als Diskussionspapier veröffentlicht ist – ein Peer-Review steht noch aus –, äussern sich die drei Autoren nicht zu den Ergebnissen.

Quelle: SSRN

Foto: rangizzz – stock.adobe.de
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